Graduiertenkolleg
"Universalität und Diversität: Sprachliche Strukturen und Prozesse"

Workshops, Kolloquien, Arbeitsgruppen: Workshops SS 2000: Ereignissemantik: Komplexe ung-Nominalisierungen: Ein semantikbasierter Ansatz.


Irene Rapp

Komplexe ung-Nominalisierungen: Ein semantikbasierter Ansatz

Ich untersuche in meinem Vortrag deverbale ung-Nominalisierungen, die den Situationstyp ihres Basisverbs übernehmen. Sie besitzen häufig die gleichen thematischen Argumente wie das Verb; diese werden jedoch in anderer Weise realisiert. So erscheinen die Argumente des Verbs bei der Nominalisierung entweder wortintern (als Erstglied) oder wortextern (als prä- bzw. postnominaler Genitiv oder als PP). Mein Thema ist es, das Verhältnis von Erstglied und postnominalem Genitiv darzustellen:

Der Präsident ernennt den Kanzler.
   (i)   die Kanzlerernennung                          -> Erstglied = Akkusativobjekt
   (ii)  die Ernennung des Kanzlers                 -> Genitiv = Akkusativobjekt
   (iii) die Kanzlerernennung des Präsidenten  -> Erstglied = Akk.obj., Genitiv = Subjekt

Die Beispiele suggerieren erstens, dass das Akkusativobjekt des Verbs beim Nominallinking immer vorrangig realisiert wird (i, ii), zweitens, dass bei gleichzeitiger Besetzung beider Positionen das Erstglied dem Akkusativobjekt, der Genitiv dagegen dem Subjekt entspricht (iii). Unter dieser Perspektive wäre das Nominallinking folglich ausschließlich durch Argumentvererbungsregeln determiniert, die auf die jeweilige Realisierungsform beim Basisverb Bezug nehmen. Nun gibt es allerdings eine Reihe von Beispielen, die in eindeutiger Weise gegen diesen rein morphosyntaktischen Ansatz sprechen:

   (i')   die Dioxionbelastung                      -> Erstglied = Subjekt
   (ii')  die Bewunderung der Fans             -> Genitiv = Subjekt oder Akk.objekt
   (iii') die Alkoholgefährdung der Jugend  -> Erstglied = Subjekt, Genitiv = Akk.obj.

Ich werde die These vertreten, dass sich ein korrektes Nominalllinking nur durch die Bezugnahme auf die semantische Struktur der Nominalisierung ableiten lässt. Für das Genitivlinking spielen v.a. Ereignis- und Kausalitätsstruktur eine Rolle, für die Realisierung als Erstglied dagegen sind thematische Hierarchien relevant. Im Zentrum der Betrachtung steht die Interaktion der beiden Realisierungspositionen: Sie wird durch Argumentstrukturregeln gesteuert, die ebenfalls auf die Bedeutungsstruktur des Nomens zugreifen.


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