Forum Tsiganologische Forschung

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Prof. B. Streck                                                                                   25.X.2007

Bericht über die Gruppenreise von Studierenden des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig nach Mazedonien.

Die lange vorbereitete Reise von 15 Ethnologie-Studenten unter meiner Begleitung startete am 12. und am 13. August 2007 auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Am Flughafen Skopje erwartete uns schon Henning Schwanke MA, der seit längerem im Lande forscht und die infrastrukturelle Vorbereitung der Reise übernommen hatte. Er geleitete die zwei Studentengruppen jeweils in die Jugendherberge und vermittelte am folgenden Tag die Privatquartiere bei Zigeuner-Familien (Roma und anderen) in Topane und Shuto Orizari (Shutka). Das Zusammenspiel von Henning Schwanke als Ortskundigem und Tobias Marx, der als ältester Student die Reisekasse verwaltete, war wesentliche Voraussetzung für das Gelingen unseres Vorhabens.

Nach einem Tag Eingewöhnung und Kontaktpflege mit den Gastgebern fand am Dienstag, 14. August die erste Begegnung mit Dr. Trajko Petrovski vom Institut für Folklore der Kyrill- und Method-Universität statt. Mit einem großen Mittagessen auf der Festung Kale begann gleichsam auch der offizielle Teil des Aufenthaltes. Herr Petrovski bot sich auch an den folgenden Tagen als Führer, Dolmetscher und Kontaktvermittler an. Am Nachmittag besuchten wir das ethnographische Museum von Skopje und am nächsten Tag das Folklore-Institut, wo Petrovskis Archiv aus Musik und Erzählungen mazedonischer Zigeuner lagert. Am Nachmittag fand der erste Sprachunterricht statt, noch in Skopje (Stadtpark) und unabhängig von der Schule in Shutka.

Am Donnerstag, 16. August besuchten wir eine Zigeunersiedlung im Osten der Hauptstadt (Madjari), am Nachmittag die Tekia (Derwisch-Zentrum) in Topane, dem alten Zigeunerviertel nahe der Altstadt. Der sufistische Bruderschaftsislam, der bei Albanern und verschiedenen Zigeunerfamilien auffällig ist, gehört zu den Entdeckungen unseres Aufenthaltes, und ich hoffe, dass daraus ein Forschungsprojekt entstehen wird.

Am Freitag, 17. August, fand dann die offizielle Eröffnung des Romani-Sprachkurses in der Ramis-Hamid-Schule in Shutka statt. Die Studenten hatten Schul- und Kinderbücher aus Deutschland mitgebracht und für diesen Anlass Verpflegung für ein kleines Buffet eingekauft. Meine Begrüßungsworte wurden von meiner albanischen Doktorandin Hiriet Zibeiri ins Albanische und von Gjulner Sejdi, der im Forum Tsiganologische Forschung an der Universität Leipzig Romani gelehrt hat, ins Romani übersetzt. Schuldirektor Schaib, der seine Antworten auf Mazedonisch zu geben pflegte, war sehr angetan von der Feier und auch Dr. Petrovski wünschte dem Vorhaben gute Fortschritte.

Am Wochenende standen zwei Wanderungen auf dem Programm: Am Samstag in die römischen Ruinen von Skupi im Westen und am Sonntag auf den Vodno (1066m) und nach Matka. Wegen der extremen Hitze haben sich hier nicht alle Exkursanten angeschlossen. Auch zum Botschafter der Bundesrepublik Deutschland am Montag 20. August, bin ich dann nur in Begleitung von Herrn Gjulner Sejdi, den genannten Henning Schwanke und Tobias Marx sowie von Petra Cagalj, der Bosch-Dozentin an der Kyrill- und Method-Universität gegangen.

Die folgenden zwei Wochen fand regelmäßig Romani-Unterricht in der Schule statt. Verschiedene Lehrer gaben sich große Mühe, diese Kunstsprache nach den Regeln modernen Sprachunterrichts den Leipziger Studenten zu vermitteln. (Roma-Politiker bemühen sich in Mazedonien um eine Lingua Franca auf der Basis des Yerli-Dialekts, der aber vielen Romani-Sprechern und erst recht anderen Zigeunern fremd ist. Die Studenten konnten diese Differenzen zwischen konstruierter und gelebter Sprache dann bei ihren Gastfamilien ausloten).

An manchen Nachmittagen unternahmen wir gemeinsame Ausflüge, z.B. in die Albaner-Hauptstadt Tetovo (wo wir wiederum ein Derwisch-Kloster besichtigten), oder sprachen mit NGOs in Shutka oder machten Privatbesuche. Am Freitag, 24. August fuhren wir dann mit zwei Mietbussen nach Ohrid, wo ein Festival der Roma stattfand. Die Abschlussfeier im griechischen Theater mit verschiedenen Zigeunermusikern gehörte zu den eindrucksvollsten Programmpunkten der ganzen Reise. Am Samstag fuhren wir mit einem gemieteten Schiff an das Südende des Ohrid-Sees, zum Kloster des Hl. Naum, und besprachen unterwegs sämtliche Einzelvorhaben, die die Studierenden neben dem Spracherwerb in Shutka und Topane verfolgten.

Am Sonntag ging es wieder nach Skopje, bzw. Shutka zurück und am Montag begann erneut der Sprachunterricht. Zwischendurch schaltete sich die Tochter des Schuldirektors ein, eine energische Roma-Aktivistin, die sich nicht scheute, auch unbequemen Fragen zu stellen, und ihr Bruder, der Bürgermeister von Shutka, gab am Donnerstag, 30. August sogar eine kleine Abschiedsparty. Wesentlich wichtiger als diese offiziellen Kontakte waren aber die privaten, die Erfahrungen des Zusammenlebens auf engem Raum, die Verständigungen in vielen Sprachen, das gegenseitige Kennenlernen und die Spuren, die jeder Teilnehmer besonders verfolgte. Entsprechend gab es eher viele Abschiedsessen als ein gemeinsames. Henning Schwanke organisierte wiederum den Transfer zum Flughafen an den beiden Tagen 2. und 3. September. Ich selbst war erleichtert, als alle Teilnehmer samt ihrem Gepäck in Berlin angekommen waren.

Die notwendige Nacharbeit dieser Exkursion wurde erst mit dem Semesterbeginn am 8. Oktober aufgenommen. Im Zentrum steht die Sammlung und Diskussion der genannten Einzelforschungen. Ziel ist die Zusammenstellung eines Bilder- und Lesebuchs Shutka, das in unserer Institutsreihe erscheinen soll. Jeder Teilnehmer wird auf individuelle Weise sein Thema (Porträts ausgewählter Persönlichkeiten, Sprachwirrwarr, Nachbarschaften, private und öffentliche Räume, Haustypen, Tagesabläufe, Schmiedewerkstatt, Mandolinenorchester, Frauenmode, „Aberglauben“, Grenzen der Normalität, Mischehen) einbringen, dazu sollen Fotos Illustrationen liefern, aber auch eine eigenständige Bildstrecke ist geplant. Da so viele, z.T. ausgezeichnete Fotographien entstanden sind, ist auch an eine Foto-Ausstellung in Leipzig gedacht, die möglicherweise mit der Buchpräsentation im Laufe des nächsten Jahres eröffnet werden kann.