|
Sedimentologische
und Petrologische Untersuchungen an mittelsilurischen
Gesteinen der
dänischen Ostseeinsel Bornholm
Antje Böhnke1
& Gerhard Katzung2
1 Universität
Leipzig, Institut für Geophysik und Geologie
2 Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Greifswald, Institut für Geologische Wissenschaften
Hintergrund
Bei den untersuchten Ablagerungen
handelt es sich um Sedimentgesteine und diesen zwischengeschaltete Tuffe.
Sie gehören stratigraphisch in das Mittlere Silur (Oberes Wenlock)
und bilden die jüngsten paläozoischen Ablagerungen auf Bornholm.
Die Existenz dieser ausschließlich am Meeresboden an der Südostküste
Bornholms aufgeschlossenen Sedimentite und Pyroklastika ist seit mehreren
Jahren bekannt, jedoch fehlten bislang genauere Untersuchungen. Ziel der
vorliegenden Arbeit war eine detaillierte sedimentologische und petrologische
Aufnahme der mittelsilurischen Gesteine und deren genetische Interpretation.
Im Zusammenhang mit der Kaledonischen Orogenese wird die geologische Entwicklung
am SW-Rand von Baltica diskutiert und deren Einfluß auf Sedimentationsprozesse,
Paläoenvironment und Herkunft der mittelsilurischen Ablagerungen erörtert.
Geochemische, röntgenradiometrische und röntgendiffraktometrische
Analysen ergänzen die Untersuchungen.
Ergebnisse
Unter den mittelsilurischen Ablagerungen
(Oberes Wenlock) von Bornholm können folgende sechs Lithotypen unterschieden
werden:
| |
Lithotyp |
Merkmale |
Interpretation |
|
A
|
Laminierte
Siltsteine |
Wechsellagerung
heller und dunkler Laminen; sedimentär-diagenetische Strukturen wie
Wulstschichtung, Belastungsmarken und Flammenstrukturen; Graptolithen als
vorherrschende Fossilien; keine Bioturbation |
Ablagerungen
aus Bodenströmungen |
|
B
|
Tonsteine |
homogen;
mit Einschaltungen von sandig-siltigen Laminen; zwei charakteristische
grobkörnigere Lagen aus Belastungs- bzw. Strömungsmarken; Graptolithen
als vorherrschende Fossilien; keine Bioturbation |
Background-
Ablagerung (Tonstein), gelegentlich unterbrochen durch plötzlichen
Zustrom gröberen Materials (Silt, Feinsand) |
|
C
|
Mikrodimensional
flaser- bis linsenschichtige Silttonsteine |
kleinmaßstäbliche
Wechsellagerung von siltigen bis siltig-tonigen Linsen und Flasern mit
Tonstein; keine Bioturbation |
Background-
Ablagerungen (Tonstein) und Ablagerungen aus Bodenströmungen (Siltsteine) |
|
D
|
kalkig-pelitische
Lagen
(Mergel)
Kalksteine
Calcitkonkretionen
|
feinstkörnig;
homogen; massiv; gelegentlich mit Siltlaminen; keine Bioturbation
Folgen bestimmten
Schichtflächen; kugelig bis elliptisch; oft schichtparallel abgeflacht;
vereinzelt Fossilien im Kern; keine Anzeichen für Bioturbation oder
die Aktivität bohrender Organismen |
Ablagerungen
aus Strömungen von einer nördlich gelegenen Karbonatplattform
Synsedimentäre
Zementation, wahrscheinlich gesteigert durch Aktivität von Bodenströmungen
|
|
E
|
Gradierte
Sandsteine |
Fein- bis
mittelkörnig; deutlich gradiert; calcitisch; horizontal- bis schräglaminiert;
mit Fossilfragmenten von Echinodermen und Brachiopoden; keine Bioturbation |
Ablagerungen
aus Turbiditströmen |
|
F
|
Tuffe |
Kolkmarken
an Schichtunterseiten; massiv bis horizontal geschichtet; mit invers gradierten
Tonklasten-Horizonten; strömungsorientierte Rhabdosome von Graptolithen;
reich an Pyrit, Zirkon und Titanmineralen, die lagig konzentriert sind;
keine Bioturbation |
Ablagerungen
aus Aschewolken; durch Debris Flows umge-lagert |
Zu den dominierenden Gesteinstypen
gehören die Laminierten Siltsteine (Lithotyp A) und die Tonsteine
(Lithotyp B). Die Lithotypen C (Mikrodimensional flaser- bis linsenschichtige
Silttonsteine), D (Kalksteine) und F (Tuffe) sind weniger häufig,
während die Gradierten Sandsteine (Lithotyp E) nur untergeordnet auftreten.
Als Ablagerungsgebiet wird ein anoxisches Becken angenommen, in dem die
vorherrschende, hemipelagische Background-Sedimentation der Tonsteine gelegentlich
durch gravitativeStrömungsereignisse und Sedimentumlagerungs-Prozesse
unterbrochen wird.
Als Herkunftsgebiete für die
mittelsilurischen Gesteine kommen verschiedene Areale in Betracht. Die
klastischen Bestandteilestammen vermutlich überwiegend von einem Erosionsgebiet
(Akkretionskeil) im Süden. Die Karbonate und zumindest ein Teil der
Sandsteine (Fossilfragmente) jedoch können von einer nördlich
gelegenen Karbonatplattform hergeleitet werden, deren Existenz durch die
Bildung von Riffen und deren begleitender Fazies auf Gotland und im nordöstlichen
Baltikum im Silur belegt ist.
Die geologische Entwicklung Bornholms
wie auch des heutigen Fennoskandischen Schildes während des Silurs
ist zweifellos eng mit den plattentektonischen Prozessen im Zuge der Kaledonischen
Orogenese verbunden. Die heute aus dem Baltikum bekannten silurischen Gesteine
sind Reste einer ursprünglich viel weiter ausgedehnten Sedimentdecke,
die sich im sogenannten Baltoskandischen Becken bildete. Dieses Baltoskandische
Becken war auf der schwach nach Süden einfallenden, präkambrischen,
kristallinen Kruste entwickelt. Entscheidenden Einfluß auf die frühpaläozoische
Entwicklung am Südrand von Baltica hatte die Kollision des Terranes
East-Avalonia mit Baltica, infolge derer es zur Anlage eines peripheren
Vorlandbeckens auf der kontinentalen Kruste kam. Nach Cant & Stockmal
(1993) gewährleistet der tektonische Rahmen von Vorlandbecken, daß
sich die Entwicklung des mit ihnen verbundenen Orogens auf die Stratigraphie
und Sedimentologie der Beckenfüllung primär auswirkt, indem sowohl
die Subsidenz als auch die Quelle und Rate des Sedimenteintrages beeinflußt
werden. Nach lithologischen, paläogeographischen und regionalgeologischen
Aspekten lassen sich verschiedene Entwicklungsstadien unterscheiden (Beier
et al. 1997). Danach wurden die untersuchten silurischen Gesteine von Bornholm
während des Tief- bis Flachwasser-Stadiums abgelagert. Bei diesem
Stadium steigt die Sedimentationsrate über die Subsidenzrate, was
sich in einer Verflachung und Auffüllung des Vorlandbeckens innerhalb
einer kurzen Zeitperiode widerspiegelt. Sedimentärer Ausdruck dieser
Prozesse sind der zunehmende Gehalt an Karbonat und Arenit in den silurischen
Abfolgen Bornholms und den Nachbarregionen.
Die Einschaltungen intermediärer
Tuffe in die sedimentäre Abfolge bezeugen einen Vulkanismus, der mit
großer Wahrscheinlichkeit auf Subduktionsprozesse zurüchzuführen
ist, die aus der Kollision von East-Avalonia mit Baltica resultieren. Bis
heute gibt es keinerlei Hinweise auf Vulkanbauten oder Inselbogen-Systeme,
die sich über der Subduktionszone der Kaledonischen Geosynklinale
gebildet haben könnten. Aber sowohl die untersuchten Tuffe des Oberen
Wenlock als auch die zahlreichen, aus dem gesamtem Baltoskandischen Raum
bekannten Bentonitlagen sind Beweise für einen Vulkanismus an einem
aktiven Kontinentalrand, wie er am Südrand Balticas während der
Kaledonischen Orogenese erwartet werden darf.
Aufgrund der folgenden Überlegungen
vermuten wir als Quelle der untersuchten Tuffe Vulkane auf dem südlich
von Baltica gelegenen Terrane East-Avalonia:
1. Pb/Pb-Datierungen an alten Zirkonen
aus dem Tuff belegen cadomische Alter. Cadomische Alter aber sind aus dem
Baltoskandischen Raum nicht bekannt, jedoch typisch für Gondwana und
damit East-Avalonia, daß als von Gondwana abgespaltener und nach
Norden verdrifteter Mikrokontinent angesehen wird (Katzung et al., in prep.).
2. Zahlreiche paläomagnetische
und paläogeographische Daten belegen eine Position Balticas während
früh- bis mittelsilurischer Zeit in südtropischen bis äquatorialen
Breiten (Basset et al. 1989, Tait et al. 1997), wahrscheinlich im Gürtel
der südöstlichen Passatwinde. Nimmt man vergleichend zu heute
gleiche Konfigurationen des Winsystems an, so könnten die SE-Passatwinde
in die Atmosphäre geschleuderte vulkanische Aschen nach Norden transportiert
haben (Bjerreskov & Jørgensen 1983).
Obwohl weit verbreitet in den silurischen
Abfolgen des Baltoskandischen Raumes, fehlen vulkanische Ablagerungen im
jüngsten Silur (Pridoli). Dies
korreliert mit einer zunehmenden
Verflachung des Vorlandbeckens im jüngsten Silur und deutet auf die
fortschreitende Kollision East-Avalonias mit Baltica und schließlich
die Schließung des Tornquist-Ozeans im finalen Stadium der Kaledonischen
Orogenese hin. Im Ergebnis dieser anhaltenden Kollision kam es zur Auffüllung
des Vorlandbecken und zum Totlaufen der Suduktion, verbunden mit dem Erlöschen
der vulkanischen Aktivitäten.
Ausgehend von der Korngröße
der untersuchten vulkanischen Aschen kann das Eruptionszentrum in einer
Entfernung von 100 bis 200 km, maximal 300 km erwartet werden und könnte
demnach im nördlichen Polen oder Deutschland liegen. Bjerreskov &
Jørgensen (1983) vermuten es im Bereich des Ostelbe-Massivs. Brochwicz-Lewinsky
et al. (1981) nehmen an, daß die Vulkanbauten durch die weiträumigen,
altpaläozoischen Strike-Slip-Bewegungen entlang der Südwestgrenze
der heutigen Osteuropäischen Plattform ausgelöscht worden sind.
Für beide Annahmen gibt es jedoch keine Beweise.
Literatur
Bassett, M. G., Kaljo,
D. & Teller, L. (1989): Silurian in Baltoscandia. -
In: Holland, C. H. & Bassett, M. G. [
Eds.]
: A Global Standard for The Silurian System. -
Amgueddfa Genedlaethol Cymru National Museum Of Wales, Geological Series,
9;
Cardiff.
Beier, H., Maletz, J. & Katzung,
G. (1997): Entwicklung eines kollisionsbedingten, altpaläozoischen
Vorlandbeckens am SW-Rand der Osteuropäischen Plattform. -
In: Büchel, G. & Lützner, H. [
Eds.]
: Regionale Geologie von Mitteleuropa. -
Schriftenreihe der Deutschen Geologischen Gesellschaft: p. 26.
Bjerreskov, M. & Jørgensen,
K. Å. (1983): Late Wenlock graptolite-bearing tuffaceous sandstone
from Bornholm, Denmark. -
Bull. geol. Soc. Denmark, 31: 129-149; Copenhagen.
Brochwicz-Lewinski, W., Pozaryski,W. &
Tomczyk, H. (1981): Mouvements
coulissants de grande ampleur au Paléozoique inférieur le
long de la marge sud-ouest de la plateforme Est-Européenne. -
C. R. Acad. Sc. Paris, 293, 2: 855-858.
Cant, D. J. & Stockmal, G.
S. (1993): Some controls on sedimentary sequences in foreland basins: examples
from the Alberta Basin. - Spec. Publs. Int. Ass. Sediment., 20:
49-65.
Katzung, G., Böhnke, A. &
Obst, K. (in prep.): Records of Cadomian basement in NE-Germany. -
N. Jb. Geol. Paläont. Abh..
Tait, J. A., Bachtadse, V., Franke,
W. & Soffel, H. C. (1997): Geodynamic evolution of the European Variscan
fold belt: palaeomagnetic and geological constraints. - Geol. Rundschau,
86:
585-598.
Literaturhinweis
Böhnke, A. & Katzung,
G. (in prep.): The Middle Silurian from Bornholm (Denmark) - Sedimentological
and Petrological Studies. - N. Jb. Geol. Paläont. Abh..
|