


Projektgruppe:
Spielplätze der Verweigerung
"Platte ist Kult". Bauten und Siedlungen der sozialistischen Moderne als Orte der Gegenkultur nach dem Systemwechsel
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Kultverdächtig? Die "Superjednostka", eine Wohnmaschine der sozialistischen Moderne im oberschlesischen Kattowitz. Im Vordergrund das Denkmal für die Schlesischen Aufständischen. Foto Arnold Bartetzky |
Kurzbeschreibung
Im Staatssozialismus boten die maroden Altbauviertel aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert Gegenräume zu systemkonformen Lebensstilen. Die meisten Bewohner – Arme, Ungebildete, Alte – lebten hier zwar unfreiwillig. Gleichzeitig waren die Altbauten aber auch das bevorzugte Domizil Intellektueller und Künstler, die sich, mehr oder weniger dezidiert, dem System verweigerten. Sie erblickten in der vernachlässigten vormodernen Architektur den Rahmen für die von ihnen gepflegten Gegen- bzw. Nischenkulturen. Dagegen galt der Einzug in eine Neubauwohnung tendenziell als ein Zeichen von Erfolg und Anpassung. Dies änderte sich grundlegend nach 1989. In demselben Maße, in dem die Altbauten nach Sanierungen an Wertschätzung in weiten Teilen der Bevölkerung und auch an ökonomischem Wert gewannen, erlebten die Bauten der sozialistischen Moderne Verfall und Pauperisierung ihrer Bewohnerschaft. Das Wohnen im Altbau wurde zum Leitbild urbanen Lebens, die einst so begehrten Plattenbauten verwandelten sich in Orte der Verlierer. Seit einigen Jahren gewinnt dieses Architekturerbe aber – zugespitzt gesagt – ausgerechnet bei jenen neue Popularität, die sich im Sozialismus vorwiegend mit Altbauten identifiziert hätten: bei Intellektuellen und Künstlern mit Affinität zu mehr oder weniger nonkonformen Lebensstilen und latent systemkritischem Anspruch. Mittlerweile gibt es nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in anderen postsozialistischen Ländern unzählige Bürgerinitiativen, die gegen die Dezimierung des Bauerbes der sozialistischen Moderne kämpfen. Künstler setzen den spröden Charme von Bauten der 1950er bis 1980er Jahre in Bildern, Videos und Installationen in Szene. Leerstehende Gebäude werden als Spielplätze für experimentelle Kunstformen wiedererweckt, Plattenbausiedlungen als potentielle Freiräume für alternative Lebensweisen diskutiert. Provokant-spielerische Losungen wie "Platte ist Kult" sind dabei Ausdruck einer Auflehnung gegen etablierte ästhetische Setzungen und Leitbilder des Lebensstils. Den von Land zu Land unterschiedlichen Ausprägungen dieses Umwertungsphänomens soll im Projekt nachgegangen werden.