Forum Tsiganologische Forschung

Grundpositionen des Forums Tsiganologische Forschung

Zur Entstehung und Zielsetzung des FTF

Im Jahr 1998 begann Prof. Bernhard Streck, mit seinem Lektürekurs Tsiganologie die ersten Studierenden am Institut für Ethnologie der Universität Leipzig für die Kulturen der Roma/Zigeuner zu interessieren. Bis heute findet das daraus erwachsene Seminar jedes Semester statt und die Zahl der Studierenden der Tsiganologie ist gestiegen. Aus diesem Grund entschieden sich Postgraduierte und Studierende, die Arbeitsgruppe Projektseminar Tsiganologie zu gründen. Seit dem Wintersemester 2002 arbeiten in den Seminaren und Projekten zur Tsiganologie vom Studenten über den Doktoranden bis zum Professor alle universitären Altersklassen zusammen, um im regen Austausch untereinander und im Kontakt mit internationalen Fachleuten die Grundlage für eine ethnologisch orientierte Diskussion der Roma/Zigeunerkulturen zu festigen. Mehrere Magistranden und Doktoranden arbeiten zu den verschiedensten Aspekten der Zigeunerkulturen. [siehe Forschung]

Daher erwuchs der Wunsch, die Arbeitsgruppe zu institutionalisieren. Zu Beginn des Jahres 2005 gründete sich das FTF als einzige deutsche Institution, die sich aus ethnologischer Perspektive mit den transnationalen, nationalen und lokalen Gruppen der Roma/Zigeuner beschäftigt. Die beiden Hauptziele des FTF bilden eine ethnologisch-tsiganologische Ausbildung von Studierenden und die intensive Vernetzung von (Nachwuchs-)Wissenschaftlern im In- und Ausland. Diese Homepage soll dabei als Kontaktbasis dienen. Workshops und Tagungen sollen versuchen, die (wissenschaftliche) Öffentlichkeit mit tsiganologischen Themen vertrauter zu machen. Mit diesem Arbeitsprogramm sind wir sicher, einen entscheidenden Beitrag zu einer differenzierteren Diskussion des Themas leisten zu können.

Unsere Begrifflichkeiten

In Deutschland und Europa ist die adäquate Bezeichnung der Roma/Zigeuner umstritten - dies zeigt nicht zuletzt die aktuelle Debatte um das Berliner Mahnmal. Viele Roma/Zigeuner empfinden den Begriff "Zigeuner" (über dessen ethymologische Herkunft nur spekuliert werden kann) als beleidigend und propagieren stattdessen "Roma" als nichtdiskriminierende Bezeichnung (im Romani bedeutet "rom" übersetzt "Mensch"). Auf der anderen Seite plädieren jedoch andere Roma/Zigeuner für die Beibehaltung der Fremdbezeichnung, da sie den Begriff "Roma" als diskriminierend empfinden. Sie argumentieren, dass das Ethnonym einer großen Untergruppe (Roma, die vor allem im 19. Jh. aus Südosteuropa nach Westeuropa und Amerika migriert sind) als Allgemeinbezeichnung generalisiert wird und damit andere Untergruppen (z.B. Sinti, Kalé, Ashkali) zurücksetzt.

Mit der offiziellen Nutzung des Begriffspaars "Roma/Zigeuner" möchte das FTF demonstrieren, dass es sich wissenschaftlich differenziert mit der Frage der adäquaten Bezeichnung der heterogenen transethnischen Minderheit auseinandersetzt, im politischen Streit jedoch keine Stellung bezieht. Es bleibt den einzelnen Mitgliedern des FTFs überlassen, sich individuell für eine adäquate Bezeichnung zu entscheiden. Im konkreten Fall ist es sinnvoll, das genaue Ethnonym der jeweiligen Untergruppe (z.B. Kalderasch, Xoraxané, Manusch, Jat, Rom, aber auch schlicht Zigeuner) zu gebrauchen.

Forschungsansatz

Wir studieren Roma/Zigeuner nicht als ethnische Einheit, sondern beschäftigen uns unter dem Paradigma eines tsiganologischen Relationismus mit einer Vielzahl von Gruppen, die sich alle durch ein interaktives Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Umgebung auszeichnen. Als Minderheit sind sie immer dem Zugriff der Mehrheit (in der Romanisprache: den Gadje) ausgeliefert. Diese stereotypisiert "ihre Minderheiten" und versucht sie entweder einzugliedern oder wenigstens zu disziplinieren. In der Geschichte dieser interethnischen Beziehung litten die Roma/Zigeuner oft unter Stigmatisierung und Diskriminierung, Rassismus und Verfolgung und auch heute haben viele Staaten große Mühen, der "weltbürgerlichen Praxis" ihrer Roma/Zigeunerminderheiten die nötige Toleranz entgegenzubringen. Roma/Zigeuner entwickeln jedoch - und das macht sie international vergleichbar - immer auch eigene Strategien, mit denen sie auf die Mehrheit und ihre Grenzen reagieren.

In Übereinstimmung mit neueren ethnologischen Ansätzen in der Tsiganologie erkennen wir in den verschiedenen Roma/Zigeunerkulturen ethnische Gruppen, die stets Teil der Mehrheitsgesellschaft und gleichzeitig eigenständiger Teil einer Minderheitenkultur sind. Die Kulturen der Roma/Zigeuner und die der Gadje befinden sich in stetem Austausch und Roma/Zigeuner passen sich stets mehr oder weniger an die Mehrheitsgesellschaft an. Jedoch grenzen sie sich in bestimmten Bereichen, die sie für wichtig erachten, bewußt ab, um ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Gleichzeitig werden sie von den Gadje in anderen Bereichen ausgegrenzt. Die Roma/Zigeunerkulturen bilden somit ein kulturelles Netz der Verknüpfung und verbinden Bereiche, die innerhalb und außerhalb der Mehrheitskultur liegen (das Logo des FTF visualisiert diese Sichtweise). Die ethnischen Gruppen der Roma/Zigeuner definieren sich dadurch von innen wie von außen. Da in jedem Land und Staat andere Rahmenbedingungen für die ohnehin nicht homogenen Kulturentwürfe der Roma/Zigeuner herrschen, findet man auf der Welt wohl nur wenige "Völker", die derart heterogen eine kulturelle Fülle entfalten wie die Roma/Zigeuner. Im Zentrum unserer Beschäftigung steht das Studium der Roma/Zigeunerkulturen vornehmlich mit ethnologischen Theorien und Forschungsinstrumentarien. Gleichzeitig gehen wir jedoch davon aus, daß eine transnationale Minderheit nur interdisziplinär adäquat erforscht werden kann. Ausgehend von dem skizzierten Grundverständnis der Roma/Zigeuner als Ensemble von Minderheiten in Interaktion mit der Mehrheitsbevölkerung sind wir an allen Spielarten der diskursanalytischen, historischen, linguistischen, soziologischen, musikologischen, u.a. Forschung interessiert. Da Roma/Zigeunerminderheiten über alle Grenzen hinweg auf allen Kontinenten zuhause sind, sind wir offen für die tsiganologische Forschung ohne Beschränkung von Raum und Zeit.