Die Lindenaus als adlige Rittergutsbesitzer in Machern (4)
Heinrich Graf von Lindenau auf einem Wandgemälde in Auerbachs
Keller, der 88 Jahre den Lindenaus gehörte
Das Gemälde
Seit Goethes 250. Geburtstag ziert ein neues Faust-Wandgemälde den
großen Gastraum von Auerbachs Keller. Volker Pohlenz, ein Tübke
Schüler, hat es zum Thema "Mephisto am Kaiserhof" nach Szenen aus
Goethes Faust 2 gemalt. Man sieht den Kaiser auf dem Thron, umgeben von
seinem Staatsrat mit Heermeister, Hofmeister, Kanzler und
Schatzmeister. Zugegen sind weiterhin ein Astrologe, ein Herold und ein
Geschichtsschreiber. Im Vordergrund aber ist Mephisto als Hofnarr groß
zu sehen. Er redet zum törichten Kaiser nach Goethe etwa so, dass alle
Geldnöte des Reiches überwunden werden können, wenn man die zahllosen
Schätze höbe, die immer wieder in Notzeiten der Erde anvertraut werden.
Faust, als Astrologe verkleidet, bestätigt diese Hoffnung. Goethe lässt
in diesem Zusammenhang die hier nicht dargestellte Menge murmeln:
"Ein neuer Narr - Zu neuer Pein
Wo kommt er her? - Wie kam er rein?
Der alte fiel - Der hat vertan
Er war ein Fass - Nun ist's ein Span."
Bestimmt werden viele das aktuelle Konterfei in der Mephistogestalt
erkennen: "Baulöwe" Dr. Jürgen Schneider, der Anfang der 1990er Jahre
in Leipzig seine Schulden-Spuren hinterlassen hat. Auch die Gesichter
der anderen Mitwirkenden haben reale Grundlagen. Von ihnen interessiert
hier allerdings vorerst nur einer. Es ist der als Heermeister in
Ritterrüstung und mit rotem Schulterband des St.
Alexander-Newsky-Ordens dargestellte Heinrich
Gottlieb Graf von Lindenau
aus Machern. Zu Goethes Leipziger Zeit war er schon Mitbesitzer des
Auerbachs Hofes, zugleich aber auch ansehnlicher
Churfürstlich-sächsischer Oberstallmeister und Besitzer der Rittergüter
Machern, Zeititz, Raschwitz, Gotha und Kossen. Er lebte von 1723 bis
1789. Der
berühmte
Anton Graff malte ihn 1770 in voller Lebensgröße auf Kupfer in Öl. Das
Gemälde ist
seit 1842 durch Vererbung Macherner Kircheneigentum und
befindet sich auch dort. 1996 hatte Volker Pohlenz den Auftrag des
Fördervereins Schloss und Landschaftsgarten zu Machern angenommen und
von diesem Gemälde eine Teilkopie erstellt, die gegenwärtig in der
Eingangshalle von Schloss Machern zu sehen ist. Sie diente als Vorlage
für die Lindenau-Darstellung auf dem Gemälde in Auerbachs Keller, wo in
künstlerischer Freiheit das rote Ordensband fälschlich von der rechten
Schulter ausgeht.
Auerbachs Keller 475 Jahre
Im April 2000 fanden in Leipzig die Faust-Fassnächte des
Auerbachs Keller statt. Ein großes Jubiläum wurde gefeiert, dessen
Anlass die 475 Jahre sind, seit dem durch den Besitzer Dr. Heinrich
Stromer aus Auerbach zur Ostermesse 1525 der ersteWeinausschank im
Keller seines Gasthauses erfolgte. Das Konterfei von diesem Dr. Stromer
ist auf dem Gemälde von Volker Pohlenz im Kaiser wiedergegeben. Dr.
Stromer nannte man bald nur noch nach seinem Herkunftsort einfach
Auerbach, ebenso seinen Gasthof und seinen Weinkeller. Erworben hatte
er das Haus schon 1519. Von 1530 bis 1538 baute er auf der alten
Gastwirtswirtschaft eine neue und erweiterte alles durch Ankauf von
anderen Gebäuden zu einem großen Handelshof, eben zum Auerbachs Hof. In
der von H.Schultze 1854 herausgegebenen "Kleinen Chronik von Auerbachs
Keller zu Leipzig" heisst es: "Nicht minder berühmt als der
Auerbachs Hof selbst ist der unter Auerbachs Hof gelegene Keller,
welcher lange vor der Erbauung desselben vorhanden war.
Auerbachskeller, der Schauplatz so vieles Wunderbaren, der Tummelplatz
so mancher lustigen Gesellschaft, die Stätte, auf welcher so mancher
heitere Schwank von vergnügten Gästen ausgeführt ward, ist von jeder
Mann gekannt und gilt die erste Frage jedes Fremden, der Leipzig
betritt, um die Merkwürdigkeiten dieser Stadt der Musen und des Handels
zu schauen."
Auerbachs Hof im Besitz der Macherner Grafen
Das Schicksal fügte es, dass die Lindenaus auf Machern fast 90 Jahre
Eigentümer des berühmten Auerbachs Hofes mit dem noch berühmteren
Auerbachs Keller waren. Als Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau
zu Machern 1754 die 25 jährige
Augusta
Charlotta von Kühlewein geborene von Seydewitz aus
dem
Witwenstande heiratete, wurde er Mitbesitzer dieser großen Handels- und
Gaststätteneinrichtung in Leipzig. Die Kühleweins besaßen sie schon
seit 1642. Als dann 1781 Friedrich August von Kühlewein, Lindenaus
Stiefsohn, starb, wich in Auerbachs Hof das Kühleweinsche Wappen dem
Lindenschilde. Der seit 1764 verwittwete Graf von Lindenau war von da
an alleiniger Besitzer. Er liebte es trotz großer Geschäftigkeit in
Dresden, die dort 1780 zur Gründung der Churfürstlich-sächsischen
Tierarzneischule führte, der Vorläuferin der 1923 in Leipzig
etablierten Veterinärmedizinischen Fakultät, sich in Auerbachs Hof zu
präsentieren. Das ist auch aus dem Stich von Johann August Rosmäsler zu
schließen, der ihn 1778 mit Schärpe (rotes Schulterband des St.
Alexander-Newsky-Ordens) vorn inmitten einer großen Menschenmenge im
Auerbachs Hof darstellt.

Auerbachs Hof in Leipzig. Stich von Johann August Rosmäsler aus
dem Jahre 1778, der von ihm unterschrieben ist mit: Dem Besitzer
Sr. Eccellenz dem Herrn Oberstallmeister und Geheimen Rath Graf von
Lindenau unterthänig
Aus seiner Ehe mit Augusta Charlotta verwitwete von Kühlewein
(1729
bis 1764) gingen drei Kinder
hervor: Carl Heinrich August (21.
2. 1755 bis 11. 8. 1842), Curth
Anshelm (16. 8. 1756 bis 19. 6. 1762) und Johanna Auguste Elisabeth (25. 11.
1759 bis 10. 5. 1761).
Als er 1789 starb, ging sein Besitz in die Hände des Sohnes Carl
Heinrich August Graf von Lindenau über. Dieser war
Königlich-preußischer Oberstallmeister in Potsdam und Berlin, aber auch
noch Herr auf Machern, wo er den schönen Englischen Landschaftsgarten
ab 1782 anlegen liess, den sein Vater 1765 als Barockgarten begonnen
hatte und der heute noch vielen Menschen Entspannung und Freude
bereitet.
In Berlin war er der Initiator der Gründung der Königlich-preußischen
Tierarzneischule, aus der die gegenwärtige Veterinärmedizinische
Ausbildungsstätte in Berlin hervorging. Nach dem Verkauf der
Machernschen Besitzungen lebte er mit seiner Frau ab 1802 in Preußen,
und zwar nacheinander auf seinen neuen Gütern in Glienecke, Büssow und
Bahrensdorf. Als er starb, war er immer noch im Besitz von Auerbachs
Hof. Nur 7 Jahre, von 1805 bis 1812, hatte er diesen wohl aus
politischen Gründen in der Napoleonzeit an Marcus Freiherrn von Pfister
verkauft gehabt. In dieser Zeit mied er selbstverständlich auch den
Paradesaal, in dem er und auch sein Vater gern gesessen hatten.
Dort befand sich das schöne Deckengemälde "Helios im Sonnenwagen"
von Johann Heinrich Ritter. Hier ein Ausschnitt:
Als der Kofferfabrikant Anton Mädler den Auerbachs Hof 1912 zur
Mädler Passage umbauen ließ, wurde dieses Fresko an die Decke eines
Laden am Ausgang der Passage zum Neumarkt überführt. Dort ist es nach
einer Renovierung durch M. Schulz im Jahre 1969 noch heute zu sehen.
Schon als elfjähriger Student an der Universität Leipzig war Carl
August Heinrich durch seinen Hofmeister Ernst Wolfgang Behrisch bei
stärker werdendem Missfallen seines Vaters, dem Besitzer des Auerbachs
Hofes, öfter mit dem jungen Goethe zusammen gekommen. Dieser berichtet
später in seiner "Dichtung und Wahrheit" über seinen Freund Behrisch
und dessen Grafen-Zögling. Behrisch lebte zuletzt als
Anhaltisch-dessauischer Hofrath in Dessau, wo er auch beerdigt wurde.
Eine Gedenktafel
kündet heute noch auf dem Historischen Friedhof von ihm.
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Machern, 04. 01. 2001/Prof. Dr.
Heinz Mielke