von Thomas Knittel
Die Bezeichnung 4. Esrabuch entstammt der Zählung der Vulgata (1: Esrabuch aus AT; 2: Nehemiabuch aus AT; 3: apokrypher Esra [eine Auswahl aus 2 Chr; Esr und Neh, erweitert durch drei weitere Texte]). Andere Bezeichnungen sind: Zweites Esrabuch (in engl. Literatur); Esraapokalypse (Achtung! Verwechslungsgefahr mit griechischer Esraapokalypse, einem christlichen Werk aus späterer Zeit (2.-9. Jh.)).
Das 4. Esrabuch der Vulgata enthält 16 Kapitel, wovon allerdings nur die Kapitel 3-14 zum eigentlichen 4. Esrabuch gehören. Die übrigen Kapitel sind spätere Zusätze (1-2 = 5. Esra; 15-16 = 6. Esra).
Das Buch besteht aus 7 Visionen, wobei diese Bezeichnung mehr oder weniger zutreffend ist, denn es handelt sich um sehr verschiedenes Material. Nur die Visionen 4-6 enthalten Visionen im eigentlichen Sinne (4: Zionsvision; 5: Adlervision; 6 Menschensohnvision). Die Visionen 1-3 enthalten längere Dialoge Esras mit dem Engel Uriel, während in Vision 7 Esra ein Auditionserlebnis hat (Gott spricht zu ihm aus dem Dornbusch).
4 Esr ist überliefert in Griechisch (nur wenige Fragmente), Lateinisch, Armenisch, Syrisch, Arabisch, Georgisch (ebenfalls fragmentarisch, aber umfangreicher als die griechischen Fragmente), Äthiopisch und Sahidisch (ein Fragment).
Das Buch ist um 100 n. Chr. entstanden. Dafür spricht die Angabe "im 30. Jahr nach der Zerstörung der Stadt" (3,1; vgl. auch 3,29), die sich zwar in der Perspektive das Autors auf die Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr. bezieht, aber wohl eher die Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. meint. Dafür spricht auch, daß die Adlervision (= 5. Vision) vermutlich nach dem Tode Kaiser Domitians (96 n. Chr.) entstanden ist.
Als Entstehungsort wird zumeist Palästina angenommen. 4 Esr entstand vermutlich in hebräischer bzw. aramäischerSprache. Alle heute bekannten Textfassungen stammen allerdings von einer griechischen Zwischenstufe ab.
Im Hintergrund von 4 Esr steht das Problem des angefochtenen Vertrauens in die weltordnende Macht Gottes. Der Seher Esra klagt über Gottes unbegreifliche Wege. Die Antwort, zu der Esra im Laufe des Buches gelangt, besteht darin, daß die göttliche Ordnung erst in einem größeren Zusammenhang, nämlich der Lehre von den beiden Äonen, erkennbar werde:
1. Diese Welt ist der nötige Durchgang in die kommende Welt und damit auch ein Ort der Bewährung.
2. Zwischen dieser und der kommenden Welt besteht eine fundamentaler qualitativer Unterschied,
deshalb ist Erkenntnis des Kommenden hier lediglich durch göttliche Offenbarung in Gleichnissen möglich.
3. Der Lauf der Geschichte verläuft nach einem von Gott festgesetzten Zeitmaß und ist weder zu
beschleunigen, noch zu bremsen.
4. Allerdings zeigt sich der Verfasser davon überzeugt, daß diese Welt auf ihrem Weg zur
kommenden bereits die längste Wegstrecke hinter sich hat und daß ihr Ende demnach nahe ist.
5. Der Zugang zur kommenden Welt ist zwar Gottes gnädigem Handeln zu verdanken, ist aber
auch an den Wandel hier gebunden. Hier, in dieser Welt gilt es, das Leben oder das Verderben zu wählen.
6. Das Gesetz spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Bleiben in ihm ermöglicht Orientierung in
dieser Welt und bringt das Leben in der kommenden.
Für eine sachgemäße Interpretation des vierten Esrabuches ist die Beachtung der dialogischen Struktur unerläßlich. Nicht alle Aussagen Esra entsprechen der Aussageabsicht des Verfassers, vielmehr werden bestimmte Positionen Esra im Verlaufe des Dialogs durch den Engel korrigiert. Beispielsweise gilt dies für die Klage Esras in Kap. 3, daß der Mensch ja gar nicht anders könnte als zu sündigen.
E-mail: knittel@rz.uni-leipzig.de
Letzte Bearbeitung am: 8. Dezember 1999