Katharina Döring: Sicherheit als Technik und Techniken der Sicherheit im urbanen Südafrika

 

I

Die Republik Südafrika steht exemplarisch für die wachsende Paranoia des 21. Jahrhunderts. In kaum einer anderen Gesellschaft spielt das Thema Sicherheit eine so große Rolle wie in der Republik am Kap der Guten Hoffnung. Doch auf Hoffen will sich dort niemand verlassen.

Hoffen und Glauben sind folglich auch nicht die Problemlösungsstrategien der Stunde, sondern Information und Technik. Vielleicht ist Sicherheit deswegen ein so großes Thema am Beginn dieses Jahrhunderts, weil es eines der letzten Güter ist, die wir nicht zu 100% kaufen, bauen und kontrollieren können. Im Licht wachsender Möglichkeiten zur Beherrschung der Welt durch den Menschen ist Sicherheit der (kleiner werdende) Rest, Hohn an unser totales Können.

Das facettenreiche Verhältnis der beiden Schlagworte um die es mir im Folgenden gehen wird, Technik und Sicherheit, lässt sich gut im gesellschaftlichen Kontext reicher urbaner Eliten in Südafrika betrachten. Sie fühlen sich bedroht durch Armut und Kriminalität und postulieren ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. Dieses Bedürfnis versuchen sie mit extensivem Technikeinsatz zu befriedigen.

Es gibt für jeden Südafrikaner gute Gründe, sich unsicher zu fühlen: Pro Jahr werden etwa 20.000 Morde und 50.000 gemeldete (sic!) Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen registriert. 1998 wurden pro 100.000 Einwohner 59 Morde verübt, wohingegen es in Brasilien 21 pro 100.000 Einwohner und in Norwegen nur zwei waren (Abrahamsen & Williams, 2011: 181).

Das hohe Kriminalitätsaufkommen im Land ist vielfältigen Ursprungs und ihm ist sicher nicht mit monokausalen Erklärungen beizukommen. Zwei der möglichen Erklärungsmodelle sind im Kontext dieses Artikels dennoch besonders relevant: Ungleichheit und Apartheidsvergangenheit.

Obwohl Armut oft als Grund für Kriminalität und Gewalt beschworen wird, wächst doch zunehmend die Erkenntnis, dass eine ungleiche Verteilung von begrenzten Ressourcen sowie schwache institutionelle Kontrollmechanismen viel häufiger die Ursachen sind (Gie, 2009: 4). Südafrika hat ein Bruttoinlandsprodukt von 554 Milliarden US Dollar, davon gehen 44,7% an die zehn Prozent der Haushalte mit dem höchsten Einkommen, während die zehn Prozent der Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen nur einen Anteil von 1,3% haben. Ein weiteres Indiz für die Ungleichverteilung von Einkommen in Südafrika ist der hohe Gini-Koeffizient von 65,0, der Südafrika weltweit Platz drei der ungleichsten Länder einnehmen lässt (CIA World Factbook).

Im Vergleich zu den Rekordkriminalitätsraten der 1990er Jahre zeichneten die Zahlen während des Apartheidsregimes ein positiveres Bild. Ob das Land damals tatsächlich so sicher war wie seine Statistiken sagen, ist fraglich. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Polizeistatistiken vor 1994, dem offiziellen Ende der Apartheid, dessen Ideologie repräsentierten und nur die Situation für die weiße privilegierte Minderheit darstellten. Durch die räumliche Segregation trat Kriminalität, die aufgrund von sozialer Ungleichheit entstand, kaum auf. Die Kriminalitätsstatistiken bildeten vorwiegend Taten in den weißen Städten und Dörfern ab sowie Gewaltakte gegen das Regime. Die Townships wurden außer Acht gelassen. Die südafrikanische Polizei beschäftigte sich kaum bis gar nicht mit dem Wohl und Sicherheitsanliegen der Menschen in den Townships (Abrahamsen & Williams, 2011: 176).

Dieses strukturelle Defizit konnte bis heute nicht vollständig beseitigt werden. Bald nachdem die erste freie Regierung ihr Amt angetreten hatte, kamen neue Motivationen für Kriminalität hinzu. Das gewaltsame Apartheidsregime war nicht mehr an der Regierung und dadurch wurden die gesellschaftlichen Grenzziehungen durchlässiger. Für die Mittellosen aber blieb eine Verbesserung der Chancengleichheit aus, und die Unzufriedenheit mit den unzureichenden Verbesserungen im öffentlichen Sektor stieg (Baker, 2002 :31).

Vor diesem Hintergrund fühlen sich oft vor allem weiße Bevölkerungsgruppen bedroht. Ihr subjektives Unsicherheitsempfinden ist höher als das der schwarzen und farbigen Bevölkerung, obwohl letztere tatsächlich häufiger Verbrechen ausgesetzt ist (Abrahamsen & Williams, 2011: 182).

Fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist es weniger die Hautfarbe als das Geld, das über Bedrohungspotential und Techniken zur Lösung von Sicherheitsproblemen bestimmt. Welche Techniken dabei zum Einsatz kommen soll hier kursorisch betrachtet werden.

II

Schon zu Zeiten der Besiedlung Südafrikas trennten sich die weißen Siedler räumlich von der einheimischen Bevölkerung. Als sich die Minderheitenregierung der europäischen Siedler nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Politik der Apartheid manifestierte wurde die räumliche Trennung von Weiß und Schwarz durch verschiedene Regelungen weiter manifestiert. Ihren Höhepunkt erreichte die raumplanerische Separierung mit der Errichtung von Homelands und Townships. Sicher gab es verschiedene ideologische Gründe für diese Politik. Es dürfte aber auch das Sicherheitsrisiko, welches die wohlhabende weiße Minderheit zunehmend in der schwarzen Mehrheit sah, ein Grund gewesen sein. Nicht nur innenpolitische Probleme, wie steigender Unmut gegenüber dem Apartheidssystem, verstärkten das Gefühl von Bedrohung, sondern auch die außenpolitische Isolation der Republik Südafrika von den Nachbarstaaten. In ihnen kamen nach und nach schwarze Mehrheitsregierungen an die Macht und sorgten damit auch dafür, dass sich die reiche weiße Elite Südafrikas von einem stärker werdenden Gefühl der Unsicherheit betroffen sah.

Kapstadt repräsentiert bis heute diese Segregation. Während die finanziell gut situierte und vorwiegend weiße Bevölkerung nahe der Berge am Rande des Stadtzentrums in luxuriösen Wohngegenden lebt, sind die Ärmeren und damit meist farbigen oder schwarzen Bevölkerungsgruppen bis heute in die sogenannten Cape Flats und die die Stadt umgebenden Townships gedrängt, mit nach wie vor schlechter Infrastruktur, wie z.B. mangelnder Trinkwasserversorgung (Pelling & Wisner, 2009: 106/107).

Die Sicherheitstechniken der Eliten wandelten sich nach dem Zerfall des Apartheidsregimes und den ersten freien Wahlen 1994. Während durch den Systemwechsel auch in der South African Police (SAP) und der South African Defence Force (SADF) einerseits die alten Kader durch neue ersetzt wurden, setzte dies andererseits hoch qualifiziertes Sicherheitspersonal frei, das sich zu großen Teilen in privaten Sicherheitsunternehmen (PSCs) wiederfand.

Für die Elite des Landes verstärkte sich im Verlauf der folgenden Jahre das Bewusstsein, den Schutz von Leib, Hab und Gut in die eigene Hand nehmen zu müssen. Das Problem brauchte eine Lösung und der explodierende Sicherheitsmarkt bot sie. Mit privaten Schutzdiensten, Armed Response und anderen Mitteln entstand ein Werkzeugkoffer, um dem Problem beizukommen. Heute sind in Südafrika 6.392 private Sicherheitsunternehmen registriert (Abrahamsen & Williams, 2011: 179).

Auf diese Dienstleister scheint eher Verlass zu sein, als auf die Polizei. Bei der weißen Bevölkerung ist dies oft verwurzelt in einem höherem Vertrauen gegenüber „alten Bekannten“. Bei den schwarzen sowie farbigen Eliten verlässt man sich auf Käuflichkeit und zuverlässige Performanz.

Darüber hinaus bieten sich PSCs nicht nur als Methode zur Lösung des gesellschaftlichen Problems Sicherheit an, sie verfügen auch über entsprechende Werkzeuge, wie ein weites Arsenal von Waffen- und Überwachungstechnik sowie Erfahrungen, Fertigkeiten und Techniken aus der Apartheidszeit1. Stetige Nachfrage und der Zugang zu neuster Technologie und gutem Training für Personal verschaffen den PSCs einen Vorteil gegenüber der staatlichen Polizei. Allerdings gehört ein großer Teil der Angestellten solcher Unternehmen aus Kostengründen, der schlecht gebildeten sozialen Unterschicht an (Abrahamsen & Williams, 2011: 228), was strategisch zu einem großen Nachteil wird, wenn durch schlechte Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung die Unzufriedenheit des Personals wächst und eine Zusammenarbeit mit Akteuren des kriminellen Sektors lukrativ erscheint.

Es gibt aber auch subtilere Techniken, um sich sicherheitsgefährdende Subjekte vom Hals zu halten. Beispielhaft dafür ist die von Christine Hentschel dargestellte Methode des outcharming von Kriminalität. Den Nutzen dieser Strategie gegen unliebsame Gäste beschreibt sie für die Gastronomie in Durban. Sie porträtiert in ihrer Arbeit einen Barbesitzer, der sich vor der Eröffnung seines Lokals bewusst darüber Gedanken machte, wen er zu seiner Kundschaft zählen möchte und wen nicht. Um die gewünschten Kunden (zahlende, eloquente, ruhige Menschen, die “keinen Ärger machen”) anzulocken und andere (Alkoholiker, Arbeitslose oder potentielle Störenfriede) abzustoßen, setzte er auf ein bewusstes Design, das ungebetene Gäste “charmant” heraus bitten würde. Mit jazziger Loungemusik, teuren Getränken, moderner Designereinrichtung und warmen Farbtönen setzte er bewusst darauf, diesen Menschen klar zu machen, ihr gehört nicht hier her (Hentschel, 2011).

Nicht nur mit handfesten Werkzeugen und “charmanten” Methoden wird Sicherheitsrisiken begegnet, sondern auch mit rhetorischen Mitteln. Wer über die finanziellen Mittel verfügt, bestimmt auch „who gets secured and how“ (Abrahamsen & Williams, 2011: 194) und entscheidet darüber, wer ein Sicherheitsrisiko darstellt. Dies ist besonders im Kontext von Stadtteilaufwertungen interessant. Hierbei geht es oft nicht um tatsächlich kriminelle Subjekte, sondern viel mehr darum, die damit im Zusammenhang gesehenen „undesirable elements“, wie Bettler, Obdachlose, informelle Parkplatzwächter und Straßenkinder, aus den entsprechenden Gebieten zu entfernen (Ebd.).2

III

Die dargestellten Strategien zur Lösung eines unterschiedlich groß empfundenen Sicherheitsproblems stehen ganz im Geist ihrer Zeit. Statt gesamtheitlich gesellschaftlicher Ansätze, die die Ursachen für Kriminalität im Blick haben, wird im quick fix Verfahren mit verschiedenen Techniken versucht, das Symptom des Symptoms zu bekämpfen – das Unsicherheitsgefühl. Viele der dargestellten Herangehensweisen gehen nicht die Prävention von Verbrechen als menschliche Eigenschaft oder als Ergebnis historisch sozialer Entwicklungen selbst an, sondern kümmern sich um das Sicherheitsgefühl und sind in vielen Fällen darauf ausgelegt, kriminelles Potential (nur) räumlich zu beseitigen (vgl. Hentschel, 2011). Dies weist auf ein sehr mechanistisches Verständnis von sozialen Problemen hin. Ein reiner Technologieeinsatz kann jedoch keine Lösung für gesellschaftliche Probleme sein.

Literatur

Abrahamsen, R. & Williams, M. C. (2011): Security beyond the state. Private Security. In International Politics. Cambridge University Press.

Baker, B. (2002): Living with None-State Policing in South Africa. The Issues and Dilemmas. In The Journal of Modern African Studies, 40(1), S. 29-53.

CIA (2012): The World Factbook. https://www.cia.gov/library/publications/the-world- factbook/geos/sf.html

Gie, J.(2009): Crime in Cape Town: 2001 – 2008. Strategic Development Information and GIS

Department. Strategic Information Branch.

Hentschel, C. (2011): Outcharming crime in (D)urban space. In Social Dynamics 37:1, 148-164.

Pelling, M. & Wisner, B. (Hrsg.) (2009): Disaster Risk Reduction. Cases from Urban Africa. Earthscan. London.

1Zumindest bei ehemaligen Regimeangestellten, durch eine umfangreiche Ausbildung zur Aufstandsbekämpfung u.ä. Wobei auch hier ein genauerer Blick lohnend wäre. Was bringen diese Fertigkeiten im zivilen Alltag und wer diffundierte nach dem Regimewechsel eigentlich in welchen Sektor?

2Auch auf internationaler Ebene funktioniert diese diskursive Vorgehensweise. Wird z.B. Afrikas wirtschaftliche Lage nicht aus entwicklungspolitischer Perspektive gesehen, sondern als Sicherheitsproblem, so ändern sich sehr schnell Strategien, Mittel und Wege im außenpolitischen Umgang mit dem Kontinent. Abrahamsen führte dies 2005 in dem Aufsatz „Blair’s Africa: The Politics of Securitization and Fear“ aus.

0 Responses to “Katharina Döring: Sicherheit als Technik und Techniken der Sicherheit im urbanen Südafrika”


  • No Comments

Leave a Reply

Spam Protection by WP-SpamFree