Profil
Konstitution und Zerfall politischer Ordnungen in grenzüberschreitender Perspektive - Dies ist das Schwerpunktthema des Institutes für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig in Forschung und Lehre.
Politik und Politikwissenschaft sehen sich gegenwärtig mit Phänomenen konfrontiert, die mit den populären Schlagworten „Entstaatlichung“ und "Globalisierung“ versehen und oft unzureichend beschrieben werden. Globalisierung ist ein „Schlüsselkonzept des 21. Jahrhunderts“ (Appelbaum/Robinson). Gleichzeitig bedeutet sie „politicization“ (Beck). Folglich wäre Politik (und nichts anderes) der entscheidende Schalthebel gegenwärtiger Globalisierung. Die Einhegung staatlicher Handlungsoptionen durch rechtliche und ökonomische transnationale Einbindung, die Verlagerung klassischer Staatsaufgaben auf semi- oder nichtstaatliche Akteure, die Diversifizierung von Gewalt und ökonomischer Macht im lokalen, nationalen und globalen Maßstab, Europäisierung und Regionalisierung, antizipierte und tatsächliche Krisen und Katastrophen, aber auch die Resilienz und Flexibilität nationalstaatlicher Rationalitäten – all diese Entwicklungen sind dringend erklärungsbedürftig. Die Politikwissenschaft mag mit den politischen Umbrüchen und Transformationen der jüngeren Zeit einiger ihrer klassischen Gegenstände (aus dem Blick) verloren haben; sie hat aber neue und komplexe Problemstellungen hinzugewonnen, die empirisch gelesen, theoretisch durchdrungen und anwendungsbezogen vermittelt werden müssen. Mitunter gerät in Vergessenheit, dass solche Phänomene primär politischer Natur sind: Sie sind Folge und Voraussetzung von Politik und natürlich Politik selbst.
Alleinstellungsmerkmale
Erstens: Das Forschungs- und Lehrprofil des Institutes stützt sich auf die Verbindung zwischen fünf integrativen Problemstellungen, die alle Bereiche miteinander verzahnen, und zwei Querschnittslinien, die alle Problemstellungen "quer“ durchziehen:
Schwerpunkte und Querschnittslinien des Profils
Integrative Problemstellungen:
- Institutionen und Herrschaft
- Verwalten und Klassifizieren
- Gewalt und Ordnung
- Weltordnung und Weltgesellschaft
- Normen und Lernen
Querschnittslinien:
- Theorie und Empirie
- Internationalisierung und Regionalisierung
Alle Institutsangehörigen verorten sich mit ihren Forschungsprojekten in zwei oder drei der Instituts-Schwerpunkte, und alle verfolgen beide Querschnittslinien. Dies trägt in besonderer Weise zur Bündelung der Forschungsanstrengungen der Institutsmitglieder bei.
Zweitens: Konzeptioneller Brennpunkt ist Politik diesseits und jenseits des klassischen zentralen Nationalstaates, das heißt Politik und das Politische. Der Staat und seine „harten“ Institutionen bleiben wichtige Referenzpunkte, doch das Politische jenseits des Staates erhält einen ganz prominenten Stellenwert.
Drittens: Methodisch wird von der Anerkennung unterschiedlicher theoretischer Ansätze und Perspektiven, ihrer Kombinationen und Erweiterungen ausgegangen und der epistemologische (und möglicherweise auch ontologische) Brückenschlag zwischen homo oeconomicus, homo sociologicus und homo significans versucht. Das Institut nimmt eine nichtnormative Perspektive ein.
Empirische Stärke ist die Fähigkeit der ProfessorInnen und MitarbeiterInnen des Instituts zur Verknüpfung von vergleichender area-Forschung mit einer disziplinären Theorie-Perspektive.
Schlüsselbegriffe
Ordnungen
Politische Ordnung und ihre Auflösung sind mit den Ordnungsbildern des Leviathan und Behemoth hinlänglich beschrieben. Die Brüchigkeit des (vermeintlichen oder tatsächlichen) nationalstaatlichen Ordnungsrahmens lenkt verstärkt die Aufmerksamkeit auf die Genesis von Ordnungen ohne Staatszentriertheit, ihrer Pluralität und Fragilität.
Konstitution und Zerfall politischer Ordnungen
Ordnungen erstarren in Konformismus oder ersticken in Repression, wenn sie zu wenige Unterschiede zulassen. Umgekehrt droht ihnen Anarchie oder Anomie, wenn sie nicht zugleich in der Lage sind, zwischen erwünschten, akzeptierten und nicht tolerierbaren Differenzen zu unterscheiden und einzuhegen. Zerfall politischer Ordnungen kann Anomie oder Anarchie bedeuten, muss es aber nicht. Denn alternative Ordnungen können entstehen und den anomischen oder anarchischen Zustand verhindern. Das Institut konzentriert sich auf das Spannungsfeld und die Dynamik zwischen Ordnungen, Unordnungen und Ordnungsvorstellungen einerseits und deren multiplen und ideenbezogenen Grenzüberschreitungen andererseits.
Grenzüberschreitung
Bei Grenzüberschreitung werden etablierte Ordnungen herausgefordert oder überwunden, stehen sich Prozesse der Ordnungsbildung und/oder ihrer Auflösung gegenüber oder greifen ineinander. Normativ ist Grenzüberschreitung weder positiv noch negativ vorkonnotiert. Einerseits ist sie unhintergehbar, nicht nur weil Fortschritt und Emanzipation immer Grenzüberschreitung erfordern. Andererseits erfolgt sie weder automatisch noch zwangsläufig noch ubiquitär. Sie muss daher mit Blick auf die Grenzziehung diskutiert werden. Das Institut untersucht die Überschreitung (lokaler, regionaler, internationaler und transnationaler) territorialer Grenzen genauso wie die von Ideenkonstruktionen. Dabei interessiert vor allem, wie politische Steuerungsregime mit neuen Grenzüberschreitungen zurechtkommen und wie Ideenkonstruktionen und Wissensordnungen sich entsprechend ändern und eigene Grenzen überwinden.