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Die Initiative für Zeitgenössische Stadtentwicklung (IfZS) beschäftigt sich mit aktuellen und kommenden Herausforderungen für ein Leben in Leipzig und hat dabei besonders eine nachhaltigere Verbindung von Mensch und Natur im Blickfeld[1] . Neben der Organisation von Vorträgen und anderen Veranstaltungen zum Thema “grünes Leben in der Stadt“, betreibt die IfZS einen Nachbarschaftsgarten im Leipziger Westen, auf einer Brachfläche an der Zschocherschen Straße. Dort traf ich mich inmitten von Grün und Vogelgezwitscher mit Dominik Renner von der IfZS zu einem Gespräch über die Initiative, das Gärtnern und städtisches Leben.
Powision: Was macht die IfZS hier?
IfZS: Wir betreiben einen offenen Garten. Die Menschen können hierher kommen, wenn sie keinen eigenen Garten haben und einfach mitgärtnern. Niemand hat allein ein Beet, sondern es kann sich jeder einbringen und wir entscheiden am Schluss, wer was von der Ernte mitnimmt. Momentan wirft der Garten noch nicht so viel ab, aber wir würden ihn gern als Gemeinschaftsgarten etablieren und später mit den Erträgen ein Café betreiben. Dieses soll dann auch eine Finanzierungsgrundlage bieten, für andere Projekte, aber auch um den Garten nachhaltiger zu gestalten. Wir planen irgendwann auch Personalkosten rauszubekommen, da es nur mit Stiftungsgeldern und Sachspenden, wie etwa Töpfe oder Kisten für die Beete, auf Dauer nicht funktioniert. Es geht bisher mit viel Nachdruck, Engagement und Telefonaten, aber eine unabhängige Finanzquelle ist erstrebenswert und eigentlich zwingend.
Powision: Wie kamt ihr dazu, die Initiative ins Leben zu rufen?
IfZS: Zur Gründung haben uns vorwiegend persönliche Gründe getrieben, zum Beispiel unsere Probleme, im momentanen Arbeitsmarkt anzukommen, da wollten wir etwas Eigenes aufbauen: handwerklich, interdisziplinär, mit Möglichkeiten sich auch künstlerisch auszuleben. Da lag der Garten nahe.
Wir haben uns auch bei der Initiative zum Bürgerbahnhof Plagwitz eingebracht. Diese bemüht sich, das Brachland in dem Areal durch die Stadt von der Bahn abkaufen zu lassen, um es für gemeinschaftliche Projekte zu nutzen. Da es nicht zeitnah zu realisieren war, auf diesem Gelände einen Garten anzulegen, haben wir uns an die Stadt gewandt und nach einer Brachfläche gesucht. Nach langem Hin und Her kam dann diese Fläche heraus, erst einmal nur für dieses und nächstes Jahr. Es ist temporäre Brachflächennutzung, dafür ist es angelegt, dafür sind auch die Beete und alles angelegt, aber erstrebenswert ist ein fester Sitz oder wenigstens einen auf fünf Jahre zu haben, um auch planen zu können.
Powision: Was ist euer Ziel für die langfristige Entwicklung der Stadt?
IfZS: Der Name drückt es ja schon aus: langfristig wollen wir mit der Initiative einen Bürgerbeteiligungsprozess für Stadtentwicklung in Gang bringen. Wir wollen hier im Westen Leipzigs Brachflächen temporär nutzen und wollen, dass sie mittel- bis langfristig nicht verkauft werden.
Der wirtschaftliche Faktor wird gegenüber dem Gemeinwesen immer stärker, aber die Leute sollen hier selber entscheiden, was mit den brachliegenden Flächen, gerade den städtischen Flächen, passiert und so sehen wir den Garten auch als demokratisches Medium zur Bürgerbeteiligung.
Powision: Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig und anderen Initiativen? Gibt es dabei Probleme?
IFZS: Das größte Problem war zu Beginn die Rechtsform der Initiative, denn um Mittel zu beantragen musst du die Gemeinnützigkeit nachweisen. Anfangs übernahm der Ökolöwe die Trägerschaft für das Projekt und auch die Stiftung Bürger für Leipzig unterstützt unseren Garten.
Powision: Also habt ihr mit dem Stadtrat nicht viel zu tun?
IFZS: Auf politischer Ebene gar nicht.
Powision: Ihr versucht somit einfach nur eure Ziele und Projekte umzusetzen?
IFZS: Wir spielen im Endeffekt auch ein bisschen mit der Stadt und mit den verschiedenen Interessengruppen, versuchen unsere Vorteile herauszusuchen und ein bisschen taktisch vorzugehen.
Powision: Wo seht ihr euch im demokratischen Gefüge zwischen Stadt, Parteien und den anderen Initiativen?
IfZS: Da wir mit der Parteienlandschaft eigentlich bisher nicht so viel zu tun haben, spielt sich unsere Arbeit eher zwischen Verwaltung und Bürger ab. Da haben wir bis jetzt keine Probleme. Die Bürger kommen und können hier mit gärtnern und den Rest regeln wir eigentlich mit der Stadt und anderen Partnern.
Powision: Das ist interessant. Ihr arbeitet vorrangig mit Akteuren der Verwaltung und aus den Ämtern zusammen und kaum bis gar nicht mit Parteien.
IFZS: Die politische Ebene, ich will nicht sagen die ist uninteressant, aber sie ist für uns erst einmal nicht ausschlaggebend.
Powision: Wie sieht die interne Organisation der Initiative aus?
IFZS: Wir sind zwei Initiatoren, mein Kollege und ich, und unser großer Gewinn ist jetzt ein Garten- und Landschaftsbauer aus Dresden. Der fängt jetzt bei uns an und absolviert beim „Ökolöwen“ ein Ökologisches Jahr. Ansonsten machen wir das alle ehrenamtlich, es ist zwar Fulltime, aber ehrenamtlich. Wir sind auch kein Verein, wir sind völlig frei organisiert, es gibt auch keine Hierarchien: wer kommt und eine Idee hat, kann die gern umsetzen. Die Kerngruppe sind so fünf bis acht Personen und zehn bis dreißig kommen zu Veranstaltungen oder dem offenen Garten.
Ich glaube, es geht bei uns auch in gewisser Weise um Subsistenzwirtschaft und dabei ist es ein ganz gewisser Schlag Menschen, der sich bei uns engagiert. Sie wollen weg von diesen Kleingärten und hin zum Gemeinschaftsgarten ohne großartig feste Strukturen, aber auf demokratischer Basis. Das passt auch in den großen soziologischen Zusammenhang in Zeiten von „peak oil“ und „post-fossilen Strategien“ und zu einer Gegenbewegung zur neoliberalen Entfremdung. Es spielt einfach eine wichtige Rolle, wieder Vertrauen aufzubauen. Da wird der Garten als der Ort gesehen, der auch das benötigt, von dem man am wenigsten hat – Zeit. Man muss sich eben auf die Pflanzen einstellen[2] .
Immer mehr Indizien sprechen auch dafür, dass die Nahrungsmittelpreise steigen, da die konventionelle Landwirtschaft auf Öl für Dünger und Maschinen angewiesen ist. Es geht also wieder zurück zur Subsistenzwirtschaft, eher Selbstversorgung und im Kollektiv.
Dabei geht es auch um eine Mischform, man will in der Stadt leben und das Leben hier mitnehmen, da ja auch der Arbeitsplatz hier ist, aber man will trotzdem den Garten haben.
Powision: Solche Bestrebungen schaffen ja auch Unabhängigkeit, nicht nur von Infrastruktur, auch von den vorgegebenen Strukturen des städtischen Lebens, was Potential für eine emanzipatorische Bewegung gibt.
IfZS: Ja, es wendet sich voll von dem vorgefertigten Konsum ab.
Powision: Die IfZS ist keine Initiative mit primär politischen Zielen und Strategien der gewöhnlichen Art?
IfZS: Ja, wir sind eben auch keine Protestbewegung in dem Sinne. Wir bleiben schon in diesen Strukturen drinnen, spielen aber mit ihnen für unsere Vorteile. Es ist auch nicht mehr das „Öko“ aus den 80ern oder 90ern.
Powision: Abgeklärter?
IfZS: Ja.
Powision: Versteht ihr euch als eine Abwendung von dem „System“?
IfZS: Keine bewusste, aber es ist eine unbewusste Abwendung, also Parteipolitisches ist für uns uninteressant und an diesen Arbeitsmarkt glaubt eigentlich keiner großartig von uns. Also, es ist schon eine unbewusste Abwendung, klar.
Powision: Ist es auch eine Ablehnung des demokratischen Systems?
IfZS: Ein Stück weit ja, also Ablehnung von dem, wie Demokratie gerade definiert wird.
Powision: Aber dabei nicht durch aktiven Protest…
IfZS: Nein, sondern eher als eine eigene Form, eine eigene Wendung von Demokratie im Endeffekt. Es geht in Richtung einer Art „pragmatischen“ Demokratie. Wir haben nachhaltige Ziele und wollen aber weg von diesem wirtschaftlichen Fortschrittsgedanken.
Powision: Ein bisschen holt sich so etwas ja auch das Leben ins Individuelle und in die Kleingruppe, ins Lokale zurück.
IfZS: Ins Kollektiv, vom „Universellen“ eher ins Kollektive und das spielt auch mit dieser Lokalisierung, die zwar politisch, auf Regierungsebene auch passiert, aber wir nehmen sie anders an.
Powision: Das geht eigentlich in die Richtung post-demokratischer Entwicklungen, ihr macht euer Ding und lebt euer Leben.
IfZS: Es ist ein Lebensstil. Wir sind heute schon post-demokratisch.
Das Interview führte Katharina Döring im Rahmen der Reihe Stimmen aus der demokratischen Praxis.
- [1] Für nähere Informationen: http://ifzs.de/ ↩
- [2] Dominik bezieht sich hier zum Teil auf das Buch „Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ von Christa Müller, erschienen 2011 im oekom Verlag ↩
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