Junghanns, U. (2002):

Untersuchungen zur Syntax und Informationsstruktur slavischer Deklarativsätze

= Linguistische Arbeitsberichte, Band 80. Leipzig: Institut für Linguistik der Universität Leipzig. 193 S.



Vorwort (leicht geküzt)

Dieser Band vereinigt Arbeiten, die einer generellen Frage gewidmet sind, und zwar: In welcher Weise interagieren Syntax und Informationsstrukturierung bei der Ausformung der Oberfläche von Deklarativsätzen in slavischen Sprachen? Den theoretischen Rahmen für die Untersuchungen gibt eine generative Grammatik Chomskyscher Prägung ab. In einem entscheidenden Punkt geht das hier zugrunde gelegte Modell der Grammatik über die Standardannahmen hinaus: Ich nehme an, daß die Informationsstrukturierung direkten Einfluß auf die syntaktische Derivation hat. Damit räume ich den Prozessen der kommunikativen Gewichtung der Satzkonstituenten in der Theorie einen Stellenwert ein, der ihrer Bedeutung für die Grammatik der slavischen Sprachen entspricht. Das heißt aber nicht, daß die Syntax für den slavischen Satz eine untergeordnete Rolle spielt oder gar zu vernachlässigen ist. Vielmehr kann erst die Annahme des Zusammenspiels einer auf unabhängigen Prinzipien basierenden Syntax mit der Informationsstrukturierung explizite Erklärungen für viele Phänomene liefern.

In der ersten Arbeit ("Zur Verbstellung im Deklarativsatz des Tschechischen") unternehme ich den Versuch, die empirisch belegbaren Positionen des tschechischen Verbs auf eine artikulierte Struktur des Deklarativsatzes zu beziehen. Neben Basispositionen innerhalb und außerhalb der VP ist eine Anzahl derivierter Verb-Positionen zu verzeichnen, für deren Besetzung in der Oberfläche Begründungen gesucht werden müssen. Grammatische und informationsstrukturelle Faktoren lösen overte Bewegungen des tschechischen Verbs aus. Ich mache Annahmen zum Default-Fokus, zur Salienz funktionaler Köpfe im Zusammenhang mit Klitika sowie zur Realisierung von pro drop-Topiks und nutze sie für die Erklärung der Verbstellung im Tschechischen. Erkenntnisse hierzu ergeben sich nicht zuletzt aus dem Vergleich mit den Gegebenheiten im Russischen.

Die zweite Arbeit ("Clitic Climbing im Tschechischen") beschäftigt sich mit dem bekannten Phänomen, daß sich Wackernagel-Klitika in komplexen syntaktischen Domänen aus der Einbettung in die Matrix bewegen können - sog. Clitic Climbing (CC). Ich untersuche die folgenden Fragen: (i) Unter welchen Bedingungen findet CC statt? Welche Bedingungen schließen CC aus? (ii) Ist CC obligatorisch oder optional, wo es erlaubt ist? (iii) Falls CC optional ist, wie wird eine solche Optionalität in der Grammatik erfaßt? Es stellt sich heraus, daß die Informationsstruktur des Satzes für die Erklärung des Auftretens vs. Ausbleibens von CC zu berücksichtigen ist. Wenn das Klitikon informationsstrukturell vom Rest der Infinitiveinbettung separiert wird, bewegt es sich aus der Einbettung, um eine Position entsprechend seiner Funktion als Element des Hintergrundes der komplexen Struktur einzunehmen.

In der dritten Arbeit ("Syntaktische Positionen und Diskursfunktionen von Adverbialen im Russischen") verfolge ich das Ziel, zu bestimmen, was die Oberflächenpositionierung von Adverbialen im Russischen determiniert. Ich behaupte, daß im Russischen die Positionierung eines Adverbials in der Satzoberfläche einerseits durch seinen syntaktischen Status und andererseits durch seine Diskursfunktion determiniert wird. Die verschiedenen syntaktischen Positionen, in denen Adverbiale im Russischen auftreten, werden herausgearbeitet. Argumentale Adverbiale haben ihre Basisposition in der VP. Freie Adverbiale werden als VP-Adjunkte generiert. Außerdem stehen verschiedene Positionen zur Verfügung, die Adverbiale nach Bewegung besetzen (derivierte Positionen). Ob ein Adverbial in situ bleiben kann oder sich aus seiner Basis-Position herausbewegt, hängt von der Informationsstruktur des Satzes ab. Ich mache die informationsstrukturellen Restriktionen für die verschiedenen Adverbial-Positionen in der Arbeit explizit. In einem Appendix untersuche ich spezifische Variationen der Wortfolge, die ich auf den generelleren Fall der Umordnung von Konstituenten in nicht-minimalen Informationsstruktur-Domänen zurückführe.

In der vierten Arbeit ("Thetisch versus kategorisch aus slavi(sti)scher Perspektive") gelange ich zu dem Schluß, daß die "thetisch"/"kategorisch"-Unterscheidung aus der Perspektivierung der Situation durch Sprecher und Hörer resultiert und daß diese Perspektivierung ihrer Natur nach nicht-linguistisch ist. Für eine explizite linguistische Charakterisierung der Sätze muß vielmehr ihre Informationsstruktur exakt bestimmt werden. So gilt es z.B. herauszufinden, wie groß die Fokus-Domäne des Satzes ist, ob ein Topik realisiert wird, welcher Topik-Typ im konkreten Fall auftritt. "Thetisch" und "kategorisch" erscheinen als Bündel von Eigenschaften, die sich überschneiden können. Es gibt keine Eigenschaft, die ausschließlich thetischen Sätzen zukommt. Deshalb schlage ich vor, die Begriffe "thetisch" und "kategorisch" aufzugeben und durch explizite Beschreibungen der Struktur der entsprechenden Sätze zu ersetzen. In der Arbeit werden Daten aus verschiedenen slavischen Sprachen berücksichtigt.

Insgesamt zeigen die Untersuchungen das Bild der engen Verflechtung von Syntax und Informationsstrukturierung im slavischen Deklarativsatz. Das habe ich anhand einer großen Menge systematisch zusammengestellter Daten sowie durch explizite Annahmen zur Satzstruktur deutlich zu machen versucht.


Zurück zur Homepage von Uwe Junghanns