Die Ritterburg in Machern: ein geschichtlicher Exkurs
1795/96: Bau der Ritterburg im künstlichen Ruinenstil
als Parkstaffage im Macherner
Landschaftsgarten unter Carl Heinrich August Graf von Lindenau durch
den Baukondukteur E. W. Glasewald. 1796: P. C. G. Andrae veröffentlicht
in seinem Buch "Machern. Für Freunde der Gartenkunst" das erste
farbige Bild von der Ritterburg, das J. E. Lange 1795 gemalt
hatte (s. Bild u.).
1799: E. W. Glasewald gibt in seinem Buch "Beschreibung des
Gartens zu Machern" Auskunft über die Ritterburg in Wort- und
Bildform
mit Verlies, Burggefängnis, einfachem Zimmer, Rittersaal und
Balkonzimmer sowie mit Zimmer zur Entwässerung der darüberliegenden
Plattform.
1802: Der Graf von Lindenau verkaufte seinen Machernbesitz mit
der Ritterburg an den Baron von Wylich auf Diersfurt bei Wesel.
1806: Weiterverkauf dieses Besitzes an den Leipziger Kaufmann
Gottfried Schnetger. Über 4 Generationen bis 1945 verbleibt
der Besitz in Händen der Schnetgers.
1885: Der später berühmte japanische Schriftsteller
und Goethe-Übersetzer Mori Ogai nahm am 27. August im Schloss
Machern Quartier als Sanitätsoffizier und Beobachter der Manöver
der sächsischen Truppen und beschrieb diesen Aufenthalt in seiner
Novelle "Der
Briefbote", auch davon, dass er von dem sehr hohen Turm der Ritterburg
in alle Himmelsrichtungen auf Felder und Kiefernhaine geblickt und in einem
Burgzimmer seinen Namen ins Gästebuch eingetragen hat.
1920er Jahre: Leipziger Pfadfinder nutzten
die Ritterburg als Landheim und halfen 1924 bei der Erhöhung
des Ritterburgturmes um 50/60 cm.
1930er Jahre: Für die Ritterburg verliefen sie ruhig, obwohl
die Ritterburg wie auch die Pyramide außerhalb des jetzt vom
Besitzer Paul Schnetger eingezäunten Schlossparkhauptteiles zu liegen
kamen.
1940er Jahre: Sie waren ereignisreich. In den Jahren vor
Kriegsende 1945 wurde der Turm der Ritterburg durch Soldaten des Luftraumüberwachungsdienstes
genutzt, die über eine Eisentreppe und durch eine neu
geschaffene Tür sofort in den 1. Stock des Turmes gelangten.
Bei Fliegeralarm diente der durch eine innere Mauer vom Turm
völlig abgegrenzte unterirdische Gang als Luftschutzraum für
die Belegschaft der Macherner Gerätefirma "ALLEI" von Alfred Lindner.
Nach dem Krieg wurde der Park mit der Ritterburg in Volkseigentum überführt
und bis 1950 vom Sächsischen Forstamt Wurzen verwaltet. Am 10.
Mai 1948 kam es zu einem Brand in der Ritterburg (fahrläßige
Brandstiftung durch 3 Jugendliche). Das Innere des Turmes brannte
bis zur Plattform völlig aus. Es gab keine begehbaren Treppen mehr.
Am 1. Januar 1949 schloss das o. g. Forstamt mit einem Leipziger
Bürger einen Pachtvertrag ab zur Nutzung der ausgebrannten Ritterburg,
der Wohnungen in den Turm einbauen wollte. (Bis 1991 geschah
vonseiten des Pächters nichts. Er war in die BRD übergesiedelt,
führte dann von 1991 bis 1996 einen "kuriosen" Schriftverkehr um die
Ritterburg.)
1950 bis 1988: Keine Nutzung der Ritterburg.
In den ersten Jahren versuchte die Macherner FDJ (Freie Deutsche Jugend)
mit materieller Unterstützung durch die FDJ von Radio Leipzig
(Springerstraße) einen Ausbauanfang, der aber wegen Diebstahls des
Materials eingestellt werden mußte.
Im Sommer 1951 führten die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB)
im Macherner Park zwischen Ritterburg und Pyramide ein Kinderferienlager
durch, in dem die Kinder ihrer Arbeiter und Angestellten in dort
aufgestellten Baracken untergebracht waren und in der schönen Natur
der Umgebung wandern und spielen konnten. Das war der Beginn der bis heute
bestehenden
Verbindungen
der LVB zu Machern. Die Ritterburg war damals das Wahrzeichen
des Lagers mit einer gehissten Flagge, wie es bei den Pfadfindern
in den 1920er Jahren schon einmal zu sehen war.
1955 wurde vor dem Eingang zur Ritterburg von der Gemeinde Machern
ein Theaterspielplatz mit 300 Sitzplätzen geschaffen, der für
kulturelle Auftritte genutzt wurde, später aber verfiel. Danach
immer wieder unerlaubtes Betreten der durch den Brand zerstörten
Ritterburg, besonders durch Kinder und Jugendliche, wobei es zu Unfällen
kam.
1988 bis 2004: Restaurierung, Modernisierung und Neunutzung
der Ritterburg unter den Parkdirektoraten der Gemeinde Machern erst von
Dr. Christoph Bormann und ab 1992 von Petra Puttkammer, wobei der
Treppen- und Zwischendeckeneinbau sowie die Plattformabdeckung durch
ein Schutzdach bis Mai 1995, dann der "Tag der offenen Tür" in der
Ritterburg zum Parkfest 1994 und der große Besucheransturm
auf die Aussichtsplattform zum Parkfest im Juni 1995 zu nennen sind.
2002 wurde die Wiedereinrichtung des Theaterspielplatzes mit ca. 200 Sitzplätzen
vor dem Eingangsbereich als "Naturbühne an der Ritterburg" abgeschlossen
und dort 2003 und 2004 mehrmals Theater durch die örtliche Laienschauspielgruppe
aufgeführt


Die Macherner Ritterburg mit dem 26 m
hohen Turm , Balkon (l. u. m.) und Säuleneingang (r.)
Fast 15 Jahre dauerten die Restaurierungsarbeiten an der Ritterburg
im Macherner Schlosspark, ehe sie 2003 mit einer Reihe wesentlicher Neuerungen
im Sanitär-, Elektro- und Sicherheitsbereich weitgehend abgeschlossen
werden konnten. Jetzt gibt es dort elektrisches Licht, neuerdings
auch fließendes Wasser und Toiletten sowie gesicherte Zutritte (s.
Bilder unten).
Die unterirdische gotische Vorhalle mit achtkantigen
Säulen im Schein elektrischer Fackeln
(In sie mündet der 36 m lange unterirdische Gang
nach den 11 Stufen und von ihr kommt man über ein Vorgewölbe
in das Burggefängnis und in die Obergeschosse des Turmes sowie rechts
zu den neu geschaffenen Toilettenräumen.)

Blick in die Toilettenräume
Im Balkon- bzw. Kaminzimmer wird
Carl
Heinrich August Graf von Lindenau mit Portrait und Wappen geehrt.

Nun harrt die restaurierte und modernisierte Ritterburg ihrer weiteren
Aufgaben im Kultur- und Veranstaltungsbereich der Gemeinde Machern, die
über die gegenwärtig stattfindenden Besichtigungen bei den Parkführungen
an Sonnabenden sowie an Sonn- und Feiertagen von April bis Oktober oder
auf Bestellung hinausgehen, wie vielleicht ein Museum und Raumvermietungen
für Veranstaltungen oder besondere Feierlichkeiten.
Machern, 28. 11. 2004 /Prof.
Dr. Heinz Mielke
Last updated: 04. 03. 2007