Institutsgeschichte

Leipzig beherbergt nach Heidelberg die zweitälteste deutsche Universität. 1409 gegründet, blickt sie auf eine Tradition von fast 600 Jahren zurück. Dabei gehört es zur Wirkungsgeschichte dieser traditionsreichen Bildungsstätte, daß von hier die Entwicklung der internationalen Orientalistik in vielerlei Hinsicht befördert wurde. Die Geschichte der Leipziger Orientalistik geht bis ins 18. Jh., zum Teil sogar bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und so war es gerade Leipzig, wo im Jahre 1878 die erste sinologische Professur im deutschen Sprachraum eingerichtet wurde. Damals wurde Hans Georg Conon von der Gabelentz (1840 – 1893) zum außerordentlichen Professor für ostasiatische Sprachen berufen. So hat die Sinologie in Leipzig im Vergleich zu allen anderen deutschen Universitäten, an denen das Fach heute vertreten ist, die längste Traditionslinie. Von der Gabelentz ist der Verfasser des 1881 erschienen bahnbrechenden Werkes “Chinesische Grammatik”, welches 1953 in unveränderter Neuauflage wieder herausgegeben wurde.

Im Jahre 1889 erfolgte von der Gabelentz’ Berufung nach Berlin. Die Benennung seines Nachfolgers geschah erst 1897, es war August Conrady (1864 – 1925). Er wurde 1922 zum ordentlichen Professor berufen, womit das Fach in Leipzig einen Lehrstuhl erhielt. Das Ostasiatische Seminar der Universität war bereits 1914 gegründet worden. Das Verdienst von Conrady bestand vor allem darin, die Sinologie über den sprachlichen Rahmen hinausgehend als eine Wissenschaft von der Kultur der Chinesen aufgefaßt und betrieben zu haben, wobei er Sinologie mit völkerkundlicher Sicht in einem allgemeinen Sinne verband. Der Leipziger Conrady war es, dem der berühmte schwedische Asienforscher Sven Hedin die Bearbeitung wichtiger Expeditionsfunde anvertraute. Auch betreute Conrady die Habilitation des bekannten schwedischen Sinologen Karlgren.

Conrady folgte im Jahre 1925 Erich Haenisch (1860 – 1966) auf den Leipziger Sinologie-Lehrstuhl, dies bis zu seiner Berufung nach Berlin im Jahre 1931. Große Verdienste hat sich Haenisch durch sein 4-teiliges Buch “Lehrgang der klassischen chinesischen Schriftsprache” – erschienen erstmalig Leipzig 1921, 2. Auflage Leipzig 1986 – erworben.

Als außerordentlicher Professor wirkte zwischen 1928 und 1933 Eduard Erkes (1891 – 1958) in Leipzig; er wurde nach der faschistischen Machtergreifung von der Universität vertrieben. Nach dem Sturz des Faschismus wurde Erkes im Jahre 1945 zunächst außerplanmäßiger Professor, seine Berufung zum Ordinarius erfolgte zwei Jahre später, im Jahre 1947. Im Schaffen von Erkes vermögen wir, eine bestimmte Entwicklungslinie der deutschen Sinologie zu erkennen. Aus der Conrady-Schule kommend zeigt sich bei ihm, die allgemeine Erweiterung der sinologischen Horizonte, zunächst als Verbindung von Sinologie mit völkerkundlichen und kulturgeschichtlichen Fragestellungen, dann aber auch darüber hinaus als weitergehende Hinwendung des sinologischen Gedankens zur allgemeinen Chinageschichte und zu sozialwissenschaftlicher Problemsicht. So mag Erkes als einer der Indikatoren jenes wissenschaftsgeschichtlichen Prozesses gelten, in dessen weiterem Vollzug eine zunehmende Binnendifferenzierung der sinologischen Wissenschaft erscheint.

Die wissenschaftlichen Leistungen von Erkes stellen sich in einer Vielzahl von Einzelpublikationen dar. Genannt seien hier seine Habilitationsschrift “Das Weltbild des Huainanzi” (1917; erschienen in Ostasiatischer Zeitschrift 5, Heft 1/4), ferner “Ho-Shang-Kung’s Commentary on Lao-Tse” (Artibus Asiae 8/1948, Separatdruck Ascona: Artibus Asiae 1950, Neudruck 1958), “Geschichte Chinas von den Anfängen bis zum Eindringen des ausländischen Kapitals”, Berlin 1956, 2. Auflage 1957). Dabei bleibt festzuhalten, daß bei allen wissenschaftlichen Leistungen eines seiner grössten Verdienste gerade darin bestehen dürfte, nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges sinologische Lehre und Forschung an der Leipziger Universität neu aufgebaut und damit in der historischen Perspektive auch bewahrt zu haben.

Erkes wurde 1947 Direktor des Ostasiatischen Seminars, welches im Mai 1951 in das Ostasiatische Institut umgewandelt wurde. Es erfolgte jetzt eine umfassende Erweiterung der sinologischen Lehrgegenstände. Neben klassischer Sprache und Textphiloiogie wurden Chinesische Geschichte, Kunstgeschichte, Religion, Philosophie, Geographie und Moderne Literatur gelehrt. Zunehmend erhielten das moderne China, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Wandlungsprozesse stärkeres Gewicht in der Leipziger sinologischen Lehre und Forschung. Nachdem die Entwicklung zunächst durch den Tod von Erkes im Jahre 1958 unterbrochen wurde, setzte sich in den 60er Jahren die Orientierung auf thematische Breite in der Leipziger Sinologie fort. Kennzeichnend wird jetzt die Entwicklung von theoretischen und methodischen Beziehungen zu anderen Wissenschaften, besonders zu Geschichte, Philosophie und Ökonomie, aber auch zur allgemeinen Sprachwissenschaft. Entsprechend der Doppelqualifizierung der Mitarbeiter gestaltete sich die sinologische Lehre zunehmend komplexer.

Kennzeichnend für diese Entwicklungsphase sind folgende Publikationen:

  • M. Piasek, Wörterbuch Deutsch-Chinesisch, Leipzig 1961
  • R. Felber, Die Entwicklung der Austauschverhältnisse im alten China (Ende 8. bis Anfang 5. Jh. v.u.Z.), Berlin 1970
  • G. Lewin, Die ersten 50 Jahre der Song-Dynastie in China, Berlin 1973
  • R. Moritz, Hui Shi und die Entwicklung des philosophischen Denkens im alten China, Berlin 1973.

Ende der 60er Jahre wurde unter Mißachtung der großen Traditionen der Leipziger Sinologie die politische Entscheidung getroffen, die Asienwissenschaften in der DDR an der Humboldt-Universität Berlin zu konzentrieren. Es begann ein schmerzlicher Prozeß der personellen Auszehrung und Beschneidung. Das Ostasiatische Institut an der Leipziger Universität wurde in Zusammenhang mit der verfügten Neustrukturierung der Universitäten aufgelöst und das wenige noch verbliebene sinologische Personal in einen kleinen Arbeitsbereich Süd- und Ostasien an der Sektion Afrika- und Nahostwissenschaften integriert. Die Ausbildung von Studenten wurde Ende der 60er Jahre in Leipzig unterbrochen. In den 80er Jahren setzte der neuerliche Aufstieg der Leipziger Sinologie ein. Der Lehrstuhl Sinologie, der seit dem Tode von Erkes 1958 faktisch nicht mehr bestand, wurde 1984 wieder eingerichtet. Berufen wurde Ralf Moritz, der seitdem am Institut ist.

Nach den gesellschaftlichen Wandlungen im Osten Deutschlands konnte im Jahre 1990 das Hauptfachstudium Sinologie wieder aufgenommen werden, nachdem bereits Ende der 80er Jahre ein Nebenfachstudium eingeführt worden war. Seit 1992 besteht eine zusätzliche Professur für Moderne Sinologie, die Rainer von Franz inne hat. Ende 1993 wurde das Ostasiatische Institut der Universität Leipzig wiedergegründet, an dem nunmehr neben der Sinologie auch die Fachgebiete der Indonesistik und Japanologie vertreten sind.

Eine Auflistung der deutschen sinologischen Institute und deren Professuren seit 1945 hat die Universität Heidelberg erstellt: Sinologie in D seit 1945 . Auch gibt es einen Artikel in der Zeitschrift Zhongguo Zhexue Shi “History of Chinese Philosophy”, Beijing, Jg. 2001, Heft 1: S. 114-121 über die Forschung der deutschen Sinologie über die chinesische Philosophie.