Ziele, Programm und Struktur des GK

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Ziele, Programm und Struktur des Graduiertenkollegs

Das Graduiertenkolleg sieht sein Ziel - wie in der vorangegangen Laufzeit - in der Förderung der wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung im Bereich der theoretischen und experimentiellen Grundlagen der Linguistik und legt seinen inhaltlichen Schwerpunkt auf die universalen und einzelsprachlich divergierenden Aspekte der sprachlichen Strukturen sowie auf die auf diese Strukturen applizierenden psycholinguistischen Prozesse. Die Thematik des Kollegs verknüpft linguistische, sprachtypologische, psychologische, neuropsychologische, und informationswissenschaftliche Aspekte der Sprachbetrachtung und bietet dieses Geflecht zum fachübergreifenden Studium an. Das besondere Profil des Kollegs besteht in der innovativen Integration der einzelsprachlichen Analysen in eine einheitlich ausgerichtete allgemein-sprachwissenschaftliche Theorienbildung, die durch Aspekte der Sprachtypologie, der Psycholinguistik, der Neuropsychologie der Sprache und der Computerlinguistik zu einer abgerundeten, kognitionswissenschaftlich orientierten Zusammenarbeit ergänzt wird.

Nach der Neugründung und dem fortschreitenden Aufbau des Instituts für Linguistik während der ersten Förderperiode kommt nun in der angestrebten Verlängerungsperiode sowohl eine Verstärkung der in der ersten Phasen vertretenen inhaltlichen Gebiete - insbesondere im Bereich der einzelnen Kerngebiete der theoretischen Linguistik, der Philologien und der Sprachtypologie - als auch neue thematische Spezialisierungen v.a. im Bereich der Phonologie und Dialektologie hinzu. Die Spezifik der zweiten Förderperiode vertieft also einerseits die Inhalte der ersten Periode und liegt andererseits in der verstärkten Integration dieser Inhalte zu einer  theoretisch-einheitlichen Gesamtbetrachtung der einzelsprachlichen Analysen unter kognitionswissenschaftlichen Aspekten.

Die Erweiterung des inhaltlichen Schwerpunkts des Kollegs sowie die Vergrößerung des Kreises der betreuungsfähigen Lehrenden sind die Gründe für die angestrebte Erhöhung in der Zahl der Doktorandenplätze von 10 auf 12. Die erneute Beantragung der 2 Postdoktorandenstellen ist v.a. erforderlich, um die Vernetzung der Projekte zu gewährleisten. In der ersten Förderungsperiode haben die beiden Postdoktoranden durch ihr Engagment im Kolleg maßgeblich zum Erfolg des Ausbildungs- und Forschungsprogramms beigetragen, indem sie nicht nur den Kollegiaten bei der Einarbeitung in bestimmte Grundlagen behilflich waren, die für die fachübergreifenden Promotionsthemen notwendig waren, sondern auch bei der Gestaltung und Durchführung des Ausbildungsprogramms mitgewirkt haben.

Die inhaltliche Thematik des Kollegs konzentriert sich zum einen auf die Betrachtung der universalen und einzelsprachlich variierenden Aspekte der Strukturen natürlicher Sprache und legt gleichzeitig ihren Schwerpunkt auf die psycholinguistischen Prozesse, die diese Strukturen verarbeiten.

 Der Gegenstand der Linguistik geht seit geraumer Zeit über das Studium der Einzelsprachen hinaus und umfaßt auch die universalen Eigenschaften aller natürlichen Sprachen. Am Kolleg besteht ein ausgeprägtes Interesse in diesem Sinne für den Sprachvergleich und folglich auch für seine Verankerung in einem einheitlichen theoretischen Rahmen, der die Basis für eine klare Deutung der erzielten Ergebnisse in ihren sprachtypologischen Aspekten gewährleisten kann. Dem Studium von Sprachuniversalen wird am Kolleg eine zentrale Bedeutung beigemessen - nicht nur, weil ihr Verständnis unsere Einsichten in den Phänomenbereich Sprache vertieft, sondern auch weil die universalen Aspekte von Sprache uns einen ersten aber essentiellen Einblick in das Wesen der menschlichen Kognition bescheren. Die Linguistik ist neben der Psychologie, der Neurologie und der Informatik zu einem integralen Bestandteil der Kognitionswissenschaften geworden. Eines der Hauptziele der Grammatiktheorie ist in diesem Zusammenhang die Aufdeckung und Modellierung des Wissenssystems Sprache. Die Weiterführung dieser Forschungsstrategie stellt nachwievor eines der Hautpziele des Kollegs dar. Durch die weitgehend einheitliche theoretische Ausrichtung der Lehrenden am Kolleg besteht das Potential, die Methodik und die neueren Einsichten der theoretischen Linguistik, insbesondere die Grammatiktheorie Chomskyscher Prägung, für die Beschreibung der einzelnen Philologien nutzbar zu machen. So können zum einen vergleichbare Phänomene eher erkannt und auf einen gemeinsamen strukturellen Nenner gebracht werden. Zum anderen können traditionelle Themen der sprachtypologischen Forschung unter ganz neuem Blickwinkel berücksichtigt werden. Neben der Betrachtung der bekannten europäischen Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und der weniger bearbeiteten indoeuropäischen Sprache Malayam in der ersten Laufphrase kommt nun in der zweiten Förderungsphase v.a. die Betrachtung einzelner germanischer Dialekte hinzu sowie das Studium indigener nordamerikanischer Sprachen, die teilweise völlig andere (ergative/polysynthetische) Sprachtypen als die indoeuropäischen darstellen.

Die thematischen Schwerpunkte der nächsten Laufphase, die sich als konkrete Fragestellungen aus dem Rahmenthema des Kollegs anhand der Interessen und Spezialisierungen der Lehrenden ergeben, gruppieren sich um die folgenden Schwerpunkte:

A: Psycholinguistische  Prozesse: Sprachverarbeitung an den Schnittstellen Lexikon-Syntax und Prosodie-Syntax,

B: Sprachvergleich bezogen auf die verschiedenen Ebenen der Grammatik (Phonologie, Morphologie, Syntax und Semantik)  und

C: Prozesse der Umdeutung, Inferenz, und Fokussierung unter Negation an der Schnittstelle zwischen semantischer und konzeptueller Struktur.

Diese Forschungsschwerpunkte stellen aktuelle Themenkomplexe dar, die interaktiv anzugehen sind und eine Reihe möglicher Dissertationsvorhaben definieren. Die Erfahrung mit diesen exemplarischen Themen soll den Kollegiaten einerseits Wissen und Fertigkeiten in den Ausgangdisziplinen vermitteln, sie andererseits sowohl für eine wissenschaftliche als auch für eine berufspraktische Arbeit qualifizieren und ihnen gleichzeitig aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung eine breite Methodik sichern. Von Bedeutung ist außerdem die grenzüberschreitende Begegnung von Natur- und Geisteswissenschaften in Form der Zusammenarbeit der verschiedenen linguistischen Zweige mit den neuropsychologischen Forschungsrichtungen und Experimentiermethoden des Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung.

 Als Kollegiaten werden wissenschaftlich ausgewiesene Absolventen der Einzelphilologien mit linguistischer Schwerpunktsetzung, der theoretischen Linguistik und der Psycholinguistik aufgenommen sowie Interessenten aus den Nachbardisziplinen der Informatik und Psychologie. Die Forschungs- und Ausbildungsprogramme werden thematisch im Rahmen der oben genannten Schwerpunkte mit den Kollegiaten abgestimmt. Es wird generell erwartet, daß die Kollegiaten mit den Lehrenden des Kollegs auf verschiedenen Ebenen interagieren: in den Lehrveranstaltungen der einbezogenen Fächer, im GK-Kolloquium, in Beratungs- und Betreuungsgesprächen, auf den vom Kolleg ausgerichteten Tagungen usw. Die Kollegteilnehmer werden darüber hinaus in die Forschungsaktivitäten und das Gastprogramm des Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung einbezogen. Es ist ebenfalls eine enge Kooperation zwischen dem Graduiertenkolleg und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig abgesprochen. Dies gilt auch für die anderen mit dem Kolleg interagierenden Einrichtungen am ZHS der Universität Leipzig wie die drei neu eingerichteten linguistisch orientierten Forschergruppen “Kommunikatives Verstehen³, “Arbeitsgedächtnis³ und “Sprachtheoretische Grundlagen der Kognitionswissenschaft³.
 


Fachgebiete

  • Theoretische Linguistik (Grammatiktheorie, formale Syntax und Semantik, Lexikon, Morphologie, Phonologie)
  • Philologien (Anglistik, Germanistik, Niederlandistik, Romanistik, Slavistik)
  • Typologie
  • Sprachvergleich
  • Informatik
  • Psycholinguistik
  • Neuropsychologie


Projektübersicht

Projekt Thema Projektleiter und Institution
 
A Psycholinguistische Prozesse: Sprachverarbeitung an den Schnittstellen Lexikon-Syntax und Prosodie-Syntax
A1 Zur Aktivierung des grammatischen Genus beim lexikalen Zugriff während der Sprachproduktion Thomas Pechmann, Institut für Linguistik
A2 Die Verarbeitung von Informationsstruktur, Akzentdistribution und Emphase: Universelle kognitive Architekturen? Angela D. Friederici / Kai Alter, MPI-CNS Leipzig
A3 Informationsstruktur gesprochener Sprache Anita Steube, Institut für Linguistik / Kai Alter, MPI-CNS Leipzig
 
B Sprachvergleich bezogen auf die verschiedenen Ebenen der Grammatik und ihre Interaktion
B1 Syntax des slavischen Satzes Uwe Junghanns, Institut für Slavistik
B2 Der Imperativ im Russischen. Verbmodus vs. Satzmodus und die Informationsstruktur von Imperativsätzen Gerhild Zybatow, Institut für Slavistik
 
C Sprachliche Strukturen und ihre grammatiktheoretische Rekonstruktion
C1 Informationsstruktur und logische Form Anita Steube, Institut für Linguistik
C2 Formale Bedeutung und inferentielle Interpretation Johannes Döllling, Institut für Linguistik
C3 Phonologische Prinzipien, Lautwandel und Lautersatz. Die Junggrammatiker-Debatte und die aktuelle theoretische Diskussion Tracy Alan Hall, Institut für Linguistik
 


Forschungsprogramm

Natürliche Sprachen unterscheiden sich an der Oberfläche in ihrem Satz- und Phrasenaufbau, in der internen Strukturierung ihrer Wörter, in ihren phonologischen und morphologischen Systemen, im Wortschatz usw. wesentlich voneinander. Als wissenschaftstheoretische Disziplin lebt die Sprachwissenschaft von der Spannung zwischen der markanten Diversität der einzelnen Sprachen und der Erkenntnis, daß hinter der Variabilität sprachlicher Strukturen und den verschiedenen, scheinbar weit auseinanderliegenden Sprachtypen allgemeine Gesetzmäßigkeiten und übereinzelsprachliche Prinzipien zu entdecken sind.

In der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des 19. Jh. vermuteten Forscher wie Bopp, Rask, Grimm sowie Angehörige der in Leipzig angesiedelten Schule der Junggrammatiker (Brugmann, Delbrück, Paul, Behaghel u.a.) einen genetischen Zusammenhang zwischen den einzelnen indoeuropäischen Sprachen und Sprachfamilien und waren bemüht, auf der Basis der beobachtbaren Ähnlichkeiten eine gemeinsame Herkunft (oder Ursprache) zu rekonstruieren. Evidenzen dafür fanden sie vor allem in systematisch alternierenden Formen, die sich historisch auf invariante Strukturen zurückführen ließen.

In diesem Jahrhundert taucht der Gedanke, daß einzelsprachliche Varianz in zugrundeliegenden linguistischen Universalien verankert sei, in neuen Formen wieder auf. In einer umfangreichen synchronen Studie formulierte Greenberg eine beschränkte Menge allgemeiner struktureller Eigenschaften, die zur Typisierung einer beachtlichen Zahl genetisch weit auseinanderliegenden Sprachen herangezogen werden konnte.

Die Grammatiktheorie Chomskyscher Prägung basiert andererseits auf der Annahme, daß die gemeinsame biologische Ausstattung aller Menschen den Möglichkeiten sprachlicher Variation Restriktionen auferlegt.

Die Universalgrammatik als eine Theorie angeborener Prinzipien, die die Sprachfähigkeit des Menschen bestimmen, ermöglicht den Erwerb einer Sprache, legt aber zugleich die Form der daraus resultierenden mentalen Abbildung dieser Wissensstruktur (d.h. der Grammatik) fest. Als methodisches Prinzip besagt das Lernbarkeitskriterium, daß eine Grammatik nur dann ein plausibles Modell der mentalen Repräsentation sprachlichen Wissens ist, wenn sie unter den Bedingungen des natürlichen Spracherwerbs erlernt werden kann. Dies stellt rigorose Forderungen an die Konzeption der Prinzipien, die die Universalgrammatik konstituieren und die Sprachfähigkeit formal modellieren. Damit sie ihre Auflage erfüllen, müssen sie einerseits restriktiv genug sein, um die Leichtigkeit und Geschwindigkeit des Spracherwerbs zu erklären, andererseits aber flexibel genug gestaltet werden, um die Vielfalt natürlicher Sprachen zuzulassen.

Mit einer derartigen Einbettung der modernen Linguistik in die kognitive Psychologie des Menschen wurde das Forschungsgebiet recht früh für eine interdisziplinäre Ausrichtung vorbereitet, die weit über den Anglozentrismus und die enge Syntaxbezogenheit der Anfangsphase der Theorie hinausgeht.

Zunächst fand auf diesem theoretischen Boden die vergleichende Grammatik und theoriebezogene Sprachtypologie ein fruchtbares Forschungsfeld: Durch die Beschreibung romanischer und germanischer Sprachen rückten neue Aspekte der Sprachstrukturierung in den Vordergrund, die zum Überdenken der bis dahin angenommenen Prinzipien Anlaß gaben, durch z.B. neuere Konzeptionen der Hierarchisierung der Phrasenstruktur unter Einbeziehung funktionaler Kategorien sowie Bewegungsoptionen für Phrasen und Köpfe, Klitisierungsprozesse, Bindungseigenschaften u.v.m.

Besonders aufschlußreich war die Entdeckung coverter (d.h. nicht-manifester) Bewegung anhand einiger ostasiatischer Sprachen wie bspw. des Chinesischen und Koreanischen von. Durch die Akkomodierung dieser Sprachtypen in das theoretische Modell wurde klar, daß der semantische Beitrag bestimmter Operatoren an einer anderen Position in der Konfiguration berechnet werden muß, als sie sie an der Oberfläche tatsächlich einnehmen. Die Berechnung findet in Operatorenpositionen statt, die in anderen Sprachen durch manifeste Permutation angezeigt werden. Steht der Operator in situ, so erfolgt die Bewegung in die relevante Operatorenposition trotzdem, nur wird sie erst nach der Ableitung der Repräsentationsebene implementiert, die die phonetische Form speist und damit die konkrete Gestaltung der Oberflächensatzform beeinflußt.

Arbeiten über nativ-amerikanische sowie afrikanische Sprachen problematisierten neue Aspekte der Schnittstelle zwischen Syntax und Morphologie und festigten die Rolle des Lexikons als Verwaltungsort von Schnittstelleninformation in der Organisation der Gesamtgrammatik. Das warf neues Licht auf die Parametrisierung und auf die Abbildung semantischer auf syntaktische Repräsentationen sowie auf die Beziehung zwischen sprachlicher und konzeptueller Strukturbildung.

Eine Weiterführung dieser Forschungsstrategie stellt eines der Hauptziele des Kollegs dar. Durch die Zusammenarbeit der Allgemeinen Sprachwissenschaft mit den verschiedenen im Kolleg vertretenen Philologien sollen die Methodik und die neueren Ergebnisse der theoretischen Linguistik für die einzelsprachliche Sprachbeschreibung sowie für den typologischen Sprachvergleich zugänglich gemacht werden. Umgekehrt dienen die empirischen Ergebnisse der einzelsprachlichen Studien als Korrektiv für die Theoriebildung der allgemeinen Linguistik.

Am Kolleg besteht das Potential, sowohl traditionelle Themen der sprachtypologischen Forschung unter neuem Blickwinkel als auch Themen mit zu berücksichtigen, die normalerweise außerhalb des konventionellen Betrachtungsradius' der Sprachtypologie liegen. Das Kolleg wird bemüht sein, auf diesem Sektor einen Beitrag zur aktuellen Forschungsdiskussion zu leisten.

Der Phänomenbereich 'Sprache' umfaßt nun nicht nur sprachliche Strukturen (und ihre mentalen Repräsentationen), sondern auch die mentalen Prozesse, die die Umsetzung dieser Wissensrepräsentationen in den Sprachgebrauch ermöglichen. Die in der Allgemeinen Sprachwissenschaft ineinander verzahnten Dimensionen 'Diversität' und 'Universalität' sind für die Psycholinguistik von fundamentaler Bedeutung. Im  Graduiertenkolleg spielt vor allem der Aspekt des Sprachverstehens eine zentrale Rolle. (Sprachproduktion ist als Thema eines eigenen DFG-Schwerpunkts eingerichtet, an dem sich mehrere Lehrende des Kollegs beteiligen.) Die Ergebnisse der modernen Linguistiktheorie sind für die Psycholinguistik von Relevanz, weil sie vermutlich die Strukturen darstellen, die beim Verstehensprozeß verarbeitet werden.

Der Sprachverarbeitungsmechanismus (Parser) muß ohne Zweifel auch mit den idiosynkratischen Eigenschaften der einzelnen Sprachen zurechtkommen. Ein großer Teil seiner Aufgabe besteht aber darin, übereinzelsprachliche Gesetzmäßigkeiten in der zu verarbeitenden Struktur zu entschlüsseln und entsprechende Strukturen aufzubauen. Das setzt voraus, daß er für die universalen Eigenschaften der Sprachstruktur sensibilisiert ist. Prinzipien wie der endozentrische Aufbau hierarchischer Phrasenstrukturen (i.e. Spec-Kopf-Komplement-Konfigurationen) oder die Bewegung bestimmter Phrasentypen in höhere Spec- oder Kopf-Positionen unter Zurücklassung einer Spur in ihrer Grundposition müssen im Parser als Teil seiner internen Organisation abgebildet sein.

Die Psycholinguistik nimmt also die strukturellen Regularitäten des Sprachsystems als ihren Ausgangspunkt und entwickelt Modelle für die Verarbeitung sprachlicher Repräsentationen. Da die Fähigkeit zur Sprachverarbeitung ebenso eine spezifische biologische Ausstattung voraussetzt wie die Sprachkompetenz, hat auch der Parser eine interne Struktur von invarianten Prinzipien, die interindividuell konstant sein müssen. Bei der Modellierung des Parsers muß das Kriterium der kognitiven Plausibilität berücksichtigt werden, die vor allem der enormen Schnelligkeit, mit der der Verstehensprozeß in der Realzeit abläuft, Rechnung tragen muß.

Modelle der Sprachverarbeitung basieren momentan bspw. auf dem Minimal-Struktur-Prinzip, welches besagt, daß der Parser die einfachste Struktur, die mit dem Input kompatibel ist, inkrementell aufbaut. Erst wenn sich diese Struktur als uninterpretierbar herausstellt, wird eine Korrektur vorgenommen. Weitere Prinzipien wie das Active-Filler-Prinzip bzw. Minimal-Chain-Prinzip applizieren unabhängig vom Sprachtyp und sagen bei einer Subjekt/Objekt-Ambiguität eine Präferenz für das Subjekt voraus. Dies sind Verallgemeinerungen mit universalem Anspruch, die aus der Vielfalt der Sprachdaten gewonnen werden und wiederum durch Sprachdaten insbesondere aus bisher noch nicht untersuchten Sprachen verifiziert werden müssen.

Diesem Anspruch nachzukommen, ist ein weiteres Ziel der Zusammenarbeit im Kolleg. Die Allgemeine Sprachwissenschaft und die Psycholinguistik sind empirische Wissenschaften, deren Ziel die Entwicklung theoretischer Modelle ist. Damit die Datenbasis hinreichend gesichert wird, ist v.a. die Psycholinguistik grundsätzlich auf Befunde aus den einzelnen Sprachen angewiesen, die durch geeignete Experimente elizitiert werden können. Hier besteht ein gemeinsames Interesse zwischen den Forschern der Universität und des Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung in Leipzig.

Das Max-Planck-Institut bietet durch seine Beteiligung am Kolleg den Kollegiaten sowie den GK-Lehrenden die einzigartige Möglichkeit, die oben angesprochenen Fragestellungen mit Hilfe seiner Laborkapazität durch innovative neuropsychologische Dimensionen zu ergänzen. Das MPI verfügt über zwei Labore zur Registrierung von Hirnpotentialen sowie über Labore zur Erhebung von Reaktionszeiten, die für Experimente, wie sie in den einzelnen Projektbeschreibungen konzipiert werden, mit genutzt werden können.

Charakteristisch für die Entwicklung der Linguistik in den letzten vier Dekaden ist ihre Verankerung in formalen Methoden, die sie mit ihren Nachbardisziplinen Formale Logik, Mathematik und Informatik teilt. Die Formalisierbarkeit der linguistischen und psycholinguistischen Theorie bzw. die Modellierbarkeit des sprachlichen Wissens und seiner Verarbeitung definiert eine Schnittstelle zwischen diesen Bereichen, die ihre Zusammenarbeit fruchtbar werden läßt. Diese Dimension ist im Kolleg durch die Beteiligung der Informatik ebenfalls vorhanden.

Das oben skizzierte, interdisziplinäre kognitionswissenschaftliche Interessengeflecht der einzelsprachlichen Philologien, der Allgemeinen Sprachwissenschaft und Psycholinguistik, der Computerlinguistik sowie der Neuropsychologie der Sprache wird in der herkömmlichen universitären Organisation mit ihren getrennten Studiengängen nicht berücksichtigt, sondern eher behindert. Das beantragte Graduiertenkolleg entsteht aus dem Bedürfnis, die relevanten Forschungslinien und -interessen, wie sie der gegenwärtigen Struktur der neuorganisierten Leipziger Universität entspringen, zu einem interaktiven Komplex zusammenzuführen und ihre Zusammenarbeit verwaltungstechnisch zu erleichtern. Das Kolleg soll helfen, die am Hochschulstandort Leipzig verfügbaren Ressourcen optimal zu nutzen und für ein reges und innovatives Qualifikationsangebot einzusetzen, das die Attraktivität der Universität sowohl für die Studierenden als auch für die Lehrenden erhöht und die Universität Leipzig auf diesen Gebieten international konkurrenzfähig macht.

Die mehr als hundert Jahre alte ausgedehnte Tradition Leipziger Philologien, sowie ihre ebenso alte Tradition in der Sprachwissenschaft und in der Psychologie (in Leipzig von dem Psychologen Wilhelm Wundt gegründet) macht die hiesige Hochschule zu einem geeigneten Ort, um in der neueingerichteten deutschen Forschungslandschaft eine Begegnung fachübergreifender Forschung und Praxis der geplanten Art in den Geisteswissenschaften neu entstehen zu lassen. Auf den berühmten Leipziger Studenten Gottfried Wilhelm Leibniz geht das Wissenschaftsmotto der Universität zurück, das den Inhalt des geplanten Kollegs in Kurzform charakterisiert: Theoria cum praxi.


Angestrebte Zahl der Stipendiaten

  • 10 Doktoranden 
  • 2 Postdoktoranden (bis 30.09.03) 

Doktoranden und Habilitanden der Antragsteller, die durch Drittmittelprojekte und andere Stellen gefördert werden, werden ebenfalls als Kollegiaten aufgenommen. In Frage kommen in diesem Fall ca. 14 weitere Doktoranden und 7 weitere Postdoktoranden.


Bewerbungsmodus

Die üblichen Bewerbungsunterlagen (wiss. Werdegang, Studienabschlußzeugnis, zwei Referenzen, eventuelle Publikationen) können bei der Sprecherin des Kollegs unter folgender Anschrift eingereicht werden:

Universität Leipzig
Prof. Dr. Gerhild Zybatow
Institut für Slavistik
Augustusplatz 9
D-04109 Leipzig
Germany


New! zur Zeit sind alle Stellen besetzt!

The Graduate Research Program "Universality and Diversity: Linguistic Structures and Processes" funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft (German Research Foundation) and by the federal state of Saxony periodically accepts applications for doctoral scholarships. The program focuses on aspects of theoretical linguistics (language-specific or typological), psycholinguistics, and of neuropsychology of language. The length of the scholarship is two years, with the possibility of an extension for a third year.  


Ansprechpartner

 
Sprecherin: Prof. Dr. Gerhild Zybatow
Universität Leipzig; Institut für Slavistik
Beethovenstrasse 15, Zimmer 4405
04107 Leipzig 
Telefon (++49-341) 97-37 467
Telefax (++49-341) 97-37499
E-mail: zybatow@rz.uni-leipzig.de

Koordinatorin: Bärbel Lochner
Universität Leipzig; Zentrum für Höhere Studien
Emil-Fuchs-Str. 1, Zimmer 3.12
04105 Leipzig
Telefon (++49-341) 97-30234
E-mail:  lochner@rz.uni-leipzig.de


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