von Thomas Knittel
Aufbauend auf die ersten Kapitel des biblischen Buches Genesis erzählt LAE vom Sündenfall, der Vertreibung aus dem Paradies und den daraus resultierenden Folgen (Krankheit, Bedrohung durch wilde Tiere, Verlust der ursprünglichen Herrlichkeit, Tod), daneben aber auch von der Vergebung Gottes für Adam nach dessen Tod. Der ursprünglichen paradiesischen Existenz des Menschen wird das endzeitliche Heil Gottes gegenübergestellt, womit die gegenwärtigen Daseinsbedingen des menschlichen Lebens als vorläufig vor Augen geführt werden.
Während die ältere Forschung zumeist von einer semitischen Sprache (Hebräisch oder Aramäisch) als Originalsprache ausging, mehren sich in jüngerer Zeit wieder die Stimmen für ein griechisches Original (Bertrand, De Jonge u.a.). Die Frage ist nicht abschließend geklärt. Eine Diskussion aller (vermeintlichen oder tatsächlichen) Hebraismen in LAE bieten M. E. Stone und G. Bohak in M. E. Stone, History of the literature of Adam and Eve, Atlanta 1992, 46-53.
Für die Datierung des ursprünglichen LAE gibt es in den überlieferten Versionen keine direkten Hinweise. Früher nahmen viele an, daß die lateinische Version (Kap. 29) einen Hinweis auf den herodianischen Tempel enthalte, was allerdings heute zumeist bestritten wird. Hauptkriterium für die Datierung ist daher der religionsgeschichtliche Vergleich. Er ergibt, daß die grundlegenden theologischen Anschauungen von LAE sehr gut in das vorrabbinische jüdische Schrifttum der hellenistisch-römischen Zeit passen und daß spezifisch christliche Elemente, außer einigen deutlich erkennbaren Zusätzen, fehlen. Die Parallelen zum 4. Esra (Ende 1. Jhd. n. Chr.) oder zum slHen (vor 70 n. Chr.) sind hier vor allem hervorzuheben. Freilich lassen sich direkte Abhängigkeiten kaum nachweisen und die Parallelen zu anderen Schriften sind jeweils im Einzelfall zu prüfen.
Diese Datierung ist allerdings nicht unumstritten. Vor allem M. de Jonge und J. Tromp vertreten in ihrem jüngst erschienenen Buch "The Life of Adam and Eve and Related Literature" (Sheffield 1997), die These (S. 65-78), daß LAE ein christliches Werk und ungefähr zwischen 100 und 400 n. Chr. entstanden sei. Hier zeigt sich, daß die Frage der Datierung mit der Frage nach der religionsgeschichtlichen Einordnung eng verknüpft ist. De Jonge und Tromp gehen von der Tatsache aus, daß alle heute bekannten Versionen von LAE durch die Hand christlicher Autoren bzw. Bearbeiter gegangen sind, dabei scheint ihnen die Formel "jüdisches Original - spätere christliche Bearbeitung" historisch weniger plausibel als die Annahme, daß ein Buch, welches unter Christen in Gebrauch war auch christlichen Ursprungs sei. Daß manche Begriffe und Motive auch in jüdischen Texten begegnen, müsse nicht für jüdischen Ursprung von LAE sprechen, da praktisch alle jüdischen Traditionen auch in christlichen Texten begegnen könnten.
Am Rande sei noch erwähnt, daß LAE teilweise auch für ein gnostisches Werk gehalten wurde, was sich aber kaum halten läßt.
LAE ist in fünf verschiedenen Versionen in Griechisch, Lateinisch, Armenisch, Georgisch und Altkirchenslavisch überliefert. Für die meisten dieser Versionen lassen sich an Hand des Handschriftenbefundes noch einmal verschiedene Rezensionen erkennen. So werden beispielsweise für die griechische Version drei Textfamilien unterschieden.
Die verschiedenen Versionen stimmen zwar in vielen Punkten überein, über weitere Strecken läßt sich auch eine gemeinsame Erzählstruktur erkennen, daneben bietet aber jede Version Sondergut (zum Teil allein, zum Teil mit anderen, nicht aber allen Versionen gemeinsam) und nimmt Änderungen in der Struktur der Erzählung vor.
Eine überzeugende Antwort auf die Frage, ob und wie die verschiedenen Versionen voneinander oder von einer gemeinsamen Grundschrift abhängig sind, gibt es bislang nicht. Meines Erachtens sind drei verschiedene Erklärungsmodelle denkbar:
Die dritte Variante ist die am wenigsten plausibelste, denn gegen sie spricht die häufige wörtliche Übereinstimmung sowie die weitgehende Übereinstimmung in der Abfolge der Erzählung. Nach meiner Meinung spricht am meisten für die Urerzählungshypothese, wobei die griechische Version jener Urerzählung am nächsten steht.
E-mail: knittel@rz.uni-leipzig.de
Letzte Bearbeitung am: 8. Dezember 1999