Ein Gespräch über Israel mit David Khalfa, Dozent für Geopolitik und Internationale Beziehungen an Sciences Po in Paris. Er ist zudem als Berater für das französische Außen- und Verteidigungsministerium tätig.
Erschienen in: Powision-Magazin, Vol.6 (”Räume und Grenzen”). Französische Originial-Version ebenfalls online veröffentlicht.
Powision: November 2008 waren der Oberste Gerichtshof Israels und fast die gesamte politische Klasse in einen Streit zwischen Palästinensern und Israelis um das Eigentumsrecht eines Wohnhauses in Hebron verwickelt. Nach tagelangen Ausschreitungen wurde das von israelischen Siedlern besetzte Haus von der Armee zwangsgeräumt. Herr Khalfa, warum kämpft Israel um jeden Meter seines Territoriums, als ob die Existenz des ganzen Staates auf dem Spiel stünde?
David Khalfa: Israel ist ein moderner Nationalstaat, der über keine wirklichen orientalischen Grenzen verfügt, sondern lediglich über Waffenstillstandslinien. Die Bedeutung, die dem Raum zugemessen wird, rührt von geostrategischen und -politischen Zwängen her, die auf dem jüdischen Staat lasten: Sein Territorium ist klein, entbehrt natürlicher Ressourcen und liegt in einer konfliktbehafteten Region. Um die berühmte Formel Napoleons aufzunehmen: Israel macht „Politik aus seiner Geographie“. Außerdem hat das Band zwischen der Staatsgründung und der Verfügung über ein Territorium eine Bedeutung, die bis auf die Grundlagen des zionistischen Projekts zurückgeht. Der Zionismus sah vor, das jüdische Volk räumlich und politisch dadurch zu stabilisieren, indem man es mit einem spezifischen Territorium ausstattet, an das sein Schicksal als Nation geknüpft war: das Land Israel (Eretz Israel). Dieser ersehnte Raum hat Jahrhunderte lang das kollektive Bewusstsein der Juden imprägniert, es existierte eine quasi-mystische Beziehung zum Territorium.
Dennoch dominierte größtenteils ein Pragmatismus den Bezug der Gründungsväter Israels zum politischen Raum: Das Territorium war und ist vor allem ein Mittel zum Zweck der Gründung eines souveränen jüdischen Nationalstaates. Auch wenn die Diskussionen um die Festlegung der irdischen Grenzen Israels die verschiedenen ideologischen Strömungen der zionistischen Bewegung entzweit haben, so bleibt doch heute ein relativ breiter Konsens: Der Rückzug aus den besetzten Gebieten aus strategischen, ökonomischen und Sicherheitsinteressen dominiert über die Sehnsucht, das kollektive Ideal, also die „verheißenen Grenzen“ (Israel inklusive des Gazastreifens und der Westbank) zu verwirklichen.
Der Sechs-Tage-Krieg 1967 hingegen ebnete den Weg für eine Blütezeit des religiösen Nationalismus‘, der radikal mit dem territorialen Pragmatismus der Gründungsväter brach. Die religiös-zionistische Rechte hatte die Eroberung von “Judäa und Samaria“ (Westbank) nicht als bloße geopolitische Rekonfiguration der Region gewertet, sondern als neue Etappe im messianischen Prozess der Erlösung des jüdischen Volkes. Ihr sollte eine Politik folgen, die eine jüdische Besiedelung aktiv und bestimmt fördert, um das demographische Wachstum der Palästinenser einzudämmen.
Es ist dieser historische Kontext, in den sich die Aufstände der Siedler einschreiben, die der Evakuierung des Gebäudes folgten. Die „Stadt der Patriarchen“ [Hebron] symbolisiert im lokalen Maßstab den Kampf um den gleichen territorialen Raum, den sich Israelis und Palästinenser liefern – Eretz Israel für die einen, Filistin für die anderen. Dieses winzige Territorium ist der Träger dieser antagonistischen und kollektiven Repräsentationen.
Powision: Aber zeigt der von der Siedlerbewegung organisierte jüdische Widerstand gegen den Rückzug aus dem Gazastreifen 2005 nicht die Stärke der Siedler und die Kontinuität der Haltung, man habe ein göttliches Recht auf die angeblich biblische Erde in Palästina?
David Khalfa: Ich denke nicht. Die Evakuierung sämtlicher Kolonien im Gazastreifen und von vier Siedlungen in der Westbank illustriert vielmehr das Scheitern der Siedlerbewegung. Diese hatte es zwar nach 1967 geschafft, die politische und geographische Kartografie des Staates neu zu bestimmen.
Doch der Gaza-Rückzug, initiiert von Ariel Scharon, ein wichtiger Architekt der Siedlungspolitik und Gründer der nationalistischen Rechten, stellt eine doppelte Niederlage für die Siedlerbewegung dar: eine politische, da sie den parlamentarischen Kampf verloren hat, und eine ideologische, da der Rückzug von der Mehrheit der Israelis (Juden und Araber) unterstützt wurde, für die der Traum eines Großisraels in den biblischen Grenzen mittlerweile nur noch eine kollektive Illusion ist. Die „Sirenengesänge nach Heimkehr“ sind heute größtenteils verhallt und die territoriale Hybris verschwunden. Die Mehrheit der Israelis – Zivilgesellschaft und Elite inbegriffen – favorisieren einen palästinensischen Staat an ihrer Seite, weniger aus moralischen als aus demografischen und geostrategischen Gründen. Es geht darum, so viele Friktionsflächen wie möglich mit den Palästinensern zu vermeiden und den jüdischen und demokratischen Charakter des israelischen Staates zu wahren, der das Fundament seiner nationalen Identität darstellt. In diesem Zusammenhang wird dann auch die Multiplizierung der oftmals isolierten Siedlungskolonien als konkrete Bedrohung dieses Fundaments wahrgenommen – und nicht mehr als Ausdruck eines vitalen Pioniergeistes oder notwendiges Ziel des zionistischen Projektes.
Aufgekommen Anfang der 90er Jahre, wurde diese kognitive Revolution seitdem nicht mehr in Frage gestellt – trotz wiederholten Scheiterns israelisch-palästinensischer Verhandlungen und trotz zahlreicher Kriege. Einzig die Frage nach dem Rückzug und seinen strategischen und sicherheitspolitischen Konsequenzen liefert heute noch Grund für lebhafte Debatten inmitten der politischen und militärischen Elite. Diese fürchtet neue palästinensische Angriffe auf die großen urbanen Zentren Israels, die aus den besetzten Gebieten erfolgen. Der aktuelle Beschuss mit ballistischen Raketen auf die Bevölkerung des israelischen Südens durch die Hamas wird diese Angst nur verstärken.
Powision: Das Hauptziel des zionistischen Projekts, dem jüdischen Volk einen politischen Raum zu geben, ist erreicht – selbst wenn Israel heute noch von Feinden umgeben ist. Sind die Debatten um Demographie und Geburtenrate in Israel bloß ethno-nationalistische Politik oder sind sie mit der eigentlichen Essenz des Zionismus verknüpft?
David Khalfa: Die Bedeutung, die dem demographischen Faktor zugestanden wird, schreibt sich in die jüdische Geschichte ein. Mit Hilfe des Zionismus‘ wollte ein Teil der jüdischen Welt ihre kollektive Existenz, deren gescheiterte Emanzipation im modernen Antisemitismus seinen negativen Ausdruck findet, ins Positive wenden. Es ging darum, mit dem Status als tragisches Objekt der Geschichte zu brechen, zu dem die Juden in der Diaspora verdammt zu sein schienen. De facto führten sie eine mehr als prekäre Existenz, die unter anderem von Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung geprägt ist. Sie waren dem good will der Herrscher und seinen Bevölkerungen ausgesetzt, und wurden dadurch oft – beispielsweise bei Verschlechterung der sozio-ökonomischen Bedingungen – in die Rolle des Sündenbocks gezwungen.
Der Zionismus wollte diesen prekären Existenzbedingungen ein Ende bereiten, indem er die Juden auf einen geographischen Raum versammelt, und in dessen Grenzen eine jüdische Mehrheit sich als souveräne Gemeinschaft politisch konstituiert. Es ging also darum, mit jener prekären Existenz zu brechen, die den Kontingenzen der Geschichte unterworfen ist. Indem sie ihr kollektives Schicksal in die Hand nahmen, wurden die Juden wieder Subjekte ihrer eigenen Geschichte und vollzogen den Schritt von der Emanzipation zur „Autoemanzipation“[1]. In anderen Worten: Die zionistische Bewegung strebte einer kollektiven und politischen Antwort auf die „Judenfrage“ entgegen. Eine jüdische Mehrheit im künftigen politischen Gemeinwesen hatte dabei natürlich oberste Priorität.
Powision: Also beinhaltet schon das zionistische Projekt wie auch seine staatliche Verwirklichung eine nicht verhandelbare Grenzziehung, einen Ausschlussmechanismus gegenüber Nicht-Juden sobald die jüdische Mehrheit des Staates nicht abgesichert zu sein scheint?
David Khalfa: Eine Grenzziehung existiert, doch nicht im Sinne eines Ausschlussmechanismus‘. Denn trotz des Willens, eine jüdische Mehrheit in Israel zu erhalten, existiert ein staatliches Rechtssystem, das die nicht-jüdischen Minderheiten anerkennt. Die israelische Bevölkerung weist eine hohe ethnische und religiöse Vielfalt auf. Fast 20 Prozent seiner Bürger sind keine Juden. Und dennoch ist der jüdische Charakter des Staates die logische Konsequenz seines demokratischen Fundaments, denn er drückt den Wunsch der jüdischen Mehrheit aus, ihren nationalen Partikularismus zu bewahren. Ohne jüdische Mehrheit gibt es keinen souveränen jüdischen Staat.
Unter Berufung auf demokratische Werte das Recht Israels zu negieren, sich als jüdischen Staat zu definieren, ist gleichbedeutend mit der Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen Volkes. Wie schon gesagt, die Verwirklichung dieses Rechts ist nicht inkompatibel mit dem Respekt gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser. Dieses legitime Recht muss sich aber innerhalb der Grenzen eines zukünftigen palästinensischen Staates verwirklichen. Der Zionismus basiert auf dem Willen, einen einheitlichen Staat zu gründen. Dennoch unterscheidet der israelische Staat – etwa im Unterschied zum französischen Modell – zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität. Erstere existiert oberhalb der unterschiedlichen nationalen Gruppen, sozusagen als gemeinsames rechtliches Dach. Man kann die israelische Staatsbürgerschaft haben und gleichzeitig Araber, Beduine, Druse oder Tscherkesse sein. Sie hat lediglich juristischen und administrativen Charakter.
Powision: Seit der Geburt der zionistischen Bewegung bis heute sind viele Dekaden vergangen. Ist es nicht an der Zeit, die Grundlagen dieser Bewegung wie auch des Staates zu überdenken? Warum dieser Drang, eine jüdische Mehrheit zu erhalten, statt einen neutralen demokratischen Staat zu schaffen, der die strukturelle Diskriminierung, die zweifellos existiert, reduzieren würde?
David Khalfa: Die Diskriminierung der nicht-jüdischen Israelis ist nicht in die ideologisch-politische DNA der zionistischen Bewegung eingeschrieben. Noch weniger ist sie die Folge des jüdischen Charakters des Staates Israel.
Die israelische Vorstellung der Staatsbürgerschaft ist nicht republikanisch in dem Sinne, dass eine fiktive und kollektive Identität sich den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aufdrängt. Das erklärt sich schon allein aus den kulturellen, sprachlichen und konfessionellen Differenzen innerhalb der israelischen Gesellschaft. Es gibt keine nationale Identität, die alle Gemeinschaften überspannt. Übrigens verlangen das die nicht-jüdischen Minderheiten auch gar nicht. Warum? Weil sie sehen, dass ihr Recht auf identitären Partikularismus vom israelischen Staat respektiert wird. De facto impliziert nämlich eine übergemeinschaftliche Nationalität eine doppelte Ablehnung: Die jüdische Mehrheit müsste auf die Symbole des Staates (Flagge, Nationalhymne etc.) verzichten wie auch auf ihr historisches Band mit der Diaspora. Doch dieser identitäre Selbstmord würde auch einen parallelen Verzicht der nicht-jüdischen Minderheiten bedeuten, insbesondere für die israelischen Araber. Diese müssten ihre palästinensische Identität zugunsten einer israelischen aufgeben, die sich größtenteils auf die hebräische Sprache bezieht. Die Araber, obwohl sie Bürger des Staates sind, fühlen sich jedoch viel stärker als Mitglieder der arabischen und palästinensischen Nation. Und sie sehen gleichzeitig, dass der israelische Staat ihre religiöse und sprachliche Identität respektiert. Es liegt also nicht gerade wenig Arroganz in der Forderung, die Juden und Araber sollten sich zugunsten eines abstrakten und wirklichkeitsfremden Universalismus‘ ihrer eigenen Identität berauben. Diese eurozentristische und orientalistische Vision entspricht weder dem Willen der Juden noch dem der nicht-jüdischen Minderheiten.
Die Diskriminierungen der arabischen Israelis erklären sich weitestgehend durch den israelisch-palästinensischen Konflikt und seinem Einfluss auf die Veränderungen der israelischen Gesellschaft. Israel lebt nicht in einem befriedeten geopolitischen Raum, im Gegensatz etwa zu Frankreich oder Deutschland. Israel hat sich in einem konfliktreichen und feindseligen Umfeld entwickelt. Und dieses Umfeld trägt dazu bei, ein Klima des gegenseitigen Misstrauens zwischen arabischen und jüdischen Israelis aufrechtzuerhalten.
Davon abgesehen hat sich die Situation der israelischen Araber seit 1948 substanziell verbessert. Sie genießen individuelle Rechte, die ihnen als Bürger des Staates zugestanden werden: Wahlrecht, Recht auf politische Repräsentation, ökonomische und soziale Rechte. Sie profitieren im gleichen Maße von kulturellen Rechten, insbesondere hinsichtlich Erziehung, Religion und Sprache. De facto verfügen die israelischen Araber über ein eigenes Unterrichtssystem wie auch über religiöse Tribunale, die eigenständig über zivilrechtliche Fragen (Ehe, Scheidung, Erbe etc.) entscheiden. Weitere Fortschritte finden im Gesundheitssystem, in der Ausbildung und Bildung statt. Ferner haben sich mittlerweile eine ökonomische Bourgeoisie und eine intellektuelle Elite herausbilden können. Dennoch gebe ich Ihnen teilweise Recht: Es bestehen nach wie vor Differenzen und Diskriminierungen zwischen Juden und Arabern, vor allem sozioökonomischer Natur.
Powision: Das heißt, Sie sehen keine Gefahr, die aus dieser Ambivalenz für die verschiedenen kulturellen Gruppen erwachsen kann? Weder die inneren noch die äußeren Grenzen sind klar, und ihre definitive Festsetzung obliegt der Mehrheit, die sich ethnisch abgrenzt – zum potentiellen Nachteil der Minderheiten.
David Khalfa: Israel ist eine junge Nation, die in einer konfliktanfälligen Region aufgewachsen ist. Die Frage nach dem inneren und äußeren Grenzverlauf stellt sich also anders als für europäische Nationen. Man vergisst häufig, dass auch Europa erst seit 1945 in friedlichen Verhältnissen lebt. Und dabei spreche ich noch gar nicht vom Osten Europas, wo die Balkanstaaten noch weit von einem stabilen Frieden entfernt sind, geschweige denn von den Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion. Die einzigartige Lage Israels durch das Prisma des „ewigen Friedens“ wahrzunehmen und zu beurteilen, welches der aktuelle Denkhorizont des abendländischen Europas zu sein scheint, ist im geringsten Fall eurozentristisch. Und zu den inneren Grenzen kann ich nur sagen: Es gibt kein universelles Modell, das es erlaubt, objektiv zu definieren, was eine Nation oder ein Nationalgefühl sei. Natürlich, es gibt eine Reihe von Kriterien wie Sprache, Territorium, Religion etc. Dennoch ist die Nation vor allem eine Sache der Selbstwahrnehmung und Selbstdefinition. Seine Grenzen entwickeln sich entsprechend ihrer Ressourcen und der Verhandlungen, die ihre wichtigsten sozialen Gruppen untereinander austragen.
Powision: Warum werden diese Fragen nach Selbstwahrnehmung und Abgrenzung nicht gelassener diskutiert? Die Hauptgründe für den Staat waren ja ganz andere – die prekäre Existenz der jüdischen Diaspora, die Shoah – und sind durch die Gründung und das Fortbestehen des staatlichen Schutzraumes sozusagen erfüllt.
David Khalfa: Der moderne Antisemitismus und der Genozid an den Juden sind keinesfalls die ausschließlichen Gründe, die die Geburt des Zionismus‘ beziehungsweise des Staates erklären. Die vorausgehenden Perioden, in denen eine zionistische Bewegung nicht in Ansätzen vorhanden war, kannten auch Gewalt, Verfolgungen und Massaker. Die „Weisheit der Nationen“ [„La sagesse des nations“] behautet heute, dass der Staat Israel die Frucht der Shoah sei, ermöglicht durch eine „Schenkung“ des Okzidents an die Juden aufgrund einer „aktiven Sympathie“, das das Unglück bei ihren alten Verfolgern ausgelöst hätte.
Doch am Vortag des Zweiten Weltkriegs lebten bereits 600 000 Juden (neben 1.200 000 Arabern) im palästinensischen Mandatsgebiet (Yishouv). Seit 1937 anerkannte die britische Mandatsmacht über die Peel-Kommision, dass die „nationale Gemeinschaft“ der Juden nun bereit sei, sich selbst innerhalb eines staatlichen Rahmens zu verwalten. Es ging also nicht um die Gründung einer weiteren jüdischen Gemeinschaft an einem anderen Ort, sondern um den Embryo einer politischen Macht und eines Proto-Staates, der über soziale, ökonomische, kulturelle, militärische und politische Institutionen verfügt. Die Gründung des Staates Israel als „Konsequenz“ der Shoah zu betrachten, ist eine Verschleierung der historischen Realität, die dem Jahr 1940 lange vorausging, und verschweigt mehr als ein halbes Jahrhundert jüdischer Geschichte.
Das bedeutet, dass man missbräuchlich die offizielle Proklamation des Staates Israel am 14. Mai 1948 auf ein Auftauchen ex nihilo reduziert, das einzig und allein der Entscheidung der UNO zu verdanken sei. Man darf nicht die grundsätzlich politische Natur des Zionismus vernachlässigen, der es verstand, dem jüdischen Volk mittels eines souveränen Nationalstaates ein politisches Dach zu geben. Die jüdische Nationalbewegung ist im orientalen Teil Europas in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts im Kontext des „Frühlings der Völker“ entstanden. Er wurde von der Philosophie der Aufklärung, der deutschen Romantik und dem Aufkommen der europäischen Nationalismen inspiriert. Der Wille des jüdischen Volkes, über sich selbst zu verfügen, ist der eigentlich Ursprung des Staates Israel. Die antijüdischen Verfolgungen haben nur den Prozess der politischen Strukturierung des Zionismus beschleunigt. Es stimmt dennoch, dass die Erinnerung an den Genozid dazu beigetragen hat, die heutige israelische Identität zu formen.
Powision: Einerseits steht der israelische Staat für eine sehr enge Verquickung zwischen Politik und Raum, andererseits existiert eine Diaspora, die einen direkten – per Lobbying – und indirekten – über Drittstaaten – Einfluss auf die israelische Politik ausüben, obwohl sie nicht einmal dort leben…
David Khalfa: …und auch nicht dort leben wollen. In der Gründungsphase Israels gab es auf Seiten der europäischen Juden die Befürchtung, in die administrative Reichweite des neuen Staates zu geraten. Das führte sogar zum Teil so weit, dass einige von ihnen dem Staat Israel ihre Solidarität öffentlich aufkündigten.
Heute lebt die Mehrheit der Juden nicht in Israel. Dennoch kehrt sich die demographische Beziehung zwischen Israel und der Diaspora nur langsam um: Circa sechs Millionen Juden leben in Israel, das heißt 42 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung, die ungefähr 14 Millionen zählt. Außerdem, während die jüdischen Gemeinden der Diaspora tendenziell schrumpfen, ist das demographische Wachstum in Israel sehr stark. In den nächsten 20 oder 30 Jahren, wird wahrscheinlich die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Israel leben.
Aber ich stimme Ihnen zu. Die jüdische Diaspora bleibt ein wichtiger Akteur in den Beziehungen zwischen Israel und den Ländern, in den Juden Staatsangehörige sind – sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch. Doch dieser Einfluss ist alles andere als homogen. Man muss zwischen einer allgemeinen Verbundenheit mit der Existenz des Staates, die die Mehrheit der jüdischen Diaspora teilt, und der de facto-Vielfalt an Meinungen unterscheiden, die die verschiedensten Themen betrifft: Von der Beziehung zwischen Staat und Religion bis zum israelisch-arabischen Konflikt. Doch im Falle eines militärischen Konflikts verschwindet diese ideologische Vielfalt reflexartig hinter einer unbedingten Solidaritätsbekundung gegenüber dem als bedroht wahrgenommenen Staat.
Powision: Diese Meinungsvielfalt scheint aber eine europäisch-jüdische Besonderheit zu sein. In den USA kann man einen größeren Konsens innerhalb der jüdischen Gemeinschaft beobachten. Ist dieser Konsens denn auch der Grund für die Stärke der jüdisch-amerikanischen Diaspora, um deren außenpolitische Einflussnahme sich vor über einem Jahr eine lebhafte Debatte entsponnen hat?
David Khalfa: Sie beziehen sich auf das Buch von John Mearsheimer und Stephen Walt über die „jüdisch-amerikanische Lobby“[2]…
Powision:…dessen deutsche Ausgabe (Campus-Verlag) peinlicherweise einem Buch[3] des Nazi-Ideologen Johann von Leers aus den 40er Jahren zum gleichen Thema ähnelt.
David Khalfa: Dieses Buch hat sich den Verdienst erworben, den Fokus auf die Macht der pro-israelischen jüdischen Lobby und deren Einfluss auf das politische System der USA zu legen. Ich teile jedoch die Konklusion der Autoren nicht, da ich glaube, dass sie den Grad dieses Einflusses überbewerten und leider in Phantasmen und Stereotypen zurückfallen, beispielsweise dass die USA ihr Nationalinteresse zugunsten Israels opfern würden.
Man muss zunächst einmal einen Blick auf die Terminologie werfen. Statt von einer pro-israelischen, „jüdisch-amerikanischen“ Lobby zu sprechen, macht es viel mehr Sinn, bloß amerikanische Lobby zu sagen, da ja bei weitem nicht alle amerikanischen Verteidiger Israels Juden sind. So zum Beispiel die neo-evangelikale Rechte, die Millionen Wähler auf sich vereint und für eine bedingungslose Unterstützung Israels eintritt. Außerdem wählen die amerikanischen Juden traditionell demokratisch. Bei den letzten Wahlen haben beispielsweise 78% für Obama gewählt.
Weiterhin ist es unmöglich, die Praktiken der amerikanisch-jüdischen Lobby vom weiteren Kontext der amerikanischen Außenpolitik zu isolieren, welche von einer ganzen Reihe anderer Faktoren abhängt. Die Lobbys sind dabei nur einer unter vielen. Was heute die amerikanische Nahost-Politik und insbesondere seine „spezielle“ Beziehung zu Israel erklärt, kann selbstverständlich nicht auf den vorausgesetzten Einfluss der pro-israelischen amerikanischen Lobby reduziert werden. Die bestimmenden Faktoren sind vielmehr geopolitische Interessen der USA.
Israel ist – neben Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien – ein wichtiger strategischer Verbündeter der USA in der Region. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Israel und die USA ein fast identisches Nationalbewusstsein haben. Es sind beides Einwanderungsgesellschaften, die sich auf die mythische Figur des Pioniers gründen. Die angelsächsischen Siedler, die sich aufmachten, den Norden Amerikas zu kolonisieren, haben das neue Land als verheißenes Land betrachtet, ähnlich wie die Hebräer, die aus Ägypten auszogen, um wieder in das Land „in dem Milch und Honig fließen“ zu gelangen. Weiterhin erklären der demokratische Charakter der beiden Staaten und die Werte, auf denen sie begründet sind, im gleichen Maße die Eigentümlichkeit ihrer Beziehungen.
Schließlich haben die Attentate des 11.September und der „Krieg gegen den Terror“ zu einer konjunkturellen Konsolidierung der bilateralen Beziehungen beigetragen. Israel ist die einzige Demokratie des Nahen Ostens, welcher dem islamistischen Terrorismus ausgesetzt ist. Die USA, unter dem Antrieb der Neocons unter Bush Jr., haben versucht, das demokratische Modell zu exportieren, um einen „Greater Middle East“ zu formen, der gereinigt von Autoritarismus und religiösem Extremismus ist. Es ist diese utopische, quasi-messianische Vision, die insbesondere die erste Amtszeit Bushs geprägt hat und die katastrophale geostrategische und sicherheitspolitische Folgen hatte. Diese Vision wird auch von der israelischen Rechten geteilt und findet ihren politischen Ausdruck in der Forderung, die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den Palästinensern einer Demokratisierung ihres Staates und ihrer Gesellschaft zu unterwerfen.
Powision: Herr Khalfa, wir danken Ihnen für das Gespräch.
[1] Wichtiger frühzionistischer Text von Leo Pinsker über die Notwendigkeit der politischen Selbstbestimmung der Juden.
[2] Mearsheimer, John J./Walt, Stephen M. (2008): The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy, New York: Farrar, Straus and Giroux.
[3] http://www.lizaswelt.net/search?q=kr%C3%A4fte+mit+tradition
Das Interview führte Daniel Mützel