Forum Tsiganologische Forschung

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Shutka Shukar – Bilder einer Zigeunerstadt.
Fotografie. Film. Ton.

Die hier gezeigten Bilder, Filme und Tondokumente stammen von einem Besuch, den  Studierende des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig im August 2007 Skopje, der Hauptstadt Makedoniens, abgestattet haben. Seit dem verheerenden Erdbeben im Jahre 1963 gibt es dort die nördliche Trabantenstadt Shuta Orizari, in die Zigeunerfamilien aus allen Gegenden des damaligen Südjugoslawiens zugezogen sind. Nach der häufig kriegerischen Auflösung des multiethnischen Großstaats haben weitere Zigeunergruppen hier Zuflucht gefunden, so dass mit den Jahren Europas größte Siedlung für Roma, Ashkali, Ägypter, Albaner und viele andere Minderheiten entstand.

Die bunte Mischung von Herkunfts- und Migrationserfahrungen – viele Familien konnten während der Kriege in reichen Ländern wie Frankreich, Belgien, Schweiz, Deutschland, Österreich etc. arbeiten – war die eine Attraktion der Reise. Die andere war die Kunstsprache Romani auf der Basis des Arli-Dialekts, das die halbautonome Stadtverwaltung und die Schule „Ramis und Hamid“ unter ihrem energischen Direktor Scheip Iseni durchsetzen möchten. Die Hochsprache, die die Studierenden vormittags auf den Schulbänken lernen durften, musste sich nachmittags in den Gastfamilien bewähren, die in ihrer Vielsprachigkeit diese Normierung nicht immer als notwendig erachteten.
Shutka, wie die Bewohner ihre Siedlung selbstironisch getauft haben, ist auch ein Produkt der makedonischen Grundkonflikte zwischen slawischer und albanischer Bevölkerung, zwischen christlicher Orthodoxie und europäischem Islam, zwischen EU-genormter Demokratie und anderen Traditionen von Gemeinschaft und Gesellschaft. Die Siedlung wird durchzogen von diesen Konfliktlinien. Oft sind diese aber überlagert von anderen, kleinräumigen Spannungen zwischen den Herkunfts- und Sprachgruppen, den Verwandtschaftsverbänden und Nachbarschaften mit ihren unterschiedlichen Chancen, von informellen Netzwerken ins reiche Ausland zu profitieren.

Der dreiwöchige Besuch in Shutka war damit ein Kurzlehrgang in kultureller Vielfalt und der Dynamik zusammengesetzter Verhältnisse. Diese Lerninhalte sollen die hier ausgestellten Fotografien, Filme und Musikbeispiele vermitteln. Zwar gibt es Bildunterschriften; sie können aber nur unzulänglich das pralle, manchmal groteske, bisweilen ärmliche, aber immer elementare Leben wiedergeben, das die Kameras eingefangen haben. Bilder haben den Vorzug, dass sie Widersprüche nicht auflösen müssen. Shutka ist aber eine Hochburg der Widersprüchlichkeit, die vielleicht nur in der Zurschaustellung triumphieren kann.

Shutka Shukar heißt frei übersetzt zweierlei: Shutka ist schön und Shutka in Ordnung! oder Shutka, wir haben verstanden! Die Ethnologiestudenten, die ebenfalls seit Jahren im Forum Tsiganologische Forschung zusammenarbeiten, wollen mit dieser Ausstellung zeigen, dass sie die Sprache der gezeigten Bilder verstanden haben. Shutka, die Stadt der Champions, wie sie der Filmemacher Alexandar Manic 2005 stilisiert hat, lebt vom Demonstrieren in Konkurrenz. Wer darauf antworten will, sollte sich vielleicht weniger in Analysen versuchen, als im Mitmachen.

(Prof. Dr. Bernhard Streck)