Frank Zöllner:
Das Ende des Körpers: Paul Klees künstlerische Ethik im Kontext
zeitgenössischer Triebökonomie. In: Corbineau-Hoffmann, A./Nicklas, P. (Hg.):
Körper/Sprache. Ausdrucksformen der Leiblichkeit in Kunst und Wissenschaft.
Hildesheim 2002, S. 213–240.
Die Sache mußte ein Ende haben. Zunächst in der Antike
und dann seit der Renaissance waren schöne Körper und hierbei auch der
weibliche Akt privilegierter Gegenstand der bildenden Kunst gewesen.[1]
Doch mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts begannen Künstler, die Ästhetik des
Nackten und Erotischen ebenso wie später das gegenständliche Abbilden überhaupt
kritisch zu hinterfragen.[2]
Auch der aus Bern in der Schweiz stammende Maler und Graphiker Paul Klee
formulierte bereits zu Beginn seiner Karriere Vorbehalte gegen die
Darstellungstraditionen und den konventionellen Akt:
"Der Aktsaal machte einen spezifischen
Milieueindruck auf mich. Das häßlich Weib mit dem schwammigen Fleisch,
aufgeblasenen Brüsten, ekelhaften Schamhaaren sollte ich nun mit einem spitzen
Bleistift zeichnen! Ich tat meine Pflicht und ging ans Werk."[3]
Der
Körper und sein Abbild gehörten für Klee in den Bereich der diesseitigen
objektiv-irdischen Anschauung, in einen Bereich also, dem der Künstler eine
höherwertige subjektive Sphäre gegenüberstellte. In dieser, nicht dem
Körperlichen verhafteten Sphäre siedelte Klee auch die Moderne an, als deren
Vertreter er sich fühlte.[4]
Nach der Rückkehr von seiner Parisreise vom Sommer 1905 prophezeite der
Künstler schließlich das Ende einer akademischen, an der mechanischen Abbildung
der Realität orientierten Malerei.[5]
Wenig später fühlte er sich über die traditionelle Darstellung der schönen
Wirklichkeit erhaben und antizipierte im "rein selischen Genuß
malerischer, koloristischer oder zeichnerischer Werte" bereits die
zunehmend abstrakten Bildwelten der folgenden Jahrzehnte.[6]
Gleichwohl thematisierte der Künstler vor allem in seinen frühen Werken den
menschlichen Körper und mit ihm die Sexualität.[7]
Hierbei setzte er sich kritisch mit dem naturalistischen Abbilden auseinander
und gelangte auf seinem Weg in die Moderne schon bald zur Verfremdung der
Darstellungskonventionen. Bezeichnend für diese Verfremdung sind Klees
"Inventionen", eine Folge von Radierungen, denen ich mich zunächst
zuwende. Danach widme ich mich Klees Lehrjahren, seiner künstlerischen Ethik
und der von ihm propagierten Triebökonomie sowie deren Wurzeln im
"Ejakulationsschema" der Antike und in der Philosophie Friedrich
Nietzsches.
I. Die Karikierung von Körper und Moral
Die in den Jahren zwischen 1903 und 1905 entstandenen
"Inventionen" gelten als Paul Klees erste geschlossene Werkgruppe und
markieren den eigentlichen Beginn seiner künstlerischen Karriere.[8]
In den insgesamt 16 Radierungen thematisiert der Künstler nicht nur das
Verhältnis der Geschlechter, sondern er verarbeitet und verfremdet auch die
gängigen Darstellungskonventionen. Die Entstehung der "Inventionen"
hängt eng mit wichtigen Lebensentscheidungen des jungen Künstlers zusammen:
Nach der Absage an das libertinäre Leben des Bohèmien und einer selbst
verordneten Keuschheit - wahrscheinlich aber auch aus finanziellen Erwägungen -
zog Klee sich zunächst für drei Jahre in sein Berner Elternhaus zurück, während
die Verlobte Lily Stumpf in München verblieb.[9]
In Bern schuf er die "Inventionen", in ständigem Briefkontakt mit der
Verlobten, aber doch weit entfernt von ihr, einem Eremiten gleich, der dem
Lebensgenuß an der Seite seiner Frau zwischenzeitlich entsagt und sich ganz der
künstlerischen Schöpfung widmet (s.u. Abschn. II-III).
Zu den
ersten Radierungen dieser Serie gehört das Werk "Weib, Unkraut säend"
(1903/4) vom Juli 1903 (Abb. 1).[10]
Hier bedient der Künstler sich noch einmal des Repertoires naturalistischen
Abbildens, doch in einem langwierigen Schaffensprozeß erfolgte gleichzeitig
eine deutliche Distanzierung vom glatten, idealisierenden Körperideal der
Jugendstilmalerei und des Symbolismus, das Klee in den Bildern seiner
akademischen Lehrer kennengelernt hatte. Erkennbar dargestellt, wenn auch ein
wenig gebrochen, ist die Handlung des Aussäens von Saatgut, das die Frau einem
kleinen Beutel entnimmt. Mit der Pose der Darstellung variiert Klee klassische
Frauendarstellungen (Horen, Frühling), doch der Akt erscheint dem ästhetischen
Ideal entfremdet und damit entsinnlicht. Das Gesicht wirkt deformiert, der
Körper knochig und etwas gestelzt, das Fleisch als Verweis auf Leben,
Sexualität und Begehren ist auf das notwendigste reduziert - wenig mehr als
Haut und Knochen werden dem Auge des Betrachters geboten. Das Thema stammt
seinem Ursprung nach aus dem Matthäusevangelium (13.24-30 und 36-43), wo das
Böse in Gestalt des Teufels Unkraut zwischen den Weizen sät. Diese Geschichte
war 1867 und 1868 von dem französischen Künstler Félicien Rops mysogonistisch
umgestaltet worden: Der Teufel streut anstelle des Unkrautsamens unzählige
Frauenleiber aus. Den vorläufigen Gipfel dieser im Jahre 1903 schon gut eine
Generation alten Neuinterpretation des biblischen Stoffes bildet wahrscheinlich
eine zwischen 1901 und 1902 entstandene Tuschfederzeichnung des von Klee später
sehr geschätzten, damals 24-jährigen Künstlers Alfred Kubin:[11]
Die Zeichnung mit dem Titel "Die Zeugung des Weibes" (Abb. 2) zeigt
den Teufel als ein Monster mit kleinem Kopf, fettem Nacken und fast
athletischem Körperbau. Er sät nun nicht mehr Unkraut unter das Getreide,
sondern masturbiert und ejakuliert dabei Samen in Gestalt unzähliger
Frauenleiber über eine weite pappelbestandene Landschaft. Der Naturalismus, der
von der Atmosphäre her noch an die Darstellungen der Symbolisten erinnert,
mutet bereits wie eine surrealistische Verfremdung des Themas an. Festzuhalten
ist, daß Klee gegenüber den älteren Darstellungen und der fast zeitgleichen
Variante Alfred Kubins vor allem die Momente von Körperlichkeit, Sexualität und
Sinnlichkeit zurücknimmt, gleichzeitig aber auch die mysogonistische Verformung
des biblischen Themas mildert. Der Bruch mit dieser Tendenz geht also deutlich
mit einer Rücknahme konventioneller Darstellungsästhetik einher.
Im
Vergleich zu den chronologisch folgenden Radierungen stufte Klee selbst das
Unkraut säende Weib als "kleines Scherzo" ein. Wirklich bedeutende
Schöpfungen sah er erst in den Radierungen "Jungfrau im Baum"
(1903/2) sowie in "Weib und Tier I" (1903) und "Weib und Tier
II" (1904/13). Von ihrer kompositionellen Grundanlage her ist die
"Jungfrau im Baum" (Abb. 3) zunächst den klassischen
Venusdarstellungen Giorgiones und Tizians verpflichtet, den Urbildern der noch
im 19. Jahrhundert variierten Auffassung des liegenden weiblichen Akts.[12]
Im Darstellungsmodus vielleicht etwas weniger reduktionistisch aufgefaßt als
die vorhergehende Radierung, wiederholt Klee mit der "Jungfrau im
Baum" die entsinnlichte Körperlichkeit des älteren Blatts. Das Moment des
Verdorrtseins taucht hierbei verstärkt im Motiv des Baumes auf, dessen
knorriger Stamm und fehlende Belaubung die Assoziationen des Abgelebten und
Unfruchtbaren hervorruft. Zudem bedient sich Klee formal der Inversion des
traditionellen Bildmotivs, da die Erotik der unzähligen älteren Varianten des
Themas im Sinne einer Ästhetik des Häßlichen umgekehrt wird. An die Stelle des
zur Schau gestellten Fleisches, das in den Aktdarstellungen der neuzeitlichen
Malerei oft von der Pracht üppiger Gewänder sowie von reichen Interieurs und
lieblichen Landschaften umgeben ist, tritt deren Reduktion auf
lebensfeindliche, unerotische Dürre. Gleichzeitig erweitert Klee im Sinne der
im 19. Jahrhundert erfolgten Profanisierung des klassischen Aktes die Ästhetik
des dargestellten Leibes um eine Nuance von Entblößung, denn in deutlichem
Gegensatz zur traditionellen Venus öffnet die "Jungfrau im Baum" ihre
Beine in fast schamverletzender Weise. Auch hierdurch verliert Klees
Darstellung jene Idealität, die den Akt für Jahrhunderte zu einer erotischen, aber
gleichzeitig "reinen" Gattung hatte machen können. Durch den Verlust
von Idealität und Schönheit ist der weibliche Akt eigentlich kein Akt mehr, er
ist nur noch nackt und verliert eben dadurch seine "Reinheit".[13]
Zudem überwindet der Künstler die symbolistische Ästhetik, wie sie Franz von
Stuck in München und andere Maler seiner Generation in unzähligen
Frauendarstellungen verwirklichten.
Auch die
"Jungfrau im Baum" ist vom eigentlichen Thema her gesehen nicht neu.
Die älteren ikonographischen Vorbilder sind in der christlichen Tradition des
Lebens- und Tugendbaumes zu suchen, wo die Verbindung der Jungfrau Maria mit
einem Baum das christliche Paradox keuscher Fruchtbarkeit evozieren sollte.[14]
Die unmittelbaren Vorläufer für die Darstellung Paul Klees finden sich allerdings
in der zeitgenössischen Graphik, bei Félicien Rops und bei Ferdinand Hodler
sowie in der Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum Beispiel in den
Bildern der Serie "Die Bösen Mütter" Giovanni Segantinis aus dem
Jahre 1894 (Abb. 4).[15]
Das Ölgemälde des italienischen Künstlers nimmt ein ähnliches Motiv aus dem
vorher entstandenen Bild "Bestrafung der Wollüstigen" auf und zeigt
einen Baum inmitten einer Eiswüste, der lebensfeindlichsten Form irdischer
Ödniss. Die junge Frau, die durch einen unglücklichen Wurf ihres üppigen Haares
offenbar an den verdorrten Baum gefesselt ist und völlig leblos wirkt, trägt an
ihrem Busen einen Säugling. Der Sinn dieser Darstellungen läuft auf eine
Anklage hinaus: Die bösen, möglicherweise sexuell aktiven Mütter vernachlässigen
ihre Kinder und empfangen daher ihre Strafe in der Eiswüste.[16]
Das Thema bestrafter weiblicher Sexualität und vernachlässigter Mutterpflichten
war für Klee allerdings kaum entscheidend. In den ausführlichen Schilderungen
seines Schaffensprozesses beschreibt Klee vor allem die formalen
Errungenschaften seiner Komposition und die Suche nach einer neuen, ihm adäquat
erscheinenden Bildgestalt. Mit der künstlerischen Form seiner Invention sieht
er den Hinweis auf "einen kulturellen Zustand" verwirklicht.[17]
Was man sich unter dieser Radierung vorstellen könne, so Paul Klee an Lily, sei
"die `Wahrheit der erzwungenen, aber gepriesenen Jungfrauschaft´, die
nichts taugt, oder höchstens ein dilettantisches lyrisches Gedicht".[18]
Hiermit meint Klee eine bürgerliche Moral, deren Triebunterdrückung im
Widerspruch zu den natürlichen sexuellen Bedürfnissen steht, wie sie im
ungehemmten Leben und Lieben der Tierwelt zu beobachten sind. Dieser Gedanke
folgt aus dem Vogelpärchen im Hintergrund, das sich offenbar in karikierter,
aber gleichwohl liebevoller Weise einander zuwendet. "Die Tiere" - so
Klee in der entsprechenden Tagebuchnotiz - "sind natürlich und zu zweien,
die Dame wartet jungfräulich auf den Freier, den die bürgerliche Gesellschaft
ihr erlaubt. Schöner wird die Alternde dadurch nicht. [...] Die Dame will durch
Jungfrauschaft etwas besonderes sein, ohne dadurch eine besonders glückliche
Figur zu machen."[19]
Die
"Ästhetik des Häßlichen" in Klees "Inventionen", die
Reduktion des körperlichen Reizes und die Karikierung der vordem mit Erotik
assoziierten Darstellungstypen führten allerdings nicht automatisch zu einer
gleichzeitigen Eliminierung sexueller Darstellungsinhalte. Das verdeutlichen
zwei weitere Radierungen, die in den Jahren 1903 und 1904 unter dem Titel
"Weib und Tier" entstanden. In diesen Radierungen thematisiert der
Künstler in zwei unterschiedlichen Nuancen das tierische Element des männlichen
und weiblichen Sexualtriebes. Die erste Variante (Abb. 5) ähnelt von der
inhaltlichen Anlage her (aber nicht in seiner mysogonistischen Tendenz) Alfred
Kubins Tuschfederzeichnung "Geilheit" aus dem Jahre 1900 (Abb. 6).[20]
Während Kubin der verängstigten Frau einen vor Lüsternheit überschäumenden,
bösartigen Hund gegenüberstellt und somit eine Szene albtraumhafter Bedrohung
darstellt, realisiert Klee eine vergleichsweise "emanzipierte"
Begegnung der Geschlechter. Ein stehender weiblicher Akt, die Oberschenkel fest
zusammengepreßt, beäugt mißtrauisch einen mageren, geifernden Köter, der den
tierischen Charakter männlicher Sexualität verkörpert und sein Gegenüber in
tierisch-hündischer Manier beriecht. In Klees Tagebuch lesen wir hierzu den
folgenden, wie so oft in ironischem Ton gehaltenen Eintrag: "Das Tier im
Manne verfolgt die Dame, die dafür nicht ganz unempfindlich ist. Beziehungen
der Dame zum Tierischen. Eine kleine Entkleidung der Damenpsyche. Feststellung
einer nach aussen gern verschleierten Wahrheit."[21]
Zudem spielt Klee hier auf den tierischen Charakter seiner eigenen Sexualität
an, die er einige Jahre früher bereits beschrieben hatte: "Ich bin wie ein
gefangenes Tier. Denn innere und äußere Fesseln bleiben sich gleich. Wie lange
werde ich diese Gemütsketten tragen? Kann man in der Liebe einmal Frieden
finden?"[22] Die
"Jungfrau im Baum" und "Weib und Tier" thematisieren also
einen Triebkonflikt, und dieser Konflikt ist - wie wir noch sehen werden -
bezeichnend für Klees Idee von künstlerischer Ethik und Triebökonomie.
Auch in
der zeitlich folgenden Radierung "Weib und Tier" finden wir die
bereits mehrfach beobachtete Reduktion des Leiblichen. Die Konstellation ist
einer älteren Darstellungstradition verpflichtet, die wiederum in der
pornographischen, in ihrer Abbildung von Körperlichkeit konventionellen
Variante Alfred Kubins gipfelt. Doch im Unterschied zu Kubin reduziert Klee das
Geschehen nicht nach jenem Schema, das die Frau zum Opfer der tierischen
Triebnatur des Mannes macht. Dieses Zugeständnis an eine weibliche Triebnatur
hatte bereits der zwanzigjährige Künstler in seiner ersten Münchner Zeit zum
Ausdruck gebracht, als er die Gesäßpartie eines Rückenakts mit einem tierischen
Accessoire in Form eines geschwungenen Schwanzes versah.[23]
Auch in einer aquarellierten Zeichnung mit dem Titel "Weiblicher Akt,
Gesäß tierartig herausragend, monumental, selbstbewusst" von 1905 (Abb. 7)
trägt Klee dieser Einsicht Rechnung.[24]
Ähnliches gilt für die 1904 entstandene zweite, weiterentwickelte Fassung der
Radierung "Weib und Tier" (Abb. 8)[25],
in der die Frau wie versteinert aus einem Fels herauszuwachsen scheint und dem
sich nähernden Hund eine Blume entgegenhält. In mehreren Briefen an seine
Verlobte Lily beschreibt Klee die zweite Fassung euphorisch als die endgültige
und insofern höher stehende, als "[...] das Weib sich nicht mehr passiv
verhält [...], sondern seinen Trieb, zu coquettieren, auch im Moment der
brutalen Entscheidung nicht lassen kann [...]."[26]
Der
Beschreibung Klees entspricht in etwa die Radierung selbst, auch wenn man über
den Ausdruck von Koketterie geteilter Meinung sein kann. Zudem finden sich in
der späteren Variante erneut jene formalen Elemente, die auch die
vorangegangenen Inventionen auszeichnen: die Anlehnung an einen klassischen
Typus, hier den der "Venus pudica", den Klee kurz zuvor in Rom
gesehen und kommentiert hatte[27],
sowie die Verfremdung des Körperlichen und eine Reduktion des Sexuellen auf
eine symbolische Konstellation. Allerdings sind in der zweiten Fassung auch
Änderungen zu beobachten: Das "Weib" hat einen Mantel um ihr Becken
gewunden, die Scham erscheint geringfügig bedeckter als in der früheren Version
und wirkt daher etwas weniger entblößt. Auch der Hund weist einige Veränderung
auf: Er sieht nun beinahe aus wie eine elegante Gazelle, und zudem scheint sein
Schwanz zwischen den Hinterläufen eingeklemmt zu sein. An die Stelle des geifernden
Beriechens tritt - quasi als "zivilisiertere" Geste - ein
Beschnuppern der ihm entgegen gehaltenen Blume. Diese Veränderung ist
bedeutsam, denn dadurch, daß der Hund sein Gegenüber nicht mehr beriecht,
werden der ur-erotische Geruchssinn und die unmittelbare Körperlichkeit
reduziert. Die Darstellung "sublimiert" also in ihrer Zurücknahme des
unmittelbar Körperlichen und Sexuellen die genitalen Aspekte der Begegnung der
Geschlechter. Diese Sublimierung entspricht sowohl dem von Sigmund Freud
gleichzeitig entwickelten Begriff (s.u., Anm. 76-79) als auch der persönlichen
Triebökonomie Klees, deren biographischer Hintergrund Gegenstand des folgenden
Abschnitts ist.
II. Die Künstlerausbildung als "éducation
sentimentale"
Paul Klees Lehrjahre als Künstler waren zugleich die
Jahre seiner "éducation sentimentale". Im Oktober 1898 begann er,
sich in der Zeichenschule Heinrich Knirrs in München die Grundzüge einer
akademischen Ausbildung anzueignen. An deren Ende stand die künstlerische
Weiterbildung bei Franz von Stuck, dem symbolistischen Malerfürsten der
bayrischen Hauptstadt. Bereits vorher, während seiner Schulzeit, hatte sich
Klee als Landschaftzeichner und Karikaturist hervorgetan, bei Knirr in München
kam nun als neue und zugleich entscheidende Erfahrung die des Aktzeichnens
hinzu.
In der
freien Aktklasse setzte sich der Künstler erstmals eingehend mit dem männlichen
und weiblichen Körper auseinander, und im Rahmen dieser Auseinandersetzung
folgte bald auch die direkt gesuchte Begegnung mit dem, was Klee selbst in
seinen Aufzeichnungen das "sexuelle Mysterium" und die
"verfeinerte Sexualerfahrung" nannte.[28]
Erste sexuelle Erlebnisse und das Studium des Aktes gehörten entsprechend einem
damals gepflegten Bohemienideal zusammen. Die Aktklasse bot nicht nur die
Anschauung für die akademische, auf Naturnachahmung zielende
Künstlerausbildung, sondern im Idealfall die Gelegenheit für erste sexuelle
Erfahrungen, die Klee in einigen Tagebuchnotizen und in der Korrespondenz mit
seinem Berner Jugendfreund Hans Bloesch in aller Offenheit beschreibt. Schon
nach kurzer Zeit begann das Aktzeichnen den Künstler zu langweilen, so daß er
sich unter den Kolleginnen und Modellen nach einer geeigneten Partnerin
umschaut. Er gerät in den "gemischten Abendakt", dort auch in das
"Damenlager" hinüber, das sich gerade - so Klee im Tagebuch - einem
"sexuell sehr erregbaren Mulatten" als Aktmodell gegenübersieht. Den
interessanten Begebenheiten im Aktsaal entsprechend treten die Ziele der
akademischen Ausbildung zwischenzeitlich in den Hintergrund, die Erfahrung des
Lebens allgemein und im besonderen die Mannwerdung stehen bald an erster
Stelle, kurz, so Klee in der entsprechenden Tagebuchnotiz, "ich sollte ein
Mensch werden vor allem, die Kunst würde dann daraus folgern."[29]
Zunächst
lernt er im November 1898 die Kollegin N. aus Halle kennen, doch das
"sexuelle Mysterium" erschließt sie ihm nicht. Gut ein Jahr später,
im Dezember 1899, trifft er zum ersten mal seine spätere Frau Lily Stumpf, aber
auch hier macht er auf der Suche nach der "sexuellen Verfeinerung"
zunächst keinerlei Fortschritte.[30]
Erst im Januar des Jahres 1900 kann Klee seine erste wirkliche
"Eroberung" vermelden, die Verkäuferin Tini. Der Künstler teilt
seinem Jugendfreund Hans Bloesch in dieser Angelegenheit euphorisch mit, daß
die vollzogenen Schritte auf dem Weg zur "sexuellen Verfeinerung"
auch seine künstlerische Arbeit beflügeln: "geistige Arbeit wie
wahnsinnig. [...] Alles kostend, überall durchdrängend, dann zu Hause denkend
und gebärend."[31]
Klee fühlt die inspirierende Kraft seiner ersten sexuellen Erfahrungen und
folgt hierbei dem "Musenmodel" und damit dem Topos der künstlerischen
Inspiration durch die Geliebte.[32]
Doch die Euphorie ist nur von kurzer Dauer, da Tini schon im April 1900 ein
Kind von Klee erwartet[33],
das allerdings - zu Klees Erleichterung - im November desselben Jahres kurz
nach der Geburt stirbt. Spöttisch und ironisch distanziert nimmt der Künstler
den Tod seines Sohnes zur Kenntnis, aber auch eine Spur moralischer
Betroffenheit mischt sich in seine Distanziertheit. Nach diesem tragischen
Ereignis geht die Beziehung schnell ihrem Ende entgegen, doch schon im Dezember
desselben Jahres trifft er mit Cenzi zusammen, einem 16-jährigen Münchner
Aktmodell, mit der er bis zum Januar 1901 sexuelle Beziehungen unterhält[34],
während er fast gleichzeitig in seiner Phantasie einer idealen Frauengestalt
namens Eveline nachhängt.[35]
Die Affäre mit Cenzi - mit einem, wie er sich ausdrückt, "unter ihm
stehenden Mädchen"[36]
- garantiert ihm für einige Wochen eine komplikationsarme Befriedigung seiner
sexuellen Wünsche. Die aus dem gutbürgerlichen Haus eines Medizinalrates
stammende Lily Stumpf hingegen, die er gleichzeitig umwirbt, geizt mit
sexuellen Gunstbeweisen und scheint den jungen Künstler durch ihre
Hinhaltetaktik in erhebliche Unruhe versetzt zu haben. Angesichts dieser Taktik
äußert er im August 1901:
"Die sexuelle Ratlosigkeit gebiert Monstren der
Perversion. Amazonensymposien und anderes Schreckliche. Ein dreiteiliger
Zyklus: `Carmen-Gretchen-Isolde: Ein Zyklus Nana. Théâtre des femmes. Der Ekel´:
eine Dame, welche mit dem Oberkörper über einem Tisch liegt und ein Gefäß
ekelhafter Dinge ausgießt."[37]
Auffällig
ist der explizite Verweis auf Frauentypen, wie sie im "fin de siècle"
immer wieder thematisiert worden waren.[38]
Klee versammelt hier die gängigen Varianten zeitgenössischer Männerphantasien,
die auch sein zwischenzeitlicher Lehrer Franz von Stuck in zahlreichen Bildern
darstellte. Vor allem in der symbolistischen Malerei finden sich zahlreich jene
Frauentypen, die Körperlichkeit und Sinnlichkeit mit Agressivität verbinden.
Klee beschwört eben diese Typen in seinem Tagebuch: Nana, die magisch erotische
Verführerin aus dem gleichnamigen Roman Emile Zolas (1879/80), sowie Carmen aus
der Erzählung Prosper Mérimées (1845) und der Oper Georges Bizets (1875), die
leidenschaftliche Zigeunerin, die sich dem begehrenden Mann bis zu ihrer
Ermordung verweigert. Im gleichen Atemzug nennt er als Gegenfiguren das
unschuldig verführte Gretchen aus Goethes Faust, deren Reinheit gleichwohl vor
dem endgültigen Zugriff des Bösen schützt, sowie die aufrichtig aber
unglücklich liebende Isolde aus dem mittelalterlichen Epos Gottfrieds von
Straßburg und der Opernwelt Richard Wagners (Tristan und Isolde, 1865).
Auffällig ist hierbei das vergleichsweise begrenzte Interesse Klees an der
"femme fatale", einem Thema also, das noch die Werke seiner Lehrer
maßgeblich bestimmt hatte. Klee wendet sich damit fast vollständig von der
Ästhetik der "femme fatale" und von ihren inhaltlichen Konnotationen
ab - zweifellos auch das Resultat seiner Abkehr von den
Darstellungskonventionen und einer Partnerschaft mit Lily, die sich von der
traditionellen Rollenverteilung mehr und mehr zu entfernen beginnt. Lily ist
von Anfang an intellektuell und künstlerisch gleichwertige Partnerin,
finanziell unabhängig, und sie bestreitet lange Zeit den Lebensunterhalt für
die inzwischen gegründete Familie. Wenig später wird Klee sogar zum Hausmann
und Erzieher des Sohnes Felix[39]
- für damalige Verhältnisse eine bemerkenswerte Umkehrung der üblichen
Rollenzuweisungen.
III. Künstlerideal versus Sexualideal
Die Phase der bohemehaft-libertinären Beziehungen
beendet Klee im Anschluß an Cenzis Entscheidung, zu ihrem alten Liebhaber
zurückzukehren und außerhalb Münchens eine neue Stellung anzunehmen. Angesichts
dieser Entwicklung wendet sich Klee wieder verstärkt Lily Stumpf zu, mit der er
sich schließlich im Mai 1901 heimlich verlobt.[40]
Den radikalen Wandel seines Liebeslebens und die dauerhafte Bindung an Lily
verklärt Klee zur sittlichen Läuterung, die letztlich seiner künstlerischen
Produktivität zugute kommen sollte. Hierbei sieht er in der Frau nicht nur -
wie noch im Fall der Verkäuferin Tini - bloß eine inspirierende Muse, sondern
die Garantin eines sittlich reinen Künstler-Lebens. So schreibt er im Sommer
1901 in einem Hymnus an seine Verlobte: "Ich schenke Dir mein Ganzes und
gab dir doch nichts, bedenkend, daß ich das Leben erst aus Deiner Hand empfing.
(Die Geliebte als Mutter des neu erstandenen, des sittlichen Mannes)." Und
an anderer Stelle, in einem Tagebucheintrag vom Frühjahr desselben Jahres,
heißt es: "Ich habe ein neues Leben begonnen. Und diesmal gelingt`s! Tief
lag ich zu Boden. [...] Zum Narrentanz ging ich, ein schmutziger Lump. Die
Liebe der Jungfrau hat mich erlöst von solcher Gestalt. [...] Ich will ernst
werden und besser. Durch den Kuß des liebsten Weibes ist alle Not von mir
genommen. Ich werde arbeiten. Ein guter Künstler will ich werden. [...][41]
Nach dem
Beschluß, sein Leben nicht mehr der Triebnatur seiner Sexualität zu
unterwerfen, erfolgt Klees Rückzug ins Elternhaus nach Bern (1902-1906), wo er
sich in Abgeschiedenheit ganz der künstlerischen Reflexion und Produktion
widmet. Er verordnet sich selbst strenge Askese, um nun jede Form gereizter
oder rauschhafter Zustände zu vermeiden und hart an seiner Kunst zu arbeiten.
Sinnlichen Genuß und Emotionen grenzt er systematisch aus, wenn er sich selbst
folgendermaßen ermahnt: "Strenge Arbeit ist die beste Rettung, Form und
nicht zu viel Gefühl!"[42]
Das Angebot seiner Braut, anläßlich einer Spanienreise doch mit den dortigen
Frauen anzubändeln, schlägt er aus, denn er hält diese Form von Abenteuer nun
für einen "weltlichen Zweck", der von seiner eigentlichen Bestimmung
als Künstler ablenkt.[43]
Die "monogame Haltung", wie man es in Anlehnung an ähnliche Diktionen
Klees nennen möchte[44],
wird zum festen Bestandteil seines künstlerischen Programms, zum
stabilisierenden Rahmen seiner Existenz, der ihn auch in den Phasen
schöpferischer Zweifel stärkt.[45]
Im
September 1906, nach einem Italienaufenthalt (Oktober 1901 bis Mai 1902) und
der in Bern hauptsächlich im Elternhaus verbrachten Zeit künstlerischer
Selbstfindung und asketischen Rückzugs (1902-1906), erfolgt Paul Klees und Lily
Stumpfs Heirat. Neben der in den Briefen an seine Braut zum Ausdruck gebrachten
Liebe nennt der Künstler als Motiv für die Ehe das pragmatische Kalkül,
"bald durch eine Ehe die sexuelle Frage zu lösen um mich ganz [auf die
Arbeit] konzentrieren zu können".[46]
Um zu einem sittlich gereiften und damit produktiven Künstler zu werden,
verabschiedet sich Klee nun erneut von der Idee der Libertinage, mit der er
zwischenzeitlich kokettiert hatte. Ehe und Monogamie haben hierbei ausdrücklich
den Zweck, die "Arbeitsfähigkeit zu steigern, und das eheliche Verhältnis
soll sich diesem alleinseligmachenden Zweck unterordnen."[47]
Auch ein Jahr später, im Frühjahr 1905, beschreibt er in einem Brief an seine
Braut den zweckdienlichen Charakter der anvisierten Heirat.[48]
Die Ehe begreift er hierbei sogar als notwendiges Instrument zur Einschränkung
des Gefühls, sie ist ihm "zuweilen als Paralyse der Sehnsucht
erwünscht"[49]. Die
sexuelle Vitalität, die in der Beschreibung seines ersten Liebes-Abenteuers
deutlich als produktiver Faktor hervortritt, scheint sich fast völlig zu verflüchtigen.
Einige Monate vor seiner Heirat im September 1906 fühlt der 26-jährige Künstler
sich bereits in einem Stadium seines Lebens, "wo einem der Coitus an sich
nichts mehr sagt."[50]
Rückblickend resümiert Klee fast ein Jahrzehnt später seine Entscheidung, sich
vom kräftezehrenden Ausleben seiner Triebe zu distanzieren, folgendermaßen:
"Die Ehe faßte ich als sexuelle Kur auf. Meine romantischen Triebe nährte
ich vom sexuellen Mysterium aus. Ich fand in der Monogamie jenes Mysterium
mitberührt und das konnte genügen. Ich drang auch hier, von den Erscheinungen
weg, zum Wesentlichen hinunter in eine gewisse Tiefe."[51]
Die
bisher zitierten Äußerungen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Allerdings darf man in ihnen wohl auch eine gewisse, für Klee typische
Stilisierung sehen. Zumindest in Teilen ist die selbstverordnete und mit
einigem Pathos vorgetragene Idee der Triebregulierung Teil seiner
Künstlerselbstinszenierung, die sich nicht immer vollständig mit seinen Lebens-
und Liebeserfahrungen deckt. Besonders in den Jahren zwischen 1903 und 1905
deutet Klee in seinen Briefen an Lily Stumpf mehrfach die Freuden des
gemeinsamen vorehelichen Geschlechtsverkehrs sowie die Entbehrungen jener
langen Wochen an, während derer sich die beiden aufgrund der räumlichen
Trennung nicht sahen.[52]
Klees Propagierung einer strengen Triebökonomie dürfte also auch auf
allgemeinere Anschauungen hinsichtlich der produktivitätssteigernden
Möglichkeiten von Triebregulierung zurückgehen. Gregor Wedekind hat daher Klees
Unterordnung der sexuellen Triebe - seine "Allianz von Ästhetik und
Moral"[53] - in
Verbindung zur bürgerlichen Sexualethik des 19. Jahrhunderts und hier besonders
zur "Emancipation des Fleisches" von Karl Rosenkranz gebracht.[54]
Demzufolge sei Klees "Instinct des productiven Künstlers" (s.o., Anm.
58) einer Triebökonomie verpflichtet, die die Beherrschung der Natur und ihrer
Triebe sowie die Freiheit des Geistes zum vornehmsten Ziel hat. Ich werde
abschließend weitere kulturhistorische und vor allem konkretere Aspekte dieser
Triebökonomie sowie deren zeitgenössische Parallelen aufzuzeigen versuchen.
IV. Triebökonomie und "Ejakulationsschema"
Die Gründe für die Ablehnung eines triebhaften und
Kräfte verzehrenden Künstlerideals hat Klee in seiner Korrespondenz und in
seinem Tagebuch deutlich thematisiert. Abschreckende Beispiele einer
libertinären Verausgabung und einer dem Künstlerischen wenig dienlichen
Lebensweise, die ihre Vitalität unproduktiv verströmt, sah Klee tatsächlich
allenthalben: zunächst bei sich selbst während seiner frühen Münchener Jahre
und dann bei seinen Freunden Hans Bloesch und Hermann Haller, deren
Leidenschaften er als Verschwendung charakterisiert:
"Mein Jugendfreund Haller liebt das Leben so
leidenschaftlich, dass er förmlich nach Erschütterungen jagt, in der Angst, es
könnte ihm etwas entgehen. Seiner Kunst ist dies weltliche Müssen nur kurze
Zeit von Nutzen gewesen [...]. Aber dann? Wie soll er nun eine lebendige
geistige Entwicklung nehmen, wenn auf ihm noch dazu eine Lebensführung lastet, die
an sich schon eine Riesennatur voraussetzt? Ich war einmal unruhig in meiner
Lebensführung, bis ich eine natürliche Basis gewann, um mich von jener Art
abzuwenden. [...] Auch von der Jagd nach den Erschütterungen wollte er nicht
lassen. Die Folgen für sein künstlerisches Schaffen konnten nur negativ sein.
[...] Im Gegensatz zu ihm war ich also eine Art Mönch geworden, ein Mönch auf
natürlich breiter Basis, auf der alle natürlichen Funktionen untergebracht
waren."[55]
Im
Hinblick auf den vitaleren und zuweilen sogar ausschweifenden Lebensstil seiner
Freunde propagiert Klee eine raffinierte, an klassischer Askese orientierte
Triebökonomie, eine "Konjugalisierung" (Foucault, s.u., Anm. 67)
seiner Sehnsüchte und Leidenschaften, soweit dies eben ohne Abstriche möglich
war: "Ich sah an Haller auch schon solche grossen Leidenschaften. Ich habe
im Gegensatz zu diesen Menschen eine raffinierte oekonomische Taktik in mir
ausgebildet. Ich weiss genau die Gefahren alle zu erkennen, einige Momente
meiner noch halbkindlichen Jahre haben mir Momentansichten dieser Höllen
gezeigt, und das genügte. Seither ist mir das Innerste allerheiligst
verschlossen." Allerdings äußert er an derselben Stelle den Verdacht, daß
diese triebökonomische Taktik einen Verlust an vitaler Lebensqualität bedeuten
könnte: "Ob diese Taktik nicht zu einer gewissen Verarmung führen kann,
wird sich zeigen. Sie ist nicht frei gewählt, sondern auch bei Zeiten schon so
in mir gewachsen."[56]
Eine Ahnung davon, daß der bewußte Verzicht auf Vitalität unmittelbar mit dem
Verzicht sinnlichen Genusses zusammenhängt, hatte Klee drei Jahre vorher mit
Worten in sein Tagebuch notiert, die den Sublimierungsakt der Radierung
"Weib und Tier II" (s.o.) bereits vorwegnehmen : "A un homme
triste ins Stammbuch. Das Fleischliche hat dieser Mann sich je gehütet zu
fressen. Er hat nur gerochen dran, unterdessen bleibt er rein und viel zu feig
zur Tat."[57] Die gegen
seine fleischliche Lust mobilisierte Triebökonomie versucht er aus seinem
künstlerischen Instinkt heraus zu erklären: "Vielleicht steht der Instinct
des productiven Künstlers da bei mir als oberster Imperativ. Vielleicht ist das
Ganze auch gar nicht so rational aufzufassen, sondern es waltet ein uralter
philosophischer Geist, der diese Welt überwindet, und sollte es den Weg in die
Wüste bedeuten."[58]
Wie Karl Werckmeister kürzlich bemerkt hat, bezieht sich die Metapher der Wüste
auf philosophische Anschauungen der Askese, wie sie einige Jahre früher
Friedrich Nietzsche paradigmatisch formuliert hatte.[59]
Für die
Idee einer produktivitätssteigerenden Triebregulierung scheinen auch weitere
Gedanken Nietzsches ausschlaggebend gewesen zu sein. Vergleichbare Ansichten
erläutert Nietzsche zum Beispiel in Schriften wie der
"Götzen-Dämmerung" und in "Der Wille zur Macht".
Grundsätzlich unterscheidet Nietzsche hierbei zwischen einer Idee
orgiastisch-dionysischen Schaffens, die in der psychologisierenden Kunst- und
Musikkritik bald darauf rezipiert wurde[60],
und einem traumhaft-apollinischen Schöpfertum, das den von Paul Klee
propagierten Ansichten recht nahe kommt. Konkret beschreibt der Philosoph
sowohl den erotisch-triebhaften Charakter künstlerischer Schöpferimpulse als
auch deren Einschränkung durch eine produktivitätsfördernde Regulierung des
Geschlechtstriebs, die vor allem für den apollinischen Künstlertypus
bezeichnend ist:
"Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch
leiblich) stark angelegt, überschüssig, Kraftthiere, sensuell: ohne eine
gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken...
Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die
Oekonomie eines Künstlers - und jedenfalls hört auch bei Künstlern die
Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf."[61]
In der
von Nietzsche skizzierten Unterscheidung zwischen triebhaftem und triebreguliertem
Schaffen entspricht Klees Künstlertum exakt dem Typus des apollinischen und
nicht-rauschhaften Künstlers, dessen Wirken der Philosoph mit den Eigenschaften
des "Sehens, Verknüpfens, Dichtens" in Verbindung bringt, während er
die Idee der "Gebärde, der Leidenschaft, des Gesanges, des Tanzes"[62]
mit dem Dionysisch-Orgiastischen assoziiert.
Ebenfalls
bei Nietzsche findet sich eine genaue Schilderung der von Klee
instrumentalisiertern idealen Triebökonomie. Ähnlich wie später Paul Klee
beschreibt der Philosoph in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts den
Zusammenhang zwischen instinktiv produktivem Künstlertum einerseits und Askese
andererseits:
"Zur Vernunft des Lebens. - Eine relative
Keuschheit, eine grundsätzliche und kluge Vorsicht vor Eroticis selbst in
Gedanken, kann zur großen Vernunft des Lebens auch bei reich ausgestatteten und
ganzen Naturen gehören. Der Satz gilt insonderheit von den Künstlern, er
gehört zu deren bester Lebens-Weisheit. [...] Der Künstler ist vielleicht
seiner Art nach mit Notwendigkeit ein sinnlicher Mensch, erregbar überhaupt,
zugänglich in jedem Sinne, dem Reize, der Suggestion des Reizes schon von fern
her entgegenkommend. Trotzdem ist er im Durchschnitt, unter der Gewalt seiner
Aufgabe, seines Willens zur Meisterschaft, tatsächlich ein mäßiger, oft sogar
ein keuscher Mensch. Sein dominierender Instinkt will es so von ihm: er
erlaubt ihm nicht, sich auf diese oder jene Weise auszugeben. Es ist ein und
dieselbe Kraft, die man in der Kunst-Konzeption und die man im geschlechtlichen
Aktus ausgibt: es gibt nur eine Art Kraft. Hier zu unterliegen, hier
sich zu verschwenden ist für einen Künstler verräterisch: es verrät den Mangel
an Instinkt, an Wille überhaupt, es kann ein Zeichen von décadence sein
- es entwertet jedenfalls bis zu einem unausrechenbaren Grade seine
Kunst."[63]
Allerdings
nimmt Nietzsche z.B. in seiner "Genealogie der Moral" (1887) zur
Askese des Künstlers eine zunächst widersprüchliche Haltung ein. Während er in
dem gerade zitierten Abschnitt - ebenso wie Klee - dem künstlerischen Instinkt
eine produktivitätssteigernde Triebregulierung attestiert, betont Nietzsche an
anderer Stelle ein Kunstideal, das der Askese diametral gegenüberzustehen
scheint: "Die Kunst [...] ist dem asketischen Ideale viel
grundsätzlicher entgegengestellt als der Wissenschaft [...]. Eine
Künstler-Dienstbarkeit im Dienste des asketischen Ideals ist deshalb die
eigentlichste Künstler-Korruption, die es geben kann, leider eine der
allergewöhnlichsten: denn nichts ist korruptibler als ein Künstler."[64]
Doch diesen Widerspruch zwischen Askese und Sinnlichkeit (der letztlich schon
mit dem Hinweis auf die Korrumpierbarkeit der Künstler zerfällt) löst Nietzsche
an einer anderer Stelle derselben "Streitschrift" mit dem Hinweis auf
die bürgerliche Ehe wieder auf, wenn er über keusches Künstlertum und die den
Künstlern eigene Sinnlichkeit schreibt: "Denn zwischen Keuschheit und
Sinnlichkeit gibt es keinen notwendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede
eigentliche Herzensliebschaft ist über diesen Gegensatz hinaus."[65]
Nietzsche charakterisiert somit genau dieselbe "Konjugalisierung" des
Trieblebens, die Klee circa 25 Jahre später anläßlich der
produktivitätsfördernden Monogamisierung seines Lebenswandels propagiert. Die
Triebökonomie Klees trägt also deutlich den Charakter der von Nietzsche für den
apollinisch-traumhaft schaffenden Künstler konstatierten Einschränkung von
Sinnlichkeit im Rahmen der Ehe.
Die
bisher zitierten Ausführungen Nietzsches geben zudem Aufschluß über den
weiteren kulturhistorischen Hintergrund des triebregulierten Künstlertums. An
anderer Stelle deutet der Philosoph die physiologischen Grundlagen der
geschlechtlichen Verausgabung an, die die schöpferische Produktivität des
Künstlers beeinträchtigen kann und daher von dem oben beschriebenen künstlerischen
Instinkt gemieden werden sollte. Das Verlangen nach Kunst und damit auch die
künstlerische Produktion weisen nämlich eine unmittelbare Verwandtschaft mit
dem Geschlechtlichen auf, und das Vermeiden der geschlechtlichen Verausgabung
führt zur produktiven Anreicherung des Blutes mit der Kraft des Samens:
"Zur Genesis der Kunst. - Jenes Vollommen-machen,
Vollkommen-sehen welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen
zerebralen System zu eigen ist [...] - jede Vollkommenheit die ganze Schönheit
der Dinge erweckt durch contiguity die aphrodisische Seligkeit wieder.
(Physiologisch: der schaffende Instinkt des Künstlers und die Verteilung des semen
ins Blut...) Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist ein
indirektes Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er
dem cerebrum mitteilt. [...][66]
Erneut
betont Nieztsche hier also den sexuellen Ursprung des künstlerischen
Schöpfungspotentials. Gleichzeitig spielt die in Paranthese gesetzte Aussage
("Verteilung des semen ins Blut") auf ein sehr altes
(anatomisch gesehen allerdings irriges) physiologisches Erklärungsmodell an,
auf eine "Verausgabungstheorie", derzufolge das männliche Sperma
Lebens- und Schaffenskraft enthalte und daher überhaupt nicht oder nur in Maßen
verschwendet werden dürfe. Gemäß dieser Vorstellung, die sich bis zur
Säftelehre der antiken Medizinschriftsteller zurückverfolgen läßt und auch
unter dem Begriff "Ejakulationsschema" (Michel Foucault) bekannt
geworden ist, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Samen und Blut: Samen
wird als durch männliche Hitze aufgeschäumtes Blut verstanden. Samenverlust
durch sexuelle Aktivität ist demnach mittelbar auch immer ein Verlust des
Lebenssaftes Blut[67] (sexuell
aktive Frauen verlieren analog dazu Menstruationsblut, das als minderwertiger
Samen betrachtet wurde[68]).
Zudem führe, so die weit verbreitete Idee, die Ejakulation beim Mann
unmittelbar zum Verlust wertvoller Gehirnsubstanz, da eine direkte Verbindung
zwischen Gehirn und Geschlechtsteilen den Abgang des Lebenssaftes ermögliche.
Im 19. Jahrhundert ist diese Vorstellung des durch sexuelle Aktivität
ausgelösten Verlusts von Lebenskraft sogar noch explizit (und deutlicher als
bei Nietzsche) rezipiert worden und zwar durch Arthur Schopenhauer, der dem
römischen Arzt Celsus die Worte in den Mund legt: "seminis emissio est
partis animae iactura [die Ejakulation der Sperma ist die Einbuße eines Teils
der Seele]".[69]
Vorstellungen
hinsichtlich einer physischen und seelischen Verausgabung, die als
zwangsläufige Folge sexueller Betätigung auftritt, sind nicht nur in der
Philosophie Schopenhauers und Nietzsches zu finden. Verausgabungsängste haben
sowohl im Onanieverbot des 18. und 19. Jahrhunderts[70]
als auch in der romantischen Literatur[71],
in der naiven Naturphilosophie, Literatur, Psychologie und Medizin noch bis zum
Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Niederschlag gefunden. Die vielleicht
beeindruckendste Beschreibung der "Verausgabungstheorie" verdanken
wir dem kanadischen Geistlichen W. J. Hunter, der in seinem 1900 erschienenen Buch
über die "Ruinierte und gerettete Männlichkeit" schreibt, man dürfe
nicht vergessen, "daß der Samen bzw. das männliche Prinzip sich aus den
Elementen zusammensetzt, die das Gehirn, die Nerven, Muskeln, Knochen schaffen
- kurz: jedes Gewebe, aus dem der Körper besteht. Bei seinem Verlust geht ein
Teil des Lebensprinzips verloren. Ein konstanter Verlust des Lebensprinzips, ob
nun zum Zwecke der Fortpflanzung oder aus anderen Gründen, muß daher
unweigerlich dem System einen Großteil seiner Lebenskraft entziehen
[...]."[72] In Analogie
zu dieser "Verausgabungstheorie" galt bei einigen Künstlern die
sexuelle Betätigung als produktionshemmender Verlust schöpferische Kräfte.
Beispiele hierfür sind - allerdings ohne direkten Bezug zur antiken Säftelehre
- bereits aus dem 15. und 16. Jahrhundert bekannt.[73]
Kein Künstler allerdings hat die Verausgabungsangst (mit implizitem Bezug auf
die Säftelehre und das "Ejakulationsschema") so deutlich formuliert
wie Vincent van Gogh, der im August 1888 schreibt:
"Ich persönlich fühle mich bei Enthaltsamkeit recht
wohl; es genügt unseren schwachen, erregbaren Künstlerhirnen, ihr Wesentliches
zur Schöpfung unserer Bilder herzugeben. Denn wenn wir überlegen, berechnen,
uns abschuften, dann verausgaben wir Gehirnarbeit. Warum sollten wir uns
anstrengen, alle unsere schöpferischen Säfte dorthin zu verströmen, wo die
berufsmäßigen Zuhälter und die simplen, gut genährten zahlenden Liebhaber die
Geschlechtsorgane der Hure besser befriedigen, die in diesem Fall unterwürfiger
ist als wir?"[74]
Wahrscheinlich
repräsentiert Van Gogh lediglich den Extremfall einer asketisch orientierten
Triebökonomie, und man kann ebenso Künstler nennen, deren Schaffenstrieb in
einem positiven Verhältnis zur genitalen Befriedigung ihrer Sexualität steht.[75]
Allerdings stand Klee zumindest mit seiner Idee der Triebregulierung eher dem
durch Vincent van Gogh repräsentierten Typus nahe. Auch wenn er keine
unmittelbaren Verausgabungsängste formulierte, so weisen seine Regulierung der
fleischlichen Lust und sein "Instinct des productiven Künstlers" doch
noch deutliche Spuren der "Verausgabungstheorie" auf.
Klees
Modell künstlerischer Produktivität, das auf einer unbewußten oder auch auf
einer bewußten Umleitung sexueller Energien basierte, darf man mit einiger
Berechtigung als ein seinerzeit verbreitetes Phänomen bezeichnen. Die
Sublimierungstheorie Sigmund Freuds z.B., die in ihrer frühesten Variante das
Künstlerische auf nicht gelebte genitale Sexualität zurückführt, entstand
ebenfalls in den Jahren zwischen 1898[76]
und 1905[77]
(während er in den Jahren danach vor allem wissenschaftliche Leistungen auf die
Energien nicht gelebter Libido zurückführte[78]).
Besonders in seiner frühen Charakterisierung der Sublimation spricht Freud von
sexuellen Zu- und Abflüssen, und er bedient sich hierbei sogar einer Diktion,
die sowohl an die "Verausgabungstheorie" als auch an deren
Verbalisierung durch Nietzsche erinnert:
"SUBLIMIERUNG. Der dritte Ausgang bei abnormer
konstitutioneller Anlage wird durch den Prozeß der `Sublimierung´ ermöglicht, bei
welchem den überstarken Erregungen aus einzelnen Sexualitätsquellen Abfluß und
Verwendung auf anderen Gebieten eröffnet wird, so daß eine nicht unerhebliche
Steigerung der psychischen Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen
Veranlagung resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu
finden, und je nachdem solche Sublimierung eine vollständige oder
unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere
künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungsverhältnis zwischen
Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose ergeben."[79]
Von der
Sache her gesehen war die von Freud um die Jahrhundertwende formulierte
Sublimierungstheorie nichts Neues. Vergleichbare Anschauungen finden sich schon
seit Platon ebenso wie in nachantiker Zeit[80],
später auch bei F.W.J. von Schelling[81]
und vor allem bei Friedrich Nietzsche (s.o., Anm. 61ff)[82],
der mit einer Regulierung sexueller Regungen bereits eine generelle
Kulturtheorie verband: "Die Kultur eines Volkes offenbart sich in der
einheitlichen Bändigung der Triebe."[83]
Die Reflexion über eine produktivitätsteigernde Bändigung der Triebe beschränkt
sich nicht auf Psychoanalyse und Philosophie, auch in den Sozialwissenschaften
finden sich vergleichbare Denkansätze. Mit dem Begriff der "innerweltlichen
protestantischen Askese" thematisiert zum Beispiel Max Weber in seiner
zuerst 1904-1905 erschienenen "Protestantischen Ethik" ebenfalls eine
Triebökonomie, die einen Zuwachs von Produktivität zum Ziel hat und daher mit
der Psychoanalyse unmittelbar in Verbindung gebracht worden ist.[84]
In einem späteren Zusatz bemerkt Weber sogar, daß der "asketische
Protestantismus" auch auf die Kunst befruchtende [sic] Wirkung haben
könne.[85]
Dieses Modell von Triebökonomie hat selbst vor der Kunstgeschichtsschreibung zu
Beginn des 20. Jahrhunderts nicht halt gemacht: Da prominente
Renaissancekünstler wie Botticelli, Leonardo und Michelangelo nicht verheiratet
waren, glaubte man an einen Zusammenhang zwischen einem unverheirateten und
damit keuschen Lebenswandel einerseits und künstlerischer Produktivität
andererseits.[86] Überhaupt
war die Ansicht verbreitet, daß die Sublimation des Geschlechtstriebes ein
Ausweis höherer Kultur sei. So begreift zum Beispiel Adolf Loos in seinen
Gedanken zur Kulturentwicklung die Erotik als eigentlichen kulturellen Antrieb,
aber Erotik in einem sublimierten Zustand, denn die unsublimierte Erotik
entspreche einer primitiven Kulturstufe, während höhere Gesellschaftsstufen
einen weiter entwickelten Grad von Sublimierung aufwiesen.[87]
In das
weitere Bezugsfeld der um die Jahrhundertwende reflektierten Ansichten zu einer
Triebökonomie, die unmittelbar positiv auf die künstlerische Schöpferkraft
einwirkt, gehört auch Paul Klees künstlerische Ethik. Diese Ethik steigert Klee
sogar bis hin zur Fortpflanzungsverweigerung, wenn er im Tagebuch schreibt:
"Streben nach Reinigung und Isolierung des
männlichen Typs in mir. Trotz Ehereife ganz auf sich selber abstellen, sich auf
größte Einsamkeit vorbereiten. Abneigung gegen Fortpflanzung (ethische
Überempfindlichkeit)."[88]
Ein
Fortpflanzungsverbot für besonders geistige und kultivierte Menschen, für den
schöpferischen Genius also, hat wiederum am prägnantesten Friedrich Nietzsche
formuliert. Seine Beschreibung erinnert hierbei deutlich an jenes
"kühle", vorwiegend dem rationalen Kalkül verpflichtete Künstlertum,
das auch Klee in seinen Aufzeichnungen beschwört[89]
und in der formalen Anlage seiner Werke verwirklicht. Ganz im Sinne der
"Überempfindlichkeit" Klees charakterisiert Nietzsche die geistigen
"Spitzen" der Gesellschaft, zu denen auch der bildende Künstler
gehört, mit folgenden Worten:
"Die geringe Fruchtbarkeit, die häufige
Ehelosigkeit und überhaupt die geschlechtliche Kühle der höchsten und
kultiviertesten Geister, sowie der zu ihnen gehörenden Klassen, ist wesentlich
in der Ökonomie der Menschheit: die Vernunft erkennt und macht Gebrauch davon,
daß bei einem äußersten Punkte der geistigen Entwicklung die Gefahr einer nervösen
Nachkommenschaft sehr groß ist: solche Menschen sind Spitzen der
Menschheit - sie dürfen nicht weiter in Spitzchen auslaufen."[90]
Klees
"Abneigung gegen Fortpflanzung" und seine "ethische
Überempfindlichkeit" finden hier bei Nietzsche eine deutliche
Entsprechung, doch wird gerade an diesem Punkt deutlich, daß die künstlerische
Ethik ebenso wie die Abneigung gegen die Fortpflanzung zu einem Teil auch als
künstlerische Selbststilisierung zu sehen sind, für die Klee generell bekannt
ist. Wie wir aus seinen Aufzeichnungen wissen, korrespondierte der propagierten
Triebökonomie keinesfalls ein vollkommen erstorbenes Triebleben (s.o., Anm.
52). Ebensowenig entsprach dem programmatisch entworfenen Konzept des kühl und
rational schaffenden Künstlers ein komplett verarmtes Gefühlsleben.[91]
Zudem hat sich Klee auch der Fortpflanzung nicht verweigert, eher das Gegenteil
ist der Fall: In seiner Rolle als "Hausmann" und hauptsächlicher
Erzieher seines Sohnes Felix (s.o., Anm. 39) übernahm er sogar unmittelbar und
im Gegensatz zum damals gültigen Rollenverhalten die Sorge für die "Folgen"
der Fortpflanzung.
Klees
Ideal sittlich geläuterter, asketischer Männlichkeit sowie seine Idee einer
künstlerisch produktiven Triebökonomie sind also immer auch als Teil seiner
Selbstinszenierung zu sehen. Gleichwohl korrespondiert die bewußt propagierte
Aufgabe eines Teiles von Sinnlichkeit und Körperlichkeit, wie sie in den
Inventionen zum Ausdruck kommt, exakt mit den zeitgenössischen Ideen
hinsichtlich einer produktivitätssteigernden Triebökonomie und einer aus dem
Sexuellen oder Erotischen abgeleiteten künstlerischen Schaffenskraft. Eine
Verdrängung des Körperlichen schließlich gilt im allgemeinsten Sinne als
Kennzeichen sozial aufsteigender gesellschaftlicher Formationen des ausgehenden
19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Hierauf hat als einer der ersten Norbert
Elias hingewiesen, wenn er im "Prozeß der Zivilisation" eben jene
Phänomene beobachtet, die auch der Triebökomonie Nietzsches und Klees sowie der
Sublimationstheorie Freuds nahe stehen: das Verdrängen des unmittelbar
Körperlichen und der direkten Triebäußerungen, die Triebumleitung und im
Zusammenhang der Ausbreitung bürgerlicher Berufsarbeit generell die zunehmende
Kontrolle des Affekthaushalts.[92]
Welche weiteren Verlauf dieser Prozeß und mit ihm die Verdrängung des
Körperlichen genommen haben, bedürfte weitergehender Erörterungen, denn das
Ende war nur vorläufig: Mit "Perfomance", Aktionskunst und "Body
Art" ist der Körper nicht mehr nur Darstellungsgegenstand, sondern das
Medium selbst.
Abbildungen/ Bildlegenden
1.) Paul Klee, "Weib, Unkraut säend", 1903/4, 185x103mm,
Radierung auf Zink, Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern.
2.) Alfred Kubin, "Die Zeugung des Weibes", 192x312mm,
Tuschfederzeichnung, laviert, gesprizt, ca. 1901-1902.
3.) Paul Klee, "Jungfrau (träumend)" (sog. "Jungfrau im
Baum"), 1903/2, 236x298mm, Radierung auf Zink, Paul-Klee-Stiftung,
Kunstmuseum Bern.
4.) Giovanni Segantini, "Die Bösen Mütter", 120x225cm, Öl/
Leinwand, Ausschnitt, 1894, Wien, Kunsthistorisches Museum.
5.) Paul Klee, "Weib und Tier" I, 1903, 217x282mm, Radierung
auf Zink, Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern.
6.) Alfred Kubin, "Geilheit", um 1900, 151x220mm,
Tuschfederzeichnung, laviert und gesprizt, Wien, Sammlung Dichand.
7.) Paul Klee, "Weiblicher Akt, Gesäß tierartig herausragend,
monumental, selbstbewusst", 1905/2, 175x75mm, Bleistift und Aquarell auf
Papier auf Karton, Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern.
8.) Paul Klee, "Weib und Tier II", 1904/13, 187x225mm,
Radierung auf Zink, Paul-Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern.
Anmerkungen
[1]. Rodgers, David: s.v. "nude". In: The
Dictionary of Art, ed. by Jane Turner, XXIII, London 1996, S. 290-298, mit
weiterführender Literatur. Zur Entwicklung der Aktdarstellung vgl. auch
Eiblmayr, Silvia: Die Frau als Bild, Berlin 1993; Hersey, George L.: The
Evolution of Allure. Sexual
Selection from the Medici Venus to the Incredible Hulk, Cambridge (Mass.) 1996,
und Hinz, Berthold: Aphrodite. Geschichte einer abendländischen Passion, München/
Wien 1998. - Anregungen für diesen Beitrag verdanke ich O.K. Werckmeister sowie
den Diskussionen im Kolloquium "Leiblichkeit" und in meinem
Hauptseminar "Kunst und Sexualität" im Wintersemester 1999/2000 an
der Universität Leipzig.
[2]. Vgl. z.B. Max Klinger: "Die
jetzigen Darstellungen des Weiblichen in allen Künsten erfüllen nur den `herrlichsten
Beruf´, Gelegenheit zu machen. Sie sind der Triumph der Cocotterie. Das Weib
ist Genußobjekt und nichts weiter, und nur die damit zusammenhängenden Seiten
interessieren die Darsteller. Daher die Scheußlichkeit der modernen Weiberform
in der Malerei, enge Taille, wurstige Hüften, weiße Euterbrüste und ungesund
gebleichte Farben, der Kopf `hübsch´ und frisiert [...]."Klinger, Max:
Malerei und Zeichnung, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, hg. v. Anneliese
Hübscher, Leipzig 1985, S. 71-72 (Tagebuch vom 21. Juli 1875).
[3]. Klee, Paul: Tagebücher 1898-1918.
Textkritische Neuedition, hg. v. d. Paul-Klee-Stiftung Bern, bearb. v. Wolfgang
Kersten, Stuttgart 1988, 65 (Herbst 1898), im folgenden zit. als Tgb. - Die
Nummern entsprechen größtenteils denen der populären Ausgabe Tagebücher von
Paul Klee, hg. v. Felix Klee, Köln 1957.
[4]. Tgb. 430: "I. Komplex:
Objektive Anschauung, physische Beschaffenheit./ Konstructionen, Körper, Erde,
Diesseits, auch die Götter. (Antike)/
II. Komplex: Subjektive Anschauung, geistige Beschaffenheit./ Seelische
und geistige Belebung. Jenseits, auch die Dinge./ (Moderne)/".
[5]. Tgb. 670: "Der Gegenstand an
sich ist sicher tot."
[6]. Klee, Paul: Briefe an die die
Familie, 2 Bde., Köln 1979, I, S. 563 (15.12.1905).
[7]. Grundlegend zum Thema Klee und
die Sexualität sind neben dessen Tagbüchern (Tgb. 65-170): Wedekind, Gregor:
Geschlecht und Autonomie. Über die allmähliche Verfertigung der Abstraktion aus
dem Geiste des Mannes bei Paul Klee. In: Die weibliche und die männliche Linie.
Das imaginäre Geschlecht der Modernen Kunst von Klimt bis Mondrian, hg. v.
Susanne Deicher, Berlin 1993, S. 69-111. Wedekind, Gregor: Paul Klee.
Inventionen, Berlin 1996, S. 13-24. Kersten, Wolfgang: Textetüden über Klees
Postur -"Elan vital" aus der Gießkanne. In: Elan Vital oder das Auge
des Eros, Ausst.-Kat. München 1994, hg. v. Hubertus Gaßner, München 1994, S.
56-74, S. 59-63; Im Zeichen der Teilung: Die Geschichte zerschnittener Kunst
Paul Klees, Ausst.-Kat. Düsseldorf 1995, hg. v. Wolfgang Kersten u. Osamu Okuda,
Stuttgart 1995, bes. S. 21-22, 40-42; Thieme, Katja: Sexualität bei Paul Klee,
Magisterarbeit (unpubl.), Leipzig 1999. - Zu weiteren Aspekten vgl. Anger,
Jenny: Modernism and the Gendering of Paul Klee, Ann Arbor 1997.
[8]. Franciscono, Marcel: Paul Klee um
die Jahrhundertwende. In: Paul Klee. Das Frühwerk 1883-1922, Ausst.-Kat.,
München 1979, S. 34-59, S. 47-59; Wedekind: Paul Klee, S. 45-63.
[9]. Hierzu siehe unten und
Haxthausen, Charles Werner: Paul Klee. The Formative Years, New York/ London 1981 (zuerst 1976), S. 91-147.
[10]. Franciscono: Klee um die
Jahrhundertwende, S. 51; Wedekind: Paul Klee, S. 65-69; Catalogue Raisonné Paul
Klee, hg. v. d. Paul-Klee-Stiftung, Bd. 1, Bern 1998, Nr. 164.
[11]. Glaesemer, Jürgen: Paul Klees
persönliche und künstlerische Begegnung mit Alfred Kubin. In: Paul Klee. Das
Frühwerk, S. 63-97. Klee lernt Kubin wahrscheinlich erst 1910 kennen. Auffällig
bleibt aber die thematische Verwandschaft der "Inventionen" mit den
Zeichnungen Kubins. - Zu Kubins "Zeugung des Weibes" siehe Der Kampf
der Geschlechter. Der neue Mythos in der Kunst 1850-1930, hg. v. Barbara
Eschenburg u. Helmut Friedel, Ausst.-Kat. München 1995, Köln 1995, Kat.-Nr.
133.
[12]. Franciscono: Klee um die
Jahrhundertwende, S. 52; Wedekind: Paul Klee, S. 70-76; Catalogue Raisonné Paul
Klee, Nr. 162.
[13]. Vgl. hierzu Wedekind: Paul Klee,
S. 75.
[14]. Zöllner, Frank: Zu den Quellen
und zur Ikonographie von Sandro Botticellis "Primavera". In: Wiener
Jahrbuch für Kunstgeschichte, 50 (1997), S. 131-157.
[15]. Franciscono: Klee um die Jahrhundertwende,
S. 52; Wedekind: Paul Klee, S. 70-76.
[16]. Eva und die Zukunft. Das Bild der
Frau seit der französischen Revolution, hg. v. Werner Hofmann, Ausst.-Kat.,
München 1986, Nr. 167 (Bezug auf Hammer Tugendhat, Daniela. In: Kritische
Berichte, 13 (1985), S. 16-28). Vgl. auch den instruktiven Aufsatz von Flint,
Kate: Blood and Milk: Painting and the State in Late Nineteenth-Century Italy. In: The Body Imaged. The Human Form and Visual Culture
Since the Renaissance, ed. by Kathleen Adler and Marcia Pointon, Cambridge
(Mass.) 1993, S. 109-123.
[17]. Wedekind: Paul Klee, S. 72.
[18]. Klee: Briefe, I, S. 338-339.
[19]. Tgb. 514.
[20]. Zu Kubins Zeichnung siehe Kampf
der Geschlechter (wie Anm. 11), Kat. Nr. 131.
[21]. Tgb. 513 (Juli 1903). Wedekind:
Paul Klee, S. 80.
[22]. Tgb. 106 (August 1900).
[23]. Klee, Rückenakt mit Schwänzchen,
Aus Studien in Scizzen bei Knirr, 1899. Glaesemer, Jürgen: Paul Klee,
Handzeichnungen, 3 Bde., Bern 1973-1984, I, Nr. 205; Catalogue Raisonné, Nr.
128, fol. 11.
[24]. Ebd., Nr. 192.
[25]. Ebd., Nr. 183.
[26]. Klee: Briefe, I, S. 459. Wedekind,
Paul Klee, S. 81.
[27]. Ebd., S. 83-84.
[28]. Tgb. 66, 73, 83, 90.
[29]. Tgb. 65-66.
[30]. Tgb. 83.
[31]. Brief vom 1.2.1900, zit. nach
Wedekind: Paul Klee, S. 21. Vgl. auch Tgb. 121 und Thieme: Sexualität (wie Anm.
7), S. 15-16.
[32]. Siehe z.B. Philipp Otto Runge,
Die Lehrstunde der Nachtigall, 1804, Hamburg, Kunsthalle (vgl. Runge in seiner
Zeit, hg. v. Werner Hofmann, Ausst.-Kat., Hamburg/ München 1977, Kat. Nr. 137;
Hohl, Hanna: Kunst und Liebe: Die Lehrstunde der Nachtigall, ebd., S. 162-167);
Auguste Rodin, Der Künstler und seine Muse, 1890, Bronzeskulptur, Bremen,
Kunsthalle (Schmoll, J.A., genannt Eisenwerth: Rodin und Camille Claudel,
München/ New York 1994, S. 116-118); Partsch, Susanna: Gustav Klimt. Maler der
Frauen, München/ New York 1994, bes. S. 96-98; Kampf der Geschlechter (wie Anm.
11), S. 48ff. - Siehe auch Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte
und Sexus der Frau, Reinbeck bei Hamburg 1999 (zuerst frz. 1949), S. 240f, 245,
251. Zur Fortschreibung dieses Modells bis zum Tod der Muse siehe Bronfen,
Elisabeth: Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, München 1996
(zuerst engl. 1992), S. 516-552.
[33]. Tgb. 98 (26.4.1900): "Noch
so bewegte Tage freuten mich besonders. Ich komponierte in der Frühe (Drei Knaben).
Dann besuchte mich mein Verhältnis und erklärte sich schwanger."
[34]. Tgb. 123, 126-127.
[35]. Tgb. 99, 110-111.
[36]. Tgb. 90.
[37]. Tgb. 170. - Ein "Théatre des
mes femmes" taucht in einem Brief an Lily bereits am 2. September 1900 auf
(Klee, Briefe, I, S. 98). Die offensichtlich im Rückblick geschriebene
Eintragung des Tagebuchs ist daher möglicherweise auf den Herbst 1900 zu
datieren. - Zum Ekel vgl. auch Tgb. 482 (Hausenstein I, S. 489).
[38]. Praz, Mario: Liebe, Tod und
Teufel. Die Schwarze Romantik, München 1963 (zuerst ital. 1930), S. 132-199; Hilmes, Carol: Die `femme fatale´. Ein
Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur, Stuttgart 1990; Kampf der
Geschlechter, passim.
[39]. Klee, Felix: Paul Klee. Leben und
Werk in Dokumenten, ausgewählt aus den nachgelassenen Aufzeichnungen und den
unveröffentlichten Briefen, Zürich 1960, S. 54; Kraus, Annegret: Paul Klee als
Geschäftsmann, Magisterarbeit (unpubl.), Leipzig 1999.
[40]. Tgb. 127-129 und 180; Wedekind:
Geschlecht und Autonomie; Ders.: Paul Klee (wie Anm. 7), S. 25-29.
[41]. Tgb. 173, 139. Vgl. auch Tgb.
141. Zur Ungewißheit um Lily vgl. bes. Tgb. 145-151, 155-159.
[42]. Klee: Briefe, I, S. 312
(23.2.1903).
[43]. Klee: Briefe, I, S. 493
(1.4.1905). Vgl. auch ebd., S. 307.
[44]. Vgl. z.B. Klee, Paul:
Kunst-Lehre. Aufsätze, Vorträge, Rezensionen und Beiträge zur bildnerischen
Formlehre, hg. v. Günther Regel, Leipzig 1991, S. 79 (d.i. Paul Klee, Über die
moderne Kunst, 1924, zuerst ersch. 1945).
[45]. Klee: Briefe, I, S. 228
(15.6.1903), S. 291 (15.12.1903) und S. 300 (3.1.1903); vgl. Thieme: Sexualität
(wie Anm. 7), S. 67-68.
[46]. Tgb. (Hausenstein II), S. 507
(1901).
[47]. Klee: Briefe, I, S. 421 (11.5.1904).
[48]. "Wir haben doch nie
aufgehört, an unsere Kunst zu denken, und die soll uns doch zusammenbringen und
erhalten. Unser Fall ist eben kein einfacher, ich will nicht nur heiraten,
sondern ich will als Künstler heiraten." Ebd., S. 492 (31.3.1905).
[49]. Tgb. 752 (Hausenstein II), S. 495
(1906).
[50]. Klee: Briefe, I, S. 597 (27.3.1906).
[51]. Tgb. 958 (1915).
[52]. Klee: Briefe, I, S. 313
(23.2.1903), S. 334 (2.7.1903) und S. 524 (10.10.1905). Vgl. auch Thieme:
Sexualität, S. 69.
[53]. Zu dieser Begriffsprägung vgl.
Gorsen, Peter: Sexualästhetik. Grenzformen der Sinnlichkeit im 20. Jahrhundert,
Reinbeck bei Hamburg 1987, S. 13-28.
[54]. Rosenkranz, Karl: Die
Emancipation des Fleisches (1837), nach Wedekind: Paul Klee, S. 26-27.
[55]. Tgb. 958 (1915).
[56]. Tgb. 605 (1905). - Zur
"Verarmung" vgl. auch Nietzsche, Friedrich: Genealogie der Moral,
2.25 (Nietzsche, Friedrich: Werke in drei Bänden, hg. v. Karl Schlechta, 3
Bde., München 1954-1956, II, S. 892).
[57]. Tgb. 466 (28.12.1902).
[58]. Tgb. 605 (1905).
[59]. Werckmeister, O.K.: Klee vor den
Toren von Kairouan. In: Paul Klee. Reisen in den Süden, Ausst.-Kat., Hamm und
Leipzig 1997, Stuttgart 1997, S. 32-50, S. 36-37; Nietzsche, Friedrich:
Morgenröte, Ed. Schlechta, I, S. 1009-1279, S. 1024 (1.14). - Allerdings sah
Nietzsche an anderer Stelle die Askese nicht als Grundvoraussetzung des
Künstlerischen überhaupt an; vgl. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der
Moral, ebd., II, S. 761-900, S. 839 (3.1; 3.25-26).
[60]. Vgl. hierzu Erbsmehl,
Hans-Dieter: Kulturkritik und Gegenästhetik: Zur Bedeutung Friedrich Nietzsches
für die bildende Kunst in Deutschland, 1892-1918, Phil. Diss., University of California, Los Angeles 1993, Ann
Arbor 1994, bes. S. 57 und S. 78-86 (Rezeption der durch
"Götzen-Dämmerung" durch Przybyszewski, Stanislaw: Zur Psychologie
des Individuums: I. Chopin und Nietzsche, Berlin 1892, S. 47). - Mir scheint,
daß Nietzsche und Przybyszewski den dionysischen Künstlertyp eher im Musiker
und Komponisten verkörpert sehen als im bildenden Künstler. - Zur Rezeption
Przybyszewskis in der Kunst siehe auch: Der Kampf der Geschlechter (wie Anm.
11), S. 33.
[61]. Nietzsche, Friedrich: Der Wille
zur Macht, Nr. 800 (Nietzsches Werke 2/VIII, 2. Aufl., Leipzig 1922, S. 228). -
Nietzsches Anschauungen zur Kunstproduktion variieren in seinen verschiedenen
Schriften und lassen sich nicht vollständig mit der Triebökonomie Klees in
Einklang bringen. Einen sexuellen Ursprung künstlerischer Produktivität und das
Problem von Triebregulierung sieht er allerdings durchweg, lediglich seine
Ansichten hinsichtlich der Triebökonomie variieren; vgl. hierzu Young, Julian:
Nietzsche´s Philosophy of Art, Cambridge 1993, S. 126-130.
[62]. Nietzsche, Wille zur Macht, Nr.
798 (S. 226). Vgl. dazu Klees Bemerkung über das künstlerisch nicht verwertbare
Moment des Org(i)astischen, das er anläßlich eines Auftritts der spanischen
Tänzerin Caroline Otéro folgendermaßen kommentiert: "Musternd und herausfordernd
steht sie da, jeder Zoll ein Weib, ähnlich beängstigend wie der Genuss einer
Tragödie. Nach dem ersten Teil des Tanzes ruht sie. [...] weh, wenn der Tanz
gesteigert wieder beginnt. Der Genuss wird so umheimlich, dass er als solcher
nicht mehr bewusst ist. Abgesehen von dem schliesslich Orgastischen, kann ein
Künstler hier viel lernen." Tgb. 362.
[63]. Nietzsche, Friedrich: Aus dem
Nachlaß der 80er Jahre, Ed. Schlechta, III, S. 923-924 (Hervorhebungen von
Nietzsche). - Klee setzte sich wahrscheinlich seit spätestens 1898 mit
Nietzsche auseinander (Tgb. 68), in seinen Briefen taucht er allerdings
wesentlich später auf.
[64]. Nietzsche: Genealogie der Moral,
3.25, Ed. Schlechta, II, S. 892.
[65]. Ebd., 3.2., S. 840.
[66]. Nietzsche: Aus dem Nachlaß der
80er Jahre, Ed. Schlechta, III, S. 870 (Hervorhebungen von Nietzsche).
[67]. Vgl. Lesky, Erna: Die Zeugungs-
und Vererbungslehren der Antike und ihr Nachwirken (Akademie der Wissenschaften
und der Literatur, ABhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse,
1950, Nr. 19), Mainz 1951; Schubert,
Charlotte/ Huttner, Ulrich (Hg. u. Übers.): Frauenmedizin in der Antike,
Düsseldorf/ Zürich 1999, S. 102-113 (d.i. Corpus Hippocraticum, De genitura
1-8) und 460-461; Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit, 3 Bde, Frankfurt
(Main) 1988-1989 (zuerst frz. 1976 und 1984), Bd. 2 (Der Gebrauch der Lüste),
S. 167-171, und Bd. 3 (Die Sorge um sich), S. 151, 160-162, 216. - Vgl. auch
Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter
von der Antike bis Freud, München 1996 (zuerst engl. 1990), S. 49-58 und
passim. - Siehe auch Aristoteles: De generatione animalium 5.3. (783b);
Pseudo-Hippokrates: De morbis 2.51. - Vgl. auch den Aufsatz von Tuana, Nancy:
Der schwächere Samen. Androzentrismus in der Aristotelischen Zeugungstheorie
und der Galenschen Anatomie. In: Das Geschlecht der Natur. Feministische
Beiträge zur Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften, hg. v. Barbara
Orland u. Elvira Schleich, Frankfurt 1995, S. 203-223; Héritier-Augé, Francoise:
Semen and Blood: Some Ancient Theories Concerning their Genesis and
Relationship. In: Fragments for a History
of the Human Body, Teil 3 (Zone, Bd. 5), hg. v. Michael Feher u.a., New York
1989, S. 159-175 (zuerst frz. in: Nouvelle revue de psychanalyse, 32, 1985).
[68]. Flint: Blood and Milk (wie Anm.
16); S. 109-123; Tuana: Der schwächere Samen, bes. S. 204-205.
[69]. Schopenhauer, Arthur: Die Welt
als Wille und Vorstellung, IV.42, zit. nach Schopenhauer, Arthur: Sämtliche
Werke. Textkritisch bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Frhr. von
Löhneysen, 5 Bde., 5. Aufl., Frankfurt 1998, Bd. 2, S. 653. - Die entsprechende
Ansicht, die Schopenhauer mit seinem fiktiven Celsus-Zitat zu belegen versucht,
stammt wohl aus dem Corpus Hippocraticum (siehe Anm. 67). Vgl. auch Platon,
Timaios, 73b-d, 86b-d, 88a und 91a-d und Foucault, II, S. 162ff. - Diese
Vorstellung ist durch eine Leonardozeichnung (W.19097v [35r] und die Bemerkung
im Codex Forster III, 75r) und ihre Reproduktion weit verbreitet worden; vgl.
Braunfels-Esche, Siegrid: Leonardo da Vinci. Das anatomische Werk, Stuttgart
1961, S. 142; Eissler, Kurt R.: Leonardo da Vinci. Psychonalytische Notizen zu
einem Rätsel, 2 Bde., München 1994 (zuerst engl. 1961), I, S 192-193.
[70]. Foucault, Bd. 2, S. 23-24 und 153. Lütkehaus,
Ludger: "O Wollust, o Hölle." Die Onanie. Stationen einer
Inquisition, Frankfurt (Main) 1992, S. 22, 76-81, 172 und passim.
[71]. Vgl. z.B. die in der Lust sich
verzehrende Zeugungskraft in einer Beschreibung bei Novalis (d.i. Friedrich von
Hardenberg): Die Lehrlinge zu Sais 2 (Novalis: Schriften, hg. v. Hans-Joachim
Mähl u. Richard Samuel, 3 Bde., München 1978, I, S. 227).
[72]. Hunter, W. J.: Manhood Wrecked
and Rescued, New York 1900, S. 119, zit. nach Dijkstra, Bram: Das Böse ist eine
Frau. Männliche Gewaltphantasien und die Angst vor der weiblichen Sexualität,
Reinbeck bei Hamburg 1999 (zuerst engl. 1996 als "Evil Sisters"), S.
119. Vgl. ebd. auch Kap. 2-3, bes. S. 81-86, 101-102 (Gehirn vom Ursprung her
Knoten von Genitalflüssigkeit), 107, 121-122, 142, 153, 156 (Popularität der
antiken hippokratischen Säftelehre und Verausgabungstheorie). Siehe auch die in
Anm. 67-69 angegebene Literatur.
[73]. Cennini, Cennino: Das Buch von
der Kunst [Libro dell`Arte, um 1400], übers. v. Albert Ilg, Wien 1871 (Nachdruck
Osnabrück 1970), Kap. 29, S. 19: "Noch gibt es eine andere Veranlassung,
welche deine Hand dermassen unsicher machen kann, dass sie zitternder und
flüchtiger sein wird als ein Blatt im Winde. Und dieses ist, zu häufiger Umgang
mit Weibern." - Albrecht Dürer: Entwürfe zum Lehrbuch der Malerei, um
1508: "[...] daß er behüt werd vor fräulichem Geschlecht, niz bei ihm
wohnen loß, daß er keine bloß sech oder angreif und sich vor aller Unlauterkeit
behüt. Kein Ding schwächt die Vernunft mehr denn Unlauterheit." Zit. in
der modernisierten Umschrift von Ullmann, Ernst (Hg.): Albrecht Dürer.
Schriften und Briefe, Leipzig 1973, S. 153 (Rupprich, H. (Hg.): Dürer.
Schriftlicher Nachlaß, 2 Bde., Berlin 1966, II, S. 92).
[74]. Brief an Emile Bernard (Anfang
August 1888). Zit. nach van Gogh, Vincent: Sämtliche Briefe. Übers. v. Eva
Schumann, hg. v. Fritz Erpel, 6 Bde., Berlin 1965-1968, V, S. 278. Vgl. hierzu
auch Eissler: Leonardo da Vinci, I, S. 66. - In dieselbe Richtung, aber
ausgehend von der idealistischen Philosophie, argumentiert Weininger, Otto:
Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung, München 1997 (zuerst
Wien 1903), S. 335: "Denn jeder große Erotiker ist ein Genie, und alles
Genie im Grund erotisch, auch wenn seine Liebe zum Wert, das ist zur Ewigkeit,
zum Weltganzen, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet."
(Hervorhebungen von Weininger).
[75]. Wittkower, Margot und Rudolf:
Künstler - Außenseiter der Gesellschaft, Stuttgart (zuerst engl. 1963), S. 166-185; Eissler: Leonardo da Vinci, S. 66-69.
[76]. Vgl. die erste Beschreibung der
Sublimierung in den psychoanalytischen Schriften Freuds - allerdings ohne
Verwendung dieses Begriffs: "[...] es scheint, daß die sexuellen
Triebkräfte beim Menschen aufgespeichert werden sollen, um dann bei ihrer Entfesselung
zur Zeit der Pubertät großen kulturellen Zwecken zu dienen. (Wilh.
Fließ)." Freud, Sigmund: Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen
(1898). In: Freud, Sigmund: Studienausgabe, V, Frankfurt 1972, S. 11-35, S. 31;
Siehe auch Laplanche, J./ Pontalis, J.-B.: Das Vokabular der Psychoanalyse, 2
Bde., Frankfurt 1973 (zuerst frz. 1967), II, S. 478-481.
[77]. Vgl. Freuds erste, im Druck
erschienene Verwendung der Begrifflichkeit "Sublimierung/
sublimieren": "Die mit der Kultur fortschreitende Verhüllung des
Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das
Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins
Künstlerische abgelenkt (`sublimiert´) werden kann, wenn man ihr Interesse von
den Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag. Ein
Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des sexuell betonten Schauens
kommt in gewissem Grade den meisten Normalen zu, ja es gibt ihnen die
Möglichkeit, einen gewissen Betrag ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele
zu richten." Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905),
ebd., S. 39-145, S. 66. Vgl. auch ebd., S. 85: "Die Kulturhistoriker
scheinen einig in der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte
von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen
Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen
gewonnen werden."
[78]. Freud, Sigmund: Die
"kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908),
Studienausgabe, IX, S. 9-32, bes. S. 26 (Gesammelte Werke, VII, S. 160); Freud,
Sigmund: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910), Studienausgabe,
X, S. 51-159 (auch separat erschienen mit einer - allerdings sehr unkritischen
- Einleitung von Janine Chasseguet-Smirgel, Frankfurt 1995; vgl. dort bes. S. 22f, 46-49, 101f, 104-106). Vgl.
hierzu auch die sehr ähnliche Bemerkung Nietzsches, zit. in Anm. 64. - Eine
Korrektur der Interpretationen Freuds bietet Meyer Schapiro: Leonardo and
Freud: An Art-Historical Study. In: Journal of the History of Ideas, 17 (1956),
S. 154-178. - Ein Versuch, den Ansatz Freuds zu retten, findet sich bei
Herding, Klaus: Freuds "Leonardo", München 1998.
[79]. Freud: Drei Abhandlungen, S.
140-141; vgl. auch ebd., S. 139 und 85, wo Freud "Sexualitätszuflüsse"
und "Endausgänge" sowie "Dämme" in Gestalt ästhetischer und
moralische Anforderungen gegen den "Zufluß" der
"Sexualregungen" beschreibt.
[80]. Platon: Symposion, 27
(208e-209a); vgl. Mayer, Felix: Zur Frage der Sublimierung. In: Zentralblatt
für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete, 6 (1933), S. 18-25; Wedekind: Paul
Klee, S. 30. - Vgl. auch die unterschiedlichen Positionen von Santas,
Gerasimos: Platon and Freud. Two
Theories of Love, Oxford 1988; und Price, A.W.: Platon and Freud. In: The
Person and the Human Mind. Issues in Ancient and Modern Philosophy, edited by
Christopher Gill, Oxford 1990, S. 247-270 (freundlicher Hinweis K. Sier,
Leipzig). - Für nachantike Zeit vgl. z.B. Montaigne, Michel de: Essais
[1588/1595]. Ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz [Leipzig
1753/1754], 3 Bde., Zürich 1992, II, S. 832 und 858; vgl. hierzu auch eine
Parallele in der Kunst Poussins bei Dempsey, Charles: Mavors armipotens: The
Poetics of Self-Representation in Poussin`s "Mars and Venus". In: Der
Künstler über sich in seinem Werk, hg. v. Matthias Winner, Weinheim 1992, S.
425-462, bes. S. 443 und 449.
[81]. Vgl. Marquard, Odo:
Transzendentaler Idealismus. Romantische Naturphilosophie. Psychoanalyse, Köln
1987, S. 161-164 und 236-238.
[82]. Zu Quellen und Hintergründen der
Sublimationstheorie Freuds s.o. und: Spector, Jack J.: Freud und die Ästhetik.
Psychoanalyse, Literatur und Kunst, München 1973 (zuerst engl. 1972), S.
89-155; Wagner, Nike: Geist und Geschlecht. Karl Kraus und die Erotik der
Wiener Moderne, Frankfurt 1985, S. 69-75; Hirschmüller, Albrecht: Sublimierung.
Zur Geschichte und Bedeutung eines zentralen Begriffs der Psychoanalyse. In:
Forum Psychoanalyse 1 (1985), S. 251-264, bes. S. 253; Jansen, Gert: Der
Begriff der Sublimierung und seine Bedeutung für Erziehung und Psychotherapie,
Phil. Diss., Berlin 1992; Gasser, Reinhard: Nietzsche und Freud, Berlin/ New
York 1997 (beide Hinweise verdanke ich K. Schmieder u. A. Himmel, Leipzig);
Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter u. Karlfried
Gründer, X, Darmstadt 1998, Sp. 475-477.
[83]. Nietzsche, Friedrich: Die
Unschuld des Werden. Nachlaß I, S. 54, zit. nach Oehler, Richard:
Nietzsche-Register, Stuttgart 1978, s.v. Trieb.
[84]. Weber, Max: Die protestantische
Ethik und der "Geist" des Kapitalismus. In: Archiv für
Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 20 (1904), S. 1-54, und 21 (1905), S.
1-110. Ich benutze die Ausgabe: Weber, Max: Die protestantische Ethik und der
"Geist" des Kapitalismus. Textausgabe auf der Grundlage der ersten
Fassung von 1904/05 mit einem Verzeichnis der wichtigsten Zusätze und
Veränderungen aus der zweiten Fassung von 1920, hg. u. eingel. v. Klaus
Lichtblau u. Johannes Weiß, 2. Aufl., Weinheim 1996, S. 81, 122-127, 139/140,
144-147, 150, 152, 155; Zu den Verbindungen zur Psychoanalyse und zu Nietzsche
siehe ebd., S. XI und XXIX, Anm. 14-15.
[85]. Ebd., S. 141.
[86]. Wittkower: Künstler Außenseiter
der Gesellschaft (wie Anm. 75, S. 166-169; Bode, Wilhelm von: Botticelli,
Berlin 1921, S. 197.
[87]. Loos, Adolf: Sämtliche Schriften
in zwei Bänden, hg. v. Franz Glück, Wien/ München 1962, I, S. 391ff (Ornament
und Erziehung, 1924) und S. 276ff (Ornament und Verbrechen, 1908/1910?). Vgl.
hierzu auch Wagner, Monika: Gustav Klimts `verruchtes Ornament´. In: Die
weibliche und die männliche Linie (wie Anm. 7), S. 27-50, S. 27.
[88]. Tgb. 538 (Dezember 1903), S.
490-491.
[89]. Tgb. 951 (1915) und S. 518
(Sommer 1916): "Meinem Werk fehlt eine leidenschaftliche Art der
Menschlichkeit. Ich liebe Tiere und andere Wesen nicht irdisch herzlich. [...]
Die Liebe ist fern und religiös." - Die Selbststilisierung ist bekannt,
siehe z.B. Werckmeister, O.K.: Versuche über Paul Klee, Frankfurt 1981, S.
37-39, und unten, Anm. 91, sowie, bezüglich der Manipulationen Klees in seinem
Tagebuch: Geelhaar, Christian: Journal intime oder Autobiographie? Klees
Tagebücher. In: Klee. Das Frühwerk (wie Anm. 11), S. 246-260.
[90]. Nietzsche, Menschliches,
Allzumenschliches, Nr. 197, Ed. Schlechta, I, S. 955. - Zum
Fortpflanzungsverbot siehe auch den durch Klee rezipierten Weininger:
Geschlecht und Charakter (wie Anm. 74), S. 331 und passim; Schopenhauer: Welt
als Wille und Vorstellung (4.42, 4.44 und 4.48.), Ed. Löhneysen, II, bes. S.
690-691 und 796-798; Der Kampf der Geschlechter (wie Anm. 11), S. 31.
[91]. Vgl. Tgb. 951 und 518, zit. in
Anm. 89, mit Tgb. 311 und der von seinem Sohn Felix beschriebenen Tierliebe
seines Vaters, die seiner Selbststilisierung als kühler Künstler widerspricht;
Klee: Paul Klee (wie Anm. 39), S. 139-152 (Briefe Klees über seine Katzen vom
3.10.1930; 16.7.1931; 30.1. und 5.2.1933; 27.1.1935 etc.).
[92]. Elias, Norbert: Über den Prozeß
der Zivilisation. Soziogenetische und pyschogenetische Untersuchungen, 2Bde.,
5. Aufl., Frankfurt 1978 (zuerst 1939), bes. I, S. 237, 249, 255, 258, 261; II,
S. 377, 381, 391, 397 (zu Elias vgl. z.B. Mennel, Stephen: Norbert Elias. An
Introduction, Oxford 1992 [zuerst 1989]). - Ähnliche Beobachtungen hinsichtlich
der Triebregulierung aufsteigender Schichten finden sich z.B. auch bei
Foucault: Sexualität und Wahrheit, III, S. 216 und 229-240; Weber:
Protestantische Ethik, S. 149; und bei Paglia, Camille: Masken der Sexualität,
München 1992 (zuerst engl. 1990), S.
237.