Studentisches „Engagement“ und die neuen Rationalitäten normal(isiert)er Studierender
Christopher Hempel
Studentisches „Engagement“ steckt in der Krise. Das zumindest beklagen vor allem studentische Initiativen, Gruppierungen und institutionelle Vertretungen mit „Nachwuchs“problemen sowie vermehrt HochschullehrerInnen, die bei ihren Studierenden nur noch das „Anspruchsdenken eines Verbrauchers mit dem Erwartungshorizont eines Schülers“ (Stekeler-Weithofer 2009) feststellen können. Die „Schuldfrage“ ist dabei umstritten, eine der möglichen Antworten soll in diesem Beitrag andiskutiert werden: Der derzeit gültige, hegemoniale Diskurs produziert eine spezifische Normalität, an der sich Universitäten und ihre Studierenden ausrichten und deren Rationalität mit „Engagement“ im klassisch verstandenen Sinne kaum vereinbar ist.
Dabei soll die vermeintliche Ursache nicht auf den so genannten „Bologna-Prozess“ reduziert, und die „alte Universität“ damit gleichzeitig verklärt werden. Diese war längst mit ihrem Anspruch, alle zur Wissenschaft (aus)bilden zu wollen, gescheitert, und das nicht zuletzt an ihren Studierenden selbst (nicht nur an deren „Masse“). Die Strukturreform ist nicht die Ursache, vielmehr passt sie zu den Einstellungen einer Mehrheit von Studierenden, die sich auch vor ihr schon an den Hochschulen befanden.
Von neoliberaler Gouvernementalität…
Die Hochschul(struktur)reform(en) fügen sich also gut in ein gesamtgesellschaftliches Bild ein, indem sie sich maßgeblich, universell und intendiert an den Gesetzen des Marktes orientieren: Ein internationales Diskursnetzwerk hat entsprechende Wahrheiten auch an den Universitäten (politisch) durchgesetzt, indem es durch die Implementierung neuer Steuerungsstrukturen die „alte Universität“ materiell und, durch die gleichzeitige Etablierung ihrer (global homogenisierten) Deutungsmuster und Leitbegriffe, semantisch enteignete. Das betrifft in der Essenz eine disziplinierende Ausweitung ökonomischer Rationalität auf das Bildungs- und Wissenschaftssystem mit der entsprechenden Erfindung marktförmiger Handlungssysteme. „Autonome“ Universitäten und Studierende werden angestrebt, die sich durch Selbstverantwortung auszeichnen. Dies meint, dass sie sich an Effizienzkriterien orientieren und messen lassen müssen und die Folgen ihres „selbst gewählten“ (Fehl)verhaltens auch individuell verantworten müssen. Das Denken wird verbetriebswirtschaftlicht, Bildung bezweckt in erster Linie die Optimierung von Humankapital und wird damit verkürzt auf das unmittelbar ökonomisch Verwertbare, und Universitäten, Lehrende und Studierende werden zu „Wettbewerbern“, die sich permanent am Markt zu behaupten haben.
Diese „neoliberale Gouvernementalität“ wirkt, sich wechselseitig beeinflussend, über Herrschaftstechniken und (wesentlich „ökonomischer“) über Selbsttechnologien (Lemke 2000: 28f.). Nur wer nach den „neuen“ Wahrheiten handelt, handelt auch rational – normales und nicht normales Verhalten werden also präskriptiv getrennt und die (individuellen und kollektiven) Akteure werden durch die Ausrichtung an dieser Normalität entsprechend diszipliniert. Jeder soll und will sich selbst optimieren, und das System sorgt dafür, dass jeder dies auch mit dem „richtigen“ Ziel und innerhalb des „richtigen“ Rahmens tut.
Die geforderte Effizienz der nun „entfesselten“ Hochschulen soll dabei reformerisch erzwungen werden: Marktförmige Wettbewerbsmechanismen (und damit strikte Nachfrageorientierung) werden installiert und die Entscheidungsstrukturen „professionalisiert“. Dem zugrunde liegt die Vorstellung von Hochschulen als marktgesteuerte Dienstleistungsunternehmen, deren Zwecke und Mittel neu bestimmt sind: Statt verantwortlicher Gremien legt die neue Wissensordnung nun richtiges Handeln fest, statt staatlicher Regulierung und akademischer Selbstorganisation regieren zunehmend Außensteuerung, hierarchische Selbststeuerung und erhöhter Konkurrenzdruck in und zwischen den Hochschulen. Dass die Umsetzung dieses Denkens in historisch gewachsenen Kontexten zu – meist als „Kinderkrankheiten“ verniedlichter – Dysfunktionalitäten führt, ist ein gesondertes Problem (Münch 2009: 9).
Aber auch zu den neuen Zwecken benötigt man Studierende, und immerhin heißt es nun vermehrt, der „Kunde“ sei „König“. Reguliert wird dabei aber über Nachfrage und Preis, nicht über Kritik und Mitwirkung. Die „Kunden“ verhalten sich dann auch wie Vertragspartner und werden in diesem Denken weiter sozialisiert (ebd.: 17).
…zu einem „System universeller Verpunktung“
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch im Studium wider. Dieses wird auf Kosten (als ineffizient und zeitverschwenderisch wahrgenommener) individueller Lernwege und akademischer Freiheiten durchstrukturiert und auf kurzfristigen Prüfungserfolg hin ausgerichtet: Eine homogene Masse wird produziert, die modularisiert, standardisiert und didaktisiert lernt statt studiert (ebd.: 87 f.), eingerahmt durch ein normativ oktroyiertes (wenn auch als pseudo-normalistisch verkauftes) „System universeller Verpunktung“ (Link 2007: 21), geschuldet vor allem dem mitunter Zeit- und Dauerprüfungsdruck verursachenden „Workload“. Die Folge sind „Fast-Knowlegde“-Anstalten (ebd.: 20) für die Masse als Anpassung an ausbildungswillige Studierende und an das politische Ziel, quantitativ mehr Hochschulabsolventen bei stagnierenden Ausgaben zu produzieren.
Was ergibt sich aus in ihr eigenes Humankapital investierenden Kunden? Sie bezahlen ihre Investition selber. Die (wachsende) Mehrheit der Studierenden erwirbt damit, so das düstere Szenario, einen (zunehmend selbst finanzierten) Bachelorabschluss, dessen Wert durch die weitere Öffnung der Hochschulen und damit verbundener erhöhter „Konkurrenz“ zunehmend sinkt, fühlt sich aber letztlich selbst für ihre potentielle Chancenlosigkeit verantwortlich. Wenige „leistungs“- (und in Korrelation damit sozial) selektierte Studierende dürfen in einen Masterstudiengang, noch weniger (noch „leistungs“selektiertere) Studierende in einen Masterstudiengang an sich durch vertikale Differenzierung herausbildenden „Eliteuniversitäten“, an denen dann auch noch Forschung und Studium möglich sind.
Dieses System schafft sich seine eigene, angepasste und sich anpassende Klientel – die normal(isiert)en Studierenden. Sie müssen die künftige „Rendite“ ihrer Bildungsinvestitionen genau kalkulieren und, um von Staat und Wirtschaft „nachgefragt“ zu werden, dies möglichst „besser“ als ihre Mitstudierenden.
Nichts kann mehr aus „Interesse“ oder „Idealismus“ oder „um seiner selbst Willen“ gemacht und gelernt werden, sondern (verantwortungsbewusst) immer im Hinblick auf Prüfungen bzw. anrechenbare Leistungspunkte. Kritik und „Engagement“ gehören also nicht mehr einfach dazu, sondern müssen entweder erst nachgefragt werden oder sind eine Sache der individuellen Freizeit (wenn in dieser auch freie Zeit vorhanden ist). Mit den geschilderten Rationalitäten jedenfalls ist es schwer vereinbar, außer wiederum individuelle Vorteile und andere zweckrationale Beweggründe existieren.
Es wird darauf ankommen, ob die skizzierten Prozesse auch von normal(isiert)en Studierenden als Denormalisierung wahrgenommen werden und inwieweit sich mit der propagierten Alternativlosigkeit abgefunden wird. Das wird umso schwieriger, je mehr ein pädagogisch gewolltes, effizientes und systemkonformes Verhalten, verbunden mit ökonomischem Druck, sozialen Erwartungen und Rechtfertigungspflichten von frühester Kindheit „antrainiert“ werden. Solange jedenfalls das neue Denken noch nicht vollständig legitim ist (das zeigen die öffentlichen Auseinandersetzungen darüber), bleibt Spielraum für politische Kämpfe um alternative Deutungen. Zumindest wenn Studierende da sind, die sie führen.
Literatur:
Lemke, Thomas et al.: Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: Bröckling, Ulrich et al.: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main 2000.
Münch, Richard: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt am Main 2009.
Stekeler-Weithofer, Pirmin: Das Akkreditierungswesen muss endlich weg! In: FAZ vom 06.05.2009, S. N5.
Link, Jürgen: Kulturrevolutionäre Perspektiven in den Zeiten von Fast Knowledge. In: kultuRRevolution Nr. 53, 2/2007, S. 20-25.