Das Dao des Herrn von der Schnurbaumgalerie: Die Liumen-Bewegung in der Provinz Sichuan und ihre Interaktion mit der daoistischen Religion

Verantwortliche(r): Volker Olles (Postdoc, Chiang Ching-kuo Foundation for International Scholarly Exchange)
Kontakt: volker.olles@uni-leipzig.de
Thema: Das Dao des Herrn von der Schnurbaumgalerie: Die Liumen-Bewegung in der Provinz Sichuan und ihre Interaktion mit der daoistischen Religion
Beschreibung:

Die Provinz Sichuan 四川 in Südwest-China gilt traditionell als Wiege des religiösen Daoismus. In dieser Region, wo einst frühe daoistische Bewegungen entstanden und die religiöse Verehrung von Laozi 老子 auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, sind verschiedene Gruppen von Daoisten auch noch in der Gegenwart aktiv. Berufspriester bieten der Bevölkerung ihre rituellen Dienste an, vor allem in ländlichen Gebieten, wogegen Mönche und Nonnen der als Quanzhen 全真 (Vollkommene Verwirklichung) bezeichneten Richtung des Daoismus in Klöstern leben, die sowohl auf heiligen Bergen als auch inmitten von dichtbevölkerten Großstädten zu finden sind.

Der aus Sichuan stammende konfuzianische Gelehrte Liu Yuan 劉沅 (1768-1856) schuf ein einzigartiges Gedankengebäude, indem er konfuzianische Gelehrsamkeit mit Ideen und Praktiken des Daoismus und Buddhismus verband. Die Lehre von Liu Yuan, die gemeinhin als Liumen 劉門 (Liu-Schule) bekannt war, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer volksreligiösen Bewegung. Diese Bewegung wurde Liumen jiao 劉門教 (Lehre der Liu-Schule) oder Huaixuan dao 槐軒道 (Weg der Schnurbaumgalerie) genannt, wobei letztere Bezeichnung auf den Namen von Lius Behausung, Huaixuan, zurückgeht, den er auch als Pseudonym benutzte. Vermutlich aufgrund ihres konfuzianischen Bekenntnisses wurde die Liumen-Gemeinschaft in der späten Qing-Dynastie und der Republikzeit nicht als heterodoxe Sekte betrachtet und konnte ihren Einfluss bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts behaupten.

Liu Yuan verfasste umfangreiche Kommentare zu den konfuzianischen Klassikern, philosophische und historische Abhandlungen sowie literarische Werke, Studien und Inschriften. Ferner annotierte und redigierte er verschiedene religiöse Schriften, zu denen auch eine Sammlung daoistischer Ritualtexte mit dem Titel Fayan huizuan 法言會纂 (Gesammelte Worte der Ritualmethoden) gehört. Viele daoistische Priester in Sichuan waren mit der Liumen-Bewegung affiliiert und verwendeten den Kanon Fayan huizuan bei ihren rituellen Tätigkeiten. Diese Gruppe bildete schließlich einen unabhängigen liturgischen Zweig des nicht-monastischen Daoismus in der Region, der bis heute besteht und unter dem Namen Fayan tan 法言壇 (Altar der rituellen Worte) bekannt ist.

Zur Liumen-Bewegung, vor allem zu ihrer religiösen Dimension, liegen bisher nur wenige Beiträge von Forschern aus China und Taiwan vor, und in der westlichen Sinologie ist sie praktisch unbekannt. Dabei spielte die Liumen-Bewegung eine wichtige Rolle in der Religionsgeschichte Sichuans und beeinflusste in mancher Hinsicht auch die Entwicklung des modernen Daoismus in dieser Region. Die praktischen und religiösen Aspekte der Liumen-Bewegung stehen daher im Mittelpunkt des Forschungsprojekts. Die religiösen Schriften der Liumen-Tradition, ihre Überlieferung, Liu Yuans Einstellung zu etablierten Formen von Daoismus und Buddhismus, die Interaktion der Liumen-Gemeinschaft mit Institutionen des Quanzhen-Daoismus, die Fayan-tan-Ritualtradition und die daoistischen Quellen des Kanons Fayan huizuan werden im Rahmen des Projekts untersucht und dokumentiert werden.