Berichte von Susanne Müller
Auszug aus dem 1. Projektbericht, September 2000
Stacheldraht, Händlerschreie, Touristenmassen, Straßenchaos,
Müllberge, Einheitsjugendkleidung, Minenstreifen, Arroganz,
Ami-Akzent, Flaggen, Staus, Gedränge, Respektlosigkeit, Anmachen,
Hitze, Autogehupe - mit dieser längeren Kurzcharakteristik,
welche sich garantiert in keinem Reiseführer wiederfindet, möchte
ich, nun nach einem halben Jahr in Israel (Dienstbeginn war am 1.März
2000), meinen ersten Projektbericht eröffnen.
Doch: Eigentlich erweckt diese Einleitung einen völlig falschen
Eindruck von meiner Sicht Israels. Ich bin diesem Land, und all den
Erfahrungen die ich bisher machen durfte, zu Dank verpflichtet.
Nachdem, was nun auch schon wieder eine Weile zurückliegt,
der große Schritt aus der heimatlichen Sicherheit und meinem
geliebten Leipzig gewagt war, entdecke ich nun mehr und mehr mich selbst,
meine Wurzeln und Werte, klarer als je zuvor. Vor allem die Nähe
zu Kunst und Musik, auch zum christlichen Glauben als Teil meiner
Persönlichkeit liegt nun offener vor mir; jetzt, wo ich mit meiner
Umgebung auch die Möglichkeit, ja den Zwang, hatte und habe
mein Leben hier neu zu definieren, neue Blickwinkel kennenzulernen
- unter der Voraussetzung mit selbst treu zu bleiben. Längst verlorengeglaubte
Werte und Erfahrungen tauchen auf, hier, wo mein kleines Leben so
anders, und doch auch wieder so ähnlich wie zu Hause verläuft.
Ein paar neue Gedanken, andere Ein- und Aussichten, vielleicht mehr Verständnis
für die Zurückgebliebenen paaren sich mit kritischer Selbstsicht
(z.B. meine Lücken im Politik- und Geschichtswissen) und lassen
mich aktiv werden, an mir, meinem Leben hier und jetzt wie auch an der
Zukunft, zu arbeiten. Diese Freiheit zeigt mit mehr und mehr auf wer ich
bin und läßt mich die Richtung meines Weges erahnen, in
erster Linie entwickelt sich ein klein wenig mehr Vertrautheit mit dem
Unbekannten (v.a. der orientalisch geprägten Kultur, sowie der des
uns fernen orthodoxen Judentums), ich trete aus der Rolle der andächtig
Staunenden heraus und entdecke neben all dem Neuen auch Gemeinsamkeiten
zu meinen eigenen Erfahrungen und Normen, bzw. habe die Möglichkeit
von dem "Fremden" zu lernen.
Dazu bietet Israel, besonders natürlich Jerusalem, unvergleichliche
Voraussetzungen. Dieses Land, in dem nicht nur so viele Religionen
(und Zweige dieser) aufeinanderprallen, sondern ebenso die westlichen
Vorstellungen, die sogenannte Moderne, auf die orientalisch geprägte
Lebensweise trifft, erlebe gerade ich als Deutsche auf eine ganz
besondere Art und Weise.
Mir streckt sich Israel sehr offen, Deutschland gegenüber,
entgegen. Trotz all der Faktoren, welche sich gegen einen normalisierten
Umgang mit dem jüdisch-deutschen Dialog stellen, verwundert mich immer
wieder die Offenheit mit der uns gerade Holocaust-Überlebende von
ihren Erfahrungen und denen ihrer Familie berichten.
Um auch den Jugendlichen, welche oft mit einem negativen Deutschlandbild
aufwachsen und keinen Kontakt zu Deutschen haben zu zeigen, daß
auch unsere Entwicklung nicht stehengeblieben ist, daß wir
Jugendlichen mit der Geschichte nicht mehr direkt in Verbindung stehen
und auch wir nur Menschen sind, mit Träumen, Wünschen und
Problemen wie sie, arbeitet ASF-Israel momentan verstärkt daran, uns
Freiwillige in Schulklassen zu senden um dort von uns und "unserem" Deutschland
heute zu erzählen - und natürlich auch für Fragen
und Diskussionen offen zu sein.
Dieser Projektbericht ist nun an einem Punkt angelangt, wo ich
von einem ganz anderen Start berichten will, und zwar vom Beginn
meiner Dienstzeit, von den Vorbereitungs- und Orientierungsseminaren in
Berlin und Jerusalem und dem sich anschließendem Sprachkurs. Die
erste Woche meiner Freiwilligenzeit verbrachte ich, zusammen mit all den
anderen ca. 60 Freiwilligen, welche sich anschließend auf die
Länder Belgien, Niederlande, GB, Norwegen, Polen, Tschechei,
Rußland, Weißrußland, Deutschland, Frankreich und natürlich
Israel verteilten in Berlin, im Jagdschloß Glienicke. Dort
nahmen uns vor allem die Länder- und Projektarbeitsgruppen die Angst
vor all dem Neuen.
Die Projektarbeitsgruppe (PAG), in welche ich mich eingetragen
hatte, nannte sich "Psysisch Kranke und geistig Behinderte", entsprach
also genau dem Arbeitsbereich in welchem ich jetzt im Reut Hostel arbeite.
Neben hilfreichen Rollen- und Lockerungsspielen beschäftigten wir
uns mit theoretischen Dingen, unsere Arbeit betreffend, z.B. "Was
ist eigentlich Autismus?". Die Tage, welche wir im "Haus der Wannseekonferenz"
verbrachten, standen dann mehr unter dem Thema des Umgangs mit Behinderten
zur NS-Zeit, Zwangssterilisation, Euthanasie. Zum vielseitigen Programm
des Vorbereitungsseminares gehörten auch Diskussionen über Ziele
und Programm von ASF, was einen Besuch des Büros in der Auguststraße
einschloß.
Doch damit war es dann auch schon zu Ende, denn am 8.März
um 12:30 Uhr erwartete uns am Flughafen Berlin-Tegel endlich das
Flugzeug Richtung Tel Aviv. Nach Empfang mit Obstsaft und Keksen am
Flughafen ging es in den "Sherut" genannten Sammeltaxis in unsere Länderzentrale,
das "Beit Ben Jehuda-Haus Pax" im Jerusalemer Stadtteil Talpioth.
Dort erwarteten uns Freiwillige welche schon seit - Jahr hier arbeiteten,
ein üppiges Buffet und der unbeschreiblich faszinierende Blick von
der "HaasPromenade" über das nächtliche Jerusalem. Doch zu diesem
schönen Anblick gesellte sich der Gedanke an das "Zriff" (dt.:
Baracke) hinter dem Haus Pax, in welchem wir, die wir uns noch so fremd
waren, nun die nächsten 1 3/4 Monate verbringen sollten. Das
nun folgende Orientierungsseminar stellte sich als eine vielseitige und
lehrreiche Mischung aus Vortr ägen und Eindrücken zur aktuellen
politischen Situation, Shoa-Erlebnissberichte, neuem Wissen über
das Judentum, Einführung in die Projektarbeit, ersten Jerusalem- und
Israeleindrücken heraus. Vor allem ersterer Unterpunkt war stark
ausgeprägt, warf durch all die unterschiedlichen Sichtweisen aber
auch zahlreiche Fragen auf. Wir hörten Vorträge von Dr.
Jörg Bremer (Korrespondent der FAZ), besuchten die (palästinensische)
Familie von Margaret Kirreh, erfuhren über die israelische Friedensbewegung
und die Situation der Palästinenser in den Autonomiegebieten
(in der "Abrahamsherberge" in Beit Jalla). Speziell zur Jerusalemfrage
("Heilige Stadt der Juden, Christen und Moslems") sprach Dr. Michael Krupp.
Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß dieses gehalt-
und wertvolle Seminar mir sehr half einen ersten Eindruck von Land,
Politik und Religion zu bekommen, und mich mit neuem Wissen, abseits der
Lehrbücher, versorgt hat.
Direkt an das Orientierungsseminar schloß sich der einmonatige
Sprachkurs an (ab 22. März). Unsere lebendige Lehrerin "Ruthi"
schaffte es mit ihren (zionistischen) Liedern, Abraham-und-Sarah-Dialogen,
pantomimischen Darstellungsversuchen, morgendlichen "Boker tov" (Guten
Morgen) und "Jofi!" (Schö n!)-Rufen die ersten Hürden zu nehmen.
So gut wie halt in vier Wochen möglich lehrte sie uns sowohl
Lesen wie auch buntgemischte Vokabeln für alle Lebenslagen. Das dies
nicht wirklich ausreicht stellte ich dann auf Arbeit ziemlich schnell fest,
gerade mit psysisch Kranken spielt die Sprache doch schon eine extrem
wichtige Rolle und kann sich nicht nur auf Themenbereiche wie Essen,
Kleidung, Körperteile und Farben beschränken, deshalb besuche
ich jetzt seit Mitte Juli einen weiterführenden Ulpan ("Hebrew
Summer Ulpan" am Hebrew Union College) um grammatische Probleme zu
beseitigen und natürlich meinen Wortschatz zu erweitern.
Zurück zur chronologischen Reihenfolge: Nach Ruthis Sprachkurs
und dem unumgänglichen Abschlußfest zogen Katharina (ebenfalls
aus Leipzig!) und ich in unsere WG in Kiriat HaYovel (Stadtteil im
Südwesten Jerusalems), die wir mit Robert aus der älteren Gruppe
teilen.
Doch nun endlich zum Eigentlichen meines Berichtes, den Projekten
an sich. Meine Arbeitszeit teilt sich auf in 30 Wochenstunden "Reut
Hostel" (Wohnheim für psysisch Kranke) und 10 Wochenstunden "Israel
Interfaith Association" (jüdisch-christlich-moslemisches Verständigungsprojekt).
Das Reut Hostel, im westlichen Stadtteil Kiriat Menachem, wurde
1997 gegründet und beherbergt heute 14 Bewohner. Es bietet eine
Langzeitunterkunft für psysisch kranke Menschen, welche vorher in
großen psychiatrischen Anstalten untergebracht waren.
Das Reut Hostel soll die Heimstätte der Bewohner sein und
bleiben, das heißt sie treffen Entscheidungen weitgehend allein
und sind für den Erhalt des Hostels verantwortlich (z.B. kochen, Menüplanung,
putzen, einkaufen). Schon bei meinem ersten Projektbesuch, damals
während des Orientierungsseminares, fiel mir die warme, familiäre
Atmosphäre auf, die hier herrscht. Das Reut Hostel untersteht einer
Dachorganisation, der "Israel Fellowship for Community Mental Health"
(diese wiederum ist dem "Richmond Fellowship International" angegliedert),
welche neben "meinem" Hostel auch noch ein zweites Haus ("Reutenu")
in Jerusalem, ein Langzeitheim für ältere Bewohner, verschiedene
Rehabilitations-, Arbeits- und Fortbildungsprogramme und betreute Wohnungen
unterhält. Zum Personal gehört eine Chefin, zwei Sozialarbeiter
(und Ratgeber), eine Hausmutter sowie fünf Freiwillige.
Ich selber nehme unter den Freiwilligen eine Sonderrolle ein,
was zum einen an der Sprache, zum anderen an dem wenigen Gehalt und
der Urlaubsregelung liegt. Außerdem bin ich mir immer noch nicht
klar, welche Anforderungen und Erwartungen eigentlich an mich gestellt
und in mich gesetzt werden, was die Mitarbeiter denken, wenn ich
mal wieder nur stumm danebensitze und zugucke, auch jetzt, nachdem
meine Einarbeitungszeit längst vorbei ist. Vor allem bei Dalia bin
ich mir oft unsicher, ob ich ihren hohen Ansprüchen entsprechen
handle - manchmal lobt sie mich allzu überschwenglich und bürdet
mir alle mö gliche Arbeit auf, dann wieder habe ich das Gefühl
von ihr ignoriert und nicht ernst genommen zu werden.
Dennoch lassen sich meine Aufgabenbereiche recht gut definieren:
Diese liegen hauptsächlich in der Freizeitgestaltung und -begleitung
der Bewohner. Körperpflege betreiben sie alleine, nur einige müssen
gelegentlich darauf hingewiesen werden. Ich bin ebenfalls anwesend um den
Bewohnern unter die Arme zu greifen wenn Hilfe nötig ist. Das
betrifft z.B. Zimmerreinigungen, Bett beziehen, Wäsche aufhängen,
aber auch Begleitung in die Stadt zum Arzt, Einkaufen, etc. Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß ich die Arbeit im Reut Hostel genieße
und meine Anwesenheit als sinnvoll empfinde. Die Bewohnerschaft läßt
mich durch ihr Vertrauen und Interesse spüren, daß sie
froh sind mich hier zu haben, die neugierigen Blicke, Gespräche und
Fragen die mich begleiten möchte ich nicht mehr missen. Ich
empfinde es auch als sinnvolles Projekt für ASF, nicht nur aufgrund
des Gedankens an den Umgang mit psysisch Kranken zur NS-Zeit, sondern
ebenso weil sich mit den Bewohnern und Mitarbeitern des ö fteren Gespräche
über die Geschichte und das Deutschland heute entspinnen, nicht zuletzt
weil einige Bewohner oder deren Familien, herkunftsbedingt, eigene
Erfahrungen "beisteuern" und beide Seiten lernen können aufgeschlossener
miteinander und der Situation, daß ich hier als Deutsche in Israel
arbeite, umzugehen.
Mein zweites Projekt nennt sich "Israel Interfaith Association
(IIA)", Anfang der 50er Jahre gegründet als "Israel Interfaith
Committee" "Interfaith" läßt sich grob mit "religionsübergreifend"
übersetzen, es geht hier um die Beziehungen zwischen verschiedenen
Religionen, Konfessionen und Denominationen. Das bedeutet auch: Beziehungen
zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Kulturen und Völkern.
Als Gründungsmitglieder seien an dieser Stelle nur Martin
Buber, Zalman Shazar und Hugo Bergmann genannt, als weitere Mitglieder,
welche die IIA weitreichend geprägt haben, möchte ich Prof. Zwi
Werblowski (als Präsident der Organisation), Prof. Zeev Falk (Präsident)
und Josef Immanuel (Generalsekretär) erwähnen. In den 70er
Jahren änderte sich der Name in "Israel Interfaith Association", weil
die Organisation längst kein Komitee mehr war, sondern eine
weitverzweigte Mitgliederorganisation mit verschiedenen Zweiggruppen
im ganzen Land. Im Gegensatz zur Anfangszeit, wo die Arbeit sich hauptsächlich
auf den Empfang religiöser Gruppen aus dem Ausland und erste
Kontakte zu inländischen Gruppen beschränkte, liegt heute
der Schwerpunkt auf der Arbeit mit verschiedenen Religionsgruppen im Land
selber. Rings um die 70er Jahre übernahm die IIA auch Funktionen,
die dem Staat wichtig waren (z.B. seit 1973 Seminare mit afrikanischem
Klerus, ebensolche mit Spanien, mit dem damals keine diplomatischen Beziehungen
bestanden).
Die IIA ist politisch nicht festgelegt, ihr gehören Menschen
aller politischen Schattierungen an, es besteht jedoch Einigkeit
darüber, daß der Frieden eines der höchsten Ideale der
Religionen ist. Seminare, Arbeitsgemeinschaften, Exkursionen und
Vorträge, die dieses Thema zum Inhalt haben, nahmen immer einen
sehr wichtigen Teil der Arbeit der Israel Interfaith Association ein.
Heute bemüht sich die IIA vor allem um die jüdisch-arabische
(moslemisch und christlich) Annäherung und arbeitet zu diesem
Zweck mit führenden palästinensischen interreligiösen Gesellschaften
(wie beispielsweise "El Liqa" und "Peace Center for the Study of
Islam and Dialogue") zusammen. Gemeinsam mit diesen, und auch in
Zusammenarbeit mit anderen Sponsoren wie etwa der "Konrad Adenauer
Stiftung", werden in unregelmäßigen Abständen Seminare
und Treffen angeboten (Themen z.B.: "Islamisches Jerusalem", "Judaismus
und Hinduismus"). Damit spricht IIA alle am interreligiösen Austausch
interessierten Gruppen an, die Mitgliederzahl beträgt momentan
etwas mehr als 1000, welche an die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens
glauben und die Religion nicht als Störfaktor, sondern als verbindendes
Element ansehen.
Ich selber, mit dem Hintergrund einer westlich aufgewachsenen
protestantischen Christin, dazu in der Sonderrolle einer Deutschen
im (jüdischen) Israel, verbringe die meiste Interfaith-Arbeitszeit,
gemeinsam mit der Sekretärin Hanna, einer orthodox aufgewachsenen
Jüdin, welche darin aber keinen Widerspruch zum interreligiösen
Dialog sieht und rege Kontakte zu Angehörigen "fremder" Religionen
pflegt, im Büro in der King David Straße. Meine Aufgaben
im Büro, welches mir Hanna vertrauensvoll auch während ihrer
Abwesenheit überläßt, bestehen hauptsächlich
aus Anfertigung von Kopien, Versenden von Informationen oder Mitgliedskarten
mit zugehörigen Quittungen, Beantworten von telefonischen und schriftlichen
Anfragen, Gänge zur Bank und Post, gelegentlich auch zu israelischen
ämtern sowie das Fax-Versenden und Telefonaten mit Hotels, Zeitungen,
vortraghaltenden Menschen oder Seminarteilnehmern. Dies klingt vielleicht
nicht gerade spannend, erscheint mir jedoch als nötige Arbeit,
die ich den anderen abnehme und damit die IIA ein Stück mittrage
und weiterbringe.
Mein zweiter Arbeitsbereich ist die Beschäftigung im IIA-Archiv.
Dieses, an der Grenze zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegen, beinhaltet
(beinahe) sämtlichen Briefverkehr, Einladungen, Vortragsnotizen
u.a. Korrespondenz sowie Veröffentlichungen aus der Geschichte von
Interfaith. Meine Aufgabe besteht hier darin, in die nur grob geordneten
Ordner ein System zu bringen und eine Inhaltsangabe im Computer zu
speichern, um das Archiv zur öffentlichen Benutzung "klar Schiff"
zu machen. Diesen Bereich erledige ich weitgehend im Alleingang,
meist zu Hause, wohin ich die Ordner mitnehmen darf. Dazu ist allerdings
zu sagen, daß ich bisher kaum Zeit für diese Aufgabe erübrigen
konnte, weil es mit den anderen Bereichen genügend zu tun gab.
Doch das ändert sich wahrscheinlich demnächst, denn
die dritte große Aufgabe, welche an mich gestellt war, ist
nun weitgehend abgeschlossen. Diese bestand darin, für den Geschäftsführer
und Direktor des Sekretariates, Yehuda Stolov (ebenfalls ein jüdischer
Mitarbeiter), eine e-mail-Liste aus sämtlichen vorhandenen Adresslisten
zu erarbeiten und auf Diskette zu speichern. Eine Arbeit, welche oft nä
chtelange Computersitzungen beinhaltetet. Yehuda hat nun die Möglichkeit,
Informationen über IIA schneller (und billiger) zu versenden
als dies vorher auf dem Postweg geschah. Nebenbei bemerkt arbeitet
er auch gerade an einer Info-Seite im Internet, welche demnächst fertiggestellt
werden wird, die Adresse ist: www.israel-interfaith.org.il Den letzten
meiner Arbeitsbereiche erledige ich nach Anleitung von Dr. Michael Krupp:
die "Religionen in Israel" (Texte übersetzen, Korrektur lesen,
versenden, redaktionelle Mitarbeit) Im September, genauer gesagt am Wochenende
22./23.9.2000, findet in Bethlehem ein Seminar zum Thema "Prophetie
im Judentum, Christentum und Islam" statt. Dieses, das erste interreligiöse
Seminar nach der Sommerpause, wird auch das erste sein an welchem
ich persönlich teilnehme. Weitere hervorstechende "Aktionen" waren
der Besuch (gleich zu Beginn meiner Arbeitszeit) bei der Konrad-Adenauer-Stiftung
und ein Infostand an der Universität auf dem Scopus-Berg auf der Suche
nach Volontären für den Foundraising-Bereich.
Insgesamt läßt sich sagen, daß ich, die ich
mich mit den Zielen und Vorstellungen der "Israel Interfaith Association"
weitgehend definiere, sehr gerne am Versuch deren Verwirklichung mitarbeite
und mich (auch mit meinen eigenen Interessen) dort willkommen fühle.
Unter anderem durch die Möglichkeit, meine Arbeitszeiten und
Aufgabengebiete selbst zu wählen, ermöglicht mir IIA eine Menge
neuer Erfahrungen und Einblicke in die Vielfältigkeit des (interreligiösen)
Bereiches der Verständigung.
Vor Abschluß meines ersten Projektberichtes möchte ich noch
auf einige spezielle Aspekte der ASF-Israel zu sprechen kommen. Zuerst
wäre da natürlich unser Länderbeauftragter Martin ("Tinus")
Lempp, seit Anfang des Jahres 1999 in dieser Position. Er, 45 Jahre
alt, lebt mit seiner Frau Gabi nun für vier Jahre (bis 2002) hier
in Israel, hat seine 3 Kinder in Deutschland zurückgelassen
(Schwäbische Alb). Beide waren schon vor 25 Jahren Israelfreiwillige,
in Kfar Schwedi (geistig Behinderte). Nach seiner Freiwilligenzeit arbeitete
Tinus fast 20 Jahre als Sozialpädagoge in Deutschland, nun kommen
ihm diese Erfahrungen bei der Betreuung von uns Freiwilligen sowie
der Organisation von Seminaren, der Neufindung und Aufrechterhaltung von
Projekten und Wohnungen - bis auf einige Schwierigkeiten, welche
nun jedoch überwunden sein dürften und auf die ich hier
nicht weiter eingehen will, gelingt ihm das auch. Die zweite Person, die
für uns verantwortlich ist (v.a. für den finanziellen Bereich),
ist Ingrid Selba.
Ein weiteres Thema ist die Besonderheit der Arbeitstreffen in
Israel. Bedingt durch die territorial geringe Ausdehnung des Landes
ist es möglich, relevante Fragen die Arbeit, Wohnsituation oder andere
Probleme betreffend auf diesen direkt anzusprechen und zu diskutieren,
statt sich über den Umweg "Freiwilligensprecher" (wie in allen
anderen Ländern) um eine Lösung zu bemühen. Bisher fand
wä hrend meiner Dienstzeit erst ein solches Arbeitstreffen statt (6.4.2000,
gemeinsam mit dem damals sich gerade in Israel befindenden ASF-Geschäftsführer
C. Staffa); das zweite am 5.7. wurde im Einvernehmen mit uns Freiwilligen
abgesagt, das nächste Arbeitstreffen soll am 28.9. stattfinden.
Vom 30.6. bis zum 7.7.2000 fand unser erstes Länderseminar
(nach den Orientierungstagen) statt. Diese, unter dem Thema "Nationalismus
und Staat" nur grob charakterisierbare, nach einigen Vorbereitungsschwierigkeiten
und Vortragserarbeitungsstreß doch recht erfolgreich verlaufene,
vielseitige und lehrreiche Woche beinhaltete verschiedenste Vorträge
und Diskussionen zu den folgenden Themen: Nationalbewegungen, Definitionen
von Staat und Nation, verschiedenste Staatsformen des Nahen Ostens,
Totalitarismus- und Faschismustheorien, Geschichtsrevisionismus und
"Frau und Staat". Zum Abschluß des Seminars besuchten wir das Zionistische
Zentralarchiv in Jerusalem und waren begeistert, erstaunt, fasziniert
von all den Dokumenten aus der Anfangszeit des Staates.
Für die Zukunft, außer der weiteren Prägung meiner
Eindrücke von Land und Gesellschaft, besseren Sprachkenntnissen
und Persönlichkeitsbildung, erhoffe ich mir im Hinblick auf die Projekte
bei Interfaith eine verstärkte Teilnahme an Seminaren und der
Jugendgruppe, im Reut Hostel mehr Akzeptanz und verst ärkte Einbringung
durch die Mitarbeiter und in das allgemeine Hostelleben.
Ich wünsche euch allen einen schönen Spätsommer
(und Herbst), in der Hoffnung ihr hattet Freude am ausführlichen
Bericht meines Lebens hier, ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Auszug aus dem 2. Projektbericht, Februar 2001
Am Anfang:
Noch zur Tür gewendet, Fuß über Kopf lesen lernen
mit den Fingern in die Farben der Orte auf der Wegekarte tauchen.
Erst viel später wird deine Sprache meine Sprache. ...im
Übersetzen... an fremder Küste gelandet ein hastiger Querläufer,
bis zum Ende meines Jahres.
Mit diesem Kafka-Zitat möchte ich meinen zweiten Projektbericht
aus Israel, von ASF mit dem roten Faden "Wo bin ich?" überschrieben,
eröffnen. Die vorliegenden Seiten umfassen in etwa die Zeit von
September 2000 bis Februar 2001 - in welcher mich, nachdem ich glücklich
das Datum der Halbzeit und die damit verbundene Frage, ob das "Glas
nun halbvoll oder halbleer sei", überwunden habe, völlig andere
Gedankenbereiche bewegten als in den ersten Monaten. Wurde ich meinen Ansprüchen
und Erwartungen, denen von ASF und meiner Projekte, gerecht? Welche
Ziele verbinde ich mit meinem Freiwilligendienst, welche davon konnte ich
bereits verwirklichen, welche mußte ich aufgeben, was will
ich in der verbliebenen Zeit noch erreichen?
Am 8. März, genau ein Jahr nach uns, werden nun "die Neuen"
Israels Boden betreten. Zehn Freiwillige, die sicherlich viele Erwartungen
mitbringen, sich gut vorbereitet haben. Einiges davon wird sich erfüllen,
noch mehr übertroffen werden, anderes muß man wohl schon bald
"begraben" - genauso wie bei uns "Langzeit-Volontären". Blicke
ich auf die Zeit vor einem Jahr zurück, so muß ich teilweise
etwas schmunzeln. Welche Vorstellungen hatte ich im Kopf, welche
Pläne geschmiedet! Und dann wurde alles genau so und doch ganz
anders... Meine Vorbereitungen bedürfen ständiger Nachbereitung
- und das verlangt immer wieder ein hohes Maß an Offenheit
und Kompromißbereitschaft. Ebenfalls ein Lernprozeß!
Im Reut Hostel kehrte nach dem Sommertrip nach Rhodos (3.9.-7.9.)
lange keine Ruhe ein, gerade weil ich nicht daran teilnehmen konnte,
überfielen mich die Bewohner geradezu mit Erzählungen, Fotos
und mitgebrachten Gegenständen. Doch auch dieses Dauerthema
legte sich irgendwann zur Ruhe, schließlich gab es genügend
andere Ereignisse, im Rückblick "Highlights" genannt, über
die zu erzählen lohnt.
Da wäre zum Beispiel die gründliche Renovierung des
Hostels an sich zu nennen, welche von malern, über neue Türen
und Fenster, bis zur Neuanlegung des Gartens reichte. Im Dezember begleiteten
uns zwei (russische) Ernährungsberater, Victor und Giola, welche einiges
im Di ät- und Gesundheitsbewußtsein unserer Bewohner bewegen
konnten.
Weiterer Alltagsablenker war der Ausflug in den "Zapari-Vogelpark"
bei Tel Aviv am 19. Oktober, wo wir eine Vogelshow miterleben konnten,
und sehr zur Freude der (erstaunlich mutigen und unerschrockenen)
"diarim" (Bewohner) selbst Papageien, Schlangen und allerlei anderes Getier
halten und z.T. füttern durften.
Im Dezember, am 27.12., fand eine große Chanukka-Party,
gemeinsam mit dem Partnerhostel "Reutenu", statt. Neben dem Buffet
und den "Sufganiot" ("Berliner", Pfannkuchen, Krapfen oder wie auch immer
genannt) boten wir ein volles Programm: Gruppenspiele und -wettbewerbe,
Vortragen von Gedichten und Liedern, Musikanten u.v.m.
Überhaupt versuchen wir momentan die Kontakte zu anderen
Hosteln auszubauen und
überregionale" Gruppen und Veranstaltungen aufzubauen - Computerkurse,
Musikschulen, Wanderausflüge u.ä. werden (zum Teil) von
"unseren" Bewohnern begeistert genutzt, auch um sich neben dem Hostel Freundschaften
aufzubauen oder zu vertiefen.
Für uns Mitarbeiter gab es ebenfalls eine änderung
in dieser Richtung: Die sonntäglichen Mitarbeitertreffen wurden
um einmal monatliche Zusammenkunft mit dem "staff" des "Reutenu"
erweitert, eine gute Möglichkeit, um auf breiterer Ebene Informationen
auszutauschen und Probleme zu erörtern. Außerdem lernt
man auf diese Weise auch die Arbeitsweisen und Zielsetzungen der anderen
kennen, wodurch mir sehr deutlich wurde, daß unser Hostel,
und all unsere Versuche zur Integration der Patienten, in Israel
noch eine wahre Seltenheit und eines der fortschrittlichsten und positivsten
Alternativen darstellt - diese "Erkenntnis" wird sicherlich bei dem
erneuten Besuch in der geschlossen psychiatrischen Anstalt in Kfar
Shaul, welchen wir für unser nächstes gemeinsames Treffen geplant
haben, erneut bestätigt werden. Auch für mich selbst hat sich
der Arbeitsalltag im Reut Hostel etwas gewandelt. Neben der Tatsache, daß
ich nun relativ oft völlig allein arbeite, spüre ich auch an
anderen Stellen, wie mir mehr Vertrauen entgegengebracht wird - ich
bin nicht mehr die fremde, neue Volontärin aus Deutschland! Besonders
anspruchsvoll ist meine Aufgabe eine Art "Leiterin" für Noam und Sergio
zu sein. Was bei Sergio recht einfach ist - er erwartet nicht viel
mehr von mir als ihm freundlich gegenüberzutreten, auf seine
Fragen und Wünsche einzugehen und ihm etwas Deutsch beizubringen,
weggehen würde er nur wenn ich irgendwo einen rumänischen
Kinofilm ausfindig machen würde...
Noam ist da schon schwieriger, neben alltäglichen Schwierigkeiten
wie Wäsche waschen, Zimmer aufrä umen und an Körperpflege
und Kleidungswechsel zu erinnern, stürmte er mit tausend Vorschlägen
zur Freizeitbeschäftigung auf mich ein. So besuchte ich in letzter
Zeit mit ihm die Bezalel-Kunstschule und die "Dada und Surrealismus"-Ausstellung
im Israelmuseum, eine Reise nach Massada und ans Mittelmeer stehen
demnächst an!
Noam, und natürlich auch viele andere Bewohner, sind genauso
erfreut wie ich, daß ich im Oktober endlich meine lange geplante
Kunstgruppe ins Leben rufen konnte. So sitzen wir nun einmal in der
Woche, meist Sonntags, für 1/2 bis 1 Stunde, zusammen, basteln, malen,
zeichnen zu den verschiedensten Aufgabenstellungen und Ideen. Teilweise
beschäftigen wir uns mit einer aktuellen Begebenheit, z.B. einem
Ausflug, der Tagespolitik, der Jahreszeit oder ähnlichem, ich erzähle
eine Geschichte (1.Versuch: "Kalif Storch" von Wilhelm Hauff in hebräisch),
wir gestalten zu Musik oder lassen uns anderweitig anregen. immer
fortschrittlicheren Ergebnissen geführt hat. Die Gruppe dient v.a.
dazu, die enorme Phantasie und Freude am Gestalten ausleben zu können.
Als abschließende Worte bezüglich des Reut Hostels
möchte ich einen Wortwechsel im Hostel wiedergeben, über
den sich wohl etwas nachzugrübeln lohnt... Schulamit erzählte
vom Besuch ihres Vaters in der Tschechei. Plötzlich stockte sie mitten
im Satz, weil ihr der Name der Stadt, in welcher ihr Vater sich aufgehalten
hatte, entfallen war. Sie grübelte: "Wie heißt denn nur
dieser Ort?" - Orit (Sozialarbeiterin!) wollte ihr zu Hilfe kommen, und
meinte: "Auschwitz!". Darauf Schulamit: "Nein, nein, diese große
Stadt!". Orit: "Vielleicht Buchenwald - oder was gibts denn da noch?"
Letztendlich fand Schula die Auflösung selbst wieder, sie hatte Prag
gemeint... - erklärende Worte nötig?
Von Interfaith gibt es eine Kündigung zu berichten: Hanna, unsere
langjährige, und mit vollem Herzen im interreliösen Dialog
verankerte, Sekretärin, hat ihren Posten verlassen. Ihre Aufgaben
liegen nun in der Hand von uns Volontären - und dieser Satz
deutet damit auch auf unsere "Vermehrung" hin. Neben mir arbeiten
nun Judith Haar und David Schnell bei uns.
Kurz vor Ausbruch der "AlAqsa-Intifada" konnten wir ein, damals
recht erfolgversprechendes, Seminar in Bethlehem erleben. Vom 22.-23.
September fand dieses, in Zusammenarbeit mit dem "Al Liqa Center",
einer Dialoggruppe von Christen und Juden, zum Thema der Versöhnung
in den drei Religionen statt. Etwa 90 Teilnehmer aus ganz Israel
und der Westbank versammelten sich im Shepherd-Hotel und lauschten
dem orthodoxen Rabbiner Mordechai Gafni, dem griechisch-katholischen Erzbischof
Lutfi Laham und dem moslemischen Rechtsanwalt Ali Rafi, welche jeweils
aus ihrer Perspektive in das Thema einführten. Auch kleinere
Arbeitsgruppen zum Thema, ein jüdisches Freitagsgebet sowie ein christliches
und moslemisches Gebet, trugen dazu bei, die Forderung "deinen Gott in
meinem Gott zu sehen" in Ansä tzen anzupacken.
Als allererste Aktivität nach Ausbruch der Gewalttätigkeiten
wurde am 24./25.11. ein Seminar in Haifa abgehalten. Aufgrund der
aktuellen Politik stand es unter dem Motto "Jetzt ist es an der Zeit für
Juden, Christen und Moslems miteinander zu reden", was etwa 120 Vertreter
der drei Religionen zusammenkommen ließ um über die Rolle
der Religion im gegenwärtigen Konflikt zu sprechen. Gesponsert
wurde das ganze von der Konrad Adenauer Stiftung in Israel, was viele deutsche
Teilnehmer mit sich brachte.
Es wurde mehrmals die Wichtigkeit einer solchen Konferenz betont,
gerade jetzt, nachdem die Politiker schon nicht mehr miteinander
sprechen. Als Hauptredner seien an dieser Stelle der Oberrabbiner von
Ramat Gan, Jitzhak Bardea ("Der Messias kommt nicht mit Gewehren"), Scheikh
Uda Muhammed Sharif, Albert Lincoln (Bahai-Religion) und Paulus Marcuzo
(Bischof von Nazareth, "Christen spielen im derzeitigen Konflikt
eher eine Zuschauerrolle, der Papst ist aber an der Lösung mit ganzem
Herzen beteiligt") genannt.
Die Atmosphäre auf der Konferenz war nicht immer leicht,
was besonders bei den aufeinanderprallenden Standpunkten in den einzelnen
Arbeitsgruppen zum Ausdruck kam. So war es für eine Teilnehmerin aus
Beit Jalla, welches seit Monaten im Kreuzfeuer mit dem jüdischen Nachbarn
Gilo liegt, schwer zu hören, wenn ihr rechts eingestellte Israelis,
welche die Siedlerseite vertraten, sagten, man könne mit dem
Einmarsch von Panzern für Ruhe in Beit Jalla sorgen...
Meine eigenen Aufgaben bei IIA drehten sich weiterhin um reguläre
Büroarbeit; in letzter Zeit jedoch auch mehr und mehr um die
Mitarbeit an der "Religionen in Israel"-Zeitschrift, wo ich an den Heften
3/400 (Thema: Papstbesuch) und am ersten Heft im Jahre 2001 (Thema: Tempelberg,
AlAqusa) jeweils durch verschiedene Texteübersetzungen mithalf,
Korrektur las und an der sonstigen Konzeption beteiligt sein konnte.
Dies wird sich nun auch im Heft 2-01, welches ich gemeinsam mit David zum
Thema einer vergangenen Nazareth-Konferenz (Millenium) erarbeite,
fortsetzen.
Ein neuer Aufgabenbereich schien sich zu bieten, als Hanna im
September Judith und mir recht unerwartet sagte: "Ja, nun baut mal
eine neue Jugendgruppe auf!" Geplant war das erste Treffen für Ende
Oktober, wurde dann allerdings aus aktualpolitischen Gründen
in den Dezember verschoben - mit dem "Erfolg" von 4 gekommenen "Außerinterfaithlern"...
Momentan steckt v.a. Judith in persönlichen kleineren Begegnungen
und Gesprächen, in der Hoffnung bis zum nächsten Termin ein paar
mehr Interessenten heranzuziehen!
Womit ich denn nun auch "endlich" beim Dauerthema Nr. 1, der
sogenannten "AlAqsa-Intifada" angelangt bin... Ich möchte hier
nicht näher auf die politischen Hintergründe und letzten Ereignisse
eingehen, ich denke dies hat jeder wenigstens grob in den deutschen
Medien verfolgen können.
Abgesehen von der psychischen Belastung, welche die täglichen
Nachrichten, der spürbare Haß und die verhärteten
Meinungen auf beiden Seiten nach sich ziehen (das Schlimmste ist halt doch
die Aussichtslosigkeit der ganzen Situation, egal ob in hohen politischen
Lagen oder im "gemeinen Volk" - lange genährt und nun zum Ausbruch
gekommen), sehe ich keine Gefahr für mich selbst. Ich bin im
Alltag zwar eingeschränkt, es gibt verschiedenste Orte die man meiden
sollte (auch innerhalb Jerusalems), so nach dem Motto "Darf ich denn
heute in die Altstadt?" oder "Kann das Konzert in Bethlehem stattfinden?",
in meinem täglichen Umfeld kann ich mich dennoch sicher bewegen.
Was natürlich nicht hindert, sich so seine Gedanken zu machen...
Ignorieren läßt sich der Konflikt jedenfalls nicht - auch
wenn man sich nicht wie ^=Elias" (Robert) plötzlich direkt unter Steinwerferfronten
wiederfindet. Soldaten in Reih und Glied an jeder Straßenecke, Bombendrohungen,
gesperrter Zugang zum Tempelberg und Felsendom (kurz vorher noch
dort gewesen), Streiks in arabischen Geschäften (billigste Einkaufsmöglichkeit...),
Straßensperrungen fallen sofort ins Auge. In das wunderschöne
Jericho, nach Nablus und Ramallah sollte man besser nicht fahren - Orte
wo ich mich vorher, ohne darüber nachzudenken, öfter mal
aufhielt. Und die Helicopter und Schußgeräusche aus Richtung
Gilo, aus dem Wohnzimmerfenster zu hören...
Dazu kommt die ständige Stimmungsschwankung zwischen Verunsicherung
(der Salon im Hostel füllt sich sichtbar während der Nachrichten,
im Bus halten in diesen Minuten alle den Atem an...), Aggressivit ät,
Gleichgültigkeit und Angst (z.B. trauen sich meine Mitarbeiter nicht
mehr in die Innenstadt oder Linienbusse, weshalb sämtliche damit
verbundene Aufgaben an mich abfallen). Unter diesen Reaktionen ist
wahrscheinlich die bisweilen für uns Mitteleuropäer unverständliche
Gleichgültigkeit hervorzuheben, ein Phänomen das nicht
nur mir aufgefallen ist. Nur eine Minderheit der Israelis regiert mit Empörung
auf politisch getroffene Fehlentscheidungen, die Mehrheit scheint irgendwie
resigniert zu sein. Eine einleuchtende Erklärung dafür
konnte ich nicht finden, es ist unfaßbar, daß Gespräche
über die bedrä ngenden Probleme des Landes fast immer einem Naturgesetz
zu unterliegen scheinen, wonach mit unerschütterlicher Gelassenheit
und lebendigem Schicksalsglauben der Refrain dieser Gespräche
angestimmt wird: "Jihije tov - Es wird (alles) gut werden." Diese und ähnlich
lautende Formulierungen sind im Iwrith längst idiomatisiert
worden...
Als in Israel lebender Ausländer und Zaungast schwebt man
ja bekanntlich zwischen den Fronten, sitzt irgendwo zwischen den
Stühlen, und ist beim israelisch-palästinensischem Konfliktgeschehen
gut beraten, aus seinem Glaskasten schützender Privilegien keine
Anklagen herauszuschleudern! "Jerusalem...so unermeßlich die Schönheit
dieser Stadt...so unermeßlich ihr Leid: Umworben und umkä mpft,
zerstört und wieder aufgebaut, geliebt und verraten, verunreinigt
und geheiligt" - wie es Präsens Manfred Kock sehr treffend auszudrücken
vermochte!
Als Besonderheit der Aktion Sühnezeichen ist die Möglichkeit
zu nennen, einen Studienmonat einzulegen. Das bedeutet, daß
wir einen Monat nicht regulär zur Arbeit gehen, sondern zu einem
selbstgewählten Thema (in Verbindung zum Holocaust) arbeiten können.
Ich nahm diese Möglichkeit wahr und arbeitet im Januar zum Thema
"Mißbrauchte Kindergeneration - Kindheit und Jugend in Dritten
Reich" - die schriftliche Ausarbeitung steht noch aus.
Begonnen habe ich diesen Bericht mit einem Gedicht, möchte
auch so enden, diesmal von dem Autor Shalom Ben-Chorin mit dem Titel
"Traumgeographie" überschrieben:
Daß die Fremde heimisch mir geworden
Weist des Traumes lächelnd-leise Spur:
Zwischen neuen und verlorenen Orten
Spann der Traum nun seine Silberschnur.
Immer ging ich in den letzten Jahren
Nur durch meiner Kindheit Straßennetz,
Fern den Tagessorgen und Gefahren
Heimgekehrt durch heimisches Gesetz.
Aber jetzt umfängt die Stadt der Träume
Meiner Träume, Nacht um Nacht
Ungeheure traumverbundne Räume,
Die ich schlafend mir in Eins gedacht.
Sprachen fließen seltsam bunt zusammen,
Fremde Völker, Länder trennt kein Meer.
Schnaderhüpfl und Makamen
Sag und sing ich durcheinander her.
Meiner Träume Internationale
Hat die Grenzen aus der Welt gefegt:
Überglobus wird mir meine schmale
Bettstatt, kaum hab ich mich hingelegt.
Aus dem blühenden Jerusalem, so direkt zwischen "Tubeshvat"
(dem Geburtstag der Bäume) und Purim, grüßt Euch
alle herzlich Eure Susanne!
Susanne Müller
Rch. Uruguay 27 c (gimel)
96701 Jerusalem
Tel.: 00972-02-6435799
(Tel. und Fax im Hostel: 00972-02-66426310)
e-mail: tabs.2000@gmx.de
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