Erfahrungsbericht : Valencia - Freya Magdalena
Universitat de Valéncia | 2011/12
STUDIUM UND STUDIENORGANISATION
Das Vorurteil, dass das Studium in Spanien wissenschaftlich nicht den Standard aus Leipzig halten
kann, kann ich bestätigen. Die Vermittlung wissenschaftliche Theorien ist an der Universidad de Valencia im Grado de Periodismo (Journalistik) bzw. Grado de Comunicación Audiovisual (Audiovisuelle Kommunikation) nicht erste Priorität. Ich habe selber auch von keiner Forschungsausbildung in qualitativer oder quantitativer Methodik erfahren.
Vielmehr zeichnet sich das Studium durch einen hohen Praxisanteil aus, der sehr häufig in Gruppenarbeit umgesetzt wird. Die Ausstattung an der Universidad de Valencia ist im TV-Bereich und der Fotografie weit besser als in Leipzig. So gibt es ein voll ausgestattetes Fernsehstudio, das über drei Kameras verfügt und über eine angeschlossene Regiekabine geführt wird. Im Modul zu Technik und Theorie der Fotografie werden Praxisveranstaltungen angeboten, bei denen Studierende mit digitalen Spiegelreflexkameras deren Aufbau, Technik und Bildsprache im Allgemeinen erlernen. Zudem wird innerhalb des Moduls das Softwareprogramm Photoshop erklärt und auch angewandt.
Neben dem Diplom-Kurs (Llicentatura) Realización Televisiva, dem Foto-Kurs und einem Kurs in Radiomagazin habe ich auch ein Seminar zu Kulturwissenschaften und Kommunikation und eines zu Theorien der Öffentlichen Meinung und Kommunikation/Mediensysteme besucht, die leider meinen Wissenshorizont als Masterstudierende nicht sonderlich erweitert haben. Die vorgestellten Theorien sind zum Großteil die gleichen wie in Leipzig, sie werden aber kaum kritisch betrachtet und auch nur „angeschnitten“ und nicht ernsthaft durchgenommen.
Studierenden, die bereits ein paar Fachsemester studiert haben, würde ich anraten nur Kurse mit hohem Praxisanteil zu wählen, da der Lernerfolg hinsichtlich der praktischen Ausbildung höher ist als der theoretische Unterbau.
Wichtig ist auch die Studienorganisation. Im Vergleich zu unserer Alma Mater sollte bei jedem bürokratischen Akt mehr Zeit eingeplant werden. Gerne gehen auch wichtige Papiere oder Anmeldungen verloren. Vor allem das Learning Agreement, das im Voraus per Post zugeschickt werden muss, sollte jeder vorher kopieren und mit nach Valencia nehmen. Mein spanischer Koordinator hatte beispielsweise noch nicht einmal einen Aktenschrank in seinem Büro.
Gleich am nächsten Tag meiner Ankunft bin ich in das zentrale International Office gegangen und habe dort nach knapp drei Stunden Wartezeit meinen vorläufigen Studentenausweis und eine Mappe mit vielen Informationen über Valencia, die Uni und der valencianischen Sprache (~ Catalan) bekommen. Viel wichtiger als das war aber meine Ankunftsbestätigung, die auch bei der Abmeldung wieder vorgezeigt werden musste.
SPRACHE
Ich habe vor Vorlesungsbeginn einen Monat lang eine Sprachschule besucht (privat finanziert) und
dazu auch den rund dreiwöchigen Crashkurs des Centre d'Idiomas (200 €) in Valencia absolviert.
Das Centre d'Idiomas ist die Sprachschule der Universität. Es gibt aber auch einige private Sprachschulen mit ähnlichen Angeboten. Daher war ich auf einem soliden B1-Niveau als die Vorlesungen und Seminare begonnen haben. Dennoch habe ich teilweise den Professoren nicht immer folgen können, doch mit der Zeit hat sich das Problem erledigt. Bei Valencia ist zu beachten, dass neben dem „Spanisch“ auch das Valenciano (ein regionaler Dialekt des Catalan) Amtssprache ist. Bei mir wurden fast alle Kurse je in Castellano und auch in Valenciano angeboten. Wer dem Spanischen schon mächtiger ist, dem seien auch die kostenfreien Catalan-
Kurse (A1 bis A2) empfohlen.
Für meinen Spracherwerb und auch für meine kulturelle Erfahrung war aber der direkte Austausch mit Studierenden aus Valencia weit wichtiger. Die Universität bietet auf der sozialen Plattform facebook eine Sprachtandem-Börse an, die auch rege von Erasmi als auch Valencianos genutzt wird. So habe ich den Kontakt zu drei Interessierten gefunden, die ihre Englisch- bzw. Deutsch-Kenntnisse erweitern wollten und mir beim Spracherwerb und beim Stadt-Kennenlernen viel weiterhelfen konnten. Über diese Kontakte habe ich auch viel über die aktuelle öffentliche Meinung in Spanien erfahren dürfen, die zu meinen wichtigsten Erfahrungen des Aufenthalts zählen.
WOHNEN
Nach eigener Aussage ist die Universidad Valencia im Ranking der Erasmus-Universitäten diejenige, die die 3. meisten Studierenden pro Jahr aufnimmt. Daher gibt es neben der entwickelten Subkultur der Erasmus-Studierenden auch im Bereich der Wohnungen einen relativ großen Markt von Immobilienangeboten extra für Erasmus-Studierende. Im ersten Moment scheinen deren Angebote verlockend, da sie der teilweise stressigen Wohnungssuche schnell ein Ende bereiten können. Dennoch sehe ich diese Angebote eher kritisch, so werden von diesen Vermietern weit höhere Mieten verlangt als sonst ortsüblich. Außerdem ist es auch nicht zu empfehlen in eine reine Erasmus-WG zu ziehen, da sonst das Erlernen der spanischen Sprache schwieriger wird. Viele Ankömmlinge beginnen erst in Valencia Castellano zu lernen und die übliche Verkehrssprache ist dann eher Englisch als Spanisch. Zudem sollten die reinen Erasmus-
WGs wegen der hohen Dichte von deutschsprachigen Studierenden umgangen werden.
SONSTIGES
Valencia ist mittlerweile eine wahre Fahrradhauptstadt. Für nur 18 Euro jährlich kann sich jeder bei „Valenbisi“, dem städtischen Leihfahrradsystem, anmelden. Ziemlich an jeder Straßenecke stehen Stationen, bei denen Räder kostenfrei für 30 Minuten ausgeborgt werden können. Auch das Netzwerk von Fahrradwegen wird weiter ausgebaut, vom Fahren auf der Straße kann ich bei dem flotten Fahrstil der Valencianos aber nur abraten.