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Sprachliche Dynamik im multiethnischen Nationalstaat: Fallstudie Moldova

Leitung: Prof. Dr. Jürgen Erfurt, Institut für Romanische Sprachen und Literaturen, Goethe-Universität Frankfurt;

 

MitarbeiterInnen:

Dr. Vasile Dumbrava, Institut für Romanische Sprachen und Literaturen, Goethe-Universität Frankfurt; Moldova Institut Leipzig;

Anna Weirich, M.A., Institut für Romanische Sprachen und Literaturen, Goethe-Universität Frankfurt

 

Kooperationen:

Prof. Dr. Igor Şarov, Fakultät für Geschichte und Philosophie der Staatlichen Universität Moldovas

 

Zeitraum: Juni 2010 – Mai 2013

 

Der Zerfall der Sowjetunion ermöglichte in der mehrsprachigen Republik Moldova eine sprachlich basierte Nationalisierungsbewegung, in der unter Führung moldauisch- bzw. rumänischsprachiger Politiker und Intellektueller nach dem Prinzip „eine Sprache – eine Nation“ vor allem die bis dahin vorherrschende Dominanz der russischen Sprache und von Russophonen umzukehren versucht wurde. Der Konsolidierung dieser Nationalisierungsprozesse stehen aber die realen sprachlichen und sozialen wie auch geopolitischen Gegebenheiten im Wege. Das Russische wirft auf dem moldauischen Sprachenmarkt weiterhin hohe sprachliche Profite ab, die parallel zur gesamtstaatlichen Nationalisierung verlaufende Ethnisierung der sprachlichen Minderheiten geht mit Aufwertung und Ausbau der Kenntnisse dieser Sprachen einher (Ukrainisch, Bulgarisch, Gagausisch), und durch die weltweit zu beobachtenden Transnationalisierungsprozesse gewinnen auch das Englische und Französische sowie Verkehrssprachen europäischer Migrationszielländer an Bedeutung.

 

Ziel des Projekts ist es zu erkennen, was Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit im Spannungsfeld von Renationalisierung und Transnationalisierung für die Akteure auf dem Feld sprachlichen Handelns bedeuten und wie sie ihre sprachlichen Ressourcen verwerten, welche sprachlichen Inklusions-/Exklusionsprozesse dabei in Gang gesetzt und wie Sprachgrenzen im sozialen Raum verhandelt werden.

Die Forschung basiert auf ethnographischen Methoden der Datenerhebung (Interviews, Teilnehmende Beobachtung) und konzentriert sich auf die soziolinguistische Analyse und Interpretation der sprachlichen Verhältnisse. Die Datenerhebung erfolgt im Rahmen von Fallstudien zur Einsprachigkeit, hier insbesondere im Militär, und zur Mehrsprachigkeit, hier insbesondere unter den sprachlichen Minderheiten der RussInnen, UkrainerInnen, BulgarInnen und GagausInnen.

 

Forschungsstand/Desiderate

Während in Westeuropa und Nordamerika Sprachpolitik, Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit unter den Bedingungen von Transnationalisierung und Globalisierung seit einiger Zeit Gegenstand sowohl analytischer als auch von angewandter Forschung sind, spielt dieses Themenfeld, insbesondere im Sinne kritischer Gesellschaftsanalyse, in der Republik Moldova bislang keine prominente Rolle, obwohl es ein Konfliktfeld erster Ordnung ist. Umgekehrt betrachtet ist festzustellen, dass Moldova und die sprachlichen Verhältnisse in diesem Teil der Ostromania im Forschungsinteresse der westeuropäischen und nordamerikanischen Wissenschaft inklusive der deutschen Romanistik ein Schattendasein führen und es bislang praktisch keine umfassenden Studien zum angesprochenen Themenkomplex gibt.

 

Fragestellung

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes stehen Untersuchungen zu Sprachpraxis und Sprachpolitik von AkteurInnen in institutionellen und zivilgesellschaftlichen Kontexten. Ziel ist es, zu erkennen, was für sie Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit in einem Spannungsfeld von Prozessen der Renationalisierung und Transnationalisierung bedeuten und in welcher Weise sie Sprache verwerten, um sich auf dem Markt nationaler und transnationaler Möglichkeiten zu positionieren.

 

Forschungsstränge und Fallstudien

Die empirischen Studien konzentrieren sich auf zwei Forschungsstränge.

 

I Mehrsprachigkeit

Der erste Forschungsstrang konzentriert sich auf Mehrsprachigkeit im Minderheitenmilieu. Anhand von Untersuchungen in Moldova zur a) russischen, b) ukrainischen, c) bulgarischen und d) gagausischen Minderheit sollen die Szenarien des Umgangs mit und der Praxis von Mehrsprachigkeit sowie der Wandel der sprachlichen Repräsentationen und Repertoires erforscht werden, um zu verstehen, in welcher Weise der nationalstaatliche Rahmen verschiedene Ausschlusskriterien entwirft und gleichzeitig Potentiale für divergierende sprachliche Strategien freisetzt.

a)      Die Angehörigen der russischen Minderheit hatten in der Vergangenheit als soziokulturell dominante Gruppe kaum Anlass, ihr sprachliches Repertoire um Kompetenzen in der Mehrheitssprache Moldauisch/Rumänisch auszubauen, so dass sie weitgehend monolingual blieben. Es scheint sich in dem Maße, wie sich der quantitative Minderheitenstatus einem qualitativen annähert, eine Polarisierung abzuzeichnen, indem einerseits in Opposition zur nationalstaatlichen Minderheitenpolitik einsprachige russische Räume erkämpft werden, andererseits Zwei- und Mehrsprachigkeit inklusive Moldauisch/Rumänisch-Kenntnissen zunimmt.

b)     Die ukrainische Minderheit, welche prozentual an der Gesamtbevölkerung gemessen die größte sprachliche Minderheit ist, sah sich lange einer doppelten Minorisierung unterworfen: einerseits durch Aufwertung der neuen Staatssprache Moldauisch/Rumänisch, andererseits durch Abwertung des Ukrainischen seitens der hegemonialen Russophonen, welche zu einer starken sprachlichen Assimilation der UkrainerInnen an das Russische geführt hat. Orientiert am jüngst erstarkten ukrainischen Nationalismus, werden nun auch Ukrainisch-Kenntnisse stärker ausgebaut.

c)      Die Angehörigen der bulgarischen Minderheit orientierten sich ebenfalls lange dominant auf das Russische, welches oftmals gar als deren Erstsprache angesehen wurde. Seit dem Beitritt Bulgariens zur EU 2007 gewinnt die Hinwendung zur Kultur Bulgariens und die Beantragung eines bulgarischen (und damit EU-)Passes deutlich an Attraktivität. Es bleibt zu erforschen, inwieweit dies auch eine Umstrukturierung des sprachlichen Repertoires bei den Angehörigen dieser Minderheit nach sich zieht.

d)     Die Angehörigen der gagausischen Minderheit befinden sich in einer gänzlich anderen Situation, da ihnen nach militärischen Auseinandersetzungen im Transnistrien-Konflikt seit 1994 im Rahmen eines föderalistischen Arrangements relativ weitgehende Autonomie zugestanden wurde. Dominierte bis dahin eine gagausisch-russische Diglossie verbunden mit Minorisierungsängsten auf Grund des einsetzenden moldauischsprachigen Nationalismus, ist seit jüngster Zeit eine Aneignung und Verwertung auch des Moldauischen/Rumänischen zu beobachten.

 

II Einsprachigkeit

Der zweite Forschungsstrang konzentriert sich auf Untersuchungen zur Einsprachigkeit und insbesondere zur Sprachpraxis in staatlichen Apparaten.

In Moldova kommt dem Militär im Kontext des sprachlichen Nationalismus eine Schlüsselrolle zu. Aus soziolinguistischer Perspektive kennzeichnend ist dabei, dass die vormalige Praxis der russischen Einsprachigkeit durch eine Einsprachigkeit in Moldauisch/Rumänisch ersetzt wurde. Dies stellt aber nicht nur eine sprachlich-institutionelle Umstellung und geostrategische Ablösung dar, sondern bedeutet gleichzeitig den Ausbauprozess einer Varietät im institutionellen Kontext mit erheblichen Konsequenzen auf der individuellen und sozialen Ebene.

 

Kooperationen:

Das Projekt wird in Kooperation mit PartnerInnen an der Moldauischen Staatlichen Universität durchgeführt und bietet Raum für Qualifikation von NachwuchswissenschaftlerInnen auf dem Feld der Theorien und Methoden soziolinguistischer Forschung und demjenigen der konkreten empirischen Forschung zu Fragen der Mehrsprachigkeit und Minderheiten in der Republik Moldova.





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