Roger Behrens: The Power of Love. Bemerkungen über Macht und Ohnmacht der Gefühle

„Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“ – Marx: Das Kapital (MEW Bd. 23, S. 247)

„I’ll protect you from the hooded claw / Keep the vampires from your door.“ — Frankie Goes To Hollywood: e Power of Love.

Liebe ist ein angenehmer Sonderfall zwischenmenschlicher Beziehung, die Liebesbeziehung ein Spezialfall der Nächstenliebe, aber immer auch ein soziales Verhältnis: Es sind vielleicht nur zwei Menschen, die sich lieben; aber es sind viele, die zu dieser Liebe im Verhältnis stehen. Zum Beispiel so:

Wenn es Probleme in einer Liebesbeziehung gibt, die nicht so eindeutig auf die im bürgerlichen Gefühlshaushalt geregelten Verhaltensnormen zurückzuführen und von daher auch nicht sofort erklärbar sind, sondern die einen mit kompletter, essenziell erscheinender Unverständlichkeit überraschen und mitunter im ganzen als Sicherheit geglaubten Selbstvertrauen treffen, dann ist es gut, damit nicht alleine zu sein und sich an einen Freund wenden zu können. Bei mir ist es mein Freund H., der sich nun schon seit fast zwei Jahrzehnten meine amourösen Sorgen anhört und auch gerne kommentiert. Dabei sagt er eigentlich immer dasselbe beziehungsweise läuft seine unterstützende Beratung auf immer dieselbe Quintessenz hinaus: Bei dem Problem, sagt er dann nämlich, spielt irgendwie wohl auch Macht eine Rolle. Oder, ohnehin: Liebe habe immer ganz viel mit Macht zu tun. Oder, kurz und wörtlich: „Es geht um Macht.“ Das nehme ich dann so hin und denke mir, dass das ebenso richtig wie falsch ist. Das heißt, eigentlich den- ke ich gar nichts.

Doch lässt man sich auf diese Idee, dass Liebe und der aus ihr erwachsende Kummer irgendwie mit Macht zu tun hat, einmal ein, dann zeigt sich schnell, wie ambivalent und zugleich signifikant diese Idee eigentlich ist: Denn gemeint ist hier ja eine der Liebe entgegen gesetzte Macht, eine Macht, die die Liebe stört, mindestens verstört und vielleicht sogar zerstört: eine Macht, die das Scheitern der Liebe anzeigt – mithin eine Gegenmacht zur Macht der Liebe, die diese als Ohnmacht der Liebe entblößt. Und gleichzeitig ist diese Macht von der Macht der Liebe gar nicht so verschieden; ja, es ist dieselbe Macht, die hier als Liebe und mit der Liebe gegen die Liebe arbeitet. – Schließlich gehört diese dynamische und ja meistens schmerzhafte Beziehung von Macht und Liebe zu den spezifischen Formen zwischenmenschlicher Verhältnisse, wie sie sich in der spätbürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gleichsam als Alltag und Lebensweise, ja als Normalität des Liebeslebens kristallisieren; dabei zeigen sich im Verlauf der 70er und 80er Jahre einige Kongruenzen in der Problematisierung von einerseits Macht, andererseits Liebe, die wiederum für die Bedingungen von Subjektivität heute von nachgerade dramatischer Relevanz sind.

Wie konnte aber in den 70er-80er Jahren auf einmal die Macht so deutlich hervortreten, dass man auf einmal glaubte, mit ihr oder durch sie gewisse Probleme nicht nur benennen, sondern auch erklären zu können? Will fragen: Wieso hat sich bei Menschen, die sich ansonsten kaum damit beschäftigen, was die Welt, das Leben, die Gesellschaft zusammenhält, so selbstverständlich die Idee etablieren können, dass es „um Macht geht“? Woher wissen diese Menschen überhaupt, dass es „Macht“ gibt? – Die gemeinte Macht ist ja etwas Abstraktes; und von anderen Abstraktifikationen – der ökonomische Tausch und sein Fetischverhältnis – wissen die Menschen in der Regel auch nichts, wollen es auch nicht wissen. Wieso will man aber über die Macht etwas wissen, oder wieso glaubt man von ihr beziehungsweise über sie etwas zu wissen? – Es war ja nicht immer so: Dass das Interesse an der Macht sich erst mit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt und somit zu den Übergangsphänomenen von der Moderne zur Postmoderne gehört, zeigt etwa in der Unterhaltungsindustrie, die das ema aufnimmt: Mit dem Sciencefictionfilm Star Wars von 1977 wird die Macht von der Zukunft in die Gegenwart geholt – als Force („May the force be with you“). Pseudoreligiös wird damit kaschiert, was in der spätbürgerlichen Gesellschaft sich als Macht durchsetzt: hier war es vor allem der Poststrukturalist Michel Foucault, der die Genealogie einer Mikrophysik der Macht als überhistorische Struktur aus der Vergangenheit zu erklären suchte – als pouvoir beziehungsweise power. So konn- te sich in den 80er Jahren schließlich noch einmal eine ganz andere Konstellation von Macht und Liebe be- haupten, deren Bilder tief im Alltagsbewusstsein ver- ankert zu sein scheinen.

Von der Macht der Liebe – ohnehin ein altes Motiv des menschlichen Gefühlslebens – hat in die- ser Formulierung bereits Sigmund Freund gespro- chen, und zwar 1930 in seinem Essay Das Unbehagen in der Kultur: „Eros und Ananke“ seien „die Eltern der menschlichen Kultur“, schreibt Freud, und meint damit, dass „das Zusammenleben der Menschen … durch den Zwang zur Arbeit … und durch die Macht der Liebe“ wesentlich bestimmt wäre.1 Die auf dieser Basis entstehende Kultur wirkt aber keineswegs „be- glückend … auf ihre Teilnehmer.“2 Liebe, Eros bezie- hungsweise die Macht der Liebe sind im Übrigen be- reits an dieser Stelle bei Freud als genitale und sexuale Beziehung gedacht und an die Zweigeschlechtlichkeit gebunden: Macht der Liebe heiße nämlich für den Mann, „das Sexualobjekt im Weibe“, und für die Frau „das von ihr abgelöste Teilstück des Kindes nicht entbehren“ zu wollen.3 Indes: Ist die sexuel- le Liebe zwar die Basis der menschlichen Kultur, so ist die menschliche Kultur wiederum keineswegs die Basis gelingender, i. e. befriedigender Liebes- und Sexualbeziehungen; das Glück wird abgelenkt in der „zielgehemmten Liebe“ – und das heißt nach Freud: „als Zärtlichkeit“.

„Das Verhältnis der Liebe zur Kultur verliert im Verlaufe der Entwicklung seine Eindeutigkeit. Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen der Kultur, andererseits bedroht die Kultur die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen.“4 Aus diesem Einerseits/Andererseits zieht Freud merkwürdige Schlussfolgerungen, die sich allerdings durch die jüngs- te Kulturentwicklung der spätbürgerlichen Gesellschaft nicht bestätigt finden;5 vielmehr entfaltetet sich diese „Entzweiung“, wie Freud es nennt, zu einer „Dialektik der Kultur“: das ist eine Formulierung, die Herbert Marcuse 1955 in seinem Buch Eros and Civilization einführt (und zwar in expliziter Auseinandersetzung mit Freuds Kulturtheorie)6 – also in dem Jahr, in dem das, was im bürgerlichen Zeitalter „Kultur” genannt wird, in ganz entscheidender Weise verschiebt, verän- dert, ja transformiert und revolutioniert: Es entsteht die Popkultur – nämlich der Rock ’n’ Roll, der Soul und die (britische) Pop Art.

Buchstäblich verkörpert die Popkultur die Macht der Liebe, ebenso wie die Macht der Liebe aber auch die Körper zu verzehren scheint. Und genau darin setzt sich die Dynamik einer Dialektik der Kultur fort, von der Marcuse spricht: Tatsächlich geht es um Herrschaft, die sich in konkreten sozialen Verhältnissen manifestiert; sie sind jedenfalls allein psychologisch nicht mehr zu erfassen – insofern sind auch die individuellen emotionalen Angelegenheiten mit ihren gesellschaftlichen Bedingungen zu konfron- tieren. Und seinen Ausdruck findet das nicht nur in den veränderten Sozialstrukturen wie beispielsweise der Familie, sondern in der veränderten psychischen Disposition der Subjekte: drastisch deutet sich an, dass die psychischen Kategorien selbst außer Kurs gesetzt und zu, wie Marcuse schreibt, politischen Kategorien geworden sind. Dies verfolgt Marcuse vor allem in Hinblick auf die Ersetzung des Realitätsprinzips durch ein Leistungsprinzip. Das bedeutet aber nicht nur eine mögliche Freisetzung der Libido, sondern eine Veränderung der Libido selbst – manifest wird das in den Umwälzungen der dem Komplex Liebe zugeord- neten Bildern, Begriffen und Aktivitäten, wie sie sich allgemein in der Kultur manifestieren und sedimen- tieren.

Über diese permanente Revolution des Liebesideals ebenso wie der Liebesrealität löst sich schließlich die Macht aus dem Komplex der Liebe heraus und ver- selbstständigt sich. Die Macht wird selber zur Struktur – nicht von ungefähr wird ›Macht‹ in derselben Zeit, in der sie sich in die Funktionale der Gesellschaft ein- schreibt, zur theoretischen Domäne der poststruktu- ralistischen eorie, wie sie insbesondere von Michel Foucault als Machtanalyse formuliert wird. Allerdings – und das ist bemerkenswert – findet sich bei ihm, der das Feld der Macht in Dispositive (also Apparate, Vorrichtungen, Anordnungen etc.) aufteilt, kaum et- was zur Macht der Liebe. Sehr wohl aber sind sei- ne großen emen die Sexualität, die Biopolitik, der Wahnsinn, die Gouvernementalität, die Lebenskunst … also mithin alles emen, die zum Teil sogar unmittelbar den Komplex der Liebe berühren oder ein- schließen. Doch die Liebe bildet eben kein eigen- ständiges Dispositiv mehr und bleibt zugleich den Machtstrukturen äußerlich: Im Spätkapitalismus gibt es keinen sozialen Ort mehr für ›Liebe‹, sie wird sozu- sagen ins Kulturelle abgeschoben.

In den 70er Jahren wird der Komplex Liebe zum ubiquitären Spektakel der Popkultur; doch gegen- über den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen ist die fortwährend inszenierte Macht der Liebe ohnmächtig. Genau darin bewahrt sich die Liebe aber eine emanzipatorische Kraft: als letzte Utopie des befreiten und befriedeten Daseins. Doch diese revolutionäre Möglichkeit der Liebe bleibt von der sozialen Wirklichkeit getrennt: sie wird zur solipsistischen Illusion des Kollektivs, nicht zur kollektiven Forderung der vereinzelten Subjekte.

Und je weniger der Macht der Liebe eine soziale Bedeutung zukommt, desto mehr wird sie kulturell als Ideal überhöht. In derselben Zeit, wo sich die spätbürgerliche eorie in ihrer Machtanalyse vom Komplex Liebe verabschiedet, wuchert die Liebe im Pop, geriert sich ganz postmodern in der Vervielfältigung ihrer Wunsch- und Traumbilder; die Macht der Liebe wird ziellos, richtungslos, ist plötzlich und unkontrolliert und kann Alles oder Nichts bedeuten:

„e power of love is a curious thing / make a one man weep, make another man sing / Change a hawk to a little white dove / more than a feeling that’s the power of love“, heißt es 1985 bei Huey Lewis & e News – eine Version von e Power of Love, die zu- gleich als Soundtrack des Films Back to e Future (und schon der Filmtitel ist für unser ema programmatisch zu verstehen). Im Kontrast zur Harmlosigkeit der Macht der Liebe besingt Jennifer Rush im selben Jahr The Power of Love als bedrohliche Gewalt, die manchmal furchtbar sein kann, die man sich aber in Lernprozessen aneignen kann („Sometimes I am frightened / but I’m ready to learn ’bout the power of love“). In beiden Fassungen bleibt die Macht der Liebe den Liebenden selbst merkwürdig äußerlich; sie ist Schicksal, dem die Menschen privat ebenso ausgeliefert sind wie ohnehin den allgemeinen sozialen Verhältnissen. Die Macht der Liebe ist hier jedenfalls keine Macht, über die Menschen frei oder gar freisetzend – nämlich sich selbst freisetzend – verfügen. Das als Forderung mit ästhetischen Mitteln auf- zunehmen vermochte damals nur eine Band: Frankie Goes To Hollywood veröffentlichten im Dezember 1984 eine Version von e Power Of Love, die nachgerade revolutionär verstanden werden kann – eingebettet in eine konsequent hedonistische Utopie: Welcome To e Pleasuredome.

„Love is the light / Scaring darkness away-yeah / … / Let yourself be beautiful / … / Love is like an en- ergy / Rushin’ rushin’ inside of me / … / Make love your goal / … / Love is danger, love is pleasure / Love is pure – the only treasure …“ Niemals im Zeitalter des Pop wurde die Macht der Liebe radikaler als Utopie erklärt; im Übrigen schließlich auch deshalb, weil hier – anders als bei Huey Lewis oder Jennifer Rush – die Liebe jenseits jedes kleinbürgerlichen, heterosexuellen Ideals behauptet wird, so dass selbst der lapidare Satz „I’m so in love with you“ ganz ohne echten Muff und falsches Pathos auskommt und seine Authentizität gerade in der Idee revolutionärer Romantik beweist.

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„Wie kommen wir ohne zu lügen, zu einem glücklichen Ende? … Warum führen die Gefühle, die die Welt bewegen, am Ende zu soviel Unglück, wenn die Gefühle selber doch (jedes einzelne) eologen des Glücks sind, Unerbittlich glauben sie ans Glück …“ Alexander Kluge, ‚Die Macht der Gefühle‘ (Frankfurt am Main 1984, S. 166)

Ebenfalls 1984 erscheint von Alexander Kluge das Buch ‚Die Macht der Gefühle‘ (es erscheint zu seinem gleichnamigen Film; übrigens ist dieses Jahr 1984 – in das George Orwell seinen berühmten Sciencefiction von der Macht der Liebe gegen die totalitäre Herrschaft situiert hat – auch das Todesjahr von Michel Foucault). Kluge notiert: „Die Macht der Gefühle. Die Macht gibt es wirklich, und die Gefühle gibt es auch wirklich … Ich möchte Geschichten erzählen, wieso die Gefühle nicht ohnmächtig sind.“7

– Und das sollte doch vor allem für die Liebe gelten. Nun spricht aber aus dem freundschaftlichen Beistand, den ich durch meinen Freund H. habe, eine andere Erfahrung, die vermutlich nicht nur diejenigen Teilen, die in den 80er Jahren in der Organisation oder Desorganisation ihres Gefühlslebens sozialisiert wurden: dass die Liebe gegen die Macht, ja gegen ihre eigene Macht ohnmächtig ist und bleibt. Das nicht zu akzeptieren, heißt die Macht zu verwerfen und sich zugleich auf das machtvolle Spiel der Liebe einzulassen, immer wieder: Weil die schärfste Herausforderung für die Liebe die Liebe selbst ist.8

Fussnoten:

1 Vgl. Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Studienausgabe Band IX, Frankfurt am Main 1997. S. 230.

2 Ebd., S. 231.

3 Vgl. ebd., S. 230.

4 Ebd., S. 232.

5 Freud argumentiert auf der Grundlage des einmal invariant gesetzten Geschlechterverhältnisses, wonach eben dieses sich kulturell dahingehend durchsetzt, dass – ebd., S. 233 – “bald die Frauen in einen Gegensatz zur Kulturströmung” treten: “Die Frauen vertreten die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die Kulturarbeit ist immer mehr Sache der Männer geworden, stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben, nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen die Frauen wenig gewachsen sind.”

6 Vgl. Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Schriften Bd. 5. Springer 2004.

7Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle. Frankfurt am Main 1984. S. 5.

8Kluge schreibt: »Die schärfste Herausforderung für das Gefühl ist der Krieg.« (Ebd., S. 5) Das ist, so wie Kluge es selber mit seiner merkwürdigen Begeisterung fürs Militärische dreht, falsch. Auch so: Love is not a battlefield.

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