Münsterland-Impressionen eines Tierarztes aus Sachsen
Tierisches und Exotisches und Kunst erleben
Das Münsterland im speziellem
Eine bedeutende Hochburg des Pferdesports ist das Münsterland ganz bestimmt.
Kein Ort soll dort ohne Reiterverein sein. Qualitätssiegel sind besonders
die Kreisstadt Warendorf mit der alljährlichen Hengstparade des Nordrhein-
westfälischen Landesgestüts und die dort beheimateten weltberühmten Dressurreiter
Nicole Uphoff und H. G. Winkler sowie das Dorf Riesenbeck, Mekka der
Gespannfahrer, wo auf dem Grund und Boden von Constantin Freiherr Heeremann ein
Geländekurs mit Turnierplatz entstanden ist.
Während Warendorf östlich von Münster liegt, findet man Riesenbeck nördlich
davon. Die vorliegenden Impressionen werden aber auf den westlichen Teil des
Münsterlandes Bezug nehmen.

Wo gibt es anderswo in deutschen Landen auf
einer fast geradlinigen Strecke von etwa 60 km wie zwischen Haltern und Vreden so
viele interessante und wahre Perlen zu entdecken, die jedes tier- und kunstliebendes
Touristenherz höher schlagen lassen? Da sind "die private Tierschau" in Haltern, "die
herzöglichen Wildpferde" bei Dülmen, "die städtische Konferenz der Elemente" in Coesfeld, "das dörfliche
Großei" mit "der vorgelagerten Exotenfarm" in Holtwick, "die Maskarade in Gescher",
"die hochmoorige Hippokunst" in Gescher-Hochmoor, "das ovine Stadtlohn und bovine Vreden".
Die private Tierschau
Sie findet man in Haltern-Sythen als Prickings Hof des 1994 verstorbenen Bauern Ewald.
Es ist eine clever umstrukturierte bäuerliche Veredlungswirtschaft, die fast alles
bis hin zur Mutterkuhhaltung, Biogas-Anlage und Championzucht zu bieten hat,
aber auch vieles Kulinarisches attraktiv und modern sowie vieles andere auch museal
präsentiert. Jungbullen sind zu sehen, die in einen Zwei-Etagenstall -sauber aufgestallt -
dort gemästet werden. Zu "tierischen Pip-" und anderen Schauen öffnen sich für jeweils
1 DM spezielle Guckfenster. Ein großes Vorgelände ermöglicht das Parken von 1000
Autos und 100 Bussen. Es gibt Kinderspielplätze und -wiesen mit Reit- und
Streicheltieren. DasTierische und "Exotische" geht hier Hand-in-Hand unter dem Motto:
"Sowas hat die Welt noch nicht gesehen. Einmalig in Europa!"
In grossen Lettern prangt es so von einem der straßenseitigen Gebäudegiebel, wo
weiterhin zu lesen ist: "Von 1957-1982 plante und baute der Initiator dieses Hofes Bauer Ewald an der Erweiterung
seines 1000 jährigen bäuerlichen Familienbesitzes
und hat weltbewegende Ideen in die Tat umgesetzt."
Die herzöglichen Wildpferde
Wenige Kilometer von Halter-Sythen entfernt grasen auf dem Waldmoor- und
Heidegebiet des Merfelder Bruches bei Dülmen die 300 "herzöglichen Wildpferde".
Sie sind mausgrau oder falbenartig mit dem schwarzen Aalstrich auf dem Rücken und
haben Blutanteile polnischer Konikhengste, mongolischer Wildpferde (Przewalskipferd)
und südrussischer tarpanähnlicher Pferde. Ihre 600jährige Traditionslinie verdanken
sie den Besitzern, den Herzögen von Croy:
Die Wildpferdebahn in Dülmen ist ein einzigartiges Naturdenkmal,
das aus der Vorzeit erhalten geblieben ist!
Die "Dülmener", wie diese Wildpferde auch genannt werden, leben ganzjährig im
Freien. Mit ihrem guten Charakter sind sie auch als unkomplizierte Freizeitpferde
beliebt. Jedes Jahr am letzten Sonnabend im Mai werden die einjährigen Hengste
beim traditionellen und sensationellen Wildpferdefang vor Tausenden von
Zuschauern eingefangen und anschließend versteigert.
Die städtische Konferenz der Elemente
Nördlich von Dülmen liegt die Stadt Coesfeld. Dort steht auf dem Marktplatz seit
1990 das von Jürgen Görtz geschaffene Kunstwerk "Konferenz der Elemente":
Die drastische Mahnung an die Menschen, fortan die Umwelt weniger zu belasten
Das Element Erde, ein großes Pflanzbeet mit Krüppelkiefern, Heckenrosen und
Immergrün, soll mit diesen weniger wertvollen Pflanzen andeuten, zu welcher
Armseeligkeit unsere Erde verkümmern wird, wenn deren Ausbeutung und
Verschmutzung nicht aufhört. Als Symbol für das von der Erde bedrohte Tier steht
der Eber, der mit einer Astgabel aus seinem Lebensraum vertrieben wird.
Das Element Wasser ist in aller Schönheit durch ein Wasserbecken in Form einer
Fischblase und wasserspeiender Bronzekugeln versinnbildlicht. Ein Fisch hat sein
Element verlassen und spuckt nach hinten die giftige Brühe wieder aus: Was habt ihr
Menschen mit dem Wasser gemacht?
Das Element Luft wird dargestellt durch eine hohe zylinderförmige Säule, auf der
sich ein Mischwesen, eine Windsbraut; nach dem Winde dreht. Hinten sind an
dieser "Flugmaschine" Düsen zu erkennen, die übertragendermaßen die
Umwelt in unerträglicher Weise permanent mit Giftstoffen belasten.
Das Element Feuer wird mit dem Feuerziegelturm angesprochen, den oben
verschiedenfarbig glasierte Ziegel zieren. Mit Hilfe des Feuers Macht kann
der Mensch Wunder gestalten, doch nur, "...wenn sie der Mensch bezähmt,
bewacht!"( Schiller).
Das dörfliche Großei mit vorgelagerter Exotenfarm
Sie befinden sich in Holtwick, einem Ortsteil der Gemeinde Rosendahl, 12 km
von Coesfeld entfernt an der B 474. Das "Holtwicker Ei" ist der größte Findling
im Westfälischen mit einem Gewicht von 15 - 20 Tonnen. Er ist aus dem hohen Norden
während der Saal-Eiszeit bei dem Hauptvorstoß in dem Geschiebemergel von
den Eismassen hierher transportiert worden. Auf dem Bild ist Wolodja aus
St.Petersburg zu sehen. Er hat den Wunderfindling mit Interesse betrachtet und
darüber nachgedacht, daß dieser vor 150 000 Jahren einmal dem Gebiet seiner
Heimatstadt noch näher war als sie beide jetzt hier im Münsterland.
Die vorgelagerte Exotenfarm hat sich viel, viel später als das "Ei" in Holtwick
angesiedelt. Dort werden Strauße gehalten. Irgendwie passen Strauß und "Großei"
zueinander. So dachten wohl die Eisings und gaben auf ihren Weiden am Dorfeingang
mehreren dieser exotischen Vögel ein "nordisches" Zuhause. Sie folgten damit
neumodischen Trends und versuchen, trotz der tierärztlichen Bedenken zu der
nichtartengerechten Haltung, die Zucht der Tiere weiter erfolgreich voranzubringen.
Die Maskarade in Gescher
Von der Straußenfarm kommt man geradewegs nach der Glockengießerstadt Gescher mit
ihrem Glockengießer- und Kutschenmuseum und dem Museumshof "Auf dem Braehm". Künstlerische
Attraktion ist in Gescher neben dem um das Rathaus herum befindlichen Kunstobjekt "Spiel mit 6°" besonders das
38 qm große Wandgemälde des italienischen Künstlers Corrado Simeoni im Rathaus mit dem
Titel "Maskarade". Es spiegelt die Faschingsbegeisterung der Stadt wider und
enthält, eingestreut in die vielen Maskierten, wiedererkennbare Gesichter von
Gescheraner Persönlichkeiten wie zum Beispiel Prof. Huskamp. In seinem
blutbespritzten grünen Tierchirurgen-Operationskittel ist er in Zentrum des Gemäldes
gleich zweimal vertreten: bestimmt eine Huldigung des Künstlers an diesen
Kunstmäzen von Gescher.
Die hochmoorige Hippokunst
Südlich von Gescher liegt Gescher-Hochmoor mit der Tierklinik von
Professor Dr. Dr. Bernhard Huskamp. Er wurde als weltbekannter Pferdechirurg an die
Leipziger Veterinärmedizinische Fakultät als Honorarprofessor berufen. Als großer
Kunstliebhaber und -förderer ist er aufs engste mit dem Kunst- und Kulturkreis
Berkelkraftwerk Vreden verbunden. Er stellte seine Tierklinik dem Schweizer
Kunstmaler Andreas Straub für die Arbeiten zur Kunstwerkmappe "Die
Demontage des Pferdes" zur Verfügung und unterstützte auch Antonius Höckelmann,
einen in Köln lebenden Künstler, den er für eine Ausstellung im Berkelkraftwerk
in Vreden interessieren konnte. Ein sehenswerter Katalog mit dem Titel "Pferde"
berichtet mit faszinierenden Bildern über diese Ausstellung. So auch das Titelbild
"Traber".
Dieses gibt die Anknüpfung zu dem nördlich von Gescher gelegenen
Ortsteil Gescher-Estern, wo im "Traberstall Memory" der Haug-Kulikow Traber gehalten
und auf einer Trainings-Trabrennbahn trainiert werden. Victor aus Leipzig prüft mal das Sulky
und spielt "Pferdeflüsterer".
Das "ovine" Stadtlohn und "bovine" Vreden
Die "exotischen" Adjektiva für die beiden nördlich von Gescher gelegenen Städte sind
einzig und allein wegen der beiden sehr schönen Skulpturen in diesen
Städten gewählt worden. In Stadtlohn
ist es im Stadtpark "Alter Friedhof" die Gruppe "Schäfer mit Schafen"
von Dreier, in Vreden im Stadtpark beim Bauernhausmuseum der " Duckende Bulle" von Ute Seidel.

Alle Bilder zusammen: Teil I und Teil II
Machern bei Leipzig: 14. 03. 1996/ Prof.Dr.Heinz Mielke
Last updated: 25. 04. 2001