Homöopathen und Homöopathie in Machern
Ein Brief aus Mexiko-Stadt und ein Besuch aus Meißen
Das Eintreffen eines Briefes aus Mexiko-Stadt im Oktober 2003 in
Machern war die Initialzündung zur Ausarbeitung dieses Berichtes.
In dem Brief mit Signet und Stempel (s. u.) schreibt der Vizepräsident
des Verbandes der mexikanischen Homöopathen Dr. Fernando Dario
Francois-Flores:
"Ich habe herausgefunden, dass der Begründer der Homöopathie
Samuel Hahnemann in ihrer Stadt im Jahre 1801 gelebt hat. Hätten Sie
vielleicht irgendwelche Daten über diesen Besuch?"
Signet
Stempel
Nun war das Macherner Gemeindeamt schon 4 Monate vorher von
Helge
Landmann, dem Vereinsvorsitzenden vom "Meißener Hahnemannzentrum
e.V." aufgesucht und von ihm mit einer ähnlichen Fragestellung konfrontiert
worden, ohne dass dem Mann damals geholfen werden konnte. Helge Landmann
hat zusammen mit Verena Sauer die Broschüre "Hahnemann in Meißen"
veröffentlicht mit einer von Haehl stammenden Übersicht
über Lebensstationen von Hahnemann, worin auch "Machern 1801"
aufgeführt ist. Das wollte er tiefer gehend ergründen.
Erst nach seinem Besuch wurde in der Person von Roland Dix, dem
ehemaligen ehrenamtlichen Chefparkführer von Machern, ein Wissender
gefunden, der nämlich am 22. 4. 2001 als Berater bei Sylvia Koschewski
hinter der Kamera stand, als ihr Team im Macherner Schlosspark Filmteile
über das Leben von Samuel Hahnemann gedreht hat.
Fernsehfilm "Das Geheimnis des Dr. Hahnemanns" in Machern gedreht
Dieser Film wurde am 9. 5. 2001 im MDR-Fernsehen gesendet.
Sylvia
Koschewski aus Leipzig/Holzhausen hatte das Buch dazu geschrieben und
die Regie geführt. Drei kleine Episoden darin behandeln kurz den Aufenthalt
von Samuel Hahnemann in Machern, etwa um 1800 zu datieren. Das genaue Jahr
wird im Film nicht genannt, nur der Graf von Lindenau und sein Gartenbaumeister
E. W. Glasewald "als Hahnemanns Brüder im Geist, deren Odem er spürte".
Hier soll er die Ruhe gefunden haben, die er zum Arbeiten und
Nachdenken brauchte, um schließlich die entscheidenden Gedanken
für seine Regel zu fassen, die da lautet:
"Ähnliches
werde durch Ähnliches geheilt".
Auch die in der Homöopathie heute immer noch bedeutende Arzneipflanze,
den Giftsumach , soll Hahnemann hier in Machern gefunden und untersucht
haben. Soweit die Aussagen des Films.
Weitere eigene Nachforschungen zu Hahnemann wurden von den beiden Leipziger
homöopathisch arbeitenden Ärztinnen
Dr. Maria Bormann
und besonders von Dipl.-Med.
Cornelia Fischer vom Vorstand der "Gesellschaft Homöopathischer
Ärzte in Sachsen e. V." sowie von Dieter Herbst vom Leipziger Arzneimittelwerk
(Betriebsstätte der RIEMSER Arzneimittel AG) in dankenswerter Weise
unterstützt.
Dr. Samuel Hahnemann in Machern
Samuel Hahneman wurde am 10. April 1755 in Meißen geboren, studierte
in Leipzig und Wien Medizin, wurde in Erlangen 1779 promoviert und habilitierte
sich 1812 in Leipzig. Er war bis dahin mit seiner Familie rastlos an vielen
Orten in Deutschland als Arzt, Chemiker und Hygieniker sowie als
Forschender, Schriftsteller und Übersetzer unterwegs, ehe er dann
nach 10 Jahren Leipzig- und weiteren 13 Jahren Köthen-Aufenthalt noch
8 Jahre in Paris als anerkannter und erfolgreicher Homöopath tätig
war und dort im Alter von 88 Jahren 1843 verstarb. Die beste Beschreibung
seines Lebens entstammt der Feder von Richard Haehl in "Samuel
Hahnemann - sein Leben und Schaffen"
aus dem Jahre 1922. Aus ihr geht
hervor, dass Samuel Hahnemann nach dem Studium noch ein weiteres
Mal in Leipzig/ Stötteritz von 1789 bis 1792 lebte und wirkte
und hier Selbstversuche mit Chinarinde zum Wechselfieber (Chininfieber)
durchgeführt hat, die bei Gesunden ähnliche Symptome auslöst
wie bei Malaria-Kranken. Von 1792 bis 1800 lebte und arbeitet er
in Gotha , Göttingen und anderen Orten sowie in Königslutter,
Hamburg und ab September 1800 in Mölln. Haehl schreibt dazu weiter:
"Im
Sommer des folgenden Jahres 1801 lebte Hahnemann bereits in Machern, vier
Stunden von Leipzig und zwei Stunden von Wurzen entfernt. Er ist also von
der Wasserkante wieder nach seinem Sachsen zurückgekehrt. Obgleich
er nun hier wiederum ein eigenes Häußchen besaß und es
ihm auch an Kranken nicht fehlte, zog er doch schon im Hochsommer desselben
Jahres nach Eilenburg an der Mulde." Und dann bald weiter nach
Wittenberg, nach Dessau und nach Torgau sowie schließlich 1811 das
dritte Mal nach Leipzig, wo er an der Universität die Lehrberechtigung
erwarb und auch als Dozent tätig war. In Torgau war sein 11.
Kind geboren worden.
Da von Samuel Hahnemann selbst keine autobiografischen Angaben vorliegen,
sind besonders seine zwei Briefe an den Rat Becker in Gotha
bedeutungsvoll, die Haehl als Anlagen seinem Buch beigefügt
und in seiner Schrift entsprechend ausgewertet und gedeutet hat (s. o.).
Einer ist datiert mit: "Machern, den 8. Juny 1801".
Hahnemann schreibt darin: "Warum ich Göttlinger nicht antworte?
Da ich des guten Tropfes Aufsatz gar nicht gelesen habe. Hier in Machern
bekomme ich keine neue Zeitschrift zu sehen." Der andere ist datiert
mit: "Eilenburg, den 18. 9. 1801". In ihm schreibt er: "Weisen
Sie mir doch einen Käufer zu dem modernen, niedlichen und bequemen
Wohnhause in Machern zu, wo aber die übrigen Bequemlichkeiten des
Lebens freilich alle fehlen, welches mich von da vertrieb. So fehlte
mirs auch da an naher und entfernter Landpraxis nicht. Aber hier ists doch
weit ärger damit."
Das ist offenbar alles, was man authentisch zum Aufenthalt von Samuel
Hahnemann in Machern und über Machern bisher gefunden hat. Folgende
Fragen bleiben offen: Wo stand sein Haus in Machern? Konnte er sich in
der Kürze seines Machern-Aufenthaltes im Sommer 1801 wirklich mit
dem Giftsumach aus dem Macherner Schlosspark beschäftigen, wie das
nicht nur im oben genannten Fernsehfilm sondern allgemein auch von den
Homöopathen angenommen wird? Hat er vielleicht Machern schon in seiner
Leipziger/Stötteritzer Zeit 1789-1792 kennengelernt und öfters
besucht und mit dem Giftsumach experimentiert? Aber erst aus seiner
Leipziger Zeit 1811 bis 1821 liegen Berichte vor über Prüfung
und Anwendung von Giftsumach als homöopathisches Heilmittel, doch
ohne Bezug auf Machern.
Der homöopathisch anwendbare Giftsumach im Macherner Schlosspark
Der Giftsumach (Rhus toxicodendron) ist ein kletternder oder
auf dem Boden liegender Strauch. Seine Heimat ist Ostasien und Nordamerika.
Er hat langgestielte, dreizählige, eiförmige und zugespitzte
Blätter, deren Farbe dunkelgrün (Bild o.), im Herbst weinrot
ist (Bilder u.). Die Pflanze enthält das Urushiol. Nach ihrer Berührung
bewirkt sie bei manchen Personen eine Schwellung und Entzündung der
Hände, Arme und des ganzen Körpers . Die Urtinktur
von dieser Giftpflanze leistet in Dezimalpotenzen (D) oder Centesimalpotenzen
(C) als homöopathische Arznei bei verschiedener Erkrankungen
gute Dienste: früher bei Lähmungen und heute besonders bei Erkältungskrankheiten,
Nervenschmerzen und rheumatischen Beschwerden empfohlen.
Schon 1782-1785 begann eine intensive Bepflanzung des Macherner Schlossparkes
mit in- und ausländischen Gewächsen besonders im Bereich des
ehemaligen Schneckenberges und der Hölle. In den Folgejahren bis 1798
wurde der Park dann zu einem englischen Landschaftsgarten erweitert und
ausgebaut. Es war dies ein großer bleibender Verdienst
von Carl Heinrich August Graf von Lindenau, dem Macherner Schlosspark-
und Rittergutbesitzer und Königlich-preußischen Oberstallmeister.
Beteiligt waren daran weiterhin seine Gärtner, Vater und Sohn Nehring,
und sein Baukondukteur vom Berliner Oberstallamt E. W. Glasewald.
Schon in den ersten Schriften über den Park wird der Giftsumach
aufgelistet. So bei P. C. G. Andrae 1796 in "Machern. Für Freunde
der Natur und Gartenkunst" als 335. der 467 angeführten
Parkbäume und –sträucher und bei E. W. Glasewald 1799 in der
"Beschreibung des Gartens zu Machern mit besonderer Rücksicht auf
die in demselben befindlichen Holzarten"
unter den Gewächsen,
die im Parkbereich des damaligen Schneckenberges zu finden waren.
Heute sieht man ihn noch in der Vegetationsperiode nicht weit
davon entfernt rechts und links am inneren Steinbogen von "Wilhelms Ruh"
(Bilder u.), wo er auch in dem genannten Fernsehfilm gezeigt wird. An dieser
Stelle hatte vor Jahren Olga Dirschke aus Machern schon immer
Teile vom Giftsumach geerntet und diese zur Herstellung von homöopathischen
Arzneien an ihren Betrieb, an das Leipziger Arzneimittelwerk, weitergegeben.
Die "Wilhelms Ruh" im September 2000: der Steinbogen ist umwuchert
vom Giftsumach.
An der "Wilhelms Ruh" im Oktober 2003: auch nach ihrer umfassenden
Restaurierung wächst der Giftsumach hier weiter.
Der Teegarten von Dr. Willmar Schwabe in Machern
Olga Dirschke (1905-1990) war Angestellte im Macherner Teegarten
zwischen Goethestraße und Mühlteich, den der verdienstvolle
Pionier
der Homöopathie und Hersteller homöopathischer Präparate,
der Apotheker und Kommerzienrat Dr. Willmar Schwabe (1839-1917) aus
Leipzig oder seine Nachfolger hier zur Arzneipflanzengewinnung angelegt
hatten. Bis 31. 12. 1975 nutzte den Teegarten (auch Teeplantage,
Giftgarten oder Pflanzgarten genannt) das Leipziger Arzneimittelwerk (LAW)
als Dr. Schwabes Nachfolgeeinrichtung zu DDR-Zeiten, danach übernahm
ihn die Gemeinde Machern, die ihn aufteilte und als Garten- und teilweise
auch als Bauland in Privathände übergab.
Die Firma Schwabe hatte1946 ihren
Firmensitz von Leipzig nach Karlsruhe verlegt, wo seit 1961 dann
die Deutsche Homöopathie-Union (DHU),
ein Tochterunternehmen der "Unternehmensgruppe Dr. Willmar Schwabe", homöopathische
Arzneimittel
in großem Umfange herstellt, wie z. B. auch "Rhus toxicodendron
D12 ", die man auch in der Schloßapotheke Machern erhalten kann.
Auf dem Bild ist die stilisierte, gebräuchliche DHU-Abpackung
mit dem Hahnemann-Bild zu sehen.
Homöopathische Weiter- und Fortbildung in Machern
Seit 1991 finden im Schloss zu Machern regelmäßig die verschiedenen
mehrtägigen Weiterbildungskurse für Ärzte zur Erlangung
der durch die Ärztekammer Sachsens anerkannte Zusatzbezeichnung
Homöopathie sowie Fortbildungsveranstaltungen und Supervisionskurse
für ausgebildete homöopathische Ärzte statt. Veranstalter
ist der "Deutsche Zentralverein homöopathischer
Ärzte" (DZVhÄ) mit seinem Landesverband der "Gesellschaft
Homöopathischer Ärzte in Sachsen e.V." Die nächste
Fortbildung in Machern wird im November 2004 sein.
Homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker in Machern
Dr. Gerlinde Werner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin
– Homöopathie. Sie praktiziert schon seit 1974 in Machern, seit 1995
in ihrem Arzthaus Schloßgasse 15. In Gerichshain, einem Ortsteil
der Gemeinde Machern, arbeitet seit 2003 Petra Salwender
im Orchideenweg 2 als Heilpraktikerin nach den Grundsätzen der
klassischen Homöopathie.
Geschichtliches von den Homöopathen
1755: Christian Friedrich Samuel Hahnemann wird am
10. April in Meißen geboren. 1790-1810: Hahnemann entwickelt
sein neues (homöpathisches) Heilsystem "Similia similibus curentur"
("Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt"). Es kündigt
sich
1790 zum ersten Mal andeutungsweise an (Chinarindenversuche!),
bekommt
1796
erste bestimmte Formen in der Kampfansage Hahnemanns
an die Arzneigemische seiner Zeit und bildet sich in den nächsten
Jahren im Stillen weiter.
1807: Hahnmann nennt seine Heilmethode
erstmals
Homöopathie und entdeckt die Macht der verdünnten
und potenzierten Heilmittel.
1810: Das neue Heilsystem erreicht
in Hahnemanns Werken "Organon der Heilkunst" und "Die reine Arzneimittellehre
in 6 Teilen" seinen vorläufigen Abschluß.
1828: Hahnemanns
Werk "Die chronische Krankheit, ihre eigenthümliche Natur- und homöopathische
Heilung" erscheint und bildet die Grundlage für die weitere Entwicklung
der Homöopathie und deren weltweite Ausbreitung. Es kommt erst zu
nationalen und dann zu internationalen Zusammenschlüssen von homöopathisch
arbeitenden Ärzten.
1829: "Gesellschaft homöopathischer Ärzte"
wird
auf dem internationalen Kongress in Köthen anlässlich des 50jährigen
Doktorjubiläums von Samuel Hahnemann gegründet. Damit entsteht
der älteste, noch bestehende Ärzteverein Deutschlands, der "Deutsche
Zentralverein homöopathischer Ärzte".
1925: Die
Weltorganisation "Liga
Medicorum Homeopathica Internationalis" wird in Rotterdam gegründet.
1993:
"Gesellschaft
Homöopathischer Ärzte in Sachsen e.V." wird in Leipzig gegründet,
die heute 160 Mitglieder zählt.
Hinweis: 2002 erscheint der erste Roman
über den Begründer der Homöopathie "Die Gewölbe
des Doktor Hahnemann" von Guido Dieckmann (Taschenbuch in 2004
mit ISBN 3-7466-2011-2).
Vorschau auf 2005: Im April/Mai wird weltweit
der 250. Geburtstag von Hahnemann gefeiert.Vom 4. bis 7. Mai findet in
Berlin der 60. Kongress der Liga Medicorum Homeopathica Internationalis
statt.
Machern, 10. 02. 2004/ Prof.
Dr. Heinz Mielke
Eine Änderung am 21. 05. 2007