Monthly Archive for Januar, 2010

„Der Wille des jüdischen Volkes, über sich selbst zu verfügen, ist der eigentliche Ursprung des Staates Israel“

Ein Gespräch über Israel mit David Khalfa, Dozent für Geopolitik und Internationale Beziehungen an Sciences Po in Paris. Er ist zudem als Berater für das französische Außen- und Verteidigungsministerium tätig.

Erschienen in: Powision-Magazin, Vol.6 (”Räume und Grenzen”). Französische Originial-Version ebenfalls online veröffentlicht.

Powision: November 2008 waren der Oberste Gerichtshof Israels und fast die gesamte politische Klasse in einen Streit zwischen Palästinensern und Israelis um das Eigentumsrecht eines Wohnhauses in Hebron verwickelt. Nach tagelangen Ausschreitungen wurde das von israelischen Siedlern besetzte Haus von der Armee zwangsgeräumt. Herr Khalfa, warum kämpft Israel um jeden Meter seines Territoriums, als ob die Existenz des ganzen Staates auf dem Spiel stünde?

David Khalfa: Israel ist ein moderner Nationalstaat, der über keine wirklichen orientalischen Grenzen verfügt, sondern lediglich über Waffenstillstandslinien. Die Bedeutung, die dem Raum zugemessen wird, rührt von geostrategischen und -politischen Zwängen her, die auf dem jüdischen Staat lasten: Sein Territorium ist klein, entbehrt natürlicher Ressourcen und liegt in einer konfliktbehafteten Region. Um die berühmte Formel Napoleons aufzunehmen: Israel macht „Politik aus seiner Geographie“. Außerdem hat das Band zwischen der Staatsgründung und der Verfügung über ein Territorium eine Bedeutung, die bis auf die Grundlagen des zionistischen Projekts zurückgeht. Der Zionismus sah vor, das jüdische Volk räumlich und politisch dadurch zu stabilisieren, indem man es mit einem spezifischen Territorium ausstattet, an das sein Schicksal als Nation geknüpft war: das Land Israel (Eretz Israel). Dieser ersehnte Raum hat Jahrhunderte lang das kollektive Bewusstsein der Juden imprägniert, es existierte eine quasi-mystische Beziehung zum Territorium.

Dennoch dominierte größtenteils ein Pragmatismus den Bezug der Gründungsväter Israels zum politischen Raum: Das Territorium war und ist vor allem ein Mittel zum Zweck der Gründung eines souveränen jüdischen Nationalstaates. Auch wenn die Diskussionen um die Festlegung der irdischen Grenzen Israels die verschiedenen ideologischen Strömungen der zionistischen Bewegung entzweit haben, so bleibt doch heute ein relativ breiter Konsens: Der Rückzug aus den besetzten Gebieten aus strategischen, ökonomischen und Sicherheitsinteressen dominiert über die Sehnsucht, das kollektive Ideal, also die „verheißenen Grenzen“ (Israel inklusive des Gazastreifens und der Westbank) zu verwirklichen.

Der Sechs-Tage-Krieg 1967 hingegen ebnete den Weg für eine Blütezeit des religiösen Nationalismus‘, der radikal mit dem territorialen Pragmatismus der Gründungsväter brach. Die religiös-zionistische Rechte hatte die Eroberung von “Judäa und Samaria“ (Westbank) nicht als bloße geopolitische Rekonfiguration der Region gewertet, sondern als neue Etappe im messianischen Prozess der Erlösung des jüdischen Volkes. Ihr sollte eine Politik folgen, die eine jüdische Besiedelung aktiv und bestimmt fördert, um das demographische Wachstum der Palästinenser einzudämmen.

Es ist dieser historische Kontext, in den sich die Aufstände der Siedler einschreiben, die der Evakuierung des Gebäudes folgten. Die „Stadt der Patriarchen“ [Hebron] symbolisiert im lokalen Maßstab den Kampf um den gleichen territorialen Raum, den sich Israelis und Palästinenser liefern – Eretz Israel für die einen, Filistin für die anderen. Dieses winzige Territorium ist der Träger dieser antagonistischen und kollektiven Repräsentationen.

Powision: Aber zeigt der von der Siedlerbewegung organisierte jüdische Widerstand gegen den Rückzug aus dem Gazastreifen 2005 nicht die Stärke der Siedler und die Kontinuität der Haltung, man habe ein göttliches Recht auf die angeblich biblische Erde in Palästina?

David Khalfa: Ich denke nicht. Die Evakuierung sämtlicher Kolonien im Gazastreifen und von vier Siedlungen in der Westbank illustriert vielmehr das Scheitern der Siedlerbewegung. Diese hatte es zwar nach 1967 geschafft, die politische und geographische Kartografie des Staates neu zu bestimmen.

Doch der Gaza-Rückzug, initiiert von Ariel Scharon, ein wichtiger Architekt der Siedlungspolitik und Gründer der nationalistischen Rechten, stellt eine doppelte Niederlage für die Siedlerbewegung dar: eine politische, da sie den parlamentarischen Kampf verloren hat, und eine ideologische, da der Rückzug von der Mehrheit der Israelis (Juden und Araber) unterstützt wurde, für die der Traum eines Großisraels in den biblischen Grenzen mittlerweile nur noch eine kollektive Illusion ist. Die „Sirenengesänge nach Heimkehr“ sind heute größtenteils verhallt und die territoriale Hybris verschwunden. Die Mehrheit der Israelis – Zivilgesellschaft und Elite inbegriffen – favorisieren einen palästinensischen Staat an ihrer Seite, weniger aus moralischen als aus demografischen und geostrategischen Gründen. Es geht darum, so viele Friktionsflächen wie möglich mit den Palästinensern zu vermeiden und den jüdischen und demokratischen Charakter des israelischen Staates zu wahren, der das Fundament seiner nationalen Identität darstellt. In diesem Zusammenhang wird dann auch die Multiplizierung der oftmals isolierten Siedlungskolonien als konkrete Bedrohung dieses Fundaments wahrgenommen – und nicht mehr als Ausdruck eines vitalen Pioniergeistes oder notwendiges Ziel des zionistischen Projektes.

Aufgekommen Anfang der 90er Jahre, wurde diese kognitive Revolution seitdem nicht mehr in Frage gestellt – trotz wiederholten Scheiterns israelisch-palästinensischer Verhandlungen und trotz zahlreicher Kriege. Einzig die Frage nach dem Rückzug und seinen strategischen und sicherheitspolitischen Konsequenzen liefert heute noch Grund für lebhafte Debatten inmitten der politischen und militärischen Elite. Diese fürchtet neue palästinensische Angriffe auf die großen urbanen Zentren Israels, die aus den besetzten Gebieten erfolgen. Der aktuelle Beschuss mit ballistischen Raketen auf die Bevölkerung des israelischen Südens durch die Hamas wird diese Angst nur verstärken.

Powision: Das Hauptziel des zionistischen Projekts, dem jüdischen Volk einen politischen Raum zu geben, ist erreicht – selbst wenn Israel heute noch von Feinden umgeben ist. Sind die Debatten um Demographie und Geburtenrate in Israel bloß ethno-nationalistische Politik oder sind sie mit der eigentlichen Essenz des Zionismus verknüpft?

David Khalfa: Die Bedeutung, die dem demographischen Faktor zugestanden wird, schreibt sich in die jüdische Geschichte ein. Mit Hilfe des Zionismus‘ wollte ein Teil der jüdischen Welt ihre kollektive Existenz, deren gescheiterte Emanzipation im modernen Antisemitismus seinen negativen Ausdruck findet, ins Positive wenden. Es ging darum, mit dem Status als tragisches Objekt der Geschichte zu brechen, zu dem die Juden in der Diaspora verdammt zu sein schienen. De facto führten sie eine mehr als prekäre Existenz, die unter anderem von Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung geprägt ist. Sie waren dem good will der Herrscher und seinen Bevölkerungen ausgesetzt, und wurden dadurch oft – beispielsweise bei Verschlechterung der sozio-ökonomischen Bedingungen – in die Rolle des Sündenbocks gezwungen.

Der Zionismus wollte diesen prekären Existenzbedingungen ein Ende bereiten, indem er die Juden auf einen geographischen Raum versammelt, und in dessen Grenzen eine jüdische Mehrheit sich als souveräne Gemeinschaft politisch konstituiert. Es ging also darum, mit jener prekären Existenz zu brechen, die den Kontingenzen der Geschichte unterworfen ist. Indem sie ihr kollektives Schicksal in die Hand nahmen, wurden die Juden wieder Subjekte ihrer eigenen Geschichte und vollzogen den Schritt von der Emanzipation zur „Autoemanzipation“[1]. In anderen Worten: Die zionistische Bewegung strebte einer kollektiven und politischen Antwort auf die „Judenfrage“ entgegen. Eine jüdische Mehrheit im künftigen politischen Gemeinwesen hatte dabei natürlich oberste Priorität.

Powision: Also beinhaltet schon das zionistische Projekt wie auch seine staatliche Verwirklichung eine nicht verhandelbare Grenzziehung, einen Ausschlussmechanismus gegenüber Nicht-Juden sobald die jüdische Mehrheit des Staates nicht abgesichert zu sein scheint?

David Khalfa: Eine Grenzziehung existiert, doch nicht im Sinne eines Ausschlussmechanismus‘. Denn trotz des Willens, eine jüdische Mehrheit in Israel zu erhalten, existiert ein staatliches Rechtssystem, das die nicht-jüdischen Minderheiten anerkennt. Die israelische Bevölkerung weist eine hohe ethnische und religiöse Vielfalt auf. Fast 20 Prozent seiner Bürger sind keine Juden. Und dennoch ist der jüdische Charakter des Staates die logische Konsequenz seines demokratischen Fundaments, denn er drückt den Wunsch der jüdischen Mehrheit aus, ihren nationalen Partikularismus zu bewahren. Ohne jüdische Mehrheit gibt es keinen souveränen jüdischen Staat.

Unter Berufung auf demokratische Werte das Recht Israels zu negieren, sich als jüdischen Staat zu definieren, ist gleichbedeutend mit der Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen Volkes. Wie schon gesagt, die Verwirklichung dieses Rechts ist nicht inkompatibel mit dem Respekt gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser. Dieses legitime Recht muss sich aber innerhalb der Grenzen eines zukünftigen palästinensischen Staates verwirklichen. Der Zionismus basiert auf dem Willen, einen einheitlichen Staat zu gründen. Dennoch unterscheidet der israelische Staat – etwa im Unterschied zum französischen Modell – zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität. Erstere existiert oberhalb der unterschiedlichen nationalen Gruppen, sozusagen als gemeinsames rechtliches Dach. Man kann die israelische Staatsbürgerschaft haben und gleichzeitig Araber, Beduine, Druse oder Tscherkesse sein. Sie hat lediglich juristischen und administrativen Charakter.

Powision: Seit der Geburt der zionistischen Bewegung bis heute sind viele Dekaden vergangen. Ist es nicht an der Zeit, die Grundlagen dieser Bewegung wie auch des Staates zu überdenken? Warum dieser Drang, eine jüdische Mehrheit zu erhalten, statt einen neutralen demokratischen Staat zu schaffen, der die strukturelle Diskriminierung, die zweifellos existiert, reduzieren würde?

David Khalfa: Die Diskriminierung der nicht-jüdischen Israelis ist nicht in die ideologisch-politische DNA der zionistischen Bewegung eingeschrieben. Noch weniger ist sie die Folge des jüdischen Charakters des Staates Israel.

Die israelische Vorstellung der Staatsbürgerschaft ist nicht republikanisch in dem Sinne, dass eine fiktive und kollektive Identität sich den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aufdrängt. Das erklärt sich schon allein aus den kulturellen, sprachlichen und konfessionellen Differenzen innerhalb der israelischen Gesellschaft. Es gibt keine nationale Identität, die alle Gemeinschaften überspannt. Übrigens verlangen das die nicht-jüdischen Minderheiten auch gar nicht. Warum? Weil sie sehen, dass ihr Recht auf identitären Partikularismus vom israelischen Staat respektiert wird. De facto impliziert nämlich eine übergemeinschaftliche Nationalität eine doppelte Ablehnung: Die jüdische Mehrheit müsste auf die Symbole des Staates (Flagge, Nationalhymne etc.) verzichten wie auch auf ihr historisches Band mit der Diaspora. Doch dieser identitäre Selbstmord würde auch einen parallelen Verzicht der nicht-jüdischen Minderheiten bedeuten, insbesondere für die israelischen Araber. Diese müssten ihre palästinensische Identität zugunsten einer israelischen aufgeben, die sich größtenteils auf die hebräische Sprache bezieht. Die Araber, obwohl sie Bürger des Staates sind, fühlen sich jedoch viel stärker als Mitglieder der arabischen und palästinensischen Nation. Und sie sehen gleichzeitig, dass der israelische Staat ihre religiöse und sprachliche Identität respektiert. Es liegt also nicht gerade wenig Arroganz in der Forderung, die Juden und Araber sollten sich zugunsten eines abstrakten und wirklichkeitsfremden Universalismus‘ ihrer eigenen Identität berauben. Diese eurozentristische und orientalistische Vision entspricht weder dem Willen der Juden noch dem der nicht-jüdischen Minderheiten.

Die Diskriminierungen der arabischen Israelis erklären sich weitestgehend durch den israelisch-palästinensischen Konflikt und seinem Einfluss auf die Veränderungen der israelischen Gesellschaft. Israel lebt nicht in einem befriedeten geopolitischen Raum, im Gegensatz etwa zu Frankreich oder Deutschland. Israel hat sich in einem konfliktreichen und feindseligen Umfeld entwickelt. Und dieses Umfeld trägt dazu bei, ein Klima des gegenseitigen Misstrauens zwischen arabischen und jüdischen Israelis aufrechtzuerhalten.

Davon abgesehen hat sich die Situation der israelischen Araber seit 1948 substanziell verbessert. Sie genießen individuelle Rechte, die ihnen als Bürger des Staates zugestanden werden: Wahlrecht, Recht auf politische Repräsentation, ökonomische und soziale Rechte. Sie profitieren im gleichen Maße von kulturellen Rechten, insbesondere hinsichtlich Erziehung, Religion und Sprache. De facto verfügen die israelischen Araber über ein eigenes Unterrichtssystem wie auch über religiöse Tribunale, die eigenständig über zivilrechtliche Fragen (Ehe, Scheidung, Erbe etc.) entscheiden. Weitere Fortschritte finden im Gesundheitssystem, in der Ausbildung und Bildung statt. Ferner haben sich mittlerweile eine ökonomische Bourgeoisie und eine intellektuelle Elite herausbilden können. Dennoch gebe ich Ihnen teilweise Recht: Es bestehen nach wie vor Differenzen und Diskriminierungen zwischen Juden und Arabern, vor allem sozioökonomischer Natur.

Powision: Das heißt, Sie sehen keine Gefahr, die aus dieser Ambivalenz für die verschiedenen kulturellen Gruppen erwachsen kann? Weder die inneren noch die äußeren Grenzen sind klar, und ihre definitive Festsetzung obliegt der Mehrheit, die sich ethnisch abgrenzt – zum potentiellen Nachteil der Minderheiten.

David Khalfa: Israel ist eine junge Nation, die in einer konfliktanfälligen Region aufgewachsen ist. Die Frage nach dem inneren und äußeren Grenzverlauf stellt sich also anders als für europäische Nationen. Man vergisst häufig, dass auch Europa erst seit 1945 in friedlichen Verhältnissen lebt. Und dabei spreche ich noch gar nicht vom Osten Europas, wo die Balkanstaaten noch weit von einem stabilen Frieden entfernt sind, geschweige denn von den Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion. Die einzigartige Lage Israels durch das Prisma des „ewigen Friedens“ wahrzunehmen und zu beurteilen, welches der aktuelle Denkhorizont des abendländischen Europas zu sein scheint, ist im geringsten Fall eurozentristisch. Und zu den inneren Grenzen kann ich nur sagen: Es gibt kein universelles Modell, das es erlaubt, objektiv zu definieren, was eine Nation oder ein Nationalgefühl sei. Natürlich, es gibt eine Reihe von Kriterien wie Sprache, Territorium, Religion etc. Dennoch ist die Nation vor allem eine Sache der Selbstwahrnehmung und Selbstdefinition. Seine Grenzen entwickeln sich entsprechend ihrer Ressourcen und der Verhandlungen, die ihre wichtigsten sozialen Gruppen untereinander austragen.

Powision: Warum werden diese Fragen nach Selbstwahrnehmung und Abgrenzung nicht gelassener diskutiert? Die Hauptgründe für den Staat waren ja ganz andere – die prekäre Existenz der jüdischen Diaspora, die Shoah – und sind durch die Gründung und das Fortbestehen des staatlichen Schutzraumes sozusagen erfüllt.

David Khalfa: Der moderne Antisemitismus und der Genozid an den Juden sind keinesfalls die ausschließlichen Gründe, die die Geburt des Zionismus‘ beziehungsweise des Staates erklären. Die vorausgehenden Perioden, in denen eine zionistische Bewegung nicht in Ansätzen vorhanden war, kannten auch Gewalt, Verfolgungen und Massaker. Die „Weisheit der Nationen“ [„La sagesse des nations“] behautet heute, dass der Staat Israel die Frucht der Shoah sei, ermöglicht durch eine „Schenkung“ des Okzidents an die Juden aufgrund einer „aktiven Sympathie“, das das Unglück bei ihren alten Verfolgern ausgelöst hätte.

Doch am Vortag des Zweiten Weltkriegs lebten bereits 600 000 Juden (neben 1.200 000 Arabern) im palästinensischen Mandatsgebiet (Yishouv). Seit 1937 anerkannte die britische Mandatsmacht über die Peel-Kommision, dass die „nationale Gemeinschaft“ der Juden nun bereit sei, sich selbst innerhalb eines staatlichen Rahmens zu verwalten. Es ging also nicht um die Gründung einer weiteren jüdischen Gemeinschaft an einem anderen Ort, sondern um den Embryo einer politischen Macht und eines Proto-Staates, der über soziale, ökonomische, kulturelle, militärische und politische Institutionen verfügt. Die Gründung des Staates Israel als „Konsequenz“ der Shoah zu betrachten, ist eine Verschleierung der historischen Realität, die dem Jahr 1940 lange vorausging, und verschweigt mehr als ein halbes Jahrhundert jüdischer Geschichte.

Das bedeutet, dass man missbräuchlich die offizielle Proklamation des Staates Israel am 14. Mai 1948 auf ein Auftauchen ex nihilo reduziert, das einzig und allein der Entscheidung der UNO zu verdanken sei. Man darf nicht die grundsätzlich politische Natur des Zionismus vernachlässigen, der es verstand, dem jüdischen Volk mittels eines souveränen Nationalstaates ein politisches Dach zu geben. Die jüdische Nationalbewegung ist im orientalen Teil Europas in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts im Kontext des „Frühlings der Völker“ entstanden. Er wurde von der Philosophie der Aufklärung, der deutschen Romantik und dem Aufkommen der europäischen Nationalismen inspiriert. Der Wille des jüdischen Volkes, über sich selbst zu verfügen, ist der eigentlich Ursprung des Staates Israel. Die antijüdischen Verfolgungen haben nur den Prozess der politischen Strukturierung des Zionismus beschleunigt. Es stimmt dennoch, dass die Erinnerung an den Genozid dazu beigetragen hat, die heutige israelische Identität zu formen.

Powision: Einerseits steht der israelische Staat für eine sehr enge Verquickung zwischen Politik und Raum, andererseits existiert eine Diaspora, die einen direkten – per Lobbying – und indirekten – über Drittstaaten – Einfluss auf die israelische Politik ausüben, obwohl sie nicht einmal dort leben…

David Khalfa: …und auch nicht dort leben wollen. In der Gründungsphase Israels gab es auf Seiten der europäischen Juden die Befürchtung, in die administrative Reichweite des neuen Staates zu geraten. Das führte sogar zum Teil so weit, dass einige von ihnen dem Staat Israel ihre Solidarität öffentlich aufkündigten.

Heute lebt die Mehrheit der Juden nicht in Israel. Dennoch kehrt sich die demographische Beziehung zwischen Israel und der Diaspora nur langsam um: Circa sechs Millionen Juden leben in Israel, das heißt 42 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung, die ungefähr 14 Millionen zählt. Außerdem, während die jüdischen Gemeinden der Diaspora tendenziell schrumpfen, ist das demographische Wachstum in Israel sehr stark. In den nächsten 20 oder 30 Jahren, wird wahrscheinlich die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Israel leben.

Aber ich stimme Ihnen zu. Die jüdische Diaspora bleibt ein wichtiger Akteur in den Beziehungen zwischen Israel und den Ländern, in den Juden Staatsangehörige sind – sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch. Doch dieser Einfluss ist alles andere als homogen. Man muss zwischen einer allgemeinen Verbundenheit mit der Existenz des Staates, die die Mehrheit der jüdischen Diaspora teilt, und der de facto-Vielfalt an Meinungen unterscheiden, die die verschiedensten Themen betrifft: Von der Beziehung zwischen Staat und Religion bis zum israelisch-arabischen Konflikt. Doch im Falle eines militärischen Konflikts verschwindet diese ideologische Vielfalt reflexartig hinter einer unbedingten Solidaritätsbekundung gegenüber dem als bedroht wahrgenommenen Staat.

Powision: Diese Meinungsvielfalt scheint aber eine europäisch-jüdische Besonderheit zu sein. In den USA kann man einen größeren Konsens innerhalb der jüdischen Gemeinschaft beobachten. Ist dieser Konsens denn auch der Grund für die Stärke der jüdisch-amerikanischen Diaspora, um deren außenpolitische Einflussnahme sich vor über einem Jahr eine lebhafte Debatte entsponnen hat?

David Khalfa: Sie beziehen sich auf das Buch von John Mearsheimer und Stephen Walt über die „jüdisch-amerikanische Lobby“[2]

Powision:…dessen deutsche Ausgabe (Campus-Verlag) peinlicherweise einem Buch[3] des Nazi-Ideologen Johann von Leers aus den 40er Jahren zum gleichen Thema ähnelt.

David Khalfa: Dieses Buch hat sich den Verdienst erworben, den Fokus auf die Macht der pro-israelischen jüdischen Lobby und deren Einfluss auf das politische System der USA zu legen. Ich teile jedoch die Konklusion der Autoren nicht, da ich glaube, dass sie den Grad dieses Einflusses überbewerten und leider in Phantasmen und Stereotypen zurückfallen, beispielsweise dass die USA ihr Nationalinteresse zugunsten Israels opfern würden.

Man muss zunächst einmal einen Blick auf die Terminologie werfen. Statt von einer pro-israelischen, „jüdisch-amerikanischen“ Lobby zu sprechen, macht es viel mehr Sinn, bloß amerikanische Lobby zu sagen, da ja bei weitem nicht alle amerikanischen Verteidiger Israels Juden sind. So zum Beispiel die neo-evangelikale Rechte, die Millionen Wähler auf sich vereint und für eine bedingungslose Unterstützung Israels eintritt. Außerdem wählen die amerikanischen Juden traditionell demokratisch. Bei den letzten Wahlen haben beispielsweise 78% für Obama gewählt.

Weiterhin ist es unmöglich, die Praktiken der amerikanisch-jüdischen Lobby vom weiteren Kontext der amerikanischen Außenpolitik zu isolieren, welche von einer ganzen Reihe anderer Faktoren abhängt. Die Lobbys sind dabei nur einer unter vielen. Was heute die amerikanische Nahost-Politik und insbesondere seine „spezielle“ Beziehung zu Israel erklärt, kann selbstverständlich nicht auf den vorausgesetzten Einfluss der pro-israelischen amerikanischen Lobby reduziert werden. Die bestimmenden Faktoren sind vielmehr geopolitische Interessen der USA.

Israel ist – neben Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien – ein wichtiger strategischer Verbündeter der USA in der Region. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Israel und die USA ein fast identisches Nationalbewusstsein haben. Es sind beides Einwanderungsgesellschaften, die sich auf die mythische Figur des Pioniers gründen. Die angelsächsischen Siedler, die sich aufmachten, den Norden Amerikas zu kolonisieren, haben das neue Land als verheißenes Land betrachtet, ähnlich wie die Hebräer, die aus Ägypten auszogen, um wieder in das Land „in dem Milch und Honig fließen“ zu gelangen. Weiterhin erklären der demokratische Charakter der beiden Staaten und die Werte, auf denen sie begründet sind, im gleichen Maße die Eigentümlichkeit ihrer Beziehungen.

Schließlich haben die Attentate des 11.September und der „Krieg gegen den Terror“ zu einer konjunkturellen Konsolidierung der bilateralen Beziehungen beigetragen. Israel ist die einzige Demokratie des Nahen Ostens, welcher dem islamistischen Terrorismus ausgesetzt ist. Die USA, unter dem Antrieb der Neocons unter Bush Jr., haben versucht, das demokratische Modell zu exportieren, um einen „Greater Middle East“ zu formen, der gereinigt von Autoritarismus und religiösem Extremismus ist. Es ist diese utopische, quasi-messianische Vision, die insbesondere die erste Amtszeit Bushs geprägt hat und die katastrophale geostrategische und sicherheitspolitische Folgen hatte. Diese Vision wird auch von der israelischen Rechten geteilt und findet ihren politischen Ausdruck in der Forderung, die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den Palästinensern einer Demokratisierung ihres Staates und ihrer Gesellschaft zu unterwerfen.

Powision: Herr Khalfa, wir danken Ihnen für das Gespräch.


[1] Wichtiger frühzionistischer Text von Leo Pinsker über die Notwendigkeit der politischen Selbstbestimmung der Juden.

[2] Mearsheimer, John J./Walt, Stephen M. (2008): The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy, New York: Farrar, Straus and Giroux.

[3] http://www.lizaswelt.net/search?q=kr%C3%A4fte+mit+tradition

Das Interview führte Daniel Mützel

Fest und Flüssig. Konturen des sozialen Umgangs mit Raum am Beispiel brasilianischer Megastädte

Henriette Neef und Marc Redepenning

Ideengeschichtlich wurde Raum lange Zeit mit Stasis und Unbeweglichkeit verbunden. Bekanntermaßen brachte dies Michel Foucault in seinem Diktum zum Ausdruck, dass Raum das Nicht-Dialektische und Beharrende sowie Festigkeit und Immobilität in sich vereint. Raum steht hier noch für einen blassen, reaktionären Konservatismus mit Blick nach hinten, während Zeit die Dynamik und die Hoffnung auf Fortschritt, also den Blick nach vorne, verkörpert. Dem Raum fehlen die der Zeit inhärenten Attribute von Fortschritt und Wandel. Diese Problematik der Unveränderlichkeit und Unbeweglichkeit wird üblicherweise eng mit dem Konzept des Containerraumes assoziiert.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich Geographen neben anderen Sozialwissenschaftlern bemüht, diese Semantik des Containerraumes mit ihren wenig charmanten Attributen aufzubrechen und ihr neue Raumkonzepte bei- und gegenüber zu stellen. Im Mittelpunkt dieser Diskussionen stand die Anpassung von Raumkonzepten an die aktuelle sozialstrukturelle Wirklichkeit, die sich immer stärker durch die Beschleunigung des sozialen Lebens, das vermeintliche Verschwinden der Ortsgebundenheit des Sozialen und den Siegeszug des fragmentarischen twittering, als realzeitlicher Austausch von stückhaft servierten Informationen über das, was wir gerade tun, auszeichnet. An diesem Punkt haben etwa Annemarie Mol und John Law (2001) den Begriff des flüssigen Raumes (fluid space) vorgeschlagen. Dieser flüssige Raum betont nun permanente Veränderung und Bewegung statt dauerhafte Stasis und Stabilität, denn seine Elemente werden immer wieder durch Improvisationen verändert und neu konfiguriert. Die beiden unserer Meinung nach wichtigsten Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um flüssige Räume zu konstituieren und ihre Fortdauer zu garantieren, sind:

Verzicht auf die Bevorzugung einer besonderen Struktur von Beziehungen: existierende Elemente werden immer wieder rekonfiguriert und bilden ständig neue Beziehungen; zugleich ist das Objekt immer noch als das gleiche Objekt erkennbar. Dies sieht man ganz gut an modernen Spielsystemen im Fußball, auch hier können die Beziehungen der Spieler zueinander permanent geändert werden, ja das Fußballspiel lebt davon, dass keine festen Beziehungen vorherrschen, wie und wann der Ball zu welchen Mitspielern gespielt werden soll.

• Unverzichtbarkeit oder gar Notwendigkeit einer kontinuierlichen Veränderung: Im Fußball wird etwa der kontinuierliche Fluss des Spiels durch Fouls, Abstöße oder Eckbälle, die abrupte und bedeutsame Eingriffe darstellen, durchaus beendet. Im flüssigen Raum ist Veränderung also notwendig, um Konstanz oder eine konstante Form zu erzeugen.

Der Geograph Nigel Thrift hat in seinem Konzept des movement space an die Überlegungen zu flüssigen Räumen angeknüpft und sich besonders mit den Konsequenzen für das menschliche Tun auseinander gesetzt, die sich aus der Einbindung des Menschen in movement und fluidity ergeben. „The nomadologic of movement becomes the natural order of thought“ schreibt Thrift (2004, 590) – und dies beeinflusst folglich auch unser alltägliches Handeln sowie die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung von Raum. Die Gesellschaft habe sich stärker als zuvor auf Veränderbarkeit, Bewegung und Unsicherheit einzustellen, ja sie habe diese Merkmale zu den tragenden Säulen ihres eigenen Funktionierens gemacht. Die entsprechenden sozialstrukturellen Veränderungen lassen einen Raum entstehen, der nie zur Ruhe kommt und keine Stabilität aufweist – eben ein fluid oder movement space.

Diese Entwicklungen kann man unter anderem an brasilianischen Megastädten verfolgen. Diese werden häufig als Orte beschrieben, in denen Chaos und Unregierbarkeit neben den geordneten offiziellen Strukturen bestehen. Dabei ist zu beobachten, dass die Unterscheidung überführt wird in eine Trennung zwischen einer formellen, regulären und einer informellen, irregulären Stadt. Letztere manifestiert sich etwa in der Favela. Während sich im Formellen geordnete, verlässliche und kalkulierbare Aktivitäten widerspiegeln, erscheint das Informelle als Ausdruck des Nichtkalkulierbaren, des Flüchtigen, des Nichtgreifbaren und des auch nicht politisch Zähmbaren. Dieser Dualismus von zwei nebeneinander liegenden Räumen entspricht der Vorstellung von zwei durch fixe und stabile Grenzen überlappungsfrei getrennten Containerräumen. Die brasilianische Architektin Paola Berenstein Jacques (2001) hingegen versucht das Besondere der Favela in einer „Ästhetik der Bewegung“ zu beschreiben. Sie schreibt: „Der große Unterschied im Umgang mit dem Raum seitens ihrer Erbauer in den Favelas und den Architekten liegt in der Zeitlichkeit … Als würden die Architekten die Zeit verräumlichen und die Erbauer der Favelas den Raum verzeitlichen“ (2001). Die verräumlichte Zeit basiert auf der geplanten Logik statischer Abgeschlossenheit, mit der uns die bebaute Umwelt der offiziellen Stadt begegnet. Der verzeitlichte Raum hingegen folgt einer wesentlich komplexeren Logik des Werdens und des ständigen Wandels, der Logik der Favela also. Diese Räume der Bewegung bleiben jedoch nicht innerhalb der physischen Grenzen der Favela verhaftet, sondern durchdringen über das wechselseitige Zusammenspiel des Informellen mit dem Formellen weite Bereiche der offiziellen Stadt. Sie weichen Grenzen auf und lassen sie erodieren. In diesem Sinne ‚wandert‘ die Logik des Konstruktionsprozesses der Favela. Flexibilität, Temporalität, aber auch Zyklizität sind dabei wesentliche Momente des movement space der Favela, der unmittelbar mit seinen Akteuren, wie zum Beispiel den unzähligen flexiblen Straßenhändlern, die diesen ständig aufbauen und verändern, verbunden ist.

Denn die aus der geforderten Flexibilität der Händler resultierenden spontanen Raumaneignungen organisieren sich häufig in einem temporären Nutzungsturnus. Der urbane Raumausschnitt erfährt in Bezug auf die Praktiken der Straßenhändler zyklische Phasen der Verräumlichung sowie Phasen der Enträumlichung. Das Intervall impliziert die Wieder-Freigabe eines Raumausschnittes, die die Möglichkeit einer anderen Verräumlichung durch andere Akteure eröffnet und schließlich durch die Einheit von Wechsel und Konstanz eine dynamische Stabilität erzeugt. Die Wiederholung der Aneignung, also das iterative Tun der Akteure, kann schließlich zur Inkorporation eines solchen flüssigen Raumes in den konkreten urbanen Kontext führen. Zu beobachten ist ferner, dass trotz der Versuche der Stadtverwaltungen, mittels Standortlizenzen das Phänomen des Straßenhandels zu ordnen, einzuschränken und damit zu fixieren, sich der Straßenhandel diesen Formen der Kontrolle und Disziplinierung entzieht. Vielmehr unterwandert der Straßenhandel diese Zähmung, indem er sich klandestin im Teilen oder Tauschen der Lizenzen und dem Aushandeln von Standorten organisiert. Dabei wird ein flüssiger Raum erzeugt, der auf markierten, über das einfach Chaotische hinausgehenden Geometrien beruht, aber dennoch in sich immer flüchtig und instabil bleibt (Itikawa 2002, 340). Dies bedeutet, in Anschluss an die zitierte Arbeit von Mol und Law, dass das Phänomen des Straßenhandels erst durch die offenen, sich permanent verändernden Beziehungen der Straßenhändler hergestellt wird und damit einen flüssigen Raum bildet.

Brasilianische Geographen wie Rogério Haesbaert (2004) thematisieren denn auch Megastädte als multiple Objekte, die erst durch die Vielzahl von neben- und nacheinander sowie in- und übereinander liegenden Containerräumen und flüssigen Räumen erzeugt werden und ihre Kontur gewinnen. Megastädte sind also hochkomplexe Systeme alltäglicher Raumaneignungen. Die dabei erzeugten Räume sind statisch und festgelegt sowie wandelbar und beweglich, da sie Resultate menschlichen Tuns sind. Entscheidend dabei ist, dass diese flüssigen Räume erst aufgrund einer statischen urbanen Kulisse entstehen können – eine Kulisse, die es erlaubt, konstante Verortungen innerhalb eines Raumcontainers vorzunehmen. Es handelt sich folglich um unterschiedliche, aber koexistierende Formen von Räumen: fest und flüssig.

Vor diesem Hintergrund sind erste Konturen erkennbar, wodurch zeitgemäße Raumbegriffe gekennzeichnet sind und die Sensibilität für die „Kraft der sinn-auffälligen Formen der Dinge“ (Thrift 2008, 394) aufweisen. Vier Punkte sind, nach Nigel Thrift (2008), dabei zu berücksichtigen:

• Die Annahme von strengen und dichten Grenzen ist unterkomplex

• Zwar nicht jeder, aber doch viele Räume sind ständig in Bewegung

• Es gibt daher auch nicht nur eine Art von Raum oder gar den Raum

• Die Abkehr vom metrischen Raum, in Form eines Containers, ist verfrüht und einseitig.

Literatur:

Haesbaert, R. (2004): O Mito da Desterritorialização. Do Fim dos Territórios à Multiterritorialidade. Rio de Janeiro.

Itikawa, L. (2002): Geometrias da Clandestinidade. O Trabalho Informal no Centro de São Paulo. In: Caminhos para o Centro: Estratégias de Desenvolvimento para a Região Central de São Paulo, S. 339-362.

Jacques, P. B. (2001): Estética das favelas. In: Arquitextos 013 junho 2001. www.vitruvius.com.br/arquitextos/arq000/esp078.asp.

Law, J./Mol, A. (2001): Situating technoscience: an inquiry into spatialities. In: Environment and Planning D: Society and Space 2001 19, S. 609-621.

Thrift, N. (2004): Movement-space. The changing domain of thinking resulting from the development of new kinds of spatial awareness. In: Economy and Society 33 (4), S. 582-604.

Thrift, N. (2008): Raum. In: Döring, J./Thielmann, T. (Hg.) (2008): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld, S. 393-407.

Latour, Bruno: Kann die Menschheit ohne Thunfisch noch dieselbe sein? – Ein Gespräch

Powision: Der „Weltuntergang ist der Größenwahn der Depressiven”, schreibt der „Zukunftsforscher” Matthias Horx in einer Anspielung auf den Aktionismus der Klimabewegung. Andere sprechen von einer neuen Quasi-Religion, die den Marxismus ablöse, oder schlicht von blindem Alarmismus. Sind Debatten um das Klima oder das Ozonloch und die Phänomene, um die es geht, bloß diskursive Hysterien, deren Inhalte politisch austauschbar sind?

Bruno Latour: In Bezug auf das Ozonloch ist das eine obsolete Frage. Das ist mittlerweile 20 Jahre her, als sich die Leute fragten: “Ist das Ozonloch ein reales Phänomen oder ein rein kommunikativ oder experimentell erzeugtes?” Die wissenschaftlichen Daten sind bereits vor längerer Zeit in einem amerikanischen Labor produziert worden – ohne freilich gleich als „Ozonloch” identifiziert zu werden. Der Begriff, das diskursive Phänomen, hat sich erst im weiteren Verlauf entwickelt. Das Ozonloch hat seine eigene Geschichte, erst nach den ersten Interpretationen der Daten konnte man sagen: Es existiert. Das Ozonloch existiert also nicht ohne die Geschichte seiner Erforschung. Mittlerweile ist es als unbestreitbares Faktum auf verschiedene Weisen institutionalisiert, unter anderem hat es machtvolle Wirkungen auf politische Entscheidungen, erzeugt Reaktionen in der Industrie etc.

Powision: Sie halten also Phänomene, die von den Naturwissenschaften experimentell erzeugt wurden, nicht für soziale oder kommunikative Konstruktionen?

Bruno Latour: Natürlich sind das Konstruktionen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht existieren. Klar, zu sagen, das Ozonloch sei unabhängig von diskursiven und instrumentellen Praktiken, ist absurd. Es macht keinen Sinn, das Ozonloch ohne seine Diskursivität zu beschreiben. Ihre Kaffeetasse können Sie genauso wenig wahrnehmen, ohne automatisch auf kommunikativ erzeugte Konstruktionen zurückzugreifen. Die Diskursivität ist also Teil des Phänomens. Idiotisch ist es zu sagen: Wenn es ein diskursives Phänomen ist, existiert es nicht. Diese alberne Frage wurde uns von der gegenwärtigen modernistischen Philosophie aufgezwungen. Es ist, als würden Sie mir sagen, das Gebäude, in dem wir uns gerade befinden, ist konstruiert, folglich ist es nicht da. Das ist absurd! Ja, es ist konstruiert, gerade deswegen ist es da. Das Andocken des Begriffs der Konstruktion an die große philosophische Frage, ob die Dinge existieren oder nicht, ist meiner Meinung nach philosophischer Schwachsinn, der größtenteils der Arroganz einer bestimmten positivistischen Erkenntnislehre geschuldet ist, die behauptet: Das Ozonloch existiert, weil wir es beschreiben und ausdrückenkönnen, also ist es ein unbestreitbares Faktum.

Dann haben Sie einen Luhmann oder einen x-beliebigen Postmodernen der sagt: Nein, es existiert nicht, es ist diskursiv. Und umgekehrt: Wenn es diskursiv ist, ist es nicht wahr. Das sind Kämpfe. Wenn die Frage “Ist das Ozonloch konstruiert oder real?” eine große philosophische Frage ist, ist sie ohne Interesse. Denn dann ist es eine Frage, die lediglich Anti-Konstruktivisten, Sokalisten und ähnliche Leute interessiert.

Powision: Was ist es dann, was Sie am Ozonloch interessiert?

Bruno Latour: Das Ozonloch interessiert mich lediglich als die Beziehung, die die Menschen in postindustriellen Gesellschaften mit einer Reihe von Phänomenen eingegangen sind. Das Ozonloch und seine Erforschung sind Elemente des wichtigen Momentes, indem uns unsere industriellen Praktiken, die auf die Erde wirken, bewusst wurden. Es ist also eine Geschichte der Beziehungen des „Explizit-Machens” [„explicitation"], der, wie Peter Sloterdijk sagen würde, Existenzbedingungen auf unserem Planeten. Das Ozonloch war ein bedeutsamer Moment, der überhaupt erst die Kette von industriellen und politischen Handlungen möglich machte, die Auseinandersetzungen um das FCKW, die politischen Entscheidungen, die folgten etc.

Powision: Diesen wichtigen Moment haben wir also offensichtlich den Naturwissenschaften zu verdanken. Und die Sozialwissenschaften?

Bruno Latour: Die Sozialwissenschaften sind absolut archaisch in dieser Hinsicht. Sie beschäftigen sich mit Fragen à la ‚Konstruieren wir die Phänomene nur, während wir sie beobachten oder sind es die Phänomene selbst, die von uns beobachtet werden’. Sehen Sie, um eine Beziehung wie das Ozonloch produzieren und identifizieren zu können, braucht man ein Netz verschiedenster Akteure: internationale Organisationen, Kooperationen zwischen Wissenschaftlern, Forschungseinrichtungen etc. Man hat von all dem nichts Vergleichbares in den Sozialwissenschaften, abgesehen von ein paar losen Kooperationen, um Statistiken oder ähnliches zu produzieren. Es herrscht dort immer noch große Ignoranz.

Ein großes Problem der Sozialwissenschaften war und ist die Unfähigkeit, den Konstruktivismus und Relativismus der exakten Wissenschaften zu verstehen. Die exakten Wissenschaften sind sehr viel mehr konstruktivistisch und relativistisch, viel erfinderischer hinsichtlich ihrer Methode und sehr viel wagemutiger als die Sozialwissenschaften – natürlich nicht innerhalb des philosophischen Diskurses, jedoch in der Praxis.

Powision: Ihre Forderung, ein „Parlament der Dinge” ins Leben zu rufen, in dem sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Akteure beziehungsweise ihre Vertreter um ihre Interessen streiten, ist auf viel Unverständnis gestoßen. Doch im Falle einer Klimakonferenz findet genau das statt: Es treffen Interessen von Staaten, Organisationen, Landschaften und Wetterzonen mit denen von konkreten Menschen zusammen und werden politisch verhandelt. Ich kann keinen Unterschied zu Ihren Thesen entdecken.

Bruno Latour: Sie haben Recht. Absolut. Das Bizarre ist, warum hier an der Sciences Po, einem renommierten Politikinstitut, nur die Repräsentation der Menschen und nicht die der nicht-menschlichen Wesen gelehrt wird. Natürlich, wir sind nie modern gewesen. Es gab also nie eine Praxis der Trennung menschlicher von nicht-menschlichen Wesen. Diese Grenzziehung ist absurd. Die Politik hat sich schon immer auf Dinge bezogen. Ein Politiker war schon immer mit Überschwemmungen, dem Klima, Wohnungsmärkten oder Lebensmitteln beschäftigt. Das erklärt sich von selbst.

Powision: Und Sie fordern nun die offizielle Anerkennung dieser sich offensichtlich selbst erklärenden Tatsachen?

Bruno Latour: Das Seltsame ist doch, dass wir mit zunehmender Technisierung unseres Alltags, also mit zunehmender Integration menschlicher und nicht-menschlicher Akteure mit der gleichen Überzeugung auf ihre Trennung bestehen: Auf der einen Seite die Wissenschaftler, die sich vorgeblich neutral mit den Dingen beschäftigen, auf der anderen Seite die Politiker, deren Aktionsraum die Normen und Werte der Menschen sind. Das ist Quatsch, denn das Politische hat längst die Wissenschaften und die Natur erfasst.

Das Verblüffende an der Anthropologie der Modernen ist: Diese Leute beschäftigen sich den ganzen Tag mit menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, mischen und kombinieren sie, und am Ende des Tages sagen sie: “Es ist wichtig, eine Grenze zwischen ihnen zu ziehen.” Das ist… amüsant. An der Sciences Po gibt es einen einzigen Kurs, den ich halte – und der ist noch nicht mal wissenschaftlich -, in dem man von nicht-menschlichen Wesen spricht. In einer Universität, die ein Institut für Politikwissenschaft sein soll. Wenn die Politikwissenschaft realistisch wäre, würde sie nicht diese Grenzziehung mitmachen, wir wären in einer Universität Humboldtscher Prägung. Denn Humboldt war im Übrigen auch nicht modern.

Aber Sie haben absolut Recht. Sämtliche Institutionen, sei es im Zusammenhang mit dem Klima, seien es Konferenzen, Patientenorganisationen oder jede vorstellbare Krankheit, versuchen diese gedankliche Grenzziehung der Modernisten zu überwinden. Die Frage, ob das Ozonloch konstruiert oder wahr ist, ist somit abwegig. Sie ist abwegig in der Praxis, weil kein Mensch jemals diese Unterscheidung praktiziert hat.Da kommen junge Menschen in eine Universität und ihnen wird erzählt, solche Fragen wären von Bedeutung. Von einem moralischen und zivilisatorischen Standpunkt aus ist das eine Tortur! Das ist, als ob man eine Chinesin in Lotus-Schuhe steckt, um ihre Füße zu verkleinern, oder die Giraffenfrauen …eine Monstrosität.

Powision: Sie stellen diese Grenzziehung als eher exotische Angelegenheit dar. Doch sie existiert in weiten Teilen des akademischen Bereichs und ist dort fest verankert.

Bruno Latour: Zweifellos, sie existiert. Die Giraffenfrau existiert auch! Natürlich, alberne Fragen zu stellen, um die Leute durchzubringen, selbstverständlich, das existiert. Es gibt soziologische Arbeiten darüber, warum man sich – im Kontext des Kalten Kriegs – diese idiotische Frage gestellt hat. Man darf nicht vergessen, dass sich die Philosophie in einem umgekehrten Verhältnis zur Realität entwickelt hat. Der Moment, als sich Descartes die Frage nach dem cogito stellte, war der Moment, in dem der moderne akademische Betrieb entstanden ist. Dann haben Sie Ihren großen Philosophen Kant, der sich die Frage gestellt hat “Sind die Dinge konstruiert oder sind sie real” – und das in einer Zeit, in der die erste wirkliche industrielle Revolution stattfindet. Dann haben Sie den logischen Positivismus, der sich fragt, ob das weiß wirklich weiß ist, oder ob man nicht einen Satz konstruieren kann, der einem lediglich erlaubt zu sagen: ‚Farbklecks dieses bestimmten weiß’. Das ist die wirklich wichtige Frage der Empiristen zu einer Zeit, in der all die großen Revolutionen in der Physik und Biologie stattfinden! Wenn Sie sich eine Tafel vorstellen, die die wissenschaftlichen Transformationen und die philosophischen Reflexionen in einem Graphen nachzeichnet, ist die jeweilige Richtung genau umgekehrt. Die Wissenschaftsphilosophie ist immer damit beschäftigt, die Dinge in der Realität zu reduzieren. Doch die Realität ist gerade die ständige Ausweitung der Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen. Ich bin selbst Philosoph, aber ich habe diese alberne Frage nicht erfunden. Es gibt so viele wichtigere Fragestellungen. Eine wirkliche Erfindung im politischen Sinne wäre es, herauszufinden, welche Formel, welche Institution uns erlauben würde, die Selbstverständlichkeit wahrzunehmen, dass menschliche und nicht-menschliche Wesen im selben Boot sitzen und diese Tatsache mit der ökologischen Krise immer bedeutsamer wird. Das Paradox ist: Die ganze Welt wechselt auf energiesparende Glühbirnen, weil sie an den Planeten denkt. Doch wo ist der Planet in der Politikwissenschaft? Er existiert immer noch nicht. Es war in der Geschichte noch nie der Fall, dass die Akademiker ihrer Zeit voraus waren. Die Intellektuellen übrigens auch nicht.

Powision: Läuft Ihr „Parlament der Dinge” nicht auf eine Gleichsetzung der Interessen menschlicher und nicht-menschlicher Wesen hinaus?

Bruno Latour: Man hat mich schon 1989 auf diese Weise kritisiert, als mein Buch über die Modernen herauskam. Doch mittlerweile ist es doch eine Selbstverständlichkeit.Nehmen Sie den roten Thunfisch, ein nicht-menschliches Wesen. Wenn die Nachfrage der Japaner nach rotem Thunfisch nicht massiv zurückgeht, wird es bald keinen roten Thunfisch mehr geben. Es gibt ganze Organisationen, die sich mit dem roten Thunfisch auseinandersetzen, das heißt, sie interessieren sich dezidiert für das Interesse des roten Thunfischs. Folglich ist es eine Selbstverständlichkeit zu sagen: Man nimmt die Interessen der Japaner für ihr Sushi und die Interessen des roten Thunfischs für ihr eigenes Überleben, setzt sie in Relation und handelt die Interessen jeweils aus. Das Gegenargument übrigens lautet dann oft: Ich interessiere mich lediglich aus egoistischen, anthropozentrischen Gründen für den roten Thunfisch, was natürlich Quatsch ist. Ich kann sehr gut in einer Welt ohne roten Thunfisch leben. Weiterhin gibt es die Umweltschützer und Statistiker, die das drohende Aussterben des roten Thunfisches beschwören. Auch das Interesse der Sushi-Produzenten und der Fischer hängt vom Thunfisch ab. Eine ganze Reihe von Akteuren ist offensichtlich mit dem roten Thunfisch vernetzt, und das Interesse des letzteren ist dabei genauso legitim wie das der Menschen, die ja wiederum differenziert werden müssen in Japaner, Mittelmeeranrainer, große und kleine Fischereibetriebe etc. Also konstruiert man ein Parlament der Dinge, einen Ort, an dem die Repräsentanten der jeweiligen Dinge, der nicht-menschlichen Wesen, die Interessen mit denen der menschlichen Akteure aushandeln. Und wenn Sie darauf erwidern, dass der Thunfisch in der Diskussion gar nicht auftaucht, sein Interesse also gar keine Rolle spielt, dann stimmt das nicht. Er ist in verschiedener Gestalt anwesend, in Statistiken, in den Diskursen der Fischer etc. Das Parlament der Dinge ist zuallererst ein theoretisches Konzept, um sich diese Dinge klar zu machen, obwohl ich auch versucht habe, den französischen Senat umzuwandeln. Der Senat hier dient absolut niemandem. Ich wollte ihn in ein Parlament der Dinge transformieren,was leider nicht geklappt hat. Auch an der Sciences Po machen wir letztlich nichts anderes: Wir bringen den Studenten bei, ein Parlament der Dinge zu konstruieren, sozusagen Mikroparlamente für jeweils verschiedene Gegenstände.

Powision: Die Kritik ist durchaus noch aktuell. Warum sollte man die Interessen von Dingen berücksichtigen, die dem Menschen gar nicht dienlich sind? Sollten die Dinge nicht vielmehr bloße Mittel, überspitzt: Sklaven des menschlichen Interesses sein? Warum diese Empathie für die nicht-menschlichen Wesen?

Bruno Latour: Das ist eine verbissen modernistische Attitüde. Natürlich, wenn Sie die Dinge im Sinne des naturalistischen Objektivismus eines John Locke des 17. Jahrhunderts verstehen, ist mein Argument absurd, akzeptiert. Aber es ist gerade das Locke’sche Argument, das absurd ist. Denn die Dinge, die nicht-menschlichen Wesen, waren niemals Objekte im Lockeschen Sinne, weder für Politiker oder Industrielle, noch für Künstler oder Handwerker. Sie waren niemals Sklaven der menschlichen Subjektivität. Das ist die Phantasmagorie des Kantianismus. Kein Mensch hat jemals auf diese Weise gelebt. Selbst Ihr Hut ist kein Sklave ihrer Subjektivität.

Powision: Er ist ein Element meines Kleidungsstils…

Bruno Latour: …ein Element Ihres Stils, aber kein Sklave.

Powision: Ich bin derjenige, der Entscheidung über ihn treffen kann, und er dient meinem Interesse.

Bruno Latour: Aber was ist Ihr Interesse? Sehen Sie, das Problem ist doch die modernistische Teilung in Subjekte und Objekte. Das setzt voraus, dass man weiß, was ein Subjekt ist. Ein Subjekt mit einem Hut ist nicht das gleiche Subjekt ohne Hut. Folglich ist der Hut ein Akteur, ein Aktant. Man nimmt mein Argument und stellt fest: Aus Sicht der Objekte ist es bizarr, aus Sicht der Subjekte plausibel. Die Grenzziehung ist albern. Ohne Objekte wird es auch keine Subjekte mehr geben. Das ist die Konstruktion der Phantasmagorie von Kant. Eine Frage: Sind Sie die gleiche Person ohne Hut wie mit?

Andere Frage: Ist die Menschheit ohne roten Thunfisch die gleiche Menschheit wie mit? Wenn die globale Temperatur weiter steigen wird, das Ozonloch sich vergrößert, die Ölquellen versiegen werden, wird die Menschheit selbstverständlich eine andere sein als heute. In diesem ganzen Zusammenhang ist es die Frage, die bizarr ist. Die Leute sagen: Latour hat ein Buch mit dem Titel „Parlament der Dinge” geschrieben, das sehr bizarr ist, weil die Objekte darin nicht die Rolle von Sklaven spielen. Die einzige Rolle, die sie sich für die Dinge vorstellen können, ist die des Objekts. Doch das Objekt ist nichts anderes als eine Rolle, ein gegebener Stil, der in einer bestimmten Epoche erfunden wurde.

Die ökologische Krise ist eine Möglichkeit, die Absurdität dieser Trennung ins Bewusstsein zu rücken. Plötzlich erkennt man, dass die Überfischung den roten Thunfisch bedroht, dass der Konsum chemischer Produkte das Ozonloch vergrößert und dass das alles Auswirkungen auf die Menschheit haben wird, dass also nicht-menschliche Akteure die Menschen zu Handlungen veranlassen und dass sich deren Subjektivität ändern wird.

Powision: Anderes Beispiel: Sind die Interessen der Grenzzäune und Patrouillenboote der Festung Europa genauso legitim wie die der afrikanischen Flüchtlinge, die an Europas Küsten gespült werden?

Bruno Latour: Mein Argument der Naturpolitik macht die Politik nicht einfacher, und zur Migration habe ich auch nichts Interessantes zu sagen. Sie können aber die Politik auch nicht vereinfachen, indem Sie sagen: Wir kümmern uns nur um die afrikanischen Menschen, den roten Thunfisch lassen wir aber außen vor. Die Integration der nicht-menschlichen Wesen wird es zwar nicht schwieriger machen, zumindest aber den Themenkomplex erweitern, der berücksichtigt werden muss. Es gibt also nicht nur die Afrikaner, sondern auch den roten Thunfisch. Wenn ich nun die Dinge so lege, wird mir vorgeworfen, ich würde die Afrikaner objektivieren. Aber das stimmt nicht, beide sind im Interesse  verschiedener Akteure. Es gibt überdies noch viele weitere Themen, die Liste der Wesen, die man berücksichtigen muss, ist nicht abgeschlossen. Und sie muss immer wieder neu verhandelt werden. Das übrigens ist meiner Meinung nach die primäre Aufgabe der Politik in der Naturpolitik. Es gibt die Afrikaner, es gibt das Ozonloch, es gibt den roten Thunfisch, die alle als potentielle Kandidaten dieser Liste infrage kommen, die kollektive Angelegenheiten verhandelt. Nichts von all’ dem könnte gelöst werden, wenn man bequem sagen würde: Wir kümmern uns weder um das Ozonloch, noch um den roten Thunfisch, sondern nur um die Afrikaner. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Warum wollen denn überhaupt die Afrikaner nach Europa? Auch weil ihr eigenes Öko-System, ihre eigene anthropogene Konstruktion zerstört oder massiv verändert wurde. Der Anteil der Subjektivität in der Frage der Migration der Afrikaner ist nicht klar destillierbar. Es gibt eine ganze Reihe andere Wesen die mit den Afrikanern aus den jeweiligen Dörfern, Kulturen und Öko-Systemen verbunden sind.

Ich verstehe die Kritik, es ist aber ein moralisches Argument, was im politischen Raum schon mal grundsätzlich eine komplizierte Angelegenheit ist. Abgesehen davon halte ich sie für eine deutsche Eigentümlichkeit. Für die Deutschen gibt es vier, fünf Basiskonzepte, die man – aufgrund der deutschen Vergangenheit – aufrechterhalten muss. Eingedenk des Nationalsozialismus, achten sie stets auf die „political correctness” und trennen sauber zwischen den Subjekten und Objekten.

Powision: Eine moralische Frage ist in diesem Zusammenhang keineswegs unangebracht…

Bruno Latour: Natürlich nicht. Aber es gibt moralische Fragen ganz anderer Art, die ich für interessanter halte. Die Frage ist, wo Sie die Moral ansiedeln. Ich persönlich interessiere mich für die ökologische Moral und dafür, die Moral in der Politik neu zu definieren. Den Moralismus jedoch, der die Subjekte von den Objekten trennt, halte ich für uninteressant.

Die Moral ist zweifellos eine große Frage, es ist die Frage nach den Zwecken und Mitteln. Mein konkretes Thema ist die Frage, wie die Moral vom Modernismus und seiner moralistischen Trennung der Subjekte und Objekte verdorben wurde. Übrigens sind Sie auch nicht sehr moralisch, wenn Sie die Dinge als bloße Sklaven der Menschen betrachten, wenn Sie Ihren Hut als Mittel, ein simples Mittel betrachten und nicht als einen Zweck. Sie beschuldigen mich vielleicht der Immoralität, weil ich die menschlichen von den nicht-menschlichen Wesen nicht trenne. Doch wenn ich Sie gegenanalysiere, komme ich nicht umhin Ihren Begriff des Sklaven, mit dem Sie die Beziehungen zu den Dingen beschreiben wollen, als ziemlich merkwürdig und unmoralisch zu bezeichnen.

Powision: Herr Latour, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Daniel Mützel

Originalzitation: Latour, Bruno (2009): Kann die Menschheit ohne Thunfisch noch dieselbe sein? – Ein Gespräch. In: Powision, Jg. 4, H.1, S.69-73.

 

La volonté du peuple juif de disposer de lui-même est la véritable origine de l’Etat d’Israël

Ein Gespräch über Israel mit David Khalfa, Dozent für Geopolitik und Internationale Beziehungen an Sciences Po in Paris. Er ist zudem als Berater für das französische Außen- und Verteidigungsministerium tätig.

Die gekürzte, ins Deutsche übersetzte Version erschien in: Powision-Magazin, Vol.6 (“Räume und Grenzen”).

Powision: Au novembre 2008, la Cour suprême d’Israël et toute la classe politique sont intervenus dans une dispute entre Israéliens et Palestiniens sur le droit de propriété d’un bâtiment à Hébron. La conséquence était l’évacuation par force des habitants israéliens récalcitrants. Pourquoi l’Etat d’Israël combat-il pour chaque mètre de son territoire comme si chaque fois l’existence de l’Etat entier est en jeu ?

David Khalfa: Israël est un Etat-nation moderne qui ne dispose pas de véritables frontières orientales mais de simples lignes d’armistice. L’importance accordée à l’espace est tout d’abord liée aux contraintes géostratégiques et géopolitiques qui pèsent sur l’Etat juif : son territoire est exigu, dépourvu de ressources naturelles et ancré dans un environnement belligène. Pour reprendre la célèbre formule de Bonaparte, Israël fait « la politique de sa géographie ». En outre, le lien entre la naissance de l’Etat d’Israël et le territoire sur lequel il s’étend touche au fondement même du projet sioniste. Celui-ci visait à stabiliser spatialement et politiquement le peuple juif en le dotant d’un territoire spécifique sur lequel son destin national s’est noué: le Pays d’Israël (Eretz Israël). Cet espace rêvé autant que désiré, a imprégné des siècles durant l’imaginaire collectif du peuple juif. Pour la plupart des Juifs, y compris pour ceux qui furent les plus éloignés de la Tradition religieuse, le rapport au Pays d’Israël fut longtemps d’ordre émotif, charnel, voire quasi mystique. Pour autant, c’est le pragmatisme et le réalisme qui a guidé les pères fondateurs d’Israël dans leur rapport à l’espace : le territoire était avant tout un moyen au service de la refondation d’un Etat-nation juif souverain et indépendant. Si les discussions sur la détermination des frontières terrestres d’Israël ont fait rage entre les différents courants idéologico-politiques du mouvement sioniste – religieux-nationaux, socialistes, libéraux et révisionnistes jabotinskiens -, il n’en demeure pas moins qu’un large consensus s’est dégagé en faveur d’une approche accordant aux intérêts stratégiques, sécuritaires et économiques la précellence sur la réalisation de l’idéal collectif de retour aux « frontières de la Promesse » (incluant la Cisjordanie et la bande de Gaza). C’est au nom de ce pragmatisme territorial que les leaders du mouvement sioniste ont accepté les différents plan de partition de la Palestine mandataire (1937, 1947). Pour les dirigeants sionistes, il s’agissait de doter le peuple juif d’une solide assise territoriale pour y édifier un État moderne et non restaurer le royaume de David antique.

La guerre des Six-Jours a en revanche servi d’élément déclencheur à l’épanouissement d’un nationalisme religieux qui a rompu de façon tonitruante avec le pragmatisme territorial des pères fondateurs d’Israël. Davantage qu’un bouleversement de l’échiquier géopolitique régional, la conquête de la « Judée Samarie » (Cisjordanie/Bande de Gaza) a été interprétée par la droitre sioniste religieuse comme une nouvelle étape dans le processus messianique de Rédemption du peuple juif. Pour les nationalistes religieux affiliés au Goush Emounim (Bloc des Croyants), ce territoires conquis à la faveur du Blitzkrieg israélien doivent être annexés à l’Etat d’Israël. Celui-ci devait s’atteler à promouvoir une politique de peuplement juif vigoureuse destinée à juguler la croissance démographique palestinienne. C’est dans ce contexte historique que s’inscrivent les émeutes déclenchées par les colons à la suite de l’évacuation par le gouvernement israélien de la maison de la « dissension » à Hébron. La ville des « Patriarches » symbolise à l’échelle locale la lutte que se livre Israéliens et Palestiniens pour l’appropriation d’un même espace territorial, Eretz Israël pour les uns, Filastin pour les autres. Ce minuscule territoire est le support de représentations collectives antagonistes. Pour les Israéliens, Hébron est la deuxième ville sainte d’Israël (derrière Jérusalem) et abrite le Tombeau des Patriarches et des Matriarches (Adam, Eve, Abraham, Sarah…) du peuple Hébreu. Pour les Palestiniens, Hébron abrite la mosquée d’Ibrahim, l’Islam considérant Abraham comme un prophète musulman qui, selon le Coran, avait construit la Kaaba de la Mecque avec son fils Ismaël.

Powision: Mais la résistance juive contre le retrait de la bande de Gaza en 2005, organisée par le mouvement des colons, ne montre-elle pas la puissance des colons et l’importance persistante de la pensée d’avoir un droit divin sur l’espace biblique en Palestine?

David Khalfa: L’évacuation de la totalité des colonies de la Bande de Gaza et de quatre colonies de l’extrême nord de la Cisjordanie illustre au contraire l’ampleur de l’échec subi par le mouvement des colons. Celui-ci était parvenu à bouleverser la cartographie politique et géographique de l’Etat d’Israël au sortir de la guerre des Six Jours. Or, le retrait de Gaza initié par Ariel Sharon, fondateur historique de la droite nationaliste et principal artisan de la politique d’implantation d’Israël dans les Territoires conquis, est un double échec pour les colons: un échec politique, la bataille parlementaire ayant été perdu faute d’alliés suffisamment puissants et nombreux  pour faire chuter le gouvernement Sharon; un échec idéologique, le retrait de Gaza ayant été soutenu par une majorité d’Israéliens (Juifs et Arabes confondus) pour qui le rêve du Grand Israël dans ses frontières biblico-historiques n’est désormais plus qu’une vaine illusion collective.

Cet échec historique du mouvement des colons a plongé ce dernier dans une crise sans précédent qui a ébranlé ses fondements idéologiques, sa vision du monde, ainsi que son positionnement sur l’échiquier politique israélien. Désormais scindé en deux, ce puissant mouvement sociopolitique est partagé entre une minorité de radicaux adeptes du recours à la violence physique pour empêcher toute nouvelle évacuation en Cisjordanie et une majorité de pragmatiques favorables au maintien d’une logique de désobéissance civile non violente. C’est le rapport à l’Etat d’Israël et à ses institutions qui est à la racine de cette fracture interne au mouvement des colons. Les radicaux font de l’Etat d’Israël un moyen au service de la reconquête de l’intégralité de la Terre d’Israël (Cisjordanie et bande de Gaza incluses). Les pragmatiques privilégient leur allégeance à l’Etat sur l’idéal de rétablissement de la plénitude territoriale d’Israël.

Aujourd’hui les sirènes du Retour et l’hybris territorial qui a fait chavirer les esprits de toute une génération d’Israéliens après la victoire éclaire de 1967 n’opèrent plus. Le charme est rompu. La plupart des Israéliens – société civile et dirigeants inclus – sont favorables à la création d’un Etat palestinien aux côté d’Israël, moins pour des raisons morales que pour des raisons démographiques et géostratégiques. Il s’agit de réduire autant que possible les zones de « frictions » avec la population palestinienne et de préserver le caractère juif et démocratique de l’Etat d’Israël qui est fondement de son identité nationale.

Pour les Israéliens, la multiplication des colonies de peuplement n’est désormais plus considérée comme l’expression de la vitalité de l’éthos pionnier et comme l’accomplissement naturel du projet sioniste. Les colonies ne sont plus un gage de sécurité, à tout le moins, s’agissant de celles qui sont implantées dans les territoires densément peuplées par la population palestinienne. Ces colonies dispersées et isolées sont désormais perçues comme une menace susceptible de remettre en cause le caractère juif et démocratique de l’Etat d’Israël. Amorcée au début des années 1990, cette révolution cognitive n’est désormais plus remise en cause, en dépit des échecs répétés des négociations israélo-palestiniennes et des multiples guerres asymétriques qui ont ensanglantées la région. Seule la question de l’après retrait territorial et ses conséquences sur le plan sécuritaire et stratégique fait aujourd’hui l’objet de vives discussions au sein des cercles de décideurs politiques et militaires. Ceux-ci craignent de nouvelles attaques palestiniennes sur les grands centres urbains et populeux du centre d’Israël à partir des zones qui seraient évacuées à la suite d’un accord de paix ou d’une décision unilatérale israélienne. Les tirs de missiles balistiques à partir de la bande de Gaza sur les populations civiles du sud d’Israël n’ont fait renforcer cette crainte.

Powision: L’objectif principale du projet sioniste que vous avez mentionné, de donner les Juifs un espace politique, est atteinte – même si l’Etat d’Israël est encore entourés des ennemis. Est-ce que le débat sur la démographie et la nécessité d’augmenter le taux de natalité juif seulement une politique ethno-culturaliste ou touche-il la véritable essence du projet sioniste, et par conséquent de l’Etat d’Israël?

David Khalfa: L’importance accordée au facteur démographique s’inscrit dans le temps long de l’histoire juive. L’antisémitisme moderne, né à la fin du XIX siècle, prend alors le relais d’un antijudaïsme chrétien séculaire. Symbole de l’échec de l’Emancipation, cet antisémitisme racial a redéfinit le destin juif comme un destin collectif. Avec le sionisme, une partie du monde juif a entrepris de transformer positivement ce destin collectif. Il s’agissait de rompre avec le statut d’objet tragique de l’histoire auquel les Juifs de Diaspora semblaient devoir être condamnés. En effet, la condition minoritaire des Juifs de Diaspora vouait ces derniers à mener une existence précaire, ponctuée par des phases d’exclusion et de persécution. Soumis au bon vouloir du Prince et aux humeurs changeantes de sa population, les Juifs étaient souvent condamnés à jouer malgré eux, le rôle de bouc-émissaires lorsque les conditions socio-économiques et politiques se dégradaient.

Le sionisme entendait mettre un terme à cette condition précaire en rassemblant géographiquement les Juifs sur un territoire déterminé afin des les constituer en majorité souveraine. Il s’agissait ce faisant de rompre avec la condition de sujet victimaire et aliéné, soumis aux contingences de l’histoire. En prenant en main leur destinée collective, les Juifs redevenaient les sujets de leur propre histoire et opéraient ainsi le passage de l’Emancipation à l’Auto-émancipation. En un mot, le mouvement sioniste entendait donner une réponse collective et politique à « la question juive ».

Powision: Donc, l’essence même du projet sioniste et sa matérialisation étatique implique un tracé intérieur des frontières pas négociable, un mécanisme d’exclusion des non-Juifs dès que la majorité juive dans l’Etat n’est pas assurée.

David Khalfa: La volonté de maintenir une majorité juive en Israël n’est pas incompatible avec le respect du droit des minorités non juives. L’Etat d’Israël se caractérise par la diversité ethnico-religieuse de sa population. Près de 20% de ses citoyens ne sont pas Juifs. Pour autant Israël se définit comme un Etat juif. Or, le caractère juif de l’Etat d’Israël est la conséquence logique de ses fondements démocratiques. En effet, la nature et les attributs de l’Etat d’Israël reflètent nécessairement le vœu de la majorité juive qui exprime ainsi son désir légitime de préserver les spécificités de son identité nationale. Sans majorité démographique juive, il n’y a pas d’Etat juif souverain. Nier, au nom des valeurs démocratiques, la légitimité d’Israël comme Etat juif, c’est refuser de reconnaître au peuple juif le droit à l’auto-détermination. Bien entendu, la réalisation de ce droit n’est pas incompatible avec le respect symétrique du droit du peuple palestinien à l’auto-détermination. Ce droit s’exprimera légitimement dans le cadre dans frontières du futur Etat arabe palestinien

Le sionisme est fondé sur le projet de fonder un Etat unitaire. Pour autant, l’Etat d’Israël distingue – à la différence du modèle français – les concepts de citoyenneté et de nationalité. La citoyenneté ne se dissout pas dans les communautés ethnoculturelles qui dessinent les contours d’une société israélienne diverse et bigarrée. On peut être de citoyenneté israélienne et dans le même temps, appartenir à une communauté ethnonationale arabe, bédouine, druze, circassienne… La citoyenneté  israélienne est par conséquent essentiellement de nature juridique et administrative.

Powision: Mais depuis la naissance du mouvement sioniste jusqu’aujourd’hui beaucoup de d´cades sont écoulées. N’est-il pas temps de reconsidérer les fondements de ce mouvement ainsi que ceux de l’Etat? Pourquoi cet urgence de maintenir une majorité juive au lieu d’un Etat démocratique neutre qui réduirait la discrimination structurelle?

David Khalfa: La discrimination dont sont victimes les citoyens non-juifs d’Israël n’est pas inscrit dans l’ADN idéologique et politique du sionisme. Elle est encore moins la conséquence logique du caractère juif de l’Etat d’Israël.

La conception israélienne de la citoyenneté n’est pas républicaine au sens où une identité collective fictive s’imposerait aux différents groupes qui composent la société. Cela s’explique largement par la pesanteur des différences culturelles, linguistiques et confessionnelles qui existent au sein de la population israélienne. Israël admet l’existence de médiations instituées entre ses citoyens et l’Etat. Il n’y a donc pas d’identité nationale supra-communautaire. D’ailleurs les minorités non juives ne le demande pas. Pourquoi ? Parce qu’elles entendent bien voir l’Etat d’Israël respecter leur droit de préserver leur particularisme identitaire. En effet, une citoyenneté israélienne supra-communautaire implique un double renoncement identitaire. La majorité juive devrait renoncer aux symboles de l’Etat d’Israël (drapeau, hymne national…) tout comme à son lien historique avec la diaspora. Mais ce suicide identitaire impliquerait un renoncement parallèle et symétrique pour les minorités non juives d’Israël et notamment pour la minorité arabe. Celle-ci devrait dans ce cas de figure, renoncer à son identité nationale palestinienne au bénéfice d’une identité israélienne largement fondée sur la langue hébraïque. Or, la minorité arabe, bien que citoyenne de l’Etat d’Israël, s’éprouve d’abord comme membre de la nation arabe et du peuple palestinien. Elle entend donc voir l’Etat d’Israël respecter les spécificités de son identité religieuse et linguistique.  Il y a donc une bonne dose d’arrogance à demander à ce que Juifs et Arabes se dépouillent de leur identité propre sur l’autel d’un universalisme abstrait et désincarné. Cette vision européocentriste et orientaliste ne correspond ni à la volonté des uns, ni à celle des autres.

Les discriminations bien réelles des citoyens arabes d’Israël s’expliquent bien plutôt par la prégnance du conflit israélo-palestinien et son impact sur les mutations de la société israélienne.

Israël ne vit pas dans un espace géopolitique pacifié, à la différence de l’Allemagne et de la France qui ne vivent en paix que depuis 1945. Israël évolue dans un espace géopolitique conflictuel et hostile. Or, le conflit séculaire qui oppose Israël aux Palestiniens contribue à entretenir un climat de méfiance réciproque entre les citoyens Juifs et Arabes de l’Etat hébreu.

Par ailleurs, la situation des citoyens Arabes d’Israël a évolué de manière substantielle depuis 1948. Ils jouissent bien entendu de droits individuels qui leur sont conférés en tant que citoyens de l’Etat d’Israël : droit de vote, droit de représentation politique, droits économiques et sociaux. Ils bénéficient également de droits culturels collectifs, notamment en matière d’éducation, de religion et de langue. En effet, les citoyens arabes d’Israël disposent de leur propre système d’enseignement ainsi que des tribunaux religieux qui gèrent de manière autonome les questions liées au statut personnel (mariage, divorce, héritage…). Des progrès ont également été enregistrés en matière de santé, de formation et d’éducation. Une bourgeoisie possédante et une élite intellectuelle se sont développées. Cependant les écarts et les discriminations subsistent entre citoyens juifs et arabes, notamment dans le domaine social et économique. C’est la raison pour laquelle les citoyens arabes d’Israël demandent l’abolition de ces discriminations et le respect de leur spécificité culturelle.

Powision: Mais même si cette dualité de l’Etat n’est pas la raison principale pour la discrimination des Arabes israéliens: Pourquoi maintenir ce concept quand il implique au moins la possibilité structurelle pour une discrimination, face au fait que les arguments principaux pour l’Etat – les persécutions, la Shoah – sont pris compte par l’existence de l’espace de protection.

David Khalfa: L’antisémitisme moderne et le génocide juif ne constituent en aucun cas les causes exclusives et mécaniques de l’émergence du sionisme. Il n’est pas question de sionisme lors d’épisodes antérieurs de l’histoire juive marquée par les violences, les persécutions, les expulsions et les massacres. « La sagesse des nations » affirme aujourd’hui que l’Etat d’Israël serait le fruit de la Shoah, né d’un “cadeau” de l’Occident fait aux Juifs en raison de la “sympathie active” que leur malheur aurait suscité chez leurs anciens persécuteurs. Or, à la veille de la Seconde Guerre mondiale, le Foyer national juif en Palestine mandataire (Yishouv) rassemblait déjà près de 600 000 Juifs (pour 1 200 000 Arabes environ). Dès 1937, la puissance mandataire britannique reconnaissait, à travers la Commission Peel, que cette “communauté nationale” était prête à s’autogérer sous une forme étatique. Il ne s’agissait donc pas d’une communauté juive de plus, mais bien de l’embryon d’un pouvoir politique et d’un proto-Etat qui disposait d’institutions sociales, économiques, culturelles, militaires et politiques. Appréhender la fondation de l’Etat d’Israël comme la “conséquence” de la Shoah, c’est occulter la réalité historique qui a précédé 1940 et passer sous silence plus d’un demi-siècle d’histoire du mouvement national juif. C’est assimiler abusivement la proclamation officielle de l’Etat d’Israël le 14 mai 1948 à un surgissement ex nihilo redevable de la seule décision de l’ONU. Il ne faut pas négliger la nature fondamentalement politique du sionisme qui entendait donner au peuple juif un toit politique à travers un Etat-nation souverain. Le mouvement national juif est né en Europe orientale dans la seconde moitié du XIX siècle dans le contexte de « l’éveil des nationalités » et du « Printemps des peuples ». Il s’est inspiré de la philosophie des Lumières, du romantisme allemand et de la montée des nationalismes européens. La volonté du peuple juif de disposer de lui-même est la véritable origine de l’Etat d’Israël. Les persécutions anti-juives n’ont fait qu’accélérer le processus de structuration politique du sionisme. Il reste cependant vrai que la mémoire du génocide a contribué à modeler l’identité israélienne contemporaine.

Powision: Mais la nation du « peuple juif » n’est-elle pas une contradiction en soi? D’un côté d’affirmer de constituer une nation juive qui est de l’autre fondé pour la plupart sur la religion juive?

David Khalfa: Le peuple juif est avant tout une réalité psychosociologique : il regroupe une population partageant une même culture, une même religion, un imaginaire collectif et spirituel ainsi qu’une mémoire et une histoire commune. La religion ne recouvre donc en aucun cas la notion de peuple juif.

A partir du XVII/XVIII siècle, le peuple juif est traversé, à l’instar du monde chrétien d’Europe, par la crise de la foi. Les Juifs connaissent alors une crise identitaire, tiraillés d’une part entre le maintien d’une orthodoxie religieuse en perte de vitesse et d’autre part le risque de l’assimilation à la société environnante. Face au choc de la modernité, le sionisme offre quant à lui une troisième voie, séculière et nationale. Il entend rompre avec une définition strictement confessionnelle de l’identité juive et entreprend de la séculariser en l’alignant sur le principe des nationalités. Il incarne de ce point de vue un projet de société volontariste et moderne en rupture avec les présupposés de la tradition. Il s’apparente à ce moment de l’histoire d’Occident que Marcel Gauchet définit comme la “sortie de la religion”. C’est la raison pour laquelle la majorité des rabbins orthodoxes de la fin du XIX siècle et du début du XX siècle ont assimilés le sionisme à une hérésie et à une révolte contre Dieu.  Toutefois, comme vous le faîtes très justement remarquer, le judaïsme est à la fois nation et religion. Ces deux dimensions sont indissociables. Si le sionisme est l’enfant de la sécularisation, il est en même temps inséparable de l’attachement historique des Juifs à la terre d’Israël, une terre où la liturgie et la tradition religieuse juive s’enracine.

Le sionisme entretient un rapport dialectique avec la tradition : il est en rupture avec le monde religieux traditionnel mais il en prolonge en les laïcisant deux traits fondamentaux : Il reconnaît l’importance et le rôle crucial joué par la religion dans la persistance historique du peuple juif; Il s’appuie en la sécularisant, sur l’aspiration séculaire du retour à Sion.  Cette ambivalence et cette dépendance d’ordre symbolique à l’égard de la tradition, explique les difficultés que rencontre l’Etat d’Israël dans sa volonté de détacher son identité nationale du facteur religieux.

Powision: Cette contradiction, ne cause-elle pas une variété des problèmes aujourd’hui – pour les Juifs eux-mêmes comme pour les minorités? Est-ce qu’on peut s’imaginer une nation juive sans la religion ?

David Khalfa: Seul l’avenir le dira. Israël n’est pas allé jusqu’au bout de la révolution identitaire impulsée par le sionisme : le modèle d’entrée dans la nation juive demeure la conversion religieuse ou la filiation matrilinéaire. L’identité nationale n’est donc pas totalement indépendante de l’identité religieuse. Ceci s’explique principalement par le fait que les pères fondateurs d’Israël souhaitaient éviter un Kulturkampf entre citoyens religieux et laïcs. Cela leur semblait d’autant plus nécessaire qu’Israël livraient alors ses premiers combats pour la survie de son Etat et ne pouvait donc se payer le luxe d’une « guerre civile culturelle ». En outre, il s’agissait de maintenir un critère identitaire commun avec la diaspora. La loi du retour est en est l’illustration la plus éclatante sur le plan institutionnel. Il s’agit d’une loi de rapatriement dont la légitimité s’ancre dans le fait que les Juifs sont un peuple dispersé, dont Israël est l’Etat-nation.

Notons toutefois que s’il n’y a pas de jure de séparation entre nation et religion en Israël, de facto, la majorité des habitants juifs du pays ne se plie pas à loi religieuse (la Halakha) dont l’autorité est d’ailleurs confinée sur le plan juridique à la gestion du statut personnel (mariage, divorce, héritage…). Le spectre des attitudes qu’entretiennent les Israéliens à l’égard de la religion est très large : il s’étend de l’athéisme radical anticlérical à l’ultra-orthodoxie religieuse la plus stricte, avec, entre ces deux extrémités, toutes une série de nuances. En réalité, le judaïsme est une référence majeure mais non exclusive de l’identité nationale israélienne. Il est un cadre qui sert de référence symbolique à la population juive du pays et qui rythme sa vie quotidienne. Il n’est pas un corpus juridique et religieux contraignant.

Il y a aujourd’hui des tentatives pour créer une définition plus « civique » de la nation, notamment en matière de statut personnel (Maamad Ishi). Le Maamad Ishi distingue Israël des démocraties libérales classiques. En effet, tout en veillant à garantir la liberté de culte des différentes confessions religieuses (chrétiennes, musulmanes, bahaíe…), l’Etat d’Israël ne prétend pas être neutre vis-à-vis des cultes. L’Etat puise dans le judaïsme quelque uns de ses principaux symboles à l’instar de l’Angleterre, de la Grèce ou encore de l’Irlande. Cependant, la différence principale avec ces pays réside dans la gestion du statut personnel : en Israël celui-ci est confié aux clergés des trois grandes religions monothéistes. Ce système est hérité du millet ottoman. Il s’agit d’accorder à chaque groupe ethno-religieux une large autonomie culturelle et juridique. Si le judaïsme est religion dominante (sur le plan démographique), il n’est pas religion d’Etat. Celui-ci subventionne les clergés sans exercer un contrôle étroit. Ce système a le mérite de garantir la paix sociale. Il comporte néanmoins un certain nombre d’inconvénients et génère parfois de véritables injustices, notamment en raison de l’immixtion de la religion dans la vie privée. Ainsi, les non-pratiquants, les non-croyants et les agnostiques des trois religions ne peuvent se marier civilement. C’est la raison pour laquelle un certain nombre d’associations et de groupes extra-parlementaires luttent, notamment auprès de la très libérale Cour suprême d’Israël, pour qu’un système civil complet en matière de droit personnel soit mis créé. Seule la mise en place d’une véritable Constitution(1) au sens formel du terme semble être en mesure de régler cet épineux problème.

Israël est une jeune démocratie. Rien n’est donc figé. Tout se négocie en permanence entre les différents groupes qui composent la mosaïque sociale israélienne. Par conséquent, les rapports entre nation et religion sont susceptibles d’évoluer dans un sens plus conforme aux standards en vigueur dans les démocraties libérales européennes.

Powision: Et vous ne voyez aucun danger de cette ambivalence structurelle pour la démocratie en Israël? Ni les frontières intérieures ni celles extérieures sont claires, leur fixation définitive appartient à la majorité qui se circonscrit ethniquement – au détriment potentiel des minorités.

David Khalfa: Encore une fois, Israël est une jeune nation qui évolue dans un espace belligène. La question du tracé de ses frontières – intérieures et extérieures – ne se pose donc pas de la manière que pour un Etat européen. On oublie souvent que l’Europe ne vit dans un espace pacifié que depuis 1945. Encore ne s’agit-il que de l’Europe occidental, les Balkans étant loin d’être pacifiés, sans parler de l’espace géopolitique dans lequel évoluent les anciens satellites de l’ex-URSS. Juger la situation singulière d’Israël à travers le prisme de la « paix perpétuelle » qui semble être l’horizon temporel d’une Europe en mal de projet politique est une perspective pour le moins européo-centrée. Il n’est pas de modèle théorique qui permette de définir de manière objective la nation et de rendre compte de ce qu’est le sentiment national. Il existe certes un certain nombre de critères qui permettent d’en dessiner les contours : la langue, le territoire, la religion…Pour autant, la nation est avant tout affaire d’auto-perception et d’autodéfinition. Ses frontières évoluent donc en fonction des rapports de forces et des négociations auxquels se livrent les principaux groupes membres de la communauté nationale.

Powision: D’un cote il y a une association très proche entre la politique et le territoire. De l’autre il y a une diaspora qui a une influence directe (par lobbyisme) et indirecte (au chemin d’autre pays), mais qui ne vit même pas en Israël…

David Khalfa: Sur le plan historique, les Juifs n’utilisèrent pas le terme grec de diaspora pour désigner leur peuple, mais le terme hébraïque galuth qui suggérait l’idée d’exil plutôt que celle de dispersion. Le xixe siècle incarne de ce point de vue tournant historique car le recours au terme Diaspora s’impose. Il illustre de la part des Juifs, notamment d’Europe occidentale, une volonté de réaffirmer leurs liens avec l’État et la nation dans lesquels ils vivaient. La naissance de l’Etat d’Israël n’a pas fondamentalement bouleversé le rapport qu’entretiennent les Juifs à l’égard des pays dans lesquels ils vivent. Craignant d’être soupçonnés d’entretenir une double allégeance, certains ont même été jusqu’à se désolidariser publiquement de l’Etat d’Israël.

Aujourd’hui la majorité des Juifs du monde ne vivent pas en Israël. Cependant le rapport démographique entre Israël et la diaspora juive s’inversent lentement : près de six millions de Juifs vivent en Israël, soit 42% de la population juive mondiale qui avoisine les 14 millions. De plus, alors les communautés juives de diaspora ont tendance à diminuer, la croissance démographique est forte en Israël. Dans les vingt à trente prochaine années, la majorité de la population juive mondiale vivra en Israël.

La diaspora juive demeure toutefois un acteur-clé des relations entre Israël et les pays d’accueil dont les Juifs sont les ressortissants : aussi bien dans le domaine de la politique intérieure que dans celui de la politique étrangère. Cette influence est cependant loin d’être homogène. Il faut en effet distinguer l’attachement viscéral que la majorité de la population juive mondiale voue à l’existence et à la sécurité de l’Etat d’Israël, et la multiplicité des opinions qui s’expriment relativement aux choix politiques contingents effectués par les dirigeants israéliens. Cette diversité des opinions et des engagements idéologiques concerne une variété de sujets, allant des relations entre Etat et religion aux soubresauts du conflit israélo-arabe. En revanche, en cas de conflit militaire, la diversité des opinions s’effacent derrière un reflexe de solidarité à l’égard d’un Etat d’Israël perçu comme menacé et agressé.

Powision: La diversité des opinions des Juifs diasporiques semble d’être une particularité juive-européenne. Aux Etats-Unis on peut observer un consensus plus fort au sein de la diaspora juive. Ce consensus est-il la raison pour la puissance de la diaspora juive-américaine dont autour leur influence à la politique étrangère américaine est allumée un vif débat il y a plus d’une année ?

David Khalfa: Vous faîtes référence au livre de John Mearsheimer et de Stephen Walt sur le « lobby juif » américain…

Powision: …et dont la couverture de l’édition allemande (Campus-Verlag) ressemble péniblement un livre du nazi allemand Johann von Leers des années 40(2) sur le même sujet…

David Khalfa: … Ce livre a eu le mérite de mettre l’accent sur la puissance du lobby juif américain pro-israélien et son importance pour le système politique américain. Je ne partage cependant pas la conclusion des auteurs car je crois qu’ils tendent à surévaluer son influence et tombent malheureusement dans les fantasmes et les stéréotypes les plus éculés lorsque les États-Unis sacrifieraient leur intérêt national au profit des ambitions de l’État d’Israël.

Il me semble qu’il faille tout d’abord porter une attention toute particulière à la terminologie. Plutôt que de parler de lobby juif américain pro-israélien, il est plus pertinent de parler de lobby américain pro-israélien car tous les défenseurs d’Israël aux Etats-Unis ne sont pas juifs, loin s’en faut. Ainsi, la droite chrétienne néo-évangéliste, qui compte des millions d’électeurs, est un soutien inconditionnel d’Israël. Par ailleurs, les juifs américains votent traditionnellement démocrates. Ils furent plus de 78% à avoir voté pour Barack Obama lors des dernières élections présidentielles américaines.

En outre, il me semble impossible d’isoler l’action du lobby juif américain du contexte plus large de la formulation de la politique étrangère étasunienne. Celle-ci obéit à un grand nombre de facteurs. Les lobbies n’en constituant qu’un seul parmi tant d’autres. Ce qui explique aujourd’hui la politique américaine au Moyen-Orient et notamment sa relation « spéciale » avec Israël, ne peut évidemment pas être réduit à l’influence présupposée du lobby américain pro-israélien. Ce sont les considérations géostratégiques et géopolitiques qui sont en la matière déterminantes. Israël est l’un des alliés stratégiques des USA dans la région, avec l’Egypte, l’Arabie saoudite et la Jordanie. De plus, il ne faut pas oublier qu’Israël et les USA partagent un imaginaire national quasi identique. Ce sont deux sociétés d’immigrations fondées sur la figure mythique du pionnier. Les colons anglo-saxons qui ont émigré en Amérique du Nord envisageaient cette nouvelle terre comme une Terre promise, sur le modèle des Hébreux partis d’Egypte pour rejoindre la terre « où coule le lait et le miel ». Par ailleurs, le caractère démocratique des deux Etats et les valeurs sur lesquelles ils sont fondés contribuent également à expliquer la nature de leurs relations.

Enfin, les attentats du 11 septembre 2001 et « la guerre contre la terreur » ont conjoncturellement consolidé cette relation spéciale. Israël est la seule démocratie du Moyen-Orient en butte au terrorisme islamiste. Les USA, sous l’impulsion des néoconservateurs de l’Administration Bush fils, ont tenté d’exporter le modèle démocratique pour façonner un « Grand Moyen-Orient » débarrassé de l’autoritarisme et de l’extrémisme religieux. C’est cette vision utopique quasi messianique qui a particulièrement imprégné la première partie du mandat de GW Bush. Elle a eu des conséquences géostratégiques et sécuritaires assez catastrophiques que le second mandat du président républicain a tenté d’atténuer. Partagée par la droite israélienne, cette vision s’exprime par la volonté de soumettre la reprise des négociations avec les Palestiniens à une démocratisation de la société et du mode de gouvernance palestiniens.

(1) Israël dispose d’une Constitution au sens matériel du terme à travers les Lois fondamentales. Celles-ci possèdent une valeur juridique supérieure aux lois ordinaire votée par le parlement monocaméral, la Knesset. La Cours suprême exerce quant à elle et ce depuis 1992 un contrôle de constitutionnalité des lois.

(2) contrôle http://www.lizaswelt.net/search?q=kr%C3%A4fte+mit+tradition

Das Interview führte Daniel Mützel