Das materielle Glück in der Wirtschaftsethnologie
Vom Suchen und Finden
(Leitung: Olaf Günther, Bernhard Streck)
Die Ethnologie hat mit ihren Konzepten Bedarfsarbeit (Bücher), Versorgungswirtschaft (Max Schmidt) oder Wildbeutertum (Thurnwald) eine breite Palette von Alternativen zur modernen Arbeitsgesellschaft gefunden und beschrieben; doch sind fast alle "primitiven Ökonomien" immer noch der Vorstellung vom planenden Handeln verpflichtet geblieben, selbst wo dieses "kurzfristig" (N. Elias) genannt und dem langfristigen Wirtschaften unterlegen erkannt wurde. Die Tsiganologie hat nun beim Studium des Wirtschaftens verschiedenster Zigeunergruppen ein Denken entdeckt, das nicht einmal kurzfristig plant, sondern hauptsächlich auf das Glück setzt. Hierbei spielt die Unterscheidung zwischen aneignender und produzierender Wirtschaft insofern noch eine Rolle, als das "Finden" der Wildbeuter glücksabhängiger als das Ernten der Bauern ist. Doch fürchten auch diese wie alle Planwirtschaftler noch das Unglück, d.h. das Glück als unberechenbare Grösse muss in seine Kalkulation miteingehen. Im Glückwunsch der Moderne hat sich dieser archaische Gedanke erhalten, dass alles Denken und Handeln umsonst ist, wenn das Glück (oder der Segen Gottes) ausbleibt. Trotzdem genießen reine Glücksritter und Spieler in der modernen Wirtschaftsethik ein geringes Prestige, bei Zigeunern in der Regel aber ein hohes.
Sitzungen
17. Oktober Erste Sitzung
Einführung Koordinierung
07. November "Fleiß und Faulheit"
(Bernhard Streck)
14. November "Die Zigeuner Mittelasiens und die Ethik
des Glücks"
(Olaf Günther)
21. November "Bedarfsarbeit und Arbeitslust"
Karl Bücher: Die Arbeitsweise der Naturvölker. In: Arbeit und Rhythmus.
S. 1 -- 20, Leipzig: Reinicke 1924. (Julia Glei)
Gerd Spittler: Tschajanow und die Theorie der Familienwirtschaft. In: Alexander
Tschajanow, Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft. Frankfurt, New York:
Campus, 1987.
28. November "Glücksrittertum"
Tilo Grätz: Junge Goldgräber in West Afrika. Arbeitsethik, Lebensstile und
Identitätsprozesse. In: Rehberg, Karl-Siegfried (ed.) 2006: Soziale Ungleichheit,
kulturelle Unterschiede. Frankfurt/M.: Campus. (Andrea Steinke)
Katja Werthmann: Gold diggers, earth priests and district heads: land rights
and gold mining in Southwestern Burkina Faso. o.O. 2006. (Maria Moosdorf)
5. Dezember "Kurze Frist und planendes Handeln"
Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation: soziogenetische und psychogenetische
Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998.
12. Dezember "Orte des Glücks - Niemandsland und Eldorado"
Marc Auge: non places. introduction to an anthropology of supermodernity.
London New York: Verso 1995. (Julia Pfeiffer)
19. Dezember "Das schnelle Geld"
Originaltitel: Two for the Money. Drama, Sport. USA 2005, ca. 122 min. Regie:
D.J. Caruso, Drehbuch: Dan Gilroy, mit Al Pacino, Matthew McConaughey, Rene
Russo, Jeremy Piven, Jaime King.
9. Januar "Söhne des Marktes"
Michael Stewart: Kap: Sons of the market. In: Time of the Gypsies. Boulder,
Oxford: Westview 1997. (Rika Dauth)
16. Januar "Lilienethik"
Sophie Day, Evthymios Papataxiarchis, Michael Stewart: Lilies of the Field:
Marginal People Who Live for the Moment. Westview Press, 1999.
23. Januar "Von einem der auszog...."
Glück im Märchen (Kathrin.Poege-Alder@gmx.net)
30. Januar Schlussdiskussion
Kontakt:
[olaf.guenther@rz.hu-berlin.de]
[streck@rz.uni-leipzig.de]