„Todos somos América!“ – „Wir sind alle Amerika!“ Dies war eine der beherrschenden Parolen, als im April und Mai des Jahres 2006 mehrere Millionen Menschen, vor allem lateinamerikanischer Herkunft, in Dutzenden von Städten der USA auf die Straße gingen. Diese ersten Massendemonstrationen von Menschen mit Migrationshintergrund, von denen viele als sogenannte undocumented – Nichtdokumentierte – keine gültigen Aufenthaltspapiere besaßen, wurde als der Beginn einer neuen, großen Bürgerrechtsbewegung in den USA bezeichnet.[1] Anlass war die Diskussion um zwei Vorhaben der Regierung Bush, die beide den staatlichen Handlungsanspruch in Bezug auf den nationalen Raum und dessen Außengrenzen unterstrichen: Die eine Gesetzesvorlage war eine Verschärfung des Einwanderungsrechts[2], die andere sah den Bau von hohen Mauern und Sicherheitstechnik auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern entlang der 3144 km langen Grenze der USA zu Mexiko vor. Damit sollten die USA, so die Befürworter des Vorhabens, gegen die angeblich im Süden der US-Grenze lauernden Gefahren geschützt werden: Gegen die klandestine Migration vor allem, und gegen mutmaßliche Terroristen und Drogenschmuggler.
Die Massenkundgebungen zielten diesem Angstbild der „ungeschützten Grenze“ diametral entgegen: „Wir sind keine Gefahr, wir sind friedlich und wir sind alle Amerika!“ Zentral ging es allen Akteuren in dieser politischen Auseinandersetzung um den Raum des Nationalstaates und dessen Kontrolle – die maßgeblich über die Definition von Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsrecht zu steuern versucht wird – und die nationale Grenze als den territorialen Ort, an dem der Zugang zu diesem Raum des Nationalstaates reguliert werden könne. Genauer betrachtet zeigt sich aber, dass die öffentlich debattierten Vorhaben in ihren angestrebten Zielen unerreichbar waren, die vorgeschlagenen konkreten Maßnahmen größtenteils ineffektiv und das ganze Projekt enorm kostspielig ausfallen würde: Die Kontrolle der Grenze wiederzuerlangen – illusorisch!
Jedes Jahr überqueren hunderttausende Menschen klandestin die Grenze im Süden der USA und diese werden als billige und flexible Arbeitskraft im Wirtschaftsgeschehen der USA auch dringend gebraucht. Schon jetzt ist die Border Patrol, die für den Schutz der Grenze zuständige Einheit, die größte bewaffnete Polizeieinheit des Landes, ihr Etat wurde in den letzten Jahren enorm aufgestockt – dazu erhält sie von der Nationalgarde regelmäßig einige zehntausend AgentInnen zusätzlich als Hilfstruppen. Der Erfolg? Zweifelhaft.
Die Vorgänge an Staatsgrenzen, nicht nur in den USA, sondern weltweit, waren nie vollständig kontrollierbar[3] und die über 3000 Kilometer lange Grenze zu Mexiko wird nie kontrollierbar sein. Der Bau einer Mauer, die Aufstellung von Überwachungstechnik, die Aufstockung des Personals – all das ist aus der noch jungen Erfahrung des ersten spektakulären Grenzausbaus der USA Mitte der 1990er Jahre doch bekannt[4] – hat weder die Anzahl der klandestinen Grenzquerungen, noch die Menge an geschmuggelten Drogen oder anderen Waren verringert.[5]
Warum aber wurde das Gesetz zum Aufbau der Grenzanlage schließlich doch erlassen? Warum ist der Ausbau der Grenzanlagen und die Sicherung der Grenze in den USA so hartnäckig und seit Jahren schon eines der heißen Themen der öffentlichen politischen Debatte? Weil die Grenze als Trennungslinie von Räumen – des nationalen Territoriums, also des „Innen“, vom „Außen“ – eine hohe symbolische Bedeutung hat, die immer wieder erneuert und verstärkt wird: „Wir hier drinnen, gegen den Rest da draußen“. Wobei dann in den Zuschreibungen dieses „Außen“ das Unbekannte, das Chaos, das nicht von „uns“ kontrollierbare, kurz: die Gefahr darstellt. Für Menschen, die diese (räumlichen) Koordinaten des vorgestellten politischen Raumes in jahrzehntelanger Prägung durch ihre gesellschaftliche und medial vermittelte Umwelt aufgesogen und verinnerlicht haben, ist eine „offene, ungeschützte Grenze“ mit dem chaotisch und bedrohlich erscheinenden Mexiko – und Mexiko als Einfallstor des gesamten Rests der Welt – ein angsteinflößender Albtraum.
Die politischen Auseinandersetzungen lassen sich zu einem wichtigen Teil auf dieses einfache räumlich-symbolische Funktionsschema reduzieren. In dieser Logik ist die Grenze der Ort per se, an dem der Schutz des „Innen“ geleistet werden muss. Diese symbolische Funktion der Grenze scheint so bedeutsam zu sein, dass entgegen aller sachlichen Argumente, die dagegen sprechen, der milliardenschwere Grenzausbau in der politischen Logik dann doch durchaus einen Sinn erhält: Als plakatives Symbol des staatlichen Handelns zum Schutz des Raumes der Nation gegen die Feinde von „Außen“.
Absurd mag es erscheinen, dass gerade in den Zeiten einer angeblich alle Grenzen sprengenden Globalisierung Grenzen wieder hochgezogen und verstärkt werden. Doch lässt sich dies auf der Ebene der Auseinandersetzungen um symbolische Ordnungen auch als eine Gegenbewegung lesen: Großen Bevölkerungsteilen, die zunehmend verunsichert sind und durch entsprechende Kampagnen weiter verunsichert werden, sollen somit die alten, gewohnten Ordnungsschemata deutlich sichtbar gestärkt werden. In diesen Zeiten hochgradig global vernetzter Wirtschafts- und Finanzabläufe, die im Falle der aktuellen Finanzkrise die Ausmaße der Verflechtungen, die Fragilität und Krisenhaftigkeit kapitalistischen Wirtschaftens deutlich aufzeigen, gerät einem Teil der Bevölkerung die Stabilität des gewohnten Koordinatensystems ins Schwanken. Auch durch ein Phänomen wie Migration zeigt sich, dass der Raum des Nationalstaates und seine Grenzen schwach und kaum klar kontrollier- und steuerbar sind. Dieser Verunsicherung soll im symbolisch wirkenden Akt der realen Aufrüstung der Grenze und damit der symbolischen Zementierung der Abgrenzung des „Außen“ vom „Innen“, begegnet werden. Das beteiligte politische Personal erhofft sich damit den Gewinn des Zutrauens der Bevölkerung in seine Handlungen.
Die Massendemonstrationen des Jahres 2006 der Menschen migrantischer Herkunft proklamierten ein neues politisches Koordinatensystem und beanspruchten mit der Forderung der Legalisierung ihres Aufenthaltes eine juristische, aber eben auch symbolische Anerkennung ihrer Zugehörigkeit zum Raum des Nationalstaates: „Todos somos América!“ Um dies erreichen zu können, haben sie an zwei zentralen Punkten dieses politischen Koodinatensystems des Ein- und Ausschlusses, des Innen und Außen und einer dazwischen trennenden Grenze, angesetzt: Sie vermittelten erstens durch die öffentliche Demonstration und einen Streik ihre massenhafte Anwesenheit, und widersprachen damit allen Debatten um eine Kontrolle des Zugangs in den Raum des Nationalstaates, denn: „Wir sind längst da!“ Zweitens – und das ist vielleicht noch wichtiger – wurde die Angst vor dem Unsicheren als der zentrale Nährstoff dieses symbolischen, politischen Koordinatensystems in Tausenden von Reden, Transparenten und Flugzetteln aufgegriffen: „Wir sind keine Terroristen! Wir arbeiten und leben hier, so wie ihr. Wir sind gar nicht gefährlich!“ Da Auseinandersetzungen um diese symbolische Ordnung von Raum und Grenze zäh und schwierig sind, weil sie eine Grundverfasstheit heutiger politisch-symbolischer Organisation von Nationalstaaten berühren, kann die Bürgerrechtsbewegung des Jahres 2006 in den USA nur als ein Etappenschritt angesehen werden. Diese hat zwar ihr enormes Kräftepotential offenbart, damit aber zugleich auch die Kräfte des Festhaltens an der gewohnten Ordnung von Raum und Grenze mobilisiert. Ob sich schon in der Zeit der Präsidentschaft Barack Obamas diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu produktiven Lösungen weiterentwickeln können, bleibt abzuwarten – die Rahmenbedingungen dafür dürften sich allerdings etwas verbessert haben.
Fußnoten
[1] Diese Massendemonstrationen aber hatten, trotz ihrer Singularität, auch ihre Vorgeschichte, vgl. Sandoval Palacios, Juan Manuel (2007):“La lucha de los mexicanos por la ciudadanización en Estados Unidos“, in: „En(tre) dos naciones: articulación política y cultural de los mexicanos en Estados Unidos“, Dossier koordiniert von Stephanie Schütze, in: Iberoamericana, Nr. 25, März 2007, S. 93-114.
[2] Die vom republikanischen Senator Sensenbrenner als Gesetzesvorlage HR447 eingebracht wurde.
[3] Zur jeweiligen Aushandlung von Grenzregimen und deren permanenter Unterlaufung am Falle der Südostgrenzen der EU vgl: Transit Migration. Forschungsgruppe (Hg.)(2007): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas.
[4] Vgl. hierzu: Andreas, Peter (2001): Border Games: Policing the U.S.-Mexico Divide; und: Nevins, Joseph (2002) Operation Gatekeeper: The Rise of the “Illegal Alien” and the Making of the U.S.-Mexico Boundary.
[5] Vor allem Jorge Bustamante und die Universität Colegio de la Frontera Norte in Tijuana/Mexiko, sowie Wayne Cornelius aus San Diego/USA haben hierzu etliche Forschungsarbeiten vorgelegt, u.a. Cornelius, Wayne A. (2005): Controlling `Unwanted´ Migration: Lessons from the United States, 1993-2004, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, Jg. 31, Nr. 4, S. 775-794; und: Bustamante, Jorge A. (2002): Migración internacional y derechos humanos.