Forum Tsiganologische Forschung

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"Representing Gypsies" vom 29.06.-02.07.2006 im Kloster von Plasy (Tschechien)

    Der Lehr- und Forschungsschwerpunkt Tsiganologie am Institut für Ethnologie der Universität Leipzig steht von Anfang an in engem Kontakt mit Tsiganologen im Ausland (Bulgarien, England, Österreich, Italien, Rumänien, Polen etc.). Besonders intensiv gestaltet sich die Zusammenarbeit mit tschechischen Tsiganologen der Universität Pilsen, da diese an ähnlichen Fragestellungen wie wir sitzen und wir uns außerdem als Nachbarn fühlen. Nach mehreren, mehr informellen gegenseitigen Besuchen haben wir den Plan gefasst, eine gemeinsame Tagung in Pilsen durchzuführen und dazu einige wichtige Kolleginnen oder Kollegen aus dem übrigen Ausland einzuladen.

    Als Tagungsthema wählten wir die Problematik der Repräsentation, an der heute – mehr oder weniger explizit – alle Tsiganologen arbeiten, egal ob sie mehr soziologisch, ethnologisch, politologisch oder volkskundlich/historisch ausgerichtet sind. Es geht um die Fragenkomplexe der Fremd- und Selbstdarstellung, der gezeigten und der verborgenen Kultur, der legitimen und der opportunen Vertretung sowie der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit. Sowohl unsere Forschungen in Rumänien als auch die der tschechischen Kollegen in der Slowakei stoßen auf eine zunehmende Zahl von extern finanzierten Organisationen, die im Interesse von Roma-/Zigeunergruppen aufzutreten beanspruchen. Ihr Bezug zum tatsächlichen Leben in den endogamen Gemeinschaften ist dabei nicht immer deutlich; oft vertreten sie Ideale der „offenen Gesellschaft“, die den nach völlig anderen Regeln sich orientierenden Siedlungsverbänden fremd sind.

    Die rasch zunehmende Tätigkeit der sog. Nichtregierungsorganisationen (NRO, NGO) ist in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks auffällig. Ihre Aktivitäten unter Zigeunern/Roma wurden schon von verschiedenen Forschern beschrieben; auch wir haben in unserer Analyse des Schwarzmeergebiets diese neuen Tendenzen der Formalisierung und Modernisierung beschrieben; Marek Jakoubek hat diese Problematik monographisch bearbeitet. Die Fachleute, die wir zu der Tagung aus dem Ausland einladen, kennen sich gerade mit der Differenz zwischen moderner Repräsentation und lokalem Selbstverständnis, bzw. Selbstdarstellung bestens aus.

    Ziel der Konferenz war ein intensivierter Gedanken- und Erfahrungsaustausch über das Spannungsfeld der Repräsentation in der modernen Gesellschaft. Ein Teil der Ergebnisse findet sich im Sammelband wieder, der eine Art Zwischenbilanz unserer interdisziplinären und in verschiedenen Gegenden Europas lokalisierten Forschung darstellt, weitere Projekte initiieren kann und der Politik eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für ihre Entscheidungen an die Hand gibt.

    Ein weiteres Anliegen der Tagung galt der Besprechung öffentlichkeitswirksamer Initiativen, denn das Forum Tsiganologische Forschung in Leipzig möchte sich als Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verstehen. Dazu gehört die entsprechende Aufbereitung tsiganologischer Forschung für den praktischen Gebrauch. Diese Problematik des Praxisbezugs diskutierten wir auf der Konferenz mit unseren ausländischen Kollegen. Vielleicht wirkt unser Modell des „Forums“ auch im Sinne eines Vorbildes, so dass mit der Zeit auch in anderen europäischen Ländern Foren für tsiganologische Forschung entstehen.