Graduiertenkolleg
"Universalität und Diversität: Sprachliche Strukturen und Prozesse"

Workshops, Kolloquien, Arbeitsgruppen: Workshops SS 2000: Ereignissemantik: Medium: Auswirkungen der Blockierung des Agens auf die Situationsreferenz.


Ingrid Kaufmann

Medium: Auswirkungen der Blockierung des Agens auf die Situationsreferenz

Das Medium weist in Sprachen mit Aktiv/Medium-Systemen (Fula, Altgriechisch) eine Reihe von Lesarten auf, zu denen neben reflexiven auch die dekausative und die modale Lesart (ist V-bar) gehört. Allen Lesarten ist gemeinsam, dass der im Aktiv als Subjekt realisierte Agens unrealisiert bleibt (sieht man von den reflexiven Lesarten ab, in denen er mit einem anderen Argument koreferent ist). Ich nehme an, dass für Aktiv/Mediumsysteme charakteristisch ist, dass die Eigenschaft "Kontrolleur (Initiator) der Situation" (S-Kontrolleur) zu sein, nicht notwendigerweise eine inhärente Eigenschaft des Agens sein muss. Damit besteht die Möglichkeit, alternativ ein anderes oder auch gar kein Argument als S-Kontrolleur zu bestimmen. Während im Aktiv stets der Agens als S-Kontrolleur fungiert, liegen im Medium "abweichende Kontrollverhältnisse" vor, indem der Agens nicht als S-Kontrolleur fungiert.

Ein Agens ohne S-Kontrolle geht nicht ins -Raster ein, sondern muss geeignet gebunden werden. Bei Identifizierung mit einem alternativ als S-Kontrolleur ausgezeichnetem Argument ergibt sich eine reflexive Lesart (waschen sich waschen), bei existentieller Bindung eine kausativ reflexive Lesart (rasieren sich rasieren lassen). Die dekausative und die modale Lesart kommen zustande, wenn kein anderes Argument als S-Kontrolleur ausgezeichnet ist.

Charakteristisch für die dekausative Lesart ist, dass die verursachende Teilsituation eines zugrundeliegend kausativen Verbs bei der Interpretation nicht berücksichtigt wird. Ich möchte das "Ausblenden" der entsprechenden in der Verbsemantik angelegten Bedeutungskomponente damit erfassen, dass die Argumentstruktur Auswirkungen auf die Festlegung des referentiellen Arguments hat: Das referentielle Argument kann nur solche Situationen kodieren, deren Partizipanten im -Raster durch entsprechende Argumente repräsentiert sind. Da der Agens bei fehlender S-Kontrollzuweisung nicht ins -Raster eingeht, kann er nicht Bestandteil der kodierten Situation sein.

Ich möchte dafür argumentieren, dass in Sprachen mit Aktiv/Medium-Systemen für Aktiv und Medium unabhängige Stämme vorliegen, die sich in der Festlegung des S-Kontrolleurs und, abhängig davon, in Bezug auf das -Raster unterscheiden. Die Verbwurzel verfügt lediglich über eine propositionale Repräsentation. Erst in der Repräsentation des Stammes wird diese zu einem Situationsargument, das als referentielles Argument fungiert, in Bezug gesetzt. Dabei besteht die Möglichkeit, lediglich eine Teilproposition zu berücksichtigen, sofern die Situation, die die Gesamtproposition instantiiert, nicht durch die im -Raster realisierten Argumente gestützt wird. Im Fall der dekausativen Lesart wird lediglich die verursachte Teilsituation durch das -Raster gestützt, so dass die Referenz des Verbs auf dieses Teilereignis reduziert wird. Die modale Lesart kommt zustande, wenn der Agens nicht als S-Kontrolleur ausgezeichnet ist (also die Situation nicht initiiert), die Repräsentation aber keine Teilproposition enthält, die durch eine unabhängige Situation instantiierbar ist. In diesem Fall kann keine referentielle Interpretation zustandekommen, Agens- und Situationsvariable müssen generisch gebunden werden.


home    Workshops, Kolloquien, Arbeitsgruppen    Workshops SS 2000     Ereignissemantik