Die von Carl Graf von Lindenau in Machern
geschaffenen
Park- und Schloßsehenswürdigkeiten und ihre möglichen
Vorbilder
an anderen Orten:
3. Die 4 schwebenden Evangelisten in der
Ritterstube des
Schlosses
Einleitung
Am 12. Januar 1764 verstarb Augusta Charlotta von Lindenau, die Mutter
von dem damals 9jährigen Carl von Lindenau. Sein Vater, Heinrich
Gottlieb
von Lindenau, kurfürstlich-sächsischer Kammerherr, Macherner
Rittergutsbesitzer und bislang auch Stallmeister im Gestüt
Graditz
, war gerade als Oberstallmeister an den
Kurfürstlich-sächsischen
Hof nach Dresden berufen worden. Er hatte 1754 Augusta Charlotta
verwitwete
von Kühlewein, geborene von Seydewitz geheiratet und
wurde
Mitbesitzer des Auerbachs Hofes in Leipzig und des Rittergutes
Raschwitz
bei Markkleeberg, die beide den Kühleweins gehörten. Carls
Vater
war am Dresdener Hof hoch angesehen. Im August 1764 wurde er vom Kaiser
Franz I. in den Reichsgrafenstand erhoben. Der Grafentitel war
vererbbar
und galt auch für die Familienmitglieder. Als seine Frau in
Kindesnöten
durch Steckfluß (wahrscheinlich eine Embolie betreffend)
verstarb,
war seine und des Sohnes Trauer groß. War es doch in kurzer Zeit
der 5. Trauerfall im hochadligen Hause. Zwei Kinder, Sohn und Tochter,
sowie ein Bruder und der Schwager waren der Verstorbenen
vorausgegangen.
So steht es im Macherner Kirchenbuch. Vermerkt ist auch, dass der
Verstorbenen
in Machern durch ein 14-tägiges Läuten, täglich von 10 -
11 Uhr, gedacht wurde. Ein Hinweis auf ihren Bestattungsort ist in
diesen
Aufzeichnungen nicht enthalten. Diesen findet man aber im
Bestattungsbuch
der Kreuzkirchgemeinde Dresden, wo es heißt: "verstorben,
früh
um halb 6 Uhr im Hause von Herrn Hofrat Seiffert, abends um 8 Uhr
in die Frauenkirche, dort Funus Solenne (feierliche Bestattung)".
Der Sohn Carl liebte seine Mutter sehr, und an ihrem 20.
Todestage
setzte er ihr zum Andenken im Wäldchen des Macherner
Landschaftsgartens
ein Monument mit Schmuckurne und Gedenktafel. Durch den
Militärdienst
schon ab dem 14. Lebensjahr als Unter-Lieutenant in Dresden, wird er
bestimmt
sehr oft die Frauenkirche im Gedenken an seine Mutter besucht haben, wo
ihn die 4 Evangelisten, am großen Kuppelgewölbe auf Wolken
schwebend,
beeindruckt und in ihren Bann gezogen haben müssen. Dieses
Erleben
trug Carl wohl lange in sich. 1794 hat er dann die 4 Evangelisten mit
ihren
Symbolen in seiner neu gestalteten Ritterstube des
Macherner
Schlosses künstlerisch malen und auch auf Wolken schweben lassen.
Die Sehenswürdigkeiten
1794/95 wurde ein Gewölbezimmer im Parterre des Macherner
Schlosses
neu als Ritterstube ausgestaltet. Wahrscheinlich war es der Dresdener
Architekt
und Zeichner Johann Gottfried Klinsky, der im Auftrage von Carl
Graf von Lindenau eine Ganzausmalung des Raumes, einesteils in
Grisailles-Technik,
andernteils in polychromen Bildern oder in beidem gemischt,
ausführte.
Die Bilddarstellungen in der Ritterstube sind von
unterschiedlicher
Thematik. Die farbigen Darstellungen betreffen die vier
großen
Deckenbilder mit den 4 Evangelisten und ihren Symbolen und die an den
vier
Wänden auf bildlich hervortretenden Konsolen
befindlichen
charakteristischen 4 Glaubensfiguren: Maria mit dem Kind,
Petrus
mit Heiligenschein und Himmelsschlüssel, Bischof Nikolaus mit
Mitra
und Bischofsstab und Benediktinernonne Scholastika mit Buch sind
als christliches Glaubensbekenntnis des Grafen als Rechtsritter des
Johanniter-Ordens
zu deuten, wie es auch einen derartigen Bezug im Balkonzimmer der
Ritterburg gibt.
Die Ritterstube wurde 1988-1992 von polnischen Spezialisten
restauriert.
Dabei kamen die 4 Evangelisten an der Gewölbedecke wieder zum
Vorschein,
die aufgefrischt wurden (Bilder u.):

Matthäus mit geflügeltem
Menschen
Johannes mit geflügeltem Adler

Lukas mit
Stier
Markus mit geflügeltem Löwen
Großbilder der 4 Evangelisten in einem weltlichen Hause, wie
es
das Macherner Schloß auch schon vor mehr als 200 Jahren war, sind
ungewöhnlich. Sie sind in kleineren Formaten oder nur ihre
Attribute hauptsächlich in
sakralen Räumen, besonders an Kanzeln evangelischer Kirchen zu
finden,
wie z. B. in Nepperwitz bei Machern, auch in Kühren (seit
1774)
bei Wurzen, in der Stadtkirche Torgau oder im Wurzenern Dom. Einzeln
schwebend an der Decke
kennt man sie von der Dresdener Frauenkirche, von der
Ritterstube im Macherner
Schloß, von der Hermsdorfer
St. Salvator Kirche, aber auch vom Petersdom in Rom.
Mögliche Vorbilder
Die schwebenden 4 Evangelisten in der
Frauenkirche Dresden
Die Urbilder der 4 Evangelisten mit ihren Symbolen an der
großen
Kuppelwand der Frauenkirche Dresden wurden 1734 von Johann Batista
Grone
aus
Venedig gemalt (Bilder u.; aus: www.deutschefototek.de).
--
--
--
Matthaeus
Johannes
Lukas
Markus
Die neuen Bilder der 4 Evangelisten mit ihren Symbolen entstanden
in der durch den anglo-amerikanischen Luftangriff im Februar 1945
vollkommen zerstörten, aber von 1994 bis 2005 wiederaufgebauten
Frauenkirche.
Der Dresdener Maler Christoph Wetzel hat sie der Urmalung
nachempfunden
und in seinem Stil farbkräftig gemalt (Bilder u.; aus:
wikipedia.org).
--
Matthäus mit geflügeltem
Menschen
Johannes mit geflügeltem Adler
--
Lukas mit
Stier
Markus mit geflügeltem Löwen
Zurück zur Übersicht.
Machern, 22. 11. 2007/Prof.
Dr. Heinz Mielke