Machern - Wiege der beiden Lindenau-Grafen
Das Geschlecht derer von Lindenau lebte und residierte auf
Schloß
Machern von 1430 bis 1802.
Die nachfolgenden Besitzer waren die Freifrau von Wylich bis 1806 und
die Kaufmannsfamilie Schnetger in 4 Generationen bis 1945. Danach
wurden
Schloß und Rittergut durch die Bodenreform volkseigen und 1991
das
Schloß Gemeindeeigentum, bewirtschaftet durch die Betriebs- und
Verwaltungsgesellschaft
mbH Schloß Machern.
Heute hat sich das Schloß zu einem beliebten Besuchermagnet
mit
Restaurant, Terrassencafe, Festsälen, Seminar- und
Ausstellungsräumen
entwickelt. Die beiden Schloß-Ansichten stammen aus den Jahren
1795
(links) und 1995 (rechts). Seit 1996 hat Machern ein eigenes
Standesamt.
Untergebracht im Schloß, wird dort im einzigartigen Ambiente der
Ritterstube getraut. Es ist einmalig in Sachsen dieses "Hochzeitsschloß
Machern". Dort etablierte sich auch im Februar 1996 mit der
"Gräflichen Tafel" eine sich wiederholende Festlichkeit
für
barocke Genüsse in barocker Ausstrahlung.
Machern liegt im Freistaat Sachsen 20 km östlich von Leipzig
und
hat seit 1838 direkte Bahnverbindung, heute als S-Bahnverkehr nach
Leipzig
und Wurzen. Im Macherner Bahnhofsgebäude erzählte davon ein
sehr
schönes großes" Wandbild mit der
Saxonia", einer Dampflokomotive in Sachsen, das von
Macherner
Schülerinnen unter Anleitung ihrer Kunsterziehungslehrerin Antje
Janke
1988 geschaffen wurde. Im Februar 1997 wurde das Bahnhofsgebäude
beim
Bau der neuen InterCityExpreß(ICE)-Trasse abgerissen, und damit
verschwand
auch das Wandbild.
Durch den Bau der Eisenbahnlinie 1836-1838 wurde der Quellzufluß
zum Wallteich des Macherner Schloßes unterbrochen. Dieser
trocknete
aus und machte um 1840 das ehemalige Wasserschloß zu einem
Landschloß,
umgeben nun von einer großen Wallwiese.
Die beiden Lindenau-Grafen, Vater und Sohn, haben
anerkennenswerte Verdienste
als:
1.Schöpfer des Macherner
Schloßparks von
1765 bis 1798, eines heute
gern besuchten sentimental-romantischen Landschaftsgartens mit
faszinierender Flora und Fauna sowie mit dem großen
Schwemmteich,
interessanten Parkbauten und restaurierten Skulpturen.
2. Begründer der Landespferdezucht und der staatlichen
Tierarzt-Ausbildung in Sachsen und Preußen im 18.
Jahrhundert,
was
Pferdeliebhaber und Tierärzt besonders aufhorchen
läßt.
3. Besitzer des Leipziger Auerbachs Hofs (des heutigen
Auerbachs
Kellers) von 1754 bis 1842, wo der Sohn als elfjähriger
mit
dem
jungen
Goethe näher bekannt wurde.
Im Paradesaal von Auerbachs Hof befand sich seit 1720 das berühmte
Deckenfresko "Helios im Sonnenwagen"
von dem Gothaer Hofmaler Johann Heinrich Richter, das 1912 bei den
Umbauten in die Mädlerpassage in einen Geschäftsraum
(Neumarkt
14) übernommen wurde und dort, jetzt eine Jeansboutique, noch
bewundert
werden kann: Helios, der jugendliche, strahlende, gewaltige
Sonnengott
der Griechen, fährt mit seinen feurigen Sonnenrossen, aus dem
Okeanos
kommend, über den Himmel, die Sonne als Bewahrer des Lebens
manifestierend.
Der Vater:
- Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau
- Erb-, Lehn- und Gerichtsherr auf Machern,
Kurfürstlich-Sächsischer Oberstallmeister, Kammerherr,
Exzellenz, wirklicher Geheimer Rat, Ritter des kaiserlich-russischen
St.
Alexander-Newsky-Ordens
- (3. 07. 1723 - 11. 10. 1789)
"Sein Reichsgrafen-Wappen"
(Beilage zum unten genannten Gnadenbief, wo es dazu heißt: "...Wir
obenerwehnten Heinrich Gottlieb des heiligen Römischen Reichs
Grafen
von Lindenau die besondere Kaiserliche Gnade gethan, und ihn sein
bisher
geführtes alt adliches Ritter und turniermäßiges Wappen
nicht nur bestätigt sondern auch vermehret, und hierfüro zu
allen
Zeiten zu führen und zu gebrauchen gegönnet und erlaubet
haben.")
- 1. Begründer der sächsischen Landespferdezucht:
- Er war von 1759 bis 1763 Stallmeister im Torgauer Gestüt
Graditz,
dem
- heutigen Sächsischen
Hauptgestüt
Graditz, mit dem von D. Pöppelmann 1722 erbauten
Schloß
(Ansicht von 1995). Danach war er bis 1786 Oberstallmeister in Dresden.
- 2. Begründer der staatlichen tierärztlichen
Ausbildungsstätte
in Sachsen:
(Dresden 7. 10. 1780)
- 1923 wurde diese Einrichtung zur
Veterinärmedizinischen
Fakultät der Universität Leipzig (Fotoansichten von
M. Fürll 1994).
3. Begründer der Lindenauschen Grafenlinie:
Auszug aus dem Gnadenbrief des Kaisers Franz I. zur Erhebung in
den
Reichsgrafenstand(8.8.1764):
"Insbesonderheit aber Unser des Reichs lieber getreuer
Heinrich
Gottlieb
von Lindenau sich von Jugend auf in allen seinen alten und
bewährten
Geschlecht anklebenden sonderbaren Tugenden und Wissenschaften
dergestalt geübet und kenntbar gemacht, daß er
dermahlen
bey des
Churfürstens zu Sachsen Liebd. als Oberstallmeister
würcklich
angestellet
und verpflichtet zu seyn daß Glück habe. Wobey er
weiters
allerunterthänigst vorgestellet, wie daß er den
hochansehnlichen
Reichs-Grafen-Stand mit aller Würde und Ansehen zu
führen
und zu
unterhalten sich nicht nur genügsam im Stande befinde,
sondern
auch
gegen Uns, das heilige Römische Reich, und das
durchleuchtigste
Ertz-Haus Österreich bis in die Grube allergetreu ist zu
verharren
des
allerunterthänigsten Erbiethens ..." (Thüringisches
Landesarchiv
Altenburg)
Der Sohn:
Carl Heinrich August Graf von Lindenau
Königlich-Preußischer Oberstallmeister, Exzellenz,
Generaldirektor der Königlich-Preußischen Tierarzneischule,
Generallieutenant
, Ritter
des
Johanniter-Ordens, Träger des Eisernen Kreuzes, der Orden
"Pour le Merite" und "Roter Adler" sowie des russischen St.
Annen-Ordens
(21. 02.
1755 - 11. 08. 1842)
"Sein Grafen-Wappen" (durch ein
Johanniter-Kreuz erweitert und mit Anhang des Ordens "Pour le Merite")
1. Begründer der preußischen Landespferdezucht:
Er war in Preußen 1786/88 Reise-Stallmeister und
Vice-Oberstallmeister,
danach
bis 1808 Oberstallmeister.
In dieser Dienststellung organisierte er 1788/89 die Gründung des
Königl.-Preußischen Friedrich-Wilhelm-Gestütes und des
1. Churmärkischen
Landgestütes, des heutigen
Brandenburgischen Haupt- und
Landgestütes
Neustadt /Dosse.
Fotoansicht des Landstallmeisterhauses (U. Lutz, 1995), das 1788 von
E. Glasewald erbaut wurde.
2. Begründer der staatlichen tierärztlichen
Ausbildungsstätte
in Preußen:
(Berlin 1.6.1790)
Von der Gründung bis 1806 war er Generaldirektor dieser
Einrichtung
und trug
auch die Verantwortung für die dortige vorsorgliche Pflege von
Condé,
des
alten Leibreitpferdes Friedrichs II., bis zu dessen Tode 1804 mit 38
Jahren.
1934 wurde diese Ausbildungsstätte zur Veterinärmedizinischen
Fakultät
der Universität Berlin. Die
dargestellte
Zootomie ist eines der ersten
Gebäude der damaligen Königlichen Thierarzneischule zu
Berlin,
das heute
noch von der Berliner Vet. med. Fakultät genutzt wird. Erbaut
wurde
es von
C.G. Langhans 1789/90. (Gemälde von A. Nieglsjahr, 1797).
3. Als Sachse in Preußen: Offizier, Oberstallmeister und
Gutsbesitzer:
Nach Machern besaß er in Preußen nacheinander mit
ständigem
Neuanfang die
Güter in Glienicke bei Berlin/Potsdam, Büssow bei Friedeberg
und Bahrensdorf
bei Beeskow, letzteres 23 Jahre bis zu seinem Tode.
In dem Roman"Morgenlicht der Freiheit" schreibt Paul
Müller
aus Friedeberg in der Neumark 1930 über den Grafen und seine
Teilnahme
an den Freiheitskriegen als Führer einer Landwehrbrigade und
Divisionär
der
Neumärkischen Landwehr. Hier zwei kurze Ausschnitte, den
März 1813 betreffend:
"Daheim erzählte ich den Vorfall den Eltern, aber sie
konnten
sich
nicht
ausdenken, was der Graf mit mir beabsichtigte. 'Er spricht
anders
als
wir'
sagte ich zum Vater. 'Man hört's ihm an, daß er
Sachse
ist',
erwiderte er.
'War kurfürstlicher Kavallerie-Offizier und hat dann
preußische
Dienste
angenommen. Es ist noch nicht lange her, daß er sich
hier
angekauft
hat.'
'Die Büssower Kühe werden ja sehr gerühmt',
versetzte
die Mutter.' Ja, er hat
aus dem heruntergewirtschafteten Gut einen Musterbetrieb
gemacht...
Erst
mußte der Sachse kommen und sich als laienhafter Neurer
belächeln
lassen,
dann sahen unsere Gutsherren ein, daß mit Thaers neuem
Verfahren
aus dem
Boden viel mehr herauszuholen ist als nach der
überlieferten
Weise
der
Vorfahren."
"Das gab einen fröhlichen Morgengruß, als ich zu
der
Schar
stieß, und der Graf
freute sich, mich als ersten aus der Stadt anzutreffen. Wie
ich
ihn
so dem Zuge
voranreiten sah, adlergleich, herrlich an Wuchs, stattlich und
frisch
wie ein
Jüngling, obgleich er dem Greisenalter nicht mehr fern,
da
begriff
ich, warum er
Kurfürsten und Königen gefallen hatte, daß sie
ihn
an
ihren Hof zogen, warum
alles Volk an ihm hing und jeder ihm gern gehorchte. Die
Oberstenuniform
erinnerte an seine glänzende Vergangenheit, der
übergeworfene
graue Mantel
und die schwere Reiterpistole gemahnten den ernst der Stunde."
Alle Bilder zusammen mit
Unterschriften
in: http://www.uni-leipzig.de/~mielke/machern3.htm
Machern, 11. 2. 1996 /Prof.Dr.Heinz
Mielke/
Last updatet: 06. 10. 2008