Spätquartäre
Umweltgeschichte des nördlichen Mittelsibiriens
Martin
Melles
Annemarieke Schoonderwaldt
Hans-W.
Hubberten, Christine Siegert, u.a.,
Alfred-Wegener-Institut, Potsdam
Dimitri Yu. Bolshiyanov u.a.,
Arctic and Antarctic Research Institute, St. Petersburg
Glenn W. Berger,
Desert Research Instiute, Reno, U.S.A.
Norbert Nowaczyk,
GeoForschungsZentrum Potsdam
Tatjana Böttger,
Umweltforschungszentrum Leipzig/Halle
Hintergrund
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| Die Taimyr-Halbinsel und die im arktischen
Ozean vorgelagerte Inselgruppe Severnaja Zemlya im nördlichen Mittelsibirien
liegen im Übergangsbereich von dem noch marin geprägten westsibirischen
Klima und dem mehr kontinental geprägten ostsibirischen Klima und zeigen
eine breitenabhängige Zonierung aller typischen arktischen Landschafts-
und Vegetationszonen. Die Glazialgeschichte dieser Region war lange umstritten
- für das letzte glaziale Maximum (LGM) stand einer Maximalhypothese
mit nahezu vollständiger Eisbedeckung eine Minimalhypothese mit einer
Beschränkung der Vergletscherung auf Gebirgsregionen gegenüber.
Da damit das nördliche Mittelsibirien eine
Schlüsselregion für das Verständnis der spätquartären Klima- und Umweltgeschichte
Eurasiens darstellt, wurde 1993 das multidisziplinäre deutsch-russische Forschungsprojekt
”Taimyr” initiiert, bei dem neben Permafrostprofilen und darin eingeschlossenen
Grundeiskörpern vor allem Seesedimente als Paläoarchive herangezogen wurden.
Auf insgesamt fünf Expeditionen wurden entlang eines ca. 1000 km langen Transekts
von der nördlichen Taiga westlich des Putoran-Plateaus über verschiedene Tundrenzonen
in der Taimyr-Tiefebene und in den Byrranga-Bergen bis zur hocharktischen Tundra auf
Severnaja Zemlja aus insgesamt 8 Seen lange (bis 23 m) Sedimentkerne gezogen. In drei
dieser Seen wurde darüberhinaus der dreidimensionale Sedimentaufbau mit flachseismischen
Profilen erkundet. Die Arbeiten wurden bis 1997 vom BMBF als Verbundvorhaben gefördert,
und werden seitdem auf bescheidenerem Niveau an dem vorhandenen Probenmaterial weitergeführt.
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Bisherige Ergebnisse
Die bisher vorliegenden Ergebnisse belegen,
daß die Taimyr-Halbinsel und Severnaja Zemlja letztmalig im Frühweichsel-Stadial
(Zyriansk) flächenhaft vergletschert waren. Im Mittelweichsel-Interstadial
(Karginsk) hatte sich das Eis zumindest aus den Tieflandsgebieten zurückgezogen.
Das Klima war instabiler und stärker kontinental geprägt als während
des Holozäns, mit vergleichbaren Sommer- aber deutlich geringeren Wintertemperaturen.
Im Spätweichsel-Stadial (Sartan) kam es zu einer Vergletscherung von
Hochlagen des Putoran-Plateaus. Das Vorland des Plateaus, die Taimyr-Tiefebene,
die westlichen Byrranga-Berge und Teile von Severnaja Zemlja blieben jedoch
als Folge von extrem geringen Niederschlägen trotz sehr geringer Temperaturen
eisfrei.
Der Übergang vom Pleistozän
zum Holozän ist durch einen Erwärmungstrent im Bølling,
Allerød und Präboreal gekennzeichnet, der durch Abkühlungsphasen
während der Mittleren und Jüngeren Dryas unterbrochen wird. Der
Temperaturanstieg führte zu erhöhten Thermokarstprozessen. Als
Folge kam es zur Bildung von flachen Seen und Teichen die später unter
Torfbildung verlandeten. Bereits im Boreal wurde auf der Taimyr-Halbinsel
das holozäne Klimaoptimum erreicht. Zu der Zeit lagen die Vegetationszonen
300-500 km nördlich ihrer heutigen Position. Das Klima blieb bis zum
Ende des Subboreals relativ warm, ehe eine mehr oder minder kontinuierliche
Klimaverschlechterung einsetzte, die bis in die jüngste Zeit anhielt.
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Ausblick
Die zukünftigen Arbeiten der Universität
Leipzig an dem vorhandenen Proben- und Datenmaterial sollen sich auf den Lama-See,
am Südrand des Untersuchungsgebietes (s. Abb.) konzentrieren. Aus vorangegangenen
Untersuchungen ist bekannt, daß dieser See durch seine heutige Lage
an der Grenze zwischen Taiga und Tundra besonders sensibel auf Klima- und
Umweltveränderungen reagiert. Im Einzelnen sind folgende Arbeiten geplant:
(1) Zusammenstellung und Ergänzung
des Datensatzes von ca. 70 Oberflächenproben aus dem Lama-See; Ableitung
der heutigen Sedimentationsprozesse aus der rezenten Sedimentverteilung;
(2) Zusammenstellung und Ergänzung
der Datensätze von insgesamt 3 längeren Sedimentkernen aus dem Lama-See;
Interpretation der Sedimentationsgeschichte im Lichte der Klima- und Umweltentwicklung
seit der Weichselzeit;
(3) Darstellung und Auswertung von
800 km flachseismischer Daten aus dem Lama-See; Interpretation der dreidimensionalen
Sedimentverteilung; Bilanzierung des Sedimenteintrages seit der Weichselzeit;
(4) Vergleich der Ergebnisse vom Lama-See
mit publizierten und unpublizierten Ergebnissen zur Klima- und Umweltgeschichte
benachbarter Regionen.
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