Forum Tsiganologische Forschung

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Die Karpatenreise 2003 – Eine tsiganologische Exkursion des Instituts für Ethnologie

Am Morgen des 1. September 2003 trafen sich elf Studenten des Instituts für Ethnologie, der Leiter des Instituts, Bernhard Streck, sowie die beiden international renommierten bulgarischen Tsiganologen Elena Marushiakova und Veselin Popov am Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma an der Goethestraße in Leipzig. Kurz darauf bestieg die Gruppe einen Reisebus um in den kommenden Wochen die Situation der Zigeunerbevölkerungen in den Ländern des Karpatenraumes kennenzulernen. Am Ende hatte sie über 4000km auf einer bewegenden Reise durch die Länder Polen, Slowakei, Ukraine, Rumänien, Ungarn und Tschechische Republik zurückgelegt.

Die erste Station der Reise war Breslau (Wroclaw), wo die Gruppe auf dem städtischen Friedhof die pompösen Gräber der sog. Zigeunerkönige aus der Familie der „Lakatosz“ bestaunte. Weiter ging die Fahrt in die Stadt Auschwitz (Oswiecim), in der am nächsten Tag die Besichtigung des Vernichtungslagers stattfand. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den Ausstellungsräumen der Baracke 13, die den Opfern unter den Sinti und Roma gewidmet sind. Hier wurde mit Hilfe des Heidelberger Kultur- und Dokumentationszentrums der deutschen Sinti- und Roma eine ergreifende Ausstellung über die Verfolgung und Vernichtung der Zigeuner in der NS-Zeit eingerichtet. Des weiteren besuchten die Teilnehmer die „Roma People Association“ (Stowarzyszenie Romów w Polsce) und informierten sich über deren soziale und politische Aktivitäten. Ihr Leiter Roman Kwiatkowski informierte über die Ethnographie der Roma in Polen und betonte, dass die Situation der Roma in Polen eine der besten in ganz Europa sei. Dennoch gäbe es auch in Polen Defizite, zum Beispiel in der Umsetzung und Wirksamkeit von Roma-Hilfsprojekten.

Am nächsten Tag stand die Besichtigung Tarnows auf dem Programm. In dieser Stadt ist das wahrscheinlich älteste Roma-Museum (Muzeum okregowe w Tarnowie) zu finden. Der Leiter Adam Bartosz, selbst kein Rom, gab der Gruppe eine persönliche Führung und erzählte ausführlich über die Geschichte der Roma in Polen und erörterte Fragen der Museumsethnologie, die für ein Roma-Museum relevant sind. Für die Museumsethnologie stellt sich natürlich die Frage, welches die gemeinsamen Merkmale der Zigeunerbevölkerungen weltweit sind, mit der diese Bevölkerungen in einer einzigen Ausstellung repräsentiert werden können. Direkt im Anschluss fand ein Gespräch mit Adam Andrasz, dem Vertreter des „Zentrums für Roma-Kultur in Polen“ statt, der von der Konkurrenz zwischen den Roma-Organisationen in Polen berichtete: „Die Organisationen wachsen wie Pilze aus dem Boden und jeder will Chef sein, deswegen gibt es keine Zusammenarbeit untereinander“, fasste er seine Ausführungen zusammen.

Die nächste Station der Reise war die Stadt Kaschau (Košice) in der Slowakei, wo das Roma-Theater „Romathan“, sowie eine musisch-bildende Schule, die mehrheitlich von Roma-Schülern besucht wird, beheimatet sind. Das Konzept dieser Schule kann durchaus als revolutionär für die Frage der Vereinbarkeit von Integration und Erhalt kultureller Identität bezeichnet werden, denn hier können Roma aus armen materiellen Verhältnissen eine qualitativ hochwertige Schulbildung erhalten, die ihre „traditionellen“ Begabungen und Beschäftigungen aufgreift. Die Schüler haben die Möglichkeit zwischen drei musischen Richtungen zu wählen, Musik, Schauspiel und Design, welche alle als Zugangsvoraussetzung zu den Universitäten, bzw. als primäre Ausbildung anerkannt sind. Die hohe Anzahl der Bewerbungen und die kreative Atmosphäre in der Schule zeugen vom Erfolg dieser Idee. Dabei schließt die Schulleitung keineswegs Nicht-Roma von der Schule aus und legt Wert auf die Integration von Roma und Nicht-Roma. Auch Schüler von außerhalb der Slowakei sind willkommen.

Das Roma-Theater in Košice ist ebenso einzigartig. Es besitzt jeweils eine eigene Tanz-, Gesangs-, Drama- und Orchesterabteilung und führt seine Stücke in Romani und slowakischer Sprache auf. Neben finanziellen Sorgen offenbart der Direktor Karel Adam, dass es besonders schwer für das Theater sei, Engagements im Ausland zu bekommen, da dem Theater kein internationaler Manager zur Verfügung steht. Dennoch habe das Theater in seiner 12jährigen Geschichte insgesamt 34 Premieren und 1700 Vorstellungen auf die Bühne gebracht. Der Höhepunkt dieses Besuchs war aber zweifelsohne eine spontan inszenierte Musik- und Tanzdarbietung, welche die Teilnehmer der Reise einmal mehr von den überragenden musikalischen und künstlerischen Fähigkeiten der Roma überzeugte.

Weiter ging die Reise ins ukrainische Ushgorod, wo die Leipziger Studenten die Arbeit der Transkarpatischen Gesellschaft für Kultur und Bildung „Romani Yag“ kennenlernte. Die NRO beschäftigt sich vorwiegend mit medizinischen und sozialen Hilfsprojekten, Menschenrechtsarbeit und der Herausgabe von Medien, welche über die Situation der Roma in der Ukraine aufklären bzw. als Unterrichtsmaterialien für Roma-Kinder genutzt werden können.

Nachdem die Reisenden dann ein weiteres Mal die Karpaten durchquerten, trafen sie in Czernowitz, dem Herzen der Bukowina ein. Auf einem kleinen Stadtspaziergang konnte die Gruppe etwas von dem besonderen Flair erahnen, welche die Stadt Jahrhunderte lang ausströmte. Doch der Weg führt die Reisenden in ein kleines Dorf: Glinza. Dieses Dorf ist bekannt durch seine Musiker, die fast jedes Wochenende zu Hochzeiten gebucht sind. An diesem Tag spielten sie anlässlich einer Trauung im Nachbarort, so dass die Gruppe sich bald dahin aufmachte um die Zigeunermusiker live zu erleben.

Auch der folgende Programmpunkt führte die Leipziger Studenten in ein Dorf, welches für seine Musiktradition bekannt ist. Es ist das Dorf Weilau in Siebenbürgen. Nach einer langen Fahrt, mit Zwischenstopp in Suceava erreichte der Reisebus das Dorf am Abend des 8. September 2003. Weilau ist auch aus einem anderen Grund besonders: Die hier lebenden Zigeuner gehören heute immer noch der evangelischen Kirche an, welche vormals aus den Siebenbürger Sachsen bestand. Die Zigeuner waren damals Knechte und Tagelöhner der sächsischen Bauern. Nachdem diese aber das Dorf vollständig verließen und in die Bundesrepublik ausgewanderten, übernahmen die Zigeuner ihre Höfe, ebenso wie sie deren Religion und Lebensweise teilweise weiterführten. Einige sprechen sogar noch die alte Siebenbürgisch-Sächsische Sprache.

Am nächsten Tag machten sich die Leipziger Studenten, noch etwas müde von der abendlichen Feier in Weilau, auf, um in Klausenburg (Cluj) das „Ethnocultural diversity resource center“ (EDRC) zu besuchen. Dort angekommen stand zuerst noch ein Besuch des Hauptmarktes an, auf dem die unterschiedlichsten Zigeunergruppen bei Handel und Handwerk zu beobachten sind. Am Morgen war die Gruppe beim EDRC geladen, welches in ein Netzwerk nationaler und internationaler Institutionen eingebunden ist, darunter so namhafte wie das rumänische Bildungsministerium und das „Open Society“-Institut der Soros-Foundation. Das EDRC arbeitet nicht allein für die Verständigung zwischen Romagruppen und Mehrheitsgesellschaft, sondern sieht auch großen Handlungsbedarf im Kommunikationsprozess anderer Volksgruppen in Rumänien. Insbesondere zwischen Ungarn und Rumänen bestünden große Spannungen.

Die Reise geht weiter nach Hermannstadt (Sibiu), wo als ein Höhepunkt der Reise ein Besuch beim Zigeunerkönig Cioabă geplant war. Der König empfieng die Leipziger Gäste zu einer „Audienz“ in seiner Villa und lud sie ein, danach am Gottesdienst der Pfingstlergemeinde teilzunehmen, wo er selbst die Predigt halten würde. Die neu erbaute Kirche befindet sich unweit der Residenz des Königs im Hermannstädter Vorort Tornişor (Neppendorf) und wird mehrheitlich von Kaldarasch-Zigeunern (Căldărari) besucht, die der weit verzweigten Familie des Königs angehören. Im Anschluss an den Gottesdienst stellte der König den Leipziger Studenten auch seine Schwester vor, die bekannte Schriftstellerin Luminiţa Mihai Cioabă und arrangierte eine kleine private Lesung in seinem Garten. Am nächsten Morgen steht noch ein Besuch der ethnographischen Sammlung des Franz-Binder Völkerkundemuseums an, danach verlässt die Gruppe die Stadt in Richtung Budapest.

In der ungarischen Hauptstadt haben zwei bedeutende NRO’s ihren Sitz, die sich mit Roma-Fragen beschäftigen. Zum einen ist es das schon erwähnte „Open-Society“-Institut, zum anderen das „European Roma Rights Center“ (ERRC). Beide Organisationen arbeiten eng zusammen und versuchen lokal und international Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. Zu ihren Aktivitäten gehört die Ausbildung von kleineren NRO’s in Sachen Fundraising, Projekt-Management, die Bildungs- und die Menschenrechtsarbeit. Hier ist insbesondere das ERRC aktiv indem es erforscht, dokumentiert und anklagt wo und wann Roma diskriminiert und verfolgt werden.

Am gleichen Tag fuhren die Teilnehmer noch weiter in die slowakische Hauptstadt nach Bratislava, wo sie mit Vertretern der Stiftung „Info-Roma“ und Tsiganologen der Universität verabredet waren. „Info-Roma“ sei, wie der Projektkoordinator Ratislav Pivon aufklärte, ein Dokumentationszentrum für die Kultur der Roma und gewährte den Studenten Einblicke in die slowakische Roma-Politik, die meist nur als „Roma-Problem“ wahrgenommen wird. Dabei seien viele Hilfsprojekte kontraproduktiv und bekämpften nur die Symptome. Zwar seien humanitäre und Hausbauprojekte eine Hilfe, sie böten aber keine Lösung für die Ursachen der Armut, die er u.a. in der hohen Arbeitslosigkeit der Roma-Bevölkerung sieht. Im Anschluss traf die Gruppe mit Dr. Zuzana Benušková zusammen, die über die Roma- und Zigeunerforschung in der Slowakei berichtete. Leider seien auch in der Slowakei die Ressourcen für derlei Arbeit gering, so dass die NRO’s ein Monopol in der Auseinandersetzung mit dieser Bevölkerungsgruppe haben und die Wissenschaft wenig Beachtung findet.

Die Fahrt ging weiter nach Brünn (Brno), wo ein Zusammentreffen mit der tsiganologischen Gruppe um Marek Jakoubek geplant war. Hier traf die Gruppe erstmals Gleichgesinnte, die wie sie von einer ethnologischen Feldreise zurückkehrten. Die tschechischen Studenten und Dozenten waren vorher in slowakischen Dörfern unterwegs, wo sie u.a. die Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse bei den Wlach- und Neuwlach-Gruppen untersuchten. Inzwischen hat sich aus diesem Treffen eine kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt.

Am letzten Tag der Reise stand nur noch ein Besuch im (zu diesem Zeitpunkt) gerade im entstehen begriffenen Roma-Museum in Brno auf dem Programm. Danach ging es, diesmal mit dem Zur zurück in Richtung Leipzig.

Die Reise hat wahrscheinlich bei allen Teilnehmern einen bleibenden Eindruck über die Vielgestaltigkeit des heutigen Lebens der Zigeuner hinterlassen und auch Anliegen und Funktion der Roma-Organisationen verständlich gemacht. In vielen Ländern konnte die Gruppe den Prozess des „Organisationen-Mushroomings“ beobachten, der von einigen Beteiligten als Segen, von anderen eher als Teil des Problems gesehen wird. Gemeinsam ist den NRO’s aber, dass sie in einem ständigen Konkurrenzkampf um öffentliche und private Fördermittel stehen und deshalb manchmal an der Arbeit der anderen nicht viel Gutes lassen. Was die Leipziger auf jeden Fall erfahren konnten, ist, wie stark sich der Grad gesellschaftlicher Integration von Zigeuner- und Mehrheitsgesellschaft unterscheidet. Während ein Teil der Zigeunerbevölkerungen unter erbärmlichen Bedingungen lebt und ihre traditionellen Strukturen aufgegeben hat, halten andere daran fest und können z.B. im Handel oder als Musiker ihren Lebensstandard recht gut bestreiten. Die neuen Bildungseliten sind dabei einen komplett anderen Weg gegangen und nutzen die Ressourcen die Staat und Zivilgesellschaft ihnen bieten, was aber gleichzeitig zu einer gewissen Desintegration von ihrer eigenen Gruppe geführt hat.