Zu dieser Thematik erschien in der der Zeitschrift "UNI Magazin - Perspektiven für Beruf und Arbeitsmarkt" (Herausgeber Bundesanstalt für Arbeit) ein Bericht über die Situation der Tierärzte in Deutschland, der nachfolgend ohne das Bildmaterial wiedergegeben wird. Der Autor ist in der Zeitschrift nicht angeführt.
An der Wand der Landestierärztekammer in Dresden hängt eine Landkarte. Sie zeigt den
Freistaat Sachsen, über und über mit Stecknadel-Fähnchen bedeckt. Jede dieser Nadeln
symbolisiert die Praxis eines niedergelassenen Tierarztes in dem Bundesland an der Elbe:
Genau 490 waren es Ende 1995, vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Dezember 1996
werden in der Sachsen-Karte voraussichtlich wieder zwei Dutzend Wimpel mehr stecken,
denn die Zahl der niedergelassenen Tierärzte steigt in allen 17 Kammerbezirken der
Bundesrepublik seit Jahren kontinuierlich an. Sehr zum Leidwesen der Tierärztekammern,
die eine "fortschreitende Überfüllung des Berufsstandes" diagnostizieren.
"Die Frage, wie es um die Situation der Tierärzte in Deutschland bestellt ist, beantwortet sich
schon mit der Nennung dieser ständigen Zuwachsraten", sagt Professor Günter Pschorn,
Präsident der Bundestierärztekammer. "Die soziale Lage vor allem der jüngeren Kollegen
ist sehr angespannt und auch die etablierten Praxen können in der Regel nicht mehr mit
Wachstumsraten rechnen, sondern müssen erhebliche Einbußen hinnehmen."
Angespannte Lage
In den kommenden Jahren, so Pschorns Befürchtung, wird dieser wirtschaftliche Druck das
friedliche Zusammenleben der niedergelassenen Tierärzte erheblich in Gefahr bringen. Bei
den angestellten Tierärzten sieht die Situation nicht besser aus. Manfred Bausch von der
Arbeitsmarktinformationsstelle (AMS) der Zentralstelle für Arbeitsvernittlung (ZAV) in
Frankfurt am Main hält diesen Arbeitsmarkt für "ausgesprochen schwierig", obwohl sich die
Zahl der arbeitslosen Veterinärmediziner 1995 gegenüber dem Vorjahr nur leicht erhöht hat.
"Die wenigen Stellenangebote, die den Vermittlern vorlagen, offerierten fast ausschließlich
kurzfristige Aushilfstätigkeiten im Rahmen von Krankheits- und Urlaubsvertretungen." Selbst
wenn ein Absolvent bundesweite Mobilität signalisierte, gelang es nur in seltenen
Einzelfällen, ihm eine Tätigkeit als Praxisassistent oder eine Einstiegsposition in der
Pharmaindustrie zu verschaffen. "Jüngere Bewerber zogen daher zunehmend die
Konsequenz, sich beruflich umzuorientieren", resümiert Bausch. Harte Zeiten für einen
Berufsstand, dessen Tätigkeit sich in den Vorabendserien so idyllisch ausnimmt.
Ausgelöst wurde die Krise auf dem Tierarzt-Arbeitsmarkt durch den Strukturwandel, den die
deutsche Landwirtschaft in jüngster Vergangenheit durchmachte. Die Bauern halten zwar
heute nicht wesentlich weniger Vieh als vor zehn Jahren, aber sie haben sich stärker
spezialisiert. "Während früher ein Bauernhof wie ein Zoo wirkte, in dem viele verschiedene
Tiere lebten, treffen wir jetzt auf jedem Hof nur noch eine große Herde an", berichtet
Professor Karl-Theodor Friedhoff, Rektor der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
Strukturwandel in der Landwirtschaft
Die Konzentration auf Rinder oder Schafe, Schweine oder Geflügel ließ sowohl das
züchterische als auch das medizinische Know-how der Landwirte rapide in die Höhe
schnellen; die Zahl der Tierarzt-Termine auf den Höfen ging als Folge davon kontinuierlich
zurück. "Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir zugeben. daß die Landwirte heutzutage
hinsichtlich Tierkrankheiten und ihrer Behandlung sehr gut informiert sind", findet Eugen
Weiß, Professor für Veterinärpathologie an der Universität Gießen. Er prognostiziert für die
deutsche Viehhaltung eine ähnliche Entwicklung wie in den Vereinigten Staaten: "Je größer
die Herden werden, desto größer wird auch der graue Arzneimittelmarkt, also der Anteil der
Medikation durch den Landwirt."
Die Absatzkrise, in der die deutsche Rinderwirtschaft steckt, seit die Angst vor der BSE-
Seuche die Fleischpreise ins Bodenlose sinken ließ, verschärft die Situation zusätzlich. Für
viele Viehzüchter rechnet es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr, wegen jeder kranken Kuh
den Tierarzt kommen zu lassen. Stattdessen lassen sie sich vom niedergelassenen Tierarzt
mehr und mehr präventive Hilfe zur Selbsthilfe geben, korrekt "integrierte tierärztliche
Bestandsbetreuung" oder "Herdenmanagement" genannt. "Der Tierarzt in der Nutztierpraxis
wird sich künftig nicht mehr nur um die Kurative kümmern, sondern er muß zum Berater des
Landwirtes werden, der ihn über alle aktuellen Entwicklungen in Sachen Tiergesundheit auf
dem laufenden hält", prognostiziert Dr. Hans-Georg Möckel, Präsident der sächsischen
Landestierärztekammer.
Abkehr von der Nutztierpraxis
Die Tierärzteschaft hat auf die Umstrukturierung der Landwirtschaft schon auf breiter Front
reagiert. Während die Zahl der Großtierpraxen in den letzten zehn Jahren bundesweit nur
von 1 315 auf 1 630 angestiegen ist, haben sich die Kleintierpraxen im selben Zeitraum mehr
als verdoppelt (von 1 128 auf 3 024). Auch bei den Gemischtpraxen ermittelte Dr. Roland
Schöne vom Planungs- und Informationszentrum der Tierärztlichen Hochschule in
Hannover einen Zuwachs um fast 50 Prozent: 1985 waren es 2 445, 1995 zählte man
bundesweit 4 306 Gemischtpraxen.
Die Abkehr der Veterinärmediziner von der Großtierpraxis wird noch deutlicher, wenn man
sich vor Augen hält, daß es sich bei den meisten neuen Niederlassungen in dieser Gruppe
um reine Reitpferde-Praxen handelt, die von der Wirtschaftslage in der Landwirtschaft nicht
tangiert werden. "Die Nutztierpraxis verwaist mehr und mehr", konstatiert Karl-Theodor
Friedhoffmit Blick auf das stark gesunkene Interesse der Absolventen an der Rinder- und
Schweinepraxis. "Es zeichnet sich ab, daß es demnächst in diesem Bereich mehr freie
Stellen als geeignete Bewerber geben wird." Selbst die wenigen jungen Tierärzte, die es
reizvoll finden, in Gummistiefeln im Stall zu operieren, bleiben der Nutztierpraxis meist nicht
lange treu: Von 56 befragten Absolventen, die nach ihrem Examen in einer Großtierpraxis
angefangen haben, arbeiteten vier Jahre später nur noch 15 im Nutztierbereich. Alle anderen
hatten sich eine ruhigere Stelle in einer Gemischt- oder Kleintierpraxis gesucht. Zu diesem
Ergebnis gelangt Frank Schellenberger in seiner Dissertation über die "Erfassung und
Bewertung tierärztlicher Tätigkeitsbereiche in der Bundesrepublik Deutschland", die er im
Herbst 1996 an der Universität Leipzig vorgelegt hat.
Als Gründe für ihre Abwanderung nannten die ehemaligen Großtierassistenten die unsichere
Zukunft der Nutztierpraxis, die hohe körperliche Belastung und die unregelmäßigen
Arbeitszeiten. "Die tatsächliche Arbeitszeit der Anfangsassistenten betrug 57,43 Stunden in
der Woche bei einem Bruttogehalt, das um 33 Prozent niedriger war als das im öffentlichen
Dienst", berichtet Frank Schellenberger. 58 Prozent der Befragten machten ihren Job
überdies für negative Entwicklungen in ihrem Familienleben oder eine gescheiterte
Partnerbeziehung verantwortlich.
Eine attraktive Alternative zu nächtlichen Notrufen in den Kuhstall ist die Klein- und
Heimtierpraxis, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Führten 1975
gerade mal elf Prozent aller selbständigen Tierärzte eine reine Kleintierpraxis, so waren es
1995 bereitsüber 39 Prozent. Und der Anteil der Kleintier-Spezialisten steigt alljährlich
weiter an. Selbst in den neuen Bundesländern, wo es zu DDR-Zeitenüberhaupt keine
Heimtierärzte gab, sind heute schon 15 Prozent aller Niederlassungen reine Kleintierpraxen.
"Im Gegensatz zu den Nutztier-Beständen in den neuen Bundesländern, die sich seit der
Wende um gut 50 Prozent reduziert haben, wächst die Zahl der Hunde, Katzen und Pferde
langsam aber stetig an", weiß Hans-Georg Möckel, Präsident der sächsischen Tierärztekammer. Er
schätzt, daß die östlichen Bundesländer bei den Pferde- und Hundebeständen spätestens in
zehn Jahren mit dem Westen gleichgezogen haben werden.
Wandel der Mensch-Tier-Beziehung
Das potentielle Klientel der Tierärzte wird sich dadurch vervielfachen. Denn im Gegensatz zu den Bauern, die den Veterinärmediziner nur noch selten konsultieren, kommen die Heimtierbesitzer immer häufiger. Rektor Karl-Theodor Friedhoff sieht den Grund dafür in einer "stark gewandelten Mensch-Tier-Beziehung" . Waren Heimtiere einstmals vor allem nützliche Hausgenossen, so sind sie heute fast zu Familienmitgliedern geworden. Und als solche haben die 10,4 Millionen Hunde und Katzen, die derzeit in deutschen Haushalten leben, Anspruch auf die bestmögliche medizinische Behandlung. Daß die Arztrechnung dabei den materiellen Wert des Tieres oft weit überschreitet, spielt für die Besitzer keine Rolle. Dafür verlangen die Herrchen und Frauchen aber vom Kleintierarzt auch Leistungen, wie sie sie von der Humanmedizin her gewohnt sind. "Vom Ultraschall bis zur Computertomographie, von der Chemotherapie bis zum Herzschrittmacher - es gibt kaum etwas, was es in der Kleintiermedizin nicht gäbe", formuliert Dr. Margund Mrozek, Sprecherin der Bundestierärztekammer in Bonn.
Ansteigende Kleintierzahlen
Ein noch recht junges Beispiel für die umfassende medizinische Betreuung der Heimtiere ist
die Krebsfrüherkennung bei Hunden und Katzen. "Tumore sind bei diesen beiden Tierarten
relativ häufig, aber nicht immer bösartig", erklärt Eugen Weiß, Leiter des Instituts für
Veterinärpathologie an der Uni Gießen. Mit Hilfe feingeweblicher Untersuchungen können
die Veterinär-Pathologen in den Labors der Universitäten heute eine recht genaue Prognose
abgeben, welcher Tumor gut- und welcher bösartig ist. Für den ambulanten Tierarzt stellt diese
Diagnose natürlich eine entscheidende Behandlungshilfe dar, die allerdings nicht ganz billig
ist. Die Haustierbesitzer kümmert das wenig: "Zirka 11 000 Tumor-Proben von Haustieren
pro Jahr werden allein in unserem Labor in Gießen untersucht", berichtet Eugen Weiß.
Beständig ansteigende Heimtierzahlen, Besitzer, die bereit sind, für die Genesung ihres
vierbeinigen Hausgenossen ordentlich zu bezahlen - bessere Bedingungen kann sich die
Tierärzteschaft eigentlich nicht wünschen. Leider hat die Sache einen Haken: Es ist schon
jetzt sehr voll auf dem Arbeitsmarkt für Kleintierärzte, und monatlich wird es noch voller.
Überangebot schmälert den Verdienst
Mit dem Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses hat sich nämlich nicht nur die Einstellung
der Kleintierbesitzer zu ihren vierbeinigen Kameraden verändert, auch die Veterinärmedizin-
Studierenden wählen dieses Fach heute aus anderen Motiven als noch vor 15 Jahren.
"Damals studierten bei uns sehr viele Söhne und Töchter von Landwirten, die ein sehr
pragmatisches Verhältnis zum Tier hatten", erinnert sich Karl-Theodor Friedhoff. "Heute
hingegen begründen drei Viertel aller Studierenden ihre Studienfachwahl mit 'Tierliebe'." Das
Ergebnis dieser Entwicklung: Fast alle Absolventen suchen nach ihrem Studium eine Assistentenstelle
dort, wo ausschließlich geheilt und nicht geschlachtet wird - in einer Kleintier-
oder Pferdepraxis. Ein Überangebot, das sich natürlich im Verdienst niederschlägt.
Frank Schellenberger, der Leipziger Doktorand, weiß zu berichten, daß ein "zwölfstündiger
Arbeitstag mit einer monatlichen Vergütung von 1 000 Mark brutto für einen jungen
Assistenz-Tierarzt in einer Kleintierpraxis keine Seltenheit ist". Junge Tierärztinnen
arbeiteten mitunter sogar bis zu zwölf Monaten völlig ohne Gehalt, um Erfahrung zu sammeln
und sich ihren Berufstraum zu verwirklichen. "Die männlichen Absolventen denken in der
Regel verdienstorientierter", beobachtet der Hannoveraner Rektor Friedhoff.
Sofortige Selbständigkeit bringt Kleintierärzten, die gerade ihr Examen in der Tasche haben,
in der Regel auch nicht mehr ein, als eine Assistentenstelle. Im Gegenteil: "Die ersten zwei
oder drei Jahre als niedergelassener Kleintierarzt sind eine so harte Durststrecke, daß man
sie ohne finanzielle Hilfe von den Eltern oder dem Lebenspartner praktisch nicht
durchstehen kann", diagnostiziert Franz-Viktor Salomon, Professor an der
Veterinärmedizinischen Fakulät der Universität Leipzig. "In dieser Zeit eine Familie zu
ernähren, ist vollkommen unmöglich. Nach einigen Jahren, wenn der neue Tierarzt sich
etabliert hat, sieht dann meist alles ganz anders aus", meint Salomon. "Ich habe die
Erfahrung gemacht, daß jede neue Tierarztpraxis im Lauf der Zeit auch neue Nachfrage und
neue Patienten produziert."
Wettbewerbsvorteile aneignen
Karl-Theodor Friedhoff, der Rektor der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, sieht die
Zukunft der niedergelassenen Kleintierärzte skeptischer. Er befürchtet, daß es bald eine
Menge winziger Ein-Frau- oder Ein-Mann-Kleintierpraxen geben wird, die eigentlich ein
Zuschußgeschäft wären, wenn der Tierarzt seine Arbeitsleistung realistisch in Rechnung
stellen würde. Friedhoffs Rezept gegen die fortgesetzte Selbstausbeutung:
Gemeinschaftspraxen, in denen Fachtierärzte aus den verschiedensten Spezialgebieten
zusammenarbeiten. "Im Heim- und Begleittierbereich werden wir in den nächsten Jahren
eine Entwicklung erleben, wie in der Humanmedizin. Der allgemeine Kleintierarzt überweist
die schwierigeren Fälle an die Fachärzte für Innere Kleintierkrankheiten, Kleintier-Chirurgie,
Kleintier-Augenheilkunde . . .", sagt Friedhoff voraus. In England und Amerika, berichtet
Frank Schellenberger, sind solche Gemeinschaftspraxen mit sechs oder sieben
gleichberechtigten Partern schon Iängst gang und gäbe.
Die Voraussetzung für den Eintritt in eine solche zukunftsträchtige Gemeinschaftspraxis oder
Tierklinik ist logischerweise eine Fachtierarzt-Anerkennung. Sie hilft einem junger Tierarzt
auch in anderen Bereichen, schneller Fuß zu fassen. "Ein Fachtierarzt hat sowohl in der
freien Niederlassung als auch im Angestelltenverhätnis einen eindeutigen
Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Allgemein-Veterinärmediziner", erklärt Professor
Franz-Viktor Salomon.
Eine Erkenntnis, die sich offenbar nur langsam durchsetzt: 1975 lag der Anteil der
Fachtierärzte bei 17,8 Prozent; 1995 war er nur geringfügig auf 22,6 Prozent angestiegen.
Die größten Zuwachsraten verzeichneten auch hier die Kleintier- und die Pferdeheilkunde
sowie die Chirurgie.
Ein weiterer Wettbewerbsvorteil auf dem hartumkämpften Arbeitsmarkt für Tierärzte ist die
Promotion. "Man muß heute jedem Absolventen dringend raten, sich durch eine vernünftige
Dissertation zu empfehlen", sagt der Leipziger Professor Salomon. "Die Zeiten, in denen
man in der Praxis auch als Herr oder Frau Tierarzt ein Chance hatte, werden nämlich sehr
bald zu Ende sein. "Für einen Einstieg in die Industrie ist der Doktorgrad schon heute
unumgängliches Muß; und auch in Forschungsinstituten oder Labors geht ohne den "Doctor
medicinae veterinariae" gar nichts.
Weniger Stellen in Veterinärämtern
Das nach der Praxis zweitgrößte Arbeitsfeld für Tierärzte ist traditionell das öffentliche
Veterinärwesen. 1995 waren bundesweit 1887 Tierärzte im Veterinärverwaltungsdienst tätig,
knapp 20 mehr als im Jahr zuvor. Dieser leichte Anstieg darf allerdings nicht darüber
hinwegtäuschen, daß freie Stellen in den Veterinärämtern immer rarer werden: Eine Folge
der leeren Kassen und der Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst. "Die Anzahl der
Stellenangebote für Bewerber ohne branchenspezische Erfahrung ist in der
Veterinärverwaltung von 1977 bis 1994 um 46,4 Prozent gefallen", ermittelte Frank
Schellenberger.
Fatalerweise ließ das immer rauhere Klima bei den Niederlassungen das Interesse der
jungen Tierärzte an Stellen im öffentlichen Dienst enorm ansteigen. 1985 mußten noch 22
Prozent der Stellenanzeigen mehrmals veröffentlicht werden, bis sich ein geeigneter
Kandidat fand. 1995 dagegen meldeten sich durchschnittlich 27,3 Bewerber auf jede
Anzeige.
Noch ungünstiger stellt sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage für Tierärzte in den
Schlachthöfen und Fleischuntersuchungsämtern dar. "Durch die Schließung der vielen
kleinen lokalen Schlachthöfe, die den gestiegenen Hygieneanforderungen in der
Fleischproduktion nicht mehr genügen konnten, sind die Stellenangebote für Tierärzte in
diesem Bereich in den letzten zehn Jahren um 88, 7 Prozent zurückgegangen", erklärt Frank
Schellenberger. Seine Recherchen haben ergeben, daß die wenigen offenen Stellen, die
derzeit in der Fleischbeschau zu vergeben sind, meist an erfahrene Tierärzte gehen, die
durch eine Schlachthofschließung arbeitslos geworden sind.
Der deutliche Rückgang der Tierarzt-Stellen in der Fleisch- und Lebensmittelhygiene ist nicht
nur ein Ärgernis für die Veterinärmedizin-Absolventen, er ist auch ein Politikum - Stichwort:
BSE. "Eigentlich müßte der Staat gerade in der jetzigen Situation sehr viele neue
Tierarztstellen in der Fleischkontrolle schaffen, um das Vertrauen der Verbraucher
wiederherzustellen", meint Karl-Theodor Friedhoff, Rektor der Tierärztlichen Hochschule
Hannover. Ihm schwebt eine Art Gesundheitspaß für jedes Nutztier vor, der bestätigt, daß
das Rind oder das Schwein vor seiner Geburt bis zu seinem Tod ununterbrochen unter
tierärztlicher Kontrolle stand. Woher allerdings das Geld für diese verbraucherschützende
Maßnahme kommen soll, das weiß momentan niemand. "Vielleicht von der EU", hofft
Friedhoff.
Hans-Georg Möckel, der sächsische Tierärztekammer-Präsident vertraut dagegen in
punkto Transparenz bei der Nutztier-Aufzucht auf Mechanismen der freien Marktwirtschaft.
Er glaubt, daß die Fleischindustrie selbst großes Interesse an finanziellen
Unbedenklichkeitsbescheinigungen für ihre Produkte hat. "Mit der prozeßorientierten
Qualitätsnorm DIN ISO 9000 beispielsweise könnte man einfach auch die Aufzucht- und
Produktionsbedingungen in der Fleischindustrie kontrollieren", meint Möckel. Er kann sich
durchaus vorstellen, daß es in Zukunft Tierärzte geben wird, die als freiberufliche
Zertifizierer die Tieraufzucht im Land beurteilen.
Private Forschungslabors als Arbeitgeber
Die biomedizinischen privaten Forschungslabors, die derzeit überall wie Pilze aus dem
Boden schießen, werden künftig ebenfalls vermehrt Stellen für Tierärzte ausschreiben."Die
veterinärwissenschaftliche Forschung entwickelt sich heutzutage so schnell, daß es für einen
niedergelassenen Tierarzt unmöglich ist, stets auf dem neuesten Stand der Virologie,
Bakteriologie oder Biochemie zu sein", erklärt Karl-Theodor Friedhoff. Seiner Einschätzung
nach wird daher in nicht allzu ferner Zukunft "hinter jedem praktischen Tierarzt ein
veterinärwissenschaftlicher Forscher im Labor stehen, der Hand in Hand mit ihm
zusammenarbeitet."
Jungen Tierärzten, die sich trotz aller Schwarzmalerei die Lust an einer eigenen Praxis und
der Selbständigkeit nicht verderben lassen wollen, rät der sächsische Kammerpräsident
Hans-Georg Möckel, sich wenigstens für die Anfangsjahre einen zusätzlichen
Nebenverdienst zu suchen: bei der Zeitung, beim Rundfunk oder beim Fernsehen. "Ratgeber
über den richtigen Umgang mit Heimtieren sind derzeit in allen Medien gefragt", beobachtet
Möckel. "Warum", so fragt er sich, "überlassen die Tierärzte diesen ganzen Bereich
eigentlich kampflos den Fachfremden?"
Franz-Viktor Salomon hat ebenfalls einen Tip für Niederlassungswillige: Sie sollten auf keinen Fall nach dem Motto "voll ist es überall" handeln und einfach irgendwo eine Praxis aufmachen. Viel besser sei es, die Landestierärztekammern aufzusuchen und sich dort einen genauen Überblick über die räumliche Verteilung der bereits existierenden Niederlassungen zu verschaffen, meint Salomon. Der Professor ist sich sicher, daß man auch ohne fähnchengeschmückte Übersichtskarte á la Dresdenüberall noch weiße Flecken entdecken kann. "Wenn jemand ein großes Wohngebiet mit 70 000 Menschen findet, in dem es noch keinen Tierarzt gibt, dann hat er ausgesorgt."
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11. Februar 1997 /Redigiert füs Internet von Prof. Dr. Heinz Mielke