Die großen Uhren von Machern
Zwei äußerst interessante Anlässe gaben die Motivation
für diesen Bericht über die Macherner Großuhren.
Einmal war es das "Ausgraben“ des sogenannten Uhren-Pfennig-Berichtes von
Pfarrer Curth Heinrich Jässing aus dem Jahre 1855 durch den am 1.
7. 2000 verstorbenen Ortschronisten Willi Schmidt aus Machern. Und zum
anderen waren es die handwerklichen Leistungen vom Leipziger Markus König,
der das alte Eythraer Kirchturmuhrwerk erst rettete und dann 1990
im Schlossturm von Machern gangfähig eingebaut hat, worauf Roland
Dix, ehemaliger ehrenamtlicher Chefparkführer und Schlossturmuhrenpfleger
von Machern, immer wieder anerkennend hinweist.
Die Kirchturmuhr
Willi Schmidt fand den Uhren-Pfennig-Bericht im "Heimatblatt
für die Volksfürsorge von der Kirchgemeinde Machern“ aus
dem Jahre 1920. Der damalige Macherner Pfarrer Ernst Rosenthal hatte ihn
verfasst. Er lautet:
„Heute hole ich aus dem Archivschrank ein Aktenstück über
unsere Turmuhr hervor. Es ist geschrieben von Pastor Jässing, dem
Verfasser einer kleinen, im Druck erschienenen Geschichte der Kirche von
Machern, und trägt die Jahreszahlen 1851—1855. Die alte, frühere
Uhr aus dem Jahre 1599 (mit 2 Zifferblättern H.M.) war trotz
gründlicher Reparaturen 1716 und 1734 um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
so unbrauchbar
geworden,
daß sie selbst von den in allen Dingen geschickten Dorfzimmermann
Beyde nicht wieder dauernd in Gang gebracht werden konnte. Deshalb faßt
der 1849 ins Amt gekommene Pastor Jässing den Entschluß zur
Anschaffung einer neuen Uhr. Die Kirchkasse wollte er nicht belasten, da
sie durch den Bau der neuen Pfarre eben erst stark in Anspruch genommen
worden war. Also rief er – am 1.Weihnachtsfeiertag 1851 – von der Kanzel
zu einer freiwilligen Sammlung auf und zwar zu einer Pfennigsammlung.
Bei Abschluß der Sammlung waren an Einlagen im Opferstock bei den
Kirchentüren, an einzelnen Gaben und an Privatsammlungen insgesamt
eingegangen 37284 Pfennige sächsisch und 587 Pfennige preußisch.
Die Uhr stammt aus der Werkstatt des Uhrmachers Wagner in Oschatz
und kostete 24000 Pfennige = 240 Mark. Der Rest der gesammelten Summe ging
gerade auf für die (4) Zifferblätter, Maurerarbeiten und andere
Nebenausgaben. Am 24. Juni 1854, genau 3 und ½ Jahr nach Beginn
der Sammlung, früh 8 Uhr schlug die neue Uhr zum 1. Male zum Einläuten
in die Kirche. - Als im Jahre 1906 wegen der Anbringung der neuen Wetterfahne
ein Gerüst um den Turm gebaut war, wurden die Zifferblätter neu
gestrichen und die verrosteten Zeiger durch neue ersetzt. Diese wurden,
da sie sich als zu schwer erwiesen, dann bald gegen leichtere ausgetauscht.
Im übrigen ist die Uhr, d. h. das Werk selbst, trotz ihrer 70 Jahre
noch vollkommem gut im Stande. Durch regelmäßiges Stellen wird
Herr Zschiebsch dafür sorgen, daß der Gang regelmäßiger
ist als in letzter Zeit.“
Soweit die Ausführungen von Pfarrer Rosenkranz, der darin auch
alle möglichen weltlichen Probleme einer Turmuhr angesprochen hat,
mit welchen sie behaftet sein kann.
Etwa 100 Jahre später, 1967, erhielt die Kirche wieder
ein neues Uhrwerk. Es stammt von der Turmuhrenfirma Zachariä aus Leipzig.
Bei den Restaurierungsarbeiten am Kirchturm 1998 wurden die 4 blauen Zifferblätter
(Bild u.) durch lindgrüne und die zuvor vergoldeten Ziffern und Zeiger
durch schwarze erneuert. Die Uhr läuft elektrisch gesteuert und lässt
die größere der beiden Kirchenglocken immer voll- und halbstundenweise
erklingen und das sowohl an schönen als auch an schlechten Tagen zweimal
jede Stunde und 48 mal am Tag mit insgesamt 180 Einzelschlägen.
Zifferblatt der Macherner Kirchturmuhr 1906 -1998
Die Bahnhofsuhren
1893 sollen auf Deutschlands Bahnhöfen die Uhren alle auf Mitteleuropäische
Zeit (MEZ) eingestellt worden sein. Ob es damals schon auf dem Macherner
Bahnhof eine Zeitanzeige gab, ist nicht nachweisbar. Auf einem Bild aus
den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts (Rundblick Jahrbuch 1998) sieht
man am Gebäude des Macherner Bahnhofs auf der Leipziger Seite eine
Großuhr mit zwei Zifferblättern, die in einem verschnörkelten
gußeisernen Dreieck gehalten wird. Nach Augenzeugenaussagen befand
sich auf der Wurzener Seite eine zweite solche Uhr, wie auch ein
zweiter Fahrkartenschalter. Ein Bild aus dem Jahre 1968 zeigt eine elektrische
Runduhr, wie sie mit zwei Zifferblättern ab den 60er Jahren des vorigen
Jahrhunderts auf den Bahnhöfen installiert wurden (s. Wurz. Tagebl.
19. 10. 2000).
Bahnhof (Haltepunkt) Machern (Sachs)
Seit 1997 fahren heute die Züge in Machern nun an zwei ähnlichen,
aber elektronisch gesteuerten Runduhren vorbei, jede mit zwei
Zifferblättern versehen und an eigener Standsäule befestigt (Bild
o.).
Die Försteruhr
Um 1900 hatte der Kaufmann, Kohlenhändler und Fuhrgeschäftsinhaber
Richard Förster sein Gebäude neben dem damaligen "Landhaus Louise“
des Leipziger Verlegers Alexander Duncker an der Hauptverkehrsstraße
in Machern mit einem imposanten Anbau versehen. Dieser wirkte wie der Giebel
eines Stadthauses und besaß zwei Obergeschosse. Im Erdgeschoss befand
sich ein Verkaufsladen mit großem Schaufenster und separatem Eingang(Bild
u.).
Die Uhr am "Försterhaus"
Oben am Anbau war eine große Uhr untergebracht, deren Uhrwerk auf
dem Dachboden stand und deren rundes Zifferblatt mit Zeiger an der Außenwand
der Umgebung ein besonderes Flair verschaffte und viele befriedigte, die
zum Laden kamen oder die vielleicht gerade bierseelig den gegenüberliegenden
Gasthof "Zur Eisenbahn“ verließen oder geschäftig zum Bäcker
Schmidt oder zum Fleischer Krause oder zur Käserei Stamm spazierten
oder, die aktuelle Zeitangabe erhaschend, zum Bahnhof eilten oder von dort
zu Besuch ins Dorf oder von der Arbeit nach Hause kamen. Richard Förster
betrieb damals im Laden auch die Macherner Poststelle fast so, wie
heute die Konsumverkaufsstelle auf dem Macherner Schlossplatz, als Agentur.
Möglicherweise hatte dies einen gewissen Einfluß auf seine
großartige Uhreninitiative gehabt. Nach seinem Tod 1916 übernahmen
wechselnde Nachfolger den Laden. Die Uhr soll 1941 noch funktioniert haben,
aber ab 1945, als seine Schwiegertochter den "Tante-Emma-Laden“ führte
schon nicht mehr. Später zog der Konsum dort ein. Das Zifferblatt
unterlag Witterungsein-
flüssen und wurde entfernt, so dass auf einem Zeitungsbild von
1. 6. 1968 (LVZ) dort nur noch eine schwarze runde Fläche mit der
alten Umrandungswulst zu sehen ist. Wenig später erfolgte der Umbau
des Ladens in eine Wohnung und die Neugestaltung der Hausfront in den jetzigen
Zustand. Das Gebäude gehört heute der Gerichshainer Bau- und
Wohnungsgesellschaft. Es wäre durchaus überlegenswert, diesen
besonderen Macherner Ortsflair an der stark befahrenen Kreuzung wieder
mit so einer Uhreninstallation am alten Fleck entstehen zu lassen,
zumal auch die Bauten der Umgebung mehr und mehr aufgefrischt sind (Bild
unten).
Das restaurierte "Landhaus Louise“ mit originell farbigem Türmchen,
das eine Art Pickelhaubenspitze krönt, rechts dahinter das
"Försterhaus“ ohne Uhr im Oktober 2002.
Die Schlossturmuhr
Von 1711 bis 1733 wurde das zweiflügelige Renaissanceschloss
in Machern in ein dreiflü-
geliges Schloss im barocken Stil umgebaut und dabei der 21 m hohe runde
Turmschaft um 10 m durch einen achteckigen Teil erhöht. Bis zum Windstern
beträgt die gesamte Turmhöhe nun 32,5 m. Die Möglichkeit
des Einbaues einer Turmuhr war gegeben und erfolgte auch. Denn 1733 ließen
der Macherner Rittergutsbesitzer Gottfried und seine Frau Christina von
Lindenau von Glockengießer Hiering in Leipzig zwei Glocken
gießen - wie auf der größeren u. a. vermerkt "vor
uns und unsere zehen lebenden Kinder“ - und sie im Turm anbringen. Welcher
Art die Uhr war, die damals und später die Zeit verkündete und
sie nach allen 4 Himmelsrichtungen anzeigte, ist nicht bekannt. Ältere
Macherner Bürger können sich heute nicht erinnern, dass
die alte Schlossturmuhr zu ihrer Zeit je gegangen ist und geschlagen hat.
In der "Gedenkschrift zur Rekonstruktion des Turmes am Schloss Machern
1985-1989“, verfasst vom damaligen Direktor der Macherner Parkdirektion
Dr. Christoph Bormann, wird vermerkt, dass von der Uhr aus der Entstehungszeit
des Turmes nichts erhalten geblieben ist. Nur Zifferblätter und geringe
Reste von Zeigern haben die Zeit überdauert. Diese blieben auch nach
dem Abriss der Turmhaube im Jahre 1948 und danach immer am Turm sichtbar
(Gemeindeblatt Machern Nr.75).
Der
Einbau einer neuen Turmuhr wurde aktuell, als die Arbeiten zur Wiedererrichtung
der Turmhaube des Schlosses begannen. Die Parkdirektion wandte sich
damals an den Leipziger Markus König, einen versierten Machinenbauer.
Offensichtlich war ihnen bekannt, dass dieser als Sohn des Eythraer Pfarrers
die Teile der dortigen Kirchturmuhr retten konnte, als der dortige Kirchturm
1983 eines Sonntagmorgens in 8 m Höhe aufbrach und die westliche Mauer
von dieser Höhe aufwärts herunterstürzte. Das waren Auswirkungen
der Verlegung der Weißen Elster und der Vorfeldentwässerung
beim Voranschreiten des Zwenkauer Tagebaus, dem später ganz Eythra
zum Opfer fiel.
Mit Schreiben vom 12. 2. 1990 übereignete das Evangelisch-Lutherische
Bezirkskirchenamt Leipzig-West das Eythraer Uhrwerk der Gemeinde Machern.
Bereits 1989 begann Markus König mit den Arbeiten an der schrittweisen
Aufbereitung des zerlegten Turmuhrwerkes, das, mit Graham-Ankergang und
Viertel- und Vollschlageinrichtung ausgestattet, 1913 von der Turmuhrenfirma
Zachariä Leipzig angefertigt worden war. Die genannte Aufbereitung
war eine aufwendige und komplizierte Arbeit, deren größte Schwierigkeit
in der Anfertigung des kaputten Gangrades lag. Aber auch die vorausgehenden
Säuberungsarbeiten zur Befreiung der Zahnräder von dicken Korrosionsschichten
aus Grünspan waren aufwendig. Ein notwendiger Vierfachverteiler mit
senkrechtem Abgang wurde von der Leipziger Firma VEB Spezialuhren
(früher und heute wieder Zachariä) angefertigt. Denn in Eythra
bediente das Uhrwerk nur die Zeiger von zwei Zifferblättern, während
es in Machern vier sein sollten. Die 4 Zeigerpaare dazu fertigte Markus
König an. Die 4 Zifferblätter stammen aus der Leipziger
Kupferschmiede Hochkeppeler (heutiger Inhaber ist Ing. Wolfgang Wetzig),
die auch die Vergoldungen der Zeiger und Ziffern in Auftrag gab.
Die Zifferblätter wurden von einem im Schloss tätigen Restaurateur
weiß-blau bemalt und am 14. 8. 1988 von außen über das
Gerüst angebracht. Damit waren die ersten Teile der neuen Turmuhr
installiert.
Das Uhrwerk wurde im März 1991aufgestellt, und zwar im Turmraum
unter der Brandschutzbetondecke. Im Raum über ihr wurden die beiden
Glocken fest aufgehängt (Bild u.).
Die große (l.) und die kleine Schlossturmglocke von Machern,
die Schellen sind.
Die große Glocke trägt die oben erwähnte Aufschrift
aus dem Jahr 1733. Bei der zweiten, der kleineren Glocke, war man sich
nicht sicher, ob es die kleine, von 1733 gegossene Glocke ist oder eine
andere Glocke, die aus dem ehemaligen Bauernhaus stammt. 1792
wurde es im Auftrag von Carl Heinrich August Graf von Lindenau zur Ausschmückung
seines im englischen Stil entstehenden Landschaftsgarten gebaut. Wahrscheinlich
handelt es sich hier aber doch um ein und dieselbe Glocke. Der
Graf hatte diese kleine Glocke seines Großvaters Gottfried von Lindenau
aus dem Schlossturm im Glockentürmchen des Bauernhauses anbringen
lassen. Um 1940 wurde das Bauernhaus zerstört und darauf hin vollstständig
beseitigt. Die Glocke wurde gerettet und verwahrt und stand 50 Jahre
später zur Rückführung in den Schlossturm bereit.
Die beiden Glockenschlägel für die Klanggebung fertigte Markus
König an.
Um eine möglichst lange Gangdauer der Uhr von 5-7 Tage zu gewährleisten,
montierte er die Gewichte an einen Flaschenzug mit loser Rolle. Durch die
Übersetzung war allerdings die doppelte Menge an Gewichten erforderlich,
sodass noch zwei neue Gewichte aus einem Stahlmantel mit Bleiausguss zu
fertigen waren (Bild u.).
Das Uhrwerk aus der Kirche von Eythra im Macherner Schlossturm
und daneben
die Gewichte am Flaschenzug.
Seit Mai 1991 zeigt die neuinstallierte Uhr vom Macherner Schlossturm
zuverlässig die Zeit an und verkündet mit ihrem Schlagen auf
ihre Weise, dass das Schloss lebt. Sie schlägt viertel-
und vollstundenweise sowohl an schönen als auch an schlechten
Tagen, und zwar 96 mal am Tage mit insgesamt 396 Schlägen.
Man kann heute der damaligen Parkdirektion einen besonderen Dank allein
schon für die Entscheidung aussprechen, dass sie ein historisches
Uhrwerk installieren und sich in Zeiten des wirtschaftlichen Umbruchs nicht
von den neuen Möglichkeiten verführen ließ, ein modernes,
elektronisch gesteuertes Uhrwerk einzubauen. Wenngleich man eingestehen
muß, dass dies wesentlich weniger Aufwand an Wartung und Pflege
stellt, so ist es doch ein erhebendes Gefühl zu wissen, dass da oben
auf dem Macherner Schlossturn ein fast hundertjähriges technisches
Denkmal seinen Dienst einwandfrei verrichtet.
Die Sporthallenuhr
Als im Oktober 1998 der Sportpark Tresenwald in Machern feierlich eröffnet
wurde, erhielt die am Bau beteiligte Firma Lochasz Bau Gerichshain
großen Dank und Anerkennung für die von ihr geleistete Arbeit.
Eine besondere Freude bereitete den Sportlern aber auch die Übergabe
einer elektronischen Uhr in Form der großen Kompakt-Anzeige-Anlage
"Eco-Score“, die von Lochasz Bau gesponsert worden war (Bild u.). Sie zeigt
in der großen Sporthalle die aktuelle Tageszeit digital an und vermittelt
bei Sportveranstaltungen die aktuellen Informationen über Verlauf
und Ergebnisse der Wettkämpfe.
Die elektronische Uhr "Eco-Score“ mit Anzeigedisplay
und Sponsoringplakette.
Großuhren in den anderen Ortsteilen der Gemeinde Machern
In Gerichshain zeigt die Kirchturmuhr mit 4 Zifferblättern
die Zeit schon seit etwa 60 Jahren stumm, aber fast immer genau an, wofür
Uhrmachermeister Dieter Berthold, ihrem Pflegevater, zu danken ist. An
seinem Haus in der Leipziger Str. 64 existiert für Gerichshain eine
weitere Großuhr, man könnte sie die Bertholduhr nennen.
Die beiden Bahnhofsuhren sind vom selben Typ wie die in Machern.
In Püchau hat die Kirchturmuhr zur Zeitanzeige 4
Zifferblätter und extra 2 Uhrenschellen, die viertel- und vollstundenweise
ertönen. Es existiert weiterhin eine elektronische gesteuerte Schuluhr
auf dem Dach des Grundschulgebäudes in der Hauptstraße, die
die Zeit stumm auf einem Zifferblatt anzeigt Früher vor mehr als 50
Jahren schlug die damalige alte Schuluhr halb- und vollstundenweise. Interessant
ist, dass bis etwa 1950 am Marstallgebäude eine Schlosshofuhr
mit 2 Zifferblättern in einer Dreieckshalterung angebracht war und
die Zeit anzeigte (Bild u.).
Das Schloss Püchau im Jahre 1907
Über dem Tor zum Marstall (l.) ist die Dreiecksuhr zu sehen.
Machern, 26. 11. 2003/ Prof. Dr. Heinz
Mielke und Markus König (Schlossturmuhr)