KOMPARATISTIK
1. K., („comparative literature“, „littérature comparée“), im dt. Sprachraum zumeist als „Vergleichende
Literaturwissenschaft“ bezeichnet, hat literaturwissenschaftliche Fragestellungen zum Gegenstand, die in doppelter Weise
grenzüberschreitend sind - zum einen bezogen auf Sprach- und Nationengrenzen, zum anderen im Hinblick auf die Grenzziehungen zwischen
der Literatur einerseits und den Künsten bzw. den Natur- und Geisteswissenschaften andererseits. So kann K. definiert werden als eine
Wissenschaft, die sich mit Literatur über die Grenzen eines Landes hinaus sowie mit jenen Beziehungen beschäftigt, die zwischen
der Literatur und anderen kulturellen Phänomen wie z.B. den Künsten auf der einen, den Wissenschaften auf der anderen Seite
bestehen.
2. Die speziellen Aufgabenbereiche der K. leiten sich aus der historisch gesicherten Erkenntnis ab, daß die Wirkung von Literatur
an den Grenzen der Sprachen, Nationen und Disziplinen nicht haltmacht und daß die Spezifik des Literarischen im Zusammenwirken mit
anderen kulturellen Phänomenen besonders deutlich hervortritt. Internationale Literaturbeziehungen sind Gegenstand der Einfluß-,
Wirkungs- oder Rezeptionsforschung, die in Frankreich lange Zeit insbesondere unter dem Aspekt der „rapports de fait" betrieben wurde
(Baldensperger, Van Tieghem, Guyard). Die Wirkung von Literatur über Sprach- und Nationengrenzen hinaus betrifft auch das
traditionelle Gebiet der Stoff-, Themen- und Motivforschung (Thematologie), das teilweise auch die anderen Künste bzw. die
Ethnologie, Geistes- und Mentalitätsgeschichte (Trousson) tangiert. In einem Grenzbereich zwischen Literatur-, Geistes- und
Sozialgeschichte ist die komparatistische Imagologie situiert; als „image“/„mirage“-Forschung (J.-M. Carré) hat sie das Eigen- und
Fremdbild der Nationen zum Gegenstand (D.-H. Pageaux in Frankreich, H. Dyserinck in Deutschland). Die Beschäftigung mit
Übersetzungen als Mittel des Literatur- und Kulturtransfers gehört, eher unter kulturgeschichtlichem als unter im engeren Sinne
linguistischem Aspekt, ebenfalls zu den Aufgabenbereichen der K. Zumeist der Allgemeinen Literaturwissenschaft zugerechnet, wobei sich die
genaue Abgrenzung zur Vergleichenden Literaturwissenschaft schwierig gestaltet, umfaßt das Gebiet der K. auch Problemstellungen der
Gattungsgeschichte und -typologie sowie Fragen der Epochenbestimmung und -abgrenzung. All diese Aufgabenbereiche lassen sich als ein
Bündel von literaturwissenschaftlichen Problemstellungen betrachten, die zu ihrer Lösung der vergleichenden Perspektive
bedürfen.
3. Insbesondere Themen- und Motivforschung sowie Epochen- und Periodisierungsfragen bilden die Nahtstellen zwischen der Literatur und
den Künsten bzw. Wissenschaften. Über seine "innerliterarische“ Aufgabenstellung hinaus, die lange Zeit von der frz. Schule
als die eigentliche und einzige Domäne der K. aufgefaßt wurde, öffnet sich das Fach zunehmend dem Dialog der Literatur
mit den anderen Künsten sowie mit den Medien; dieser Impuls ging von der amerik. Schule (vor allem von Bloomington, wo Remak und
Weisstein lehrten) aus und erfaßt in neuerer Zeit auch die frz. K. Handelt es sich bei den intermedialen Beziehungen der Literatur -
unter Beachtung der jeweiligen Unterschiede der "medialen" Vermittlung - um innerkünstlerische Bezüge, stellt das
neueste Gebiet der K., der Vergleich zwischen der Literatur und den Wissenschaften, literarische Texte in außerästhetische,
soziokulturelle Kontexte. Die Beziehungen zwischen Literatur, Theologie, Philosophie, Psychologie, Medizin, Soziologie usw. bilden im
Rahmen der K. - gegenüber der innerliterarischen und der innerästhetischen - eine innerdiskursive Ebene: Der Vergleich zwischen
Literatur und Wissenschaften hat nicht nur thematische und konzeptionelle Analogien zum Inhalt, sondern die Vergleichbarkeit basiert hier
auf der diskursiven Verfaßtheit" von Literatur und Wissenschaften gleichermaßen; beide Vergleichsglieder übernehmen,
variieren und erarbeiten Diskursformen und -modelle. In einer Zeit immer engerer internationaler Verbindungen, aber auch immer
größerer Spezialisierungen der akademischen Fächer, kann die K. dazu beitragen, die Bedeutung der Literatur in
kulturellen Kontexten zu unterstreichen.
4. Trotz dieser vielschichtigen Aufgabenbereiche versteht sich die K. nicht gegenüber den Einzel- oder „National“-Philologien
als eine Hyper-Philologie, zumal deshalb nicht, weil sie selbst keine textkritisch-editorische Arbeit leistet und somit auf dem Fundament
ihrer Forschungen, der Textinterpretation, von den anderen Philologien profitiert. Dies gilt auch für Forschungsergebnisse, einzelne
Autoren, Werke, Epochen usw., die vielfach für die K. den Ausgangspunkt ihrer Arbeit markieren.
5. Die K. hat sich (als „littérature comparée“ eigentlich: „verglichene Literatur“) schon in der Nomenklatur dem
Vergleichen verschrieben und damit einer traditionellen heuristischen Methode. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den
Phänomenen zu finden, zu allgemeinen Regeln und Gesetzmäßigkeiten vorzudringen ist, nicht nur in der K., Ziel und Aufgabe
des Vergleichens. Die Komplexität literarischer Werke macht die Unterscheidung verschiedener Ver- gleichsebenen notwendig, die z.B.
Thematik, Stilistik, Metaphorik, Technik des Diskurses, Konzeptualisierung („Gehalt") betreffen. Die Beziehungen zwischen den
verglichenen bzw. zu vergleichenden Autoren und Werken, Schulen und Epochen können grundsätzlich von zweierlei Art sein:
zum einen bestehen nachweisbare historische Einflüsse, Wirkungen, Bezugnahmen („Kontakte“); zum anderen basiert die im Vergleich
sich darstellende Verwandtschaft nur auf der Analogie von kulturellen Rahmenbedingungen. Deshalb unterscheidet man zwischen genetischen
und typologischen Relationen bzw. Vergleichen (Durišin). Liegt im Falle von inter- und supranationalen Literaturvergleichen die
Vergleichbarkeit im Gegenstand selbst, seiner „Literarität“, erfordert der Vergleich zwischen der Literatur und den Künsten
(„comparative arts“) bzw. Wissenschaften andere methodische Vorgehensweisen. Strukturalismus, Semiotik und Diskurstheorie geben hierbei
dem Vergleichen ein theoretisches Fundament, das auch für den Literaturvergleich im engeren Sinne nutzbar gemacht werden kann.
Wenn das Fach von einer allgemein akzeptierten Theorie des Vergleichens noch weit entfernt ist, mag sich dieser methodologische Makel
auch daraus erklären, daß der Vergleich zwar den Anfang komparatistischer Literaturbetrachtung bildet, kaum aber den
Schlußpunkt zu setzen vermag. Die weite Perspektivik des Faches erfordert vielmehr die Synopsis der Phänomene, so daß
der Vergleich eher eine pragmatische Ausgangsbasis als die Realisation einer Zielvorstellung ist. Auch insofern gilt die streitbare
Formel von René Etiemble: „Comparaison n'est pas raison.“
6. Die im 19. Jh. sich vollziehende Etablierung der neueren Philologien als Nationalphilologien, zugleich der historische
„Grund“ für die Herausbildung der K., ließ die inter- und übernationalen Aspekte der Literaturgeschichte in den Hintergrund
treten; auch Einsichten in den Charakter des Literarischen sowie die Reflexion der Literatur als eines kulturellen Phänomens jenseits
nationaler Unterschiede wurden durch die Beschränkung auf nationalliterarische Gesichts-punkte eher erschwert. Die langwierige und
komplizierte Entstehungsgeschichte der K. ist vor dem Hintergrund der Nationalphilologien und des weiteren auch im Zusammenhang mit der
Herausbildung der Nationalstaaten im 19. Jh. zu sehen.
Bereits vor der Etablierung der K. als akademische Disziplin gab es erste Ansätze zu einer vergleichenden Literaturbetrachtung.
Hierzu zählt die Querelle des Anciens et des Modernes (1687-1716), da hier erstmals ein Bewußtsein von kulturellen
Unterschieden und von der jeweiligen Besonderheit der neueren Literaturen im Vergleich mit der Antike entstand. Vergleichende
Literaturbetrachtung, wie sie z.B. durch Voltaire (Essai sur la poésie épique, 1727), Lessing (Briefe, die
neueste Literatur betreffend, 1759-1765) oder John Andrew (Cornparative view of tbe French, and English nations in their manners,
politics, and literature, 1785) repräsentiert wird, hatte die K. vorbereitet und den internationalen Vergleich als Mittel der
Literaturgeschichtsschreibung ins Bewußtsein gehoben; sie ist jedoch von der Fach-geschichte im engeren Sinne zu unterscheiden. Dies
gilt auch für die im Rahmen des Faches K. kanonisch gewordenen Schriften wie z.B. A.W. Schlegels frz. geschriebener Vergleich (1807)
der Phädra von Euripides und Racine oder dessen Vorlesungen aber dramatische Kunst und Literatur (1808), Mme de
Staëls De l'Allemagne (1810), Stendhals Racine et Shakespeare (1822), Friedrich Bouterweks Geschichte der Poesie
und Beredsamkeit seit dem Ende des 13. Jh. (1801-1819). Als Beginn der K. im akademisch-programmatischen Sinne gelten die Vorlesungen
von Abel François Villemain an der Sorbonne (Examen de l'influence exercée par les écrivains français du XVIlle
siècle sur les littératures étrangères, 1827/28) sowie die von Jean-Jacques Ampère an der Ecole Normale
Supérieure (seit 1830), dann ab 1833 am Collège de France durchgeführten Veranstaltungen zur vergleichenden
Literaturgeschichte. Das erste Fachorgan erschien, ediert von Hugó Meltzl de Lomnitz, 1877 im damals ungarischen Klausenburg
(Zeitschrift für vergleichende Literatur, ab 1879 Acta Comparationis Litterarum Universarum); die Zeitschrift stellte,
wohl unter dem Konkurrenzdruck der Zeitschrift für Vergleichende Literaturgescbichte (187-1910, herausgegeben von Max Koch),
1888 Ihr Erschei- nen ein.
7. Es dauerte noch mehrere Jahrzehnte, bis nach den programmatischen Anfängen des Faches in Frankreich die ersten Lehrstühle
für K. eingerichtet wurden: in Neapel 1861, in Harvard 1890, Zürich 1896, Lyon 1897 - dieser Lehrstuhl, den zuerst Joseph Texte,
dann Fernand Baldensperger innehatte, markiert den Anfang der frz. Univer- sitäts-K. -, schließlich 1910 an der Sorbonne (Paris).
In Deutschland begann die Geschichte der K. als akademischer Disziplin 1946 mit der Einrichtung der Mainzer Professur durch die frz.
Besatzungsmacht. 1954 wurde die „International Cornparative Literature Association“ in Oxford gegründet, die seit 1955 im
Drei-Jahres-Zyklus Kongresse veranstaltet, deren Akten publiziert werden. 1969 erfolgte die Gründung der „Deutschen Gesellschaft
für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ (DGAVL), die ebenfalls alle drei Jahre Tagungen veranstaltet. Zu den wichtigsten
Fachorganen gehören die Revue de Littérature Comparée (Paris, seit 1921), Comparative Literature
(University of Oregon, seit 1949), Comparative Literature Studies (University of Illinois, seit 1964), Yearbook of Comparative
and General Literature (Indlana University, seit 1952), arcadia (Bonn, später Tübingen, seit 1966), Neohelicon
(Budapest, seit 1973), Rivista di letterature moderne e comparate (Florenz, seit 1949).
8. Gegenüber den Anfängen des Faches und den Gründen seiner Entstehung ergeben sich aus den historischen Entwicklungen
sowohl innerhalb der Wissenschaften als auch global für die K. vielfach neue Aufgaben. Hatte Baldensperger 1921 der K. die Vorbereitung
eines „neuen Hurnanismus“ angetragen, steht das Fach heute, im Zeitalter immer engerer internationaler Beziehungen und immer größerer kultureller Vielfalt, vor ungekannten Herausforderungen. Sah Manfred Gsteiger 1967 eine der Aufgaben der K. darin, den Nationalliteraturen eine Super-Struktur zu verleihen und die Gemeinsamkeiten aller Literaturen zu eruieren, scheint heute eine ausschließlich auf die Literatur ausgerichtete K. kaum in der Lage, im Rahmen eines Dialogs der Kulturen ihre Stimme vernehmlich zu machen. Schon 1963 hatte René Etiemble die Beschränkung auf einen europäischen oder zumindest eurozentrischen Literaturkanon scharf kritisiert, und die aktuelle Multikulturalität rückt das Fach, zumal in den USA, in größere Nähe zu den „Cultural Studies“ als zur Literaturwissenschaft im engeren Sinne. Es ist nicht zu bestreiten, daß Literatur und Kultur keine einander ausschließenden Größen sind, sondern daß im Gegenteil die „litterae“ in diversen kulturellen Kontexten stehen; gleichwohl bewahrt die Literatur, auch wenn sie als kulturelle Praxis verstanden wird, einen spezifischen Charakter, der insbesondere durch den Vergleich - literaturintern, aber ebenso zwischen der Literatur und anderen Formen der Kultur - zutage tritt: Am Studium der Texte führt auch in der K. kein Weg vorbei.
Angelika Corbineau-Hoffmann
Lit.: C. Bernheimer (Hg.): Comparative literature in the age of multiculturalism, 1995. - H. Dyserinck: K., 3 1991. -
Z. Konstantinovic: Vergleichende Literaturwissenschaft, 1988. - U. Weisstein: Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft,
1968.
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