Die totale Sonnenfinsternis vom 11.8.1999

Ionosphärische Messungen am Observatorium Collm

An der Außenstelle Collm (51.3°N, 13.0°E) der Universität Leipzig werden Untersuchungen zur Dynamik der Mesopausenregion im Höhenbereich von 80 - 110 km aus Messungen von Radiowellen im Langwellenbereich durchgeführt. Die Messungen erfolgen nach der sogenanten "Similar-Fade" Methode und basieren auf der Interpretation ähnlicher Feldstärkeschwankungen der in der Ionosphäre reflektierten Radiowellen an den einzelnen Empfängern eines Meßdreiecks. Wegen der Ionisation in tieferen Schichten ("D-Schicht") am Tage kann im allgemeinen nur bei Nacht gemessen werden, da die Funkwellen am Tag gedämpft werden. Eine Beschreibung der Messungen findet sich hier oder z.B. bei Kürschner und Schminder (1986) oder Jacobi et al. (1997) [Word-Dokument, 261 kB].

Während einer Sonnenfinsternis kommt es nun kurzfristig zu "Nachtverhältnissen" in der Ionosphäre, das heißt zur Rekombination des ionisierten Gases. Damit ergeben sich zwei Effekte:
 

Die Dämpfung der Radiowellen in der unteren Ionosphäre geht zurück, und damit sind Windmessungen auch am Tage möglich.

 
Der Elektronengehalt in der Ionosphäre geht zurück. Damit wird die "kritische Elektronendichte", bei der Radiowellen einer bestimmten Frequenz reflektiert werden, erst in größerer Höhe erreicht, so daß die Reflexionshöhe zunimmt.
Für die Messungen am Collm werden verschiedene Sender verwendet. Wesentlich für die Interpretation der Ergebnisse ist die geographische Lage des Refexionspunktes, das ist die Mitte zwischen dem Sender und dem Observatorium Collm. Die Sender, ihre Koordinaten und die Reflexionspunkte sind auf dieser Karte dargestellt.
Die Zone der Totalität während der Sonnenfinsternis vom 11.8.1999 ist ebenfalls auf der Karte eingezeichnet (Daten: NASA , vgl. Littmann et al., 1999). Man sieht, daß die Refexionspunkte für 162 und 75 kHz in der Totalitätszone liegen.
 


Windmessungen:

Zehlendorf , 177 kHz

 
Feldstärkemessungen:
Trim, 252 kHz
MSF, 60 kHz
Allouis, 162 kHz
HBG, 75 kHz
Senderkoordinaten

 
 

52.8°N, 13.4°E
 
 
53.6°N,  6.8°W
52.2°N,  1.2°W
41.2°N,  2.2°E
46.4°N,  6.3°E
Reflexionspunkt

 

 

52.1°N, 13.2°E
 

52.9°N,  3.4°E

52.1°N,  6.0°E
49.4°N,  7.4°E
48.9°N,  9.5°E
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Die Feldstärke, die ein Empfänger am Boden registriert, setzt sich zusammen aus dem Anteil der Bodenwelle, die sich direkt vom Sender zum Empfänger ausbreitet, und der Raumwelle, welche in der Ionosphäre reflektiert wird. Je nach Stellung der Empfangsantenne können entweder beide Wellen registriert werden und sich überlagern, oder es kann eine dieser Wellen ausgeblendet werden. Bei den Registrierungen auf 177 kHz in der folgenden Abbildung (des Registrierstreifens) ist letzteres der Fall. Hier wird nur die Raumwelle empfangen. Daher ist am Tage, wenn die Raumwelle durch die Ionisation der D-Schicht absorbiert wird, im allgemeinen kein Empfang möglich. In der Registrierung vom 11.8.1999 sieht man jedoch, daß zur Zeit der Sonnenfinsternis für etwa eine halbe Stunde die Feldstärke ansteigt. Zu dieser Zeit sind Messungen des Windes und der Reflexionshöhe möglich. Ähnliche Werte zeigten sich auch schon bei den entsprechenden Messungen zur (partiellen) Sonnenfinsternis vom15.2.1961 (Koch et al., 1961).

Registrierung der Raumwelle auf 177 kHz am 11.8.1999. Während der Sonnenfinsternis ist Funkwellenempfang, und damit auch Wind- und Höhenregistrierung möglich.


 
Wegen der allgemein relativ hohen Streuung von Windmessungen in der Mesopausenregion werden am Collm nur Halbstundenmittelwerte verwendet. Das führt dazu, daß nur ein einzelner Wert des Windes angegeben werden kann. In der Abbildung ist die zonale (positiv nach Osten gerichtet) und meridionale (positiv nach Norden gerichtet) Windgeschwindigkeit als Punkte dargestellt, zusammen mit dem 7-jährigen Mittelwert aus einer gemeinsamen Analyse mit Mittelwellenradardaten vom IAP Kühlungsborn (Schminder et al., 1997).

Zu sehen ist, daß der zonale Wert relativ gut mit dem langjährigen Mittel - welches ja eine Glättung des Profiles beinhaltet - übereinstimmt. Der Nordwind jedoch liegt weit vom langjährigen Mittelwert entfernt. Dies ist ein Beispiel für die zum Teil starke Variabilität der hochatmosphärischen Winde.

Berücksichtigt man den Einfluß der quasi 2-Tage-Welle, kann man aus den übrigen Collmer Meßdaten des Monats August den mittleren monatlichen Wind für 13 MESZ extrapolieren. In der Abbildung sind diese Werte gestrichelt dargestellt. Diese Extrapolation stimmt erstaunlich gut mit den Meßwerten überein. Dies zeigt, daß die quasi 2-Tage-Welle einen wesentlichen Anteil an der Dynamik der Hochatmospäre hat.

Auf den Frequenzen 252 kHz, 60 kHz, 162 kHz und 75 kHz wurden Feldstärkeregistrierungen aus Raum- und Bodenwelle durchgeführt. Zu erwarten war nun, daß bei einer Sonnenfinsternis durch die Rekombination die Elektronendichte abnimmt, und damit die Reflexionshöhe, d.h. diejenige Schicht, in der die "kritische" Elektronendichte zufinden ist, zunimmt. Das wiederum bedeutet, daß die Raumwelle mit zunehmender Reflexionshöhe eine längere Strecke zurücklegen muß, und dies führt durch die Überlagerung mit der Bodenwelle zu den Interferenzmustern, die in den folgenden Abbildungen der Registrierstreifen zu erkennen sind. Die Zeitangaben beziehen sich auf UT.
 


Feldstärkeregistrierung auf 252 kHz

Feldstärkeregistrierung auf 60 kHz


Feldstärkeregistrierung auf 162 kHz


Feldstärkeregistrierung auf 75 kHz

Das Interferenzmuster zeigt jeweils den Anstieg der Reflexionshöhe - wobei eine Änderung vom Minimum zu Maximum einer halben Wellenlänge entspricht - und nach der Sonnenfinsternis wieder ihr Absinken. Im Idealfall - wie auf 75 kHz - ist das Interferenzmuster genau spiegelbildlich zum Zeitpunkt des maximalen ionosphärischen Effekts.

Vergleicht man die Zeit des jeweils maximalen Effekts - in der Abbildung mit einem roten Strich markiert - mit der Zeit der maximalen Sonnenfinsternis in der Karte oben, so zeigt sich, daß die Ionosphäre sehr schnell auf die Sonnenfinsternis reagiert. Die Verzögerung beträgt in allen Fällen zwischen 5 und 10 Minuten.

Literatur:

Jacobi, Ch., R. Schminder, and D. Kürschner, 1997: Measurements of mesopause region winds over Central Europe from 1983 through 1995 at Collm, Germany. Contrib. Atmos. Phys. 70, 189 - 190

Koch, H., R. Schminder, und S. Schienbein, 1961: Registrierungen zur Sonnenfinsternis vom 15.2.1961 am Geophysikalischen Observatorium Collm.Wiss. Zeitschr. Karl-Marx-Univ. Leipzig, Math.-Naturwiss. Reihe 3, 221 - 222.

Kürschner, D., und R. Schminder, 1986: High-atmosphere wind profiles for altitudes between 90 and 110 km obtained from D1 LF measurements over Central Europe in 1983/1984. J. Atmos. Terr. Phys. 48, 447 - 453.

Littmann, M., K. Willkox, und F. Espenak, 1999: Totality. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford, 268 s.

Schminder, R., D. Kürschner, W. Singer, P. Hoffmann, D. Keuer, und J. Bremer, 1997: Representative height-time cross-sections of the upper atmosphere wind field over Central Europe 1990-1996, J. Atmos. Solar-Terr. Phys. 59, 2177 - 2184.
 

Christoph Jacobi
Institut für Meteorologie
Universität Leipzig
jacobi@rz.uni-leipzig.de
Dierk Kürschner
Institut für Geophysik und Geologie
Universität Leipzig
Observatorium Collm
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letzte Änderung: 15.10.1999