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1. Allgemeines
- "Die Bedeutung religionsgeschichtlicher Parallelen für die Erklärung biblischer Texte liegt in
der Möglichkeit, durch das Vergleichen zweier oder mehrerer ähnlicher Texte das Verständnis
zu klären oder zu präzisieren. Sie liegt nicht darin, die 'Originalität' biblischer Texte oder
Zusammenhänge zu beweisen oder zu bestreiten. Sie liegt nicht darin, Werturteile über
biblische oder außerbiblische Texte zu begründen." (C. Westermann, ThLZ 90 (1965), 489)
- Zu beachten ist, daß es jeweils um den Vergleich von konkreten Texten geht, die zwar einem
bestimmten religionsgeschichtlichen Kontext angehören, aber oft nur einen kleinen Ausschnitt
dieses Kontextes beleuchten. Man sollte daher bei weiterreichenden Schlußfolgerungen ("Das
Judentum vertritt die Meinung, daß ...") sehr behutsam vorgehen.
- In jedem Fall ist beim Vergleich zweier Textstellen die literarische Struktur (Form) sowie der
Zusammenhang der jeweiligen Texte zu berücksichtigen.
- Zwar gibt es in der Forschung Ansätze für ein Kategoriengerüst zur Bestimmung des
Verhältnisses zweier Texte (siehe unten), gleichwohl kann man bislang nicht von allseits
anerkannten Kategorien sprechen. Meines Erachtens geschieht der religionsgeschichtliche
Vergleich häufig zu unreflektiert. Wichtig ist, daß die Kategorien von den einzelnen Texten
ausgehend entwickelt werden, wie es beispielsweise K. Berger und C. Colpe versuchen (siehe
unten).
2. Kategorien nach Charlesworth
Quelle: Charlesworth, James H.: The Old Testament Pseudepigrapha and the New Testament:
prolegomena for the study of Christian origins, Cambridge 1985 (MSSNTS; 54), 70-80.
A. Zitate
- Wörtliches Zitat mit exakter Quellenangabe (vgl. Lk 20,42)
- Exakte Quellenangabe, Zitat aber nicht wörtlich (vgl. Jud 14f)
- Zitat mit fehlerhafter Quelleangabe
- Paraphrase
- Zitat ohne konkrete Quellenangabe, die Quelle ist nicht mehr oder nur in einer jüngeren
Fassung erhalten (vgl. Jud 9)
- Anspielung (vgl. Heb 11,37 mit MartJes 5)
B. Traditionsgeschichtliche Parallelität
- Illustration des gemeinsamen "Zeitgeistes"
- Text B setzt eine bestimmte Tradition voraus, die zwar in Text A begegnet, aber vermutlich
nicht direkt aus A entnommen wurde (Bsp.: die Jannes-und-Jambres-Tradition in 2 Tim 3,8)
- Gemeinsame mündliche Tradition
- Aufnahme geläufiger Schemata (Bsp.: Jud 5-7)
3. Kategorien nach Berger-Colpe
Quelle: Berger, Klaus; Colpe, Carsten: Religionsgeschichtliches Textbuch zum Neuen Testament,
Göttingen / Zürich 1987 (TNT; 1), 18-26.
A Kategorien, die Kontrast und Andersartigkeit erfassen:
- Metamorphose: Ein bestimmtes Konzept durchläuft mehrere Phasen, in denen es jeweils
entsprechend den Trägerkreisen und dem Verwendungszweck verändert wird. Grundlegende
Elemente bleiben zwar erhalten, gewinnen aber einen neuen Sinn.
- Rezeption mit entgegengesetzter Tendenz: Bestimmte Begriffe werden rezipiert, aber mit einer
neuen Bedeutung versehen, die der ursprünglichen Bedeutung bewußt entgegengesetzt wird.
- Beabsichtigter Kontrast: An entscheidender Stelle wird die Erwartung der Leser bzw. Hörer,
die sich auf die Vertrautheit mit bestimmten festgeprägten Gattungen und Traditionen gründet,
durchbrochen.
- Implizite Antithese: Ein Text enthält einen impliziten Widerspruch zu einer an anderer Stelle
deutlicher formulierten Position.
- Umkehrung der Relationen: vgl. z.B. Lk 14,26 (Vater und Mutter hassen) mit paganer Weisheit
(Eltern ehren)
- Aufhebung: Konstitutive Elemente eines bestimmten Konzeptes werden bewußt weggelassen.
- Divergenz: Die Basis einer gemeinsamen Grundlage wird immer mehr verlassen.
- Entlehnung mit Verfremdung: Eine bestimmte Gattung (z.B. Ich-bin-Worte) bleibt erhalten,
erhält aber einen neuen Bezug.
- Transposition: Bestimmte Begriffe oder Vorstellungen werden in einen anderen Kontext
verpflanzt.
- Entfaltung oder Reduktion: Bestimmte Begriffe gewinnen eine zentrale Stellung, die sie zuvor
nicht hatten; oder umgekehrt.
B Kategorien, die Ähnlichkeit betonen
- Voraussetzung: Text B läßt sich von Text A her verstehen, da B bestimmte historische oder
geistesgeschichtliche Zusammenhänge aus A voraussetzt.
- Bezugnahme: Man greift auf bestimmte, bereits entwickelte Vorstellungen zurück und eignet
sich diese an.
- Parallele: Im Gegensatz zur Bezugnahme ist ein direkter Rückgriff nicht nachweisbar, vielmehr
stehen im Hintergrund gemeinsame Erfahrungen.
- Entferntere Ähnlichkeit: In bestimmten Einzelheiten ist eine Übereinstimmung vorhanden.
- Konvergenz: Konzeptionen, die in verschiedenen Kontexten entstanden sind, nähern sich
aufgrund späterer gemeinsamer Bedingungen einander an.
- Zeugnisse für gemeinsame Basis: Verschieden geprägte Texte lassen den Rückschluß auf eine
gemeinsame Grundlage zu, von der sich dann die Entwicklung zu den jeweiligen Texten
verstehen läßt.
- Entlehnung: Bestimmte Vorstellungen werden aufgegriffen, sie bleiben aber anders als bei der
Bezugnahme (siehe oben) fremd.
- Nachahmung: Bestimmte sprachliche Formen werden ohne Rezeption der entsprechenden
Inhalte nachgeahmt.
- Angleichung: Eine bestimmte Vorstellung wird der im Bereich der Hörer/Leser dominierenden
angepaßt, aber nicht von dieser absorbiert.
- Gemeinsame Konvention: Aufgrund gemeinsamer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
begegnen gleiche Verhaltensregeln u.ä. in verschiedenen Zusammenhängen.
- Anspielung oder Zitierung: Ein direkter Bezug zu einem bestimmten Text läßt sich nachweisen
(zu unterscheiden von Bezugnahme, siehe oben).
- Gemeinsame Weisheit
- Topik: Konventionen sprachlicher Art, die durch die jeweiligen Gattungen bedingt sind.
- Katalysatorische Gegenwart: Die Existenz bestimmter Stoffe oder literarischer Produkte wirkt
(ohne daß die zuerst vorhandenen Stoffe selbst verändert würden) auf die Entstehung anderer
Texte ein.
Diese Datei wurde erstellt von: Thomas Knittel
E-mail: knittel@rz.uni-leipzig.de
Letzte Bearbeitung am: 8. Dezember 1999
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