Adam Smith wird gemeinhin von der Ökonomie als Apologet des Egoismus gefeiert (und kritisiert). Dort liegt auch zweifellos ein Großteil seiner wissenschaftlichen Verdienste. Dort setzt aber auch die bekannteste Kritik an Smith an: Er sei (mit-)verantwortlich für die positive Sicht auf den Egoismus; ein Punkt, der zweifelsohne durch das In-Beschlag-Nehmen Smiths von zahlreichen, so genannten „Neoliberalen“ gestützt wird. Stutzig werden aber weder Kritiker Smiths noch die neuen Liberalen ob der Erkenntnis, dass Smith eine „Theorie der ethischen Gefühle“ veröffentlicht und diese während seines (akademischen) Lebens fünfmal überarbeitet hat. Im Folgenden soll deshalb geklärt werden, inwiefern Smith tatsächlich als Vertreter eines ungezügelten Egoismus verstanden werden kann.
Menschenbild
Smiths Menschenbild ist geprägt von einem unglaublichen Optimismus: Er glaubt in den Menschen einen Willen zum Zusammenleben erkennen zu können. Grundlage dieses Zusammenlebens sind dabei die menschliche Fähigkeit zu Sympathie und Empathie1 sowie das soziale Gewissen des Individuums. Andererseits besitzt der Mensch auch einen angeborenen Egoismus, welcher ihm ein Überleben in der Gemeinschaft erst ermöglicht.2 Beide Eigenschaften glaubt Smith durch Beobachtung seiner selbst fest- gestellt und bestätigt. Da diese Eigenschaften für ihn feststehen, glaubt er, dass Menschen zunächst keinen großen regelnden Rahmen brauchen: Selbst ein „Rohling“3 wird sich im Zweifel seiner moralischen Grundlagen bewusst und findet so zurück auf den rechten Weg. Festzuhalten bleibt, dass das wollende Zusammenleben wie das soziale Miteinander insgesamt für Smith die Grundlage des ökonomischen Erfolges einer Gesellschaft bilden.
Egoisten in einer Gesellschaft?
Wie leben Menschen als geborene Egoisten nun aber zusammen? Für Smith bietet Gesellschaft zunächst jedem Menschen Vorteile, da diese hilft, Bedürfnisse zu befriedigen. Denn: Soziale Ordnung ist in einer menschlichen Gemeinschaft das Ergebnis eines Prozesses von intendierten Handlungen. Diese können jedoch eine Vielzahl von unintendierten Folgen nach sich ziehen. Beispielhaft hierfür soll auf die freie Ordnung des Marktes als einem Teil der Gesellschaft verwiesen werden, die für Smith kein Ergebnis eines bewussten und absichtsvollen Handelns ist, sondern genau aus den privaten, durchaus egoistischen Interessen der einzelnen Marktteilnehmer entsteht.4 Wichtig ist hier jedoch, dass nicht der priva- te Egoismus allein Antrieb für die Bildung einer sozi- alen Ordnung ist (wie dies für viele „Neoliberale“ an dieser Stelle herauszulesen ist), sondern dass diesem Egoismus klare Schranken – durch zwischenmenschliches Vertrauen und Vertrauen auf die Gesetze des Staates – gesetzt werden. Die dem Menschen angeborene Sympathie gegenüber seinen Mitbürgern (denn der Mensch ist ja für Smith grundsätzlich ein gutes Wesen!), ermöglicht es ihm dann erst, mit anderen Menschen zu kooperieren. Der pure Egoismus allein würde dies sicher nicht möglich machen.
Da ich aber selbst auf dem Markt nicht nur meine eigene Interessen verfolge, sondern mich zudem auch noch in meinen Gegenüber versetzen muss5, lässt sich spätestens hier die Frage stellen, wieso Smith als Vordenker des heutigen Individualismus und Egoismus betrachtet wird.
Sozialisation und Gewissen
Nicht allein der Markt kann als Indiz für diese Frage gelten. Smiths theoretisches Programm umfasst noch mehr Beispiele, die Zweifel am Egoismus aufkommen lassen. So erfolgen Sozialisation, Charakterbildung und Erziehung durch die Gesellschaft.6 Diese sollen der Spiegel für das eigene Handeln sein, indem der Mensch jederzeit prüfen kann, ob er (zumindest in den Augen der Anderen) moralisch richtig handelt. Das heißt übersetzt, dass der Mensch für Smith erst durch die (positive) Erfahrung des Zusammenlebens mit anderen Menschen zum Menschen als soziales Wesen „konstruiert“ wird.7 Der Mensch ist für Smith also einerseits das lernende Wesen, welches andererseits schon mit gewissen moralischen Grundlagen ausgestattet ist, das ihm den Zugang zur sozialen Gemeinschaft erst ermöglicht. Man kann also überspitzt behaupten, Sozialisation und angeborenes moralisches Gefühl befinden sich im Menschen auf einem „inneren Markt“ und sollen auf diesem zu einem „perfekten Marktgleichgewicht“ kommen.
Es sei hier bemerkt, dass Smith (in bewusster Abgrenzung zu seinem Zeitgenossen Mandeville – publicvices, privatebenefififits) davonüberzeugt ist, dass das moralisch richtige Handeln dem Menschen tatsächlich ein echtes inneres Bedürfnis ist und er nicht bloß moralisch richtig handelt, um mit diesem Verhalten das Lob oder die Anerkennung anderer Menschen zu bekommen.8
Da Smith aber nicht nur der individuellen Sozialisation und Moral vertraut, gibt er dem Menschen noch eine weitere Eigenschaft mit. Smith meint, der Mensch besitze etwas, was er den inneren Richter9 (wir würden heute sagen: das „soziale“ Gewissen) nennt und welches dem Individuum hilft, moralisch fragwürdige Handlungen zu identifizieren. Smith behauptet, dass Menschen sich im Verlauf ihrer Handlungen in zwei Personen teilen: in diejenige, die handelt und in diejenige, die urteilt.10 Dies ermöglicht Menschen nach Smith, selbst bei moralisch fragwürdigem Verhalten (was für Smith selten genug vor- kommt), auf dem rechten Weg der Tugend zu blei- ben – denn es quält, solange für Fehlverhalten keine Reue gezeigt wird11, genau dieses Gewissen. Nur eine Ausnahme lässt Smith zu: Es könnte Menschen geben, die über kein Gewissen verfügen; diesen Menschen ist jedoch auch sonst nicht mehr zu helfen.
Eine solche Konstruktion des Gewissens findet sich in ähnlicher Weise übrigens auch bei John Stuart Mill und des Deutschen Lieblingsphilosophen wieder: bei Kant und seinem kategorischen Imperativ! Und weder dessen Ideen noch der innere Richter Smiths lassen sich so recht mit einem ungezügelten Egoismus vereinbaren, da das Gewissen bei genau diesem Verhalten zuschlagen würde. Gleichzeitig bietet diese Konstruktion des menschlichen Gewissens den Vorteil, keinen (strafenden) Gott mehr zu brauchen, der für (moralische) Ordnung innerhalb der Gemeinschaft in früheren Zeiten notwendig war. Das heißt zwar nicht, dass Gott tot ist (Nietzsche), aber er wird nur noch gebraucht, um den Menschen ein gewisses Seelenheil zu verschaffen. Die moralische Ordnung selbst kommt jedoch für Smith ohne eine transzendentale Begründung aus.
Staat, Markt und Gesellschaft
Wenn Smith also für Egoismus nicht herhalten kann, dann vielleicht als Begründer der Idee des freien Marktes? Auch hier sind die Belege äußerst dürftig. Neben einer eher empirischen Studie des britischen Handels (Smith war unter anderem „nebenberuflich“ Zollkommissar in Schottland), enthalten seine Schriften wenig, was die Forderung nach einem ungezügelten Markt stützen würde. Vielmehr soll der Staat bestimmte Bereiche der Gesellschaft unbedingt in eigener Regie verantworten. Zu den zahlreichen Punkten, die Smith detailliert aufführt, zählt Smith die Bereitstellung von Sicherheitsleistungen nach Innen und nach Außen, die Schaffung und anschlie- ßende Garantie eines gerechten und nachvollziehbaren Gerichtswesens und eine für die Mitgliedern des jeweiligen Gemeinwesens frei zugängliche Bildung als essentielle Staatsaufgaben.12 Dies kann nur durch den Staat erfolgen, weil dieser nicht den privaten Nutzenkalkülen unterworfen ist.
Interessant sind für die gegenwärtigen Diskussionen sicher Smiths Ausführungen zum Bildungswesen; deswegen sollen sie hier kurz erwähnt werden: Bildung ist Staatsaufgabe, auch wenn Smith dabei das Problem zu sehen glaubt, dass Lehrende mit fester staatlicher Pension sich nicht veranlasst sehen könnten, die selben guten Leistungen zu erbringen, wie ein nach seiner Leistung bezahlter Lehrer. Jedoch kann nur der Staat dafür sorgen, dass die Bürger ein gewisses Niveau an Bildung erhalten; weiterhin hängt die Leistungsbewertung eines Lehrers stark von sub- jektiven Vorstellungen ab und würde leistungsgerechte Bezahlung erschweren. Und schlussendlich ermöglicht erst Bildung den Bürgern, ihre Freiheit zu nutzen und an einer (demokratischen) Gesellschaft partizipieren zu können. 13
Fussnoten:
1 Smith 2004, S.2.
2 Vergleiche grundsätzlich Smith 2004, S.1: „Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.“
3 Smith 2004, S.2.
4 Smith 1978, S.17: “Dagegen ist der Mensch fast immer auf Hilfe angewiesen, wobei er jedoch kaum erwarten kann, dass er sie allein durch das Wohlwollen der Mitmenschen erhalten wird. Er wird sein Ziel wahrscheinlich viel eher erreichen, wenn er deren Eigenliebe zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, indem er Ihnen zeigt, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht. [...] Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.”
5 Smith 2004, S.60f.
6 Smith 2004, S. 168: “Bringe jene Menschen in Gesellschaft anderer und er ist sogleich mit dem Spiegel ausgerüstet, dessen er vorher entbehrte. Dieser Spiegel liegt in den Minen und in dem Betragen derjenig en, mit denen er zusammenlebt, die es ihm stets zu erkennen geben, wenn Sie seine Empfindungen teilen, und wenn Sie sie missbilligen; hier erst erblickt er zum ersten mal die Schicklichkeit und Unschicklichkeit seiner eigenen Affekte, die Schönheit und Hässlichkeit seines Herzens.”
7 Smith 2004, S.379f.
8 Smith 2004, S. 513f.
9 Smith: 2004, S.125.
10 Smith 2004, S. 170: “Wenn ich mich bemühe, mein eigenes Verhalten zu prüfen, wenn ich mich bemühe, über dasselbe ein Urteil zu fällen und es entweder zu billigen oder zu verurteilen, dann teile ich mich offenbar in all diesen Fällen gleichsam in zwei Personen. Es ist einleuchtend, dass ich, der Prüfer und Richter, eine Rolle spiele, die verschieden ist von jedem anderen Ich, nämlich von der Person, deren Verhalten geprüft und verurteilt wird.”
11 Smith 2004, S. 179: “Diese Martern, die das entsetze Gewissen immer plagen,, das sind die Dämonen, die rächenden Furien, die in diesem Leben den Schuldigen beständig heimsuchen, die ihm weder Rast noch Ruhe gönnen, die oft zur Verzweiflung und zur Raserei treiben [...].”
12 Smith 1978, S.612: “Die dritte und letzte Aufgabe des Staates besteht darin, solche öffentlichen Anlagen und Einrichtungen aufzubauen und zu unterhalten, die, obwohl sie für ein großes Gemeinwesen höchst nützlich sind, ihrer ganzen Natur nach niemals einen Ertrag abwerfen, der hoch genug für eine oder mehrere Privatpersonen sein könnte, um die anfallenden Kosten zu decken, weshalb man von ihnen nicht erwarten kann, das sie diese Aufgabe übernehmen.”
13 Smith 1978, 667f.: “Denn je gebildeter die Bürger sind, desto weniger sind sie Täuschung, Schwärmerei und Aberglauben ausgesetzt, die in rückständigen Ländern zu den schrecklichsten Wirren führen. Außerdem ist ein aufgeklärtes und kluges Volk stets zurückhaltender, ordentlicher und zuverlässiger als ein unwissendes und ungebildetes.”
Literatur:
Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, München 1978.
Smith, Adam: Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 2004.