Graduiertenkolleg
"Universalität und Diversität: Sprachliche Strukturen und Prozesse"

Workshops, Kolloquien, Arbeitsgruppen: Workshops SS 2000: Ereignissemantik: Ereignissemantik und Ereignisontologie.


Stefan Engelberg

Ereignissemantik und Ereignisontologie - Immunisierungsstrategien und der empirische Gehalt von Theorien in der lexikalischen Ereignissemantik

Die Satzsemantik hat im Rahmen von relativ wohlverstanden Formalismen im Bereich von Aussagenlogik, Prädikatenlogik, Mengenlehre, etc. erklärungsstarke, empirisch anspruchsvolle Theorien hervorgebracht. Je weiter wir uns dagegen im Satz nach unten auf die Wortebene zubewegen, um so häufiger haben wir es mit Theorien zu tun, die mit einem Inventar relativ schwer zu fassender Begrifflichkeiten arbeiten (müssen), wie z.B. 'Agens', 'Patiens', 'volition', 'sentience', 'Ereignis', 'causation', die sich im Rahmen formaler Semantiken nicht unbedingt leicht explizieren lassen.

Ich werde in dem Vortrag an verschiedenen Beispielen zeigen, welche Bedingungen einfache und verbreitete lexikalische Verbrepräsentationen erfüllen müssen, um nicht ihren empirischen Gehalt zu verlieren. Diese (z.T. trivial erscheinenden) Bedingungen sind die folgenden; dabei sei angenommen, daß die meisten verbsemantischen Bedeutungsexplikationen für ein verbales Prädikat V sich in einem ereignissemantischen Rahmen als Folgerungen verschiedener Typen aus der offenen Proposition, die V bildet, formulieren lassen, z.B. KÜSSEN(e,x,y) ==> AGENS(e,x):

  1. Für die Prädikate, die in den Folgerungen auftreten (z.B. AGENS, CAUSE, VOLITION), muß klar sein, worauf sie angewendet werden (ihr logischer Typ also).
  2. Für die Prädikate, die in den Folgerungen auftreten, muß klar sein, wie sie definiert sind (ihre Wahrheitsbedingungen also).
  3. Für jede grundlegende Sorte von Argumentvariablen für Entitäten muß ein Identitätskriterium gegeben sein, das uns das Wesen dieser Sorte erschließt.
  4. Für jede gefolgerte Bedeutungskomponente von V muß klar sein, auf welchen Typ von Folgerung sie zurückgeht (Entailment, Bikonditional, Präsupposition, konventionelle Implikatur, etc.).
  5. Vermutlich muß auch klar sein, welchen epistemologischen Zugang wir für das Bestehen der gefolgerten Propositionen haben (wie wir also z.B. herausfinden, ob tatsächlich ein e stattfindet und ein x existiert, das die Eigenschaft hat, Agens von e zu sein).

Nicht immer erfüllen lexikalische Repräsentationen in ereignis-/verb-semantischen Theorien diese Forderungen (noch nörgeliger, aber präziser könnte man sagen, sie tun dies nie) und verfolgen dabei verschiedene Strategien zur Immunisierung gegen empirische Widerlegung, die ich ausführlich an Beispielen illustrieren werde, die auch zeigen, wie schwer der Verlust an empirischem Gehalt in den einzelnen Theorien sein kann:

  1. Vagheitsbedingte Immunisierung: Zentrale Begriffe werden so vage gehalten, daß gerade die Richtigkeit der Bedeutungszuweisung bei den kritischen, interessanten Fällen nicht mehr beurteilt werden kann. Dies läßt sich besonders häufig bei Linkingtheorien beobachten, denen dieses Verfahren ermöglicht, in zirkulärer Weise syntaktische und semantische Strukturen auseinander abzuleiten.
  2. Analytizitätsbedingte Immunisierung: Bestimmte semantische Einheiten, werden über analytische Festlegungen eingeführt und damit aus dem Bereich empirischer Überprüfbarkeit herausgehalten.
  3. Definitionsbedingte Immunisierung: Identitätskriterien oder Wahrheitsbedingungen zu semantischen Einheiten werden in einer Weise gegeben, daß die dadurch bezweckten Begriffserklärungen in zirkulärer Weise ins Leere laufen.

Der Vortrag ist im Wesentlichen destruktiver Natur. Er zeigt, wo verbsemantische Theorien in gutem Glauben oder aus bößem Willen in die Fallen empirischer Gehaltlosigkeit stolpern. Wie man sich meiner Ansicht nach aus diesen Fallen befreien sollte, ist dagegen eine andere Frage, auf die ich nur kursorisch am Ende des Vortrags eingehen werde. Dabei werde ich versuchen, ohne allzu explizit zu werden, den Eindruck zu erwecken, daß ich eigentlich alle zentralen Probleme der Semantik und Philosophie schon gelöst habe.


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