Diesseits von Schloß und Park: Villen-Geschichten von Machern
1. Die Schöttler Villa und Rosen-Fritzsches Hengst
1997 wurden sechs Villen vorgestellt unter der
Überschrift "Jenseits von Schloß und Park:
Villen-Geschichten von Machern und nächster Umgebung".
Hier nun 3 weitere. Was die ersten beiden anbelangt, die
Schöttler Villa und die Linnemann Villa, so sind es schöne Gebäude
in prachtvoller Umgebung auf und vor den
Endmoränenbuckeln von Sorgenberg und Pehritzschberg.
Zu ihren "Füßen" breitet sich heute der Macherner Golfplatz aus.
Horst Schöttler war zusammen mit seinem Bruder Walter
Besitzer einer gutgehenden Zigarrenfabik in Leipzig. Dem damaligen
Trend um die Jahrhundertwende folgend, erwarb er
in grüner Natur eine größere Landparzelle und begann dort 1906/1907 mit
dem Bau einer
Villa und des dazugehörigen Wirtschaftsgebäudes mit Kutscherwohnung,
Stallungen für
Pferde, Remise für den Kutschwagen und Garage für ein Automobil.

Die Schöttler Villa im Jahre 2000
Das war in Machern, wo
er auch ab 1907 mit seiner Familie wohnte. Nicht bekannt ist, warum er
sehr bald danach die
Zigarrenfabrik seinem Bruder allein überließ und Schriftsteller wurde.
Ab 1919 war er als
solcher im Reclam-Verlag in Leipzig als Werberedakteur tätig und
veröffentlichte die
verschiedensten Geschichten, immer mit einem inhaltlichen Bezug auf den
Verlag. Weitere
Lebensdaten von ihm sind spärlich: Aus dem Wurzener Adressbuch ist
ersichtlich, dass er bis
1930 in Machern wohnte. 1935 wird dort nur noch Magarete Schöttler als
Wartegeld-Empfänger ausgewiesen.
Nun ist es interessant, dass, aus welchen Gründen auch immer,
bereits 1910 sein Macherner
Villenbesitz durch Verkauf in die Hände des Kommerzienrates Dr. Karl
Fritzsche überging,
dem Mitbesitzer und Hauptaktionär der Firma Schimmel & Co.AG
Miltitz (Rosen, Aroma und Duft). Die Schöttlers wohnten danach in der
Villa zur Miete. Nach dem Tode von Dr. Fritzsche
(1944) wurde das Anwesen von den Erben verkauft und kam 1946 in den
Besitz des
Leipziger Kaufmannes Paul Franke und seiner Frau Johanna , die
dann auch in Machern
wohnten. Das Ehepaar verkaufte es 1951 an die Leipziger
Verkehrsbetriebe (LVB). Es wurde
in der Folgezeit als Schulclub-Internat, Ferienheim und
Fortbildungszentrum genutzt. 1999
verkaufte die LVB die beiden Gebäude und Land an eine Macherner
Familie.

Das ehemalige Wirtschaftsgebäude der Schöttler Villa als komfortables
Zweifamilienhaus
Der Umbau und die Renovierung des Wirtschaftsgebäudes zu einem
komfortablen Zweifamilienhaus wurde im
Februar 2000 beendet. Nun wird die Renovierung des Villengebäudes
verstärkt fortgeführt.
Zwei Aspekte sind im Hinblick auf das "stille Besitztum" von Dr.
Karl Fritzsche an der
Schöttler Villa in Machern noch erwähnenswert. So berichtet Beyreuther
1938 in seinem Buch
"Machern im Wandel der Zeit", dass der Macherner Rittergutsbesitzer
Wilhelm Schnetger von
seinen Reisen aus Bulgarien die Oelrose mit nach Machern brachte und
vermehrte. Sie erhielt
dann den Namen "Rose von Machern". Als die Rosenfelder in Miltitz bei
Leipzig angelegt
wurden, bezog man die Rosenstöcklinge von Machern. Diese Rosen sollen
bei der Firma
Schimmel/Fritzsche (Rosen-Fritzsche) in Miltitz die erfolgreiche Duft-
und Parfümherstellung mitgefördert haben.
Der Firma ging es geschäftlich bald so gut, dass sie es auch auf
besondere Art und Weise nach außen jedem zeigte: Hoch oben auf dem Dach
des Firmenhauptgebäudes in der
Schimmelstrasse 1 war eine aus Bronze gefertigte Pferdeplastik
postiert: ein auf den
Hinterbeinen aufsteigender Hengst, der später einen weißen Anstrich
erhielt. Er befand sich
dort bis 1959. Danach kam er durch Aktivitäten des Miltitzer Natur- und
Heimatvereines, die
ihn vor einer unsinnigen Vernichtung bewahrten, als gekauftes Eigentum
ins Gestüt nach
Graditz bei Torgau und wurde dort, entledigt seines weißen
(Schimmel-)Anstriches, auf
einem Sockel im Barockgarten vor dem Gestütsschloss aufgestellt. Nach
mehr als 40 Jahren
ist er heute, in ehrwürdige Patina gehüllt, zu einem Symbol des
Sächsischen Hautgestütes
Graditz geworden.

Die bronzene Hengstplastik aus der Miltitzer Schimmel & Co. AG
steht seit 1959 als Eigentum im Graditzer Gestüt bei Torgau
Bedeutsam erscheint hier abschließend der Hinweis auf eine andere
Verknüpfung von
Machern mit Graditz. Gestütsleiter (Stallmeister) des Graditzer
Gestütes waren einst zwei
Lindenau-Adlige aus Machern, und zwar von 1759 bis 1763 Heinrich
Gottlieb von Lindenau,
der spätere Churfürstlich-sächsische Oberstallmeister und Reichsgraf,
und von 1763 bis 1804
sein Bruder, Friedrich Gotthard von Lindenau.
2. Die Linnemann Villa und das Schulclub-Internat der LVB
Der Buchhändler Carl Linnemann war Besitzer des Musikverlages Kistner
& Siegel in Leipzig. Dieser Verlag, der noch in der Springerstraße
existiert, wird
heute von Christel Linnemann, einer Nachfahrin der Linnemanns geleitet.
Genauso wie der Zigarrenfabrikant Horst Schöttler oder wie die
Buchhändler
Richard Voigtländer und Alexander Duncker, die um 1900 von Leipzig ins
Grüne
nach Machern gezogen sind, tat das auch Carl Linnemann und baute dort
eine
Villa auf dem Grundstück neben dem Anwesen von Horst Schöttler am
Plagwitzer Weg. Ein Wirtschaftsgebäude mit Kutscherwohnung, Pferdestall
und
Remise gehörten ebenfalls dazu. Im Gegensatz zu den geradlinigen
Schöttler
Gebäuden, waren die von Linnemann 1907/1908 im verwinkelten
Waldhausstil entstanden. Die Macherner Villa diente der Familie
Linnemann vorrangig als
Sommersitz. Sie hatten zwei Töchter, Ursula und Sabine. Letztere
heiratete Dr.
Robert Struve, den Besitzer der Dr. Struve Mineralwasser-Anstalt in
Leipzig.
Wohl damit zuammenhängend, entstand in Machern die Meinung, dass die
Linnemann Villa "einem großen Selterwasserfabrikanten aus Leipzig"
gehört.
Das traf aber nur teilweise zu und auch erst nach dem Tode von Carl
Linnemann. Denn da wurden seine Frau Margarete und die beiden Töchter
die
Besitzer der Villa. Von ihnen kauften die Leipziger
Verkehrsbetriebe (LVB) 1958
das Gelände samt Villa und Wirtschaftsgebäude.

Die Linnemann Villa als LVB-Gebäude im Jahre 2000
Die Villa erhielt durch Renovierung vor 2 bis 3 Jahren wieder ein
schönes Aussehen.

Das ehemahlige Wirtschaftsgebäude der Linnemann Villa im Jahre 2000
Die LVB hatte es 1995 an eine Macherner Familie verkauft.
Schulclub-Internat, Ferienheim und Fortbildungszentrum
Seit fast 50 Jahren sind die Leipziger Verkehrsbetriebe GmbH (früher
Verkehrsbetriebe der Stadt Leipzig) mit der Gemeinde Machern durch ihre
Objekte am Plagwitzer Weg auf wechselnde Art und Weise verbunden. Es
begann mit dem Kauf der dortigen Schöttler Villa 1951 und der
Einrichtung eines
Schulclub-Internates. Eine dringend anstehende Erweiterung des
Internats
wurde 1958 möglich, als die Linnemann Villa in unmittelbarer
Nachbarschaft zum
Verkauf anstand und erworben werden konnte. Das Schulclub-Internat war
ein
Werktags-Kindervollheim. In ihm fanden 48 Kinder Unterkunft, die in
Machern zur
Schule gingen und im Internat von Heimerziehern betreut wurden. Zu den
Ferienzeiten waren es meist doppelt soviele Kinder, die dort in
frischer Luft und
an den nahen Lübschützer Teichen Erholung fanden. Das Internat hatte
die
sozialen Verhältnisse in der LVB dadurch verbessern helfen, als dass
beschäftigten Müttern, besonders im Schichtbetrieb der
Straßenbahnschaffnerinnen, die Sorge um ihre Kinder während der
Arbeitszeit
abgenommen werden konnte. Im Laufe der Zeit entstanden dort noch ein
Schlafhaus, eine Jugendbarracke und vier Bungalows. Name und Aufgaben
dieser LVB-Einrichtung in Machern änderten sich mehrmals. So wird sie
1984
zum Ferien- und Schulungsheim, 1993 zum Schulungs- und Erholungszentrum
und 1994 zum Aus- und Fortbildungszentrum. Die über 30Jahre bestandenen
wichtigen Aufgaben eines Kinderheimes wechselten letztlich zur
betrieblichen
Jugend- und Erwachsenenqualifizierung und -Fortbildung.
3. Die Hinsch Villa und das große Hauswappen
Das Wappen-tragende Haus von Heinrich Otto Friedrich Hientzsch (er
schrieb sich später Hinsch) wurde 1905 als zweites oder drittes Gebäude
des gerade wieder neuentstehenden Wenigmachern gebaut. Im "Rundblick
Jahrbuch 1999" gibt Adolf Böhm einen kurzen Überblick über die
Geschichte von Wenigmachern, das slawischen Ursprungs ist und im 15.
Jahrhundert als Dorf aufgegeben wurde. Die Einwohner zogen damals nach
Püchau. Im 18. Jahrhundert gehörte die Flur Wenigmachern zum
schriftsässigen Rittergut Machern, gerichtlich und politisch aber zu
Dögnitz. So kam es, dass nach Baulandverkauf durch den Macherner
Rittergutsbesitzer Schnetger das erste Gebäude (1904) und alle weiteren
als Ortsteil Mark Wenigmachern zu Dögnitz gehörten. Erst 1956 wurde
Wenigmachern der Gemeinde Machern angeschlossen und existiert seitdem
als Nepperwitzer Weg.

Die Hinsch Villa im Jahre 2000
(rechts am Giebel das Wappen)
Das Haus von Friedrich Hinsch ist eine geräumige Villa, die damals
für eine begüterte Familie erbaut wurde. Hinter ihr befindet sich ein
einfaches Wirtschaftsgebäude, das im Vergleich zu den anderen
aufwendigen Nebengebäuden der in Machern zur gleichen Zeit vor etwa 100
Jahren erbauten 6 Villen, den Kutscher-, Gärtner- und Gesindehäusern
von Bäßler, Schöttler, Linnemann, Voigtländer, Schlee und von
Ehrenstein auf einen geringeren Kapitalzugriff bei Hinsch schließen
lässt. Dafür besitzt aber die Villa etwas, was die anderen Villen nicht
haben: ein bürgerliches Hauswappen.

Das Hauswappen an der Hinsch Villa
Es ist einfach gestaltet, jedoch durch seine Größe sehr demonstrativ.
Das Wappen befindet sich am westlichen Hausgiebel. Es besteht aus drei
übereinander befestigten Steinplatten unterschiedlicher Größe und Form.
Die äußerste trägt eingemeißelt ein ineinander verschlungenes "F und
H". Darüber steht, heute nicht mehr voll lesbar, das lateinische Wort
"ANNO" und darunter die Zahl "1905". Alle Schriftteile waren früher
durch Goldeinprägung hellglänzend anzuschauen.
Wer war Friedrich Hinsch und was geschah mit seiner Villa? Er war
Schneider beziehungsweise Dressmaker in Leipzig und zog im Alter von 54
Jahren zusammen mit seiner Frau 1906 von dort nach Wenigmachern in sein
neuerbautes Haus. Die beiden hatten einen verheirateten Sohn Friedrich
Paul und eine Tochter Sophie, verheiratete Tyralla, die aber mit ihren
Familien für sich lebten und eigentlich nur zu Besuch in Wenigmachern
erschienen.

Die Familie Hinsch im Jahre 1909 hinter ihrer Villa
(von rechts: Friedrich Hinsch mit Frau; seine Schwiegertochter; seine
Tochter Sophie mit Tochter und Mann)
Nach dem Tode der beiden Hinsch's erbte ihr Sohn das Haus und wohnte
dort, bis er es um 1950 verkaufte und nach Leipzig zog. Seit 1952 ist
dann der damalige Objektleiter der HO-Gaststätte Stadt Wurzen (Hotel
Pippig), Ernst Meyer, der Besitzer und Bewohner der Villa. 1971
wurde sie "Eigentum des Volkes". 1994 erfolgte eine Rückübertragung an
die Erben von E. Meyer in Ahlsdorf bei Aachen. Die Villa gab nach 1945
bis jetzt verschiedenen Parten Wohnunterkunft. Gegenwärtig ist sie
stark renovierungsbedürftig.
Ein Nachfahre des Erbauers dieser Villa, Jerome Simpson,
schreibt nach seinem Besuch in Machern im August 2000 an den Autor
dieser Zeilen: "Finally I have visited the old house, and am sorry
about its state. Should there something I can do, please inform
me."("Schließlich habe ich das alte Haus besucht, und ich bin traurig
über seinen Zustand. Gibt es irgendetwas dort, was ich tun könnte,
bitte informieren Sie mich.") Erklärung: Der Autor war Anfang 2000 mit
Jerome, einem Engländer, über das Internet in Kontakt gekommen. Jerome
wollte in Kenntnis der Macherner Villen-Artikel des Autors wissen, ob
er auch Angaben zur Hinsch Villa machen könne. Viele E-mails gingen hin
und her. Jerome ist der Ururenkel von Friedrich Hinsch, dessen Tochter
Sophie seine Urgroßmutter ist. Seine Mutter heiratete einen Engländer.
Sie übersiedelten nach England, wo Jerome geboren wurde, aufwuchs und
seine Ausbildung erhielt. Seit 6 Jahren arbeitet er in Ungarn in
verantwortlicher Position beim internationalen "Regionalen
Umweltzentrum für Zentral- und Osteuropa" als Manager der
"Informationsgesellschaft für technologische Projekte" und ist mit
einer Ungarin verheiratet. Schon längere Zeit beschäftigt er sich
privat mit der Geschichte seiner Vorfahren. Und so stieß er dabei
unweigerlich auch auf die Macherner Hinsch Villa mit dem Hauswappen,
was für Machern eine internationale geschichtsbezogene
Verbindungsattraktion durch das in Vorbereitung befindliche Buch von
Jerome Simpson: "Verheiratet" mit der deutschen Geschichte - Eine
soziologische Studie" darstellt.
Machern, 18. 12. 2000/ Prof. Dr.
Heinz Mielke