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Vitalisierung des Sozialdialogs in der Ukraine - Grundlage innerer und äußerer Integration


 

 

Förderung:
Das Projekt wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert.

 

Projektlaufzeit:
Die Projektlaufzeit beträgt 12 Monate (2011).


Zielsetzung des Projektes:

Das Projekt geht davon aus, dass eine vergleichsweise junge Demokratie wie die Ukraine darauf angewiesen ist, über nichtstaatliche Institutionen zu verfügen, die politisch unabhängig und dennoch demokratisch legitimiert gesamtgesellschaftliche Interessen vertreten und somit zur nachhaltigen Stabilisierung des Gemeinwesens beitragen, indem sie Partizipation ermöglichen. Dies ist umso wünschenswerter, als die politische Landschaft in der Ukraine im wesentlichen von zwei konkurrierenden Lagern geprägt ist, sodass starke Sozialpartner hier auch politische Korrektive darstellen, die als zivilgesellschaftliche Institutionen eine regional bedingte oder außenpolitisch motivierte Fragmentierung überwinden helfen.

Trotzdem vor allem die "alten", d.h. die früheren sozialistischen Gewerkschaften einen erheblichen Mitgliederschwund zu verzeichnen haben, ist der Organisationsgrad in der Ukraine im europäischen Vergleich mit geschätzten 50 Prozent sehr hoch. Das bedeutet, dass Verbesserungen in diesem Bereich einen Großteil der Bevölkerung betreffen und damit von erheblicher gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind.

Folgende Probleme lassen sich in Bezug auf den sozialen Dialog ausmachen:

Auf Seiten der Gewerkschaften:

1. Konkurrenzverhalten einzelner Gewerkschaftsverbände

2. Politische Abhängigkeit einzelner Gewerkschaften

3. Korruptionsanfälligkeit insbesondere der "alten" Gewerkschaften

4. Reformbedürftigkeit interner Hierarchiestrukturen

5. mangelnde Erfahrung bei der wirksamen Wahrnehmung der Interessen von Arbeitnehmern

6. Ideologisierung

Auf Seiten des Staates:

1. langwieriges und gebührenpflichtiges Eintragungsverfahren für Gewerkschaften zur Erlangung der Rechtspersönlichkeit

2. keine gesetzlichen Regelungen zur Einrichtung von Betriebsräten

3. mangelnde Rechtsverfolgung bei gewerkschaftsfeindlicher Diskriminierung

4. hohe Hürden beim Streikrecht; Streikverbote für viele Berufsgruppen

Auf Seiten der Arbeitgeber:

- zahlreiche, vom IGB dokumentierte Rechtsverletzungen gegenüber Gewerkschaftsmitgliedern und –funktionären

- trotz Selbstverpflichtung bzw. gerichtlicher Anweisung z. T. keine Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften

- Missachtung des Informationsrechts von Gewerkschaften durch Arbeitgeber, Arbeitgeberorganisationen und kommunale Behörden

- Behinderung des Gewerkschaftsarbeit, Nichtabführung von Mitgliedsbeiträgen

- Lobbyismus statt Kooperation behindert die Arbeit des Nationalen Dreiseitigen Rates

- branchenbezogenes Fehlen von Arbeitgeberverbänden

Die Zielsetzungen des Projekts ergeben sich aus den genannten Problemen:

1. Konzepte zu Reformen gewerkschaftlicher Strukturen

Am Beispiel funktionierender Verbandsarbeit in Deutschland und Europa soll aufgezeigt werden, welche Modelle der internen Organisation es gibt und wie diese implementiert werden können. Konkret soll erreicht werden, dass ein hohes Maß an Partizipation der Mitglieder möglich und erwünscht ist. Besonderes Augenmerk ist auf die Integration von Frauen zu richten.

2. Erarbeitung von Normen für transparentes Handeln

Das National Integrity System: assessment of Ukraine (independent assessment of the readiness of Ukraine to system anti-corruption reforms)

Während die "alten" Gewerkschaften über beträchtliche, aus Sowjetzeiten ererbte Vermögen verfügen und der Umgang mit diesen Geldern in der Vergangenheit bisweilen nicht nachvollziehbar war, stehen "neue" Gewerkschaften nicht selten unter dem Verdacht, opportunistisch zu agieren und Interessen zu verfolgen, die sich mit denen der organisierten Arbeitnehmer nicht decken. Eine konsequente Öffentlichkeitarbeit in Verbindung mit einem Höchstmaß an Transparenz kann dazu beitragen, die Wahrnehmung von Gewerkschaften als "Behörden" (mit Zuständigkeit für Kuren, Urlaub etc.) bzw. als obskure Vereinigungen zu verändern.

3. Entwicklung einer Tradition der Kooperation

Der dreiseitige Nationale Dreiseitige Sozial-Ökonomische Rat ist eine vergleichsweise junge Institution des sozialen Dialogs in der Ukraine. Ungewöhnlich ist hierbei die 7

Beteiligung des Staates in Form von Vertretern des Ministerkabinetts. Im Gegensatz dazu wird der Europäische Sozialdialog nur von Arbeitnehmern und Arbeitgebern geführt und versteht sich als Keimzelle einer europaweiten autonomen Sozialpolitik. An dieser Stelle sollen daher Chancen und Risiken einer solchen Konstruktion - sowohl für die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmerseite - ausgelotet werden, auch im Hinblick auf die Europäische Integration.

4. Stärkung der zivilgesellschaftlichen Rolle von Gewerkschaften

In der Ukraine herrscht großer Bedarf an einer Professionalisierung gewerkschaftlicher Arbeit hinsichtlich einer wirksameren Vertretung von Arbeitnehmerrechten und der Entwicklung eines Selbstverständnisses als unabhängige Kraft, die an sozial- und arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen maßgeblich beteiligt ist. Den Verbänden fällt zudem die Aufgabe zu, an der Erarbeitung und Durchsetzung europaweiter Sozial- und Arbeitsnormen mitzuwirken. Hierzu wird es notwendig sein, allzu große Nähe zum Staat zugunsten einer höheren Legitimität aufzugeben. Ziel ist es mithin, unter jungen, politisch interessierten Menschen ein entsprechendes Bewußtsein zu schaffen.

5. Durchsetzung von Informationsrechten

Gewerkschaften in der Ukraine stehen vor dem Problem, dass ihre Arbeit in etlichen Betrieben behindert und Informationen, die für die Arbeitnehmer von Belang sind, vorenthalten werden. Das Informationsrecht der Arbeitnehmer ist in Deutschland im Betriebsverfassungsgesetz geregelt. Eine juristische Expertise zum Thema soll Impulse für eine Umsetzung bereits bestehender gesetzlicher Regelungen in der Ukraine liefern.

6. Gute Arbeitgeberorganisation

Ein Großteil der Probleme des Sozialdialogs ist darauf zurückzuführen, dass auf Arbeitgeberseite verlässliche Ansprechpartner fehlen, weil branchenspezifisch häufig keine Arbeitgeberverbände vorhanden sind.