Forum Tsiganologische Forschung

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Hochzeiten in Shutka – performative Tendenzen in Zigeunerkulturen

Maria Melms

Diese Arbeit ist im Zusammenhang der dreiwöchigen Šutka Exkursion nach Skopje, Mazedonien entstanden. Im Sommer 2007 machte sich eine Gruppe Studenten des Instituts für Ethnologie an der Universität Leipzig im Rahmen des Forums Tsiganologische Forschung auf, eine der größten Zigeunersiedlungen Europas – Šuto Orizari oder kurz Šutka – zu erkunden. Untergebracht in Gastfamilien, hatten wir die Möglichkeit vielfache Einblicke in die ethnische und religiöse Heterogenität Šutkas zu erhalten.

Exkursionen in fremde Länder dienen meist dazu, Themen für Abschlussarbeiten zu finden. In meinem Fall war ich überwältigt von den lauten und öffentlichen Hochzeitsfesten, welche man während der Hochsaison (Juli/August) mehrmals am Tag erleben kann. Theoretisch gut vorbereitet, konnte ich während dieser drei Wochen viele empirische Daten und Informationen sammeln, welche ich in dieser Magisterarbeit präsentiere.

Die alte Bahnhofsuhr in Skopje manifestiert noch heute die Geburtsstunde Šutkas. Das große Erdbeben von 1963 mit seiner enormen Zerstörungskraft ließ nicht nur die Uhr, sondern die ganze Bevölkerung erstarren und war dennoch gleichzeitig ein fruchtbarer Ausgangspunkt für die Geburt dieser Gemeinde. In Šuto Orizari oder kurz Šutka leben in zahlreichen Kontrastverhältnissen Zigeuner, Albaner, Mazedonier, Bosniaken, Türken und Serben in einer zarten Harmonie, deren Bewahrung eine tägliche Herausforderung ist.

Im Fokus des ersten Teils meiner Arbeit steht die Darstellung des Themas Hochzeit innerhalb der ethnologischen Forschung. In fast allen bekannten Kulturen existieren Allianzbeziehungen und damit einhergehend ist die Eheschließung ein Thema, das zu allen Zeiten im Mittelpunkt des menschlichen Zusammenlebens gestanden hat. Es bedarf dieser allgemeinen Einführung, da die Institution Hochzeit seit Jahrtausenden ein zentrales Thema im gesellschaftlichen Leben ist und sie innerhalb der Ethnologie als klassisches Untersuchungsfeld bezeichnet werden kann. Anschließend erfolgt die Darstellung des empirischen Feldes, als ersten Einblick und groben Überblick über die Bewohner Šutkas und Šutka selbst.

Im weiteren Verlauf erörtere ich einige zentrale Elemente der Hochzeitsbräuche der Umgebungsgesellschaften. Die Zigeuner in Šutka sind einmal von der mazedonischen Mehrheitsgesellschaft umgeben, auf der anderen Seite leben in Šutka und angrenzend sehr viele Albaner. Neben der Darstellung einer orthodox-mazedonischen Hochzeit und einem Exkurs zur Galička Svadba, einer jährlichen Hochzeitszeremonie im Dorf Galička, in der Nähe von Debar, werde ich auch auf Elemente einer Hochzeitszeremonie in Prespa eingehen. Durch die Darstellung ausgewählter Elemente christlich-orthodoxer und albanischer Hochzeitszeremonien soll eine Einbettung der Hochzeitsriten in Šutka vorgenommen werden. 

Im Zusammenhang mit der ethnischen und religiösen Heterogenität Šutkas und in einer Zeit fließender kultureller Grenzen, entstehen ständig neue Kulturkombinationen. Die Betrachtung des Dialogs von Kulturen ermöglicht in meinem Zusammenhang eine differenziertere Betrachtungsweise und einen Perspektivwechsel.

Das Hauptkapitel basiert primär auf der Auswertung und Bearbeitung meines empirischen Materials. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Einbettung des Themas Hochzeit innerhalb der Tsiganologie auf Basis der Untersuchung und Auswertung verschiedener Monographien zu Zigeunerkulturen, die sich mit diesem zentralen Moment beschäftigen.

Ich beginne mit einer kurzen Einführung in die Ritualtheorie und gehe dann zur Ritualbeschreibung und -analyse einer idealtypischen Hochzeitszeremonie in Šutka über.

Zu betonen ist, dass der dargestellte chronologische Ablauf eine Idealkonstruktion darstellt. In vielen Fällen weichen Abläufe oder Strukturen ab, Elemente fehlen oder sind transformiert. Welche Faktoren zu einer Veränderung dieser festen Strukturen führen können und warum es jener festen Ritualstruktur bedarf, wird in diesem Kapitel erörtert.

Hauptuntersuchungsfelder sind: die Eröffnung der Hochzeitszeremonie in ritualisierten Tanzkreisformationen, die Hochzeitsprozessionen auf den Straßen Šutkas sowie die Rolle der Musiker und des Kameramannes.

Anhand der Beschreibung eines Fallbeispieles im letzten Kapitel, genauer gesagt anhand der Darstellung einer äußerst verkürzten und „unüblichen“ Hochzeit, werden die idealtypische Hochzeitszeremonie kontrastiert und besondere Elemente wie zum Beispiel die Fluchtheirat mit einbezogen.

Es stellt sich mir die Frage, warum das Hochzeitsfest, welches in der Hochsaison (Juli/August) auf den Straßen Šutkas bis zu fünf Mal täglich zu sehen und lautstark zu hören ist, einen derartigen Ereignischarakter hat. Ich schreibe in dieser Arbeit über ein Thema, das sich als zentral im Leben der Bewohner Šutkas und deren Angehörigen herausstellt und erörtere in diesem Zusammenhang, inwieweit man dieses performative Ritual als gemeinschaftsstiftend betrachten kann. Inwieweit das Hochzeitsfest als Ritualhandlung in dieser komplexen Gesellschaft soziale Beziehungen stabilisieren oder solidarisieren kann, wird im fünften und sechsten Kapitel erörtert.

Gesellschaften definieren sich selbst im Ritual. Das Ritual ist eine (in Teilen kreative) Performanz, die soziale Positionen von Menschen in gesellschaftlichen Strukturen und diese Strukturen selbst zu verändern mag.

In diesem Zusammenhang gehe ich auf die Thematik der Hochzeit als Krise ein. Zum einen ist die Hochzeit nach Arnold van Gennep die wichtigste rite de passage[1] von einer sozialen Kategorie zu einer anderen, in der alle Teilnehmenden besonders gefährdet sind und es spezieller Maßnahmen zum Schutz und zum ordnungsgemäßen Vollzug bedarf. Zum anderen kann eine Hochzeit die beteiligten Familien, wenn es sich zum Beispiel um verfeindete handelt, in eine Krise stürzen. Zur Krise beziehungsweise zum Familieneklat kann es auch kommen, wenn Familienmitglieder aus dem Ausland ihrer Verpflichtung, also der Einladung zur Hochzeit, nicht nachkommen.

Sind Hochzeitsfeste in Šutka Konstanten beziehungsweise Grundlagen sozialer und kultureller Kontinuität und inwieweit kann man im Zusammenhang der Hochzeitszeremonien in einer Zeit, die von ständigen Veränderungen und Umbrüchen geprägt ist, von einer kreativen Souveränität zur Gestaltung einer gemeinsamen Identität sprechen?



[1] Van Gennep, Arnold (1981). „Übergangsriten (Les rites de passage)“, Frankfurt/New York: Campus, S. 115.