Weihnachten 1989 : Während man in Europa das Ende des Kalten Krieges herannahen sah, überquerte eine Organisation namens National Patriotic Front of Liberia (NPFL), unter Führung von Charles Taylor, von der Elfenbeinküste aus mit nur 150 Mann die liberianische Grenze. Was folgte, war ein 14 Jahre lang schwelender Konflikt zwischen wechselnden Fraktionen, der das Land völlig erschöpfte und die gesamte Region ins Chaos stürzte. Die Exzesse, die in dessen Verlauf vorfielen, waren der- art unbeschreiblich, dass ausländischen Beobachtern stellenweise nur noch der Begriff der „Barbarei“ einfiel, um die Ereignisse zu fassen: Plünderungen, Massenvergewaltigungen, Kannibalismus – das alles zum Teil von Minderjährigen begangen. Auf furchtbare Weise präsentierte sich der radikale Gegenentwurf zum Prinzip „Liebe Deinen Nächsten“. Vielmehr schien sich das Hobbessche Wort, wonach der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, hier zu bewahrheiten. In einem Raum ohne Gewaltmonopol, so der englische Philosoph Thomas Hobbes, herrsche ein endloses Rachesystem, ein Krieg aller gegen alle um „Mitbewerbung, Verteidigung und Ruhm“.1
In diesem Zusammenhang ist Charles Taylor, studierter Wirtschaftswissenschaftler, als Prototyp einer Reihe von kriegerischen entrepreneurs zu sehen, die Krieg nicht als (revolutionäres) Staatsbildungsprojekt verstanden, sondern die Chance wahrnahmen,2 durch eine anhaltende Gewaltsituation Profite zu akkumu- lieren. Sie hatten erkannt, dass die Macht in der einstigen amerikanischen quasi-Kolonie nicht länger vom Willen der Großmacht abhing, sondern von der Fähigkeit, effektive Kontrolle über lokale Märkte und Handelsrouten zu erlangen. Gewalt war Mittel (zur Marktregulierung) und Ware (im Sinne von „Schutz“ ansässiger Unternehmen und Händler) zugleich. Die Warlords verstanden es, hierbei vor allem die Jugend der Region für den Krieg zu begeistern und für ihre kommerziellen Ziele zu benutzen.
Mit der Aussicht auf großzügige Entlohnung und Status wurden die Jungen und Mädchen (!) geködert. Schnell mussten diese jedoch feststellen, dass sie für ihre Dienste nicht bezahlt wurden. Waren die Kämpfer daher anfangs noch auf Plünderungen ange- wiesen, um sich zu ernähren, verselbstständigten sie sich im weiteren Verlauf des Krieges und unternahmen zunehmend Raubzüge auf eigene Rechnung. Zudem sprach sich die Aussicht auf Gewinn und Abenteuer auf den Märkten der Nachbarländer herum, auf denen das Raubgut verkauft und zusätzliche Kämpfer angelockt wurden. Eine Antwort der Kriegsherren auf das Problem stets prekärer Loyalitäten war unter anderem die Verabreichung von Betäubungsmitteln (Marihuana, Amphetamine) an die Kämpfer, um sie so in Abhängigkeit gegenüber den Kommandanten zu halten: Grausamkeit und Skrupellosigkeit im Umgang mit ihren Opfern waren die Folge. Die Warlords hatten zwar die Lust am Töten aktiviert und gefördert, waren dabei aber nicht in der Lage die einmal geschür- ten Aggressionen wirksam unter Kontrolle bringen. So sind dann auch die vorgefallenen Gewaltexzesse mit rationalen (Profit-)Motiven nicht mehr zu erklären. Vielmehr griffen hier Männlichkeits- und Kriegerkulte, die über Jahrhunderte rituell von den Poro- und Sande-Geheimgesellschaften3 vermittelt wurden, welche die Jugendlichen nun im Krieg zu verwirklichen suchten. Gewalt diente in den tra- ditionalen Strukturen dieser Kulte schon immer auch dem Zweck der Selbsterkenntnis. Freilich fan- den die Gewalterfahrungen vor dem Krieg schon statt – aber eben ritualisiert und ohne Ecstasy und Kalaschnikow. Die so genannte Moderne war mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel oder eines Machetenhiebes über viele Dörfer gekommen. Vor allem die Jungen, die noch nicht die Jahre lang andauernde Initiation durchlebt hatten, zogen in der Folge mor- dend und vergewaltigend übers Land. Die zahlreich berichteten Fälle von Kannibalismus etwa sind als eine Pervertierung des rituellen „Bluttrinkens“ zu verstehen, wonach der Krieger Unverwundbarkeit erlangt. Die Einnahme von Drogen kam den jungen Kämpfern als ein Zauber vor, der sie „bullet proof“ werden ließ. Der Liberia-Konflikt war so auch Ausdruck eines Generationenkonflikts, wie er radikaler kaum vorstellbar ist, was unter aanderem die zahlreichen Morde an ehemaligen Lehrern durch ihre Schüler belegen. Der von den Kämpfern gepflegte „Kalaschnikow-lifestyle“ gab den Minderjährigen mehr Macht in die Hand als je ein Erwachsener vor ihnen hatte. Ohne Kontrolle durch militärische Strukturen konnten sie diese Macht voll ausleben, und schreckten auch vor abscheulichen Verbrechen gegen Frauen und Mädchen nicht zurück. In einem Krieg, in dem sich Armeen gegenüberstehen, kann etwa die Sexualisierung der Kämpfer noch mit Mitteln der Militärjustiz begrenzt werden, in diesem Krieg aber scheint das Gesetz des Stärkeren das einzige Regulativ gewesen zu sein. Dieser Logik konnten sich auf lange Sicht auch Menschen ohne Tötungsphantasien kaum entziehen. Die pure Angst getötet zu werden machte aus vormals Unbeteiligten „Freiwillige“ für die Kriegsfortführung. Aus der Gefahr heraus, beim Zusammenstoß mit Kämpfern als Feind identifiziert und umgebracht zu wer- den, entschied man sich für das kleinere Übel und schloss sich einer der Fraktionen an. Mit der zuneh- menden Dauer des Konflikts gingen zudem, infolge der Totalzerstörung der (Friedens-)Wirtschaft, mehr und mehr Alternativen der Beschäftigung verloren. Bis heute wird die Arbeitslosigkeit auf über 80% geschätzt. Dies ist wohl größte Hypothek des nunmehr „befriedeten“ Landes für die Zukunft: eine traumatisierte Generation junger Menschen, ohne große Chancen auf Beschäftigung und Status außerhalb der Gewalt, eine Generation desillusionierter Kinder, die die Nächstenliebe wieder ganz von vorne lernen muss.
Literatur:
1Hobbes, Thomas (1991): Leviathan. Stuttgart 1970 (Reclam- Ausgabe).
2Taylors Jahresumsatz wird auf über 70 Mio. US-$ geschätzt.
3 Hierzu eindrücklich Ellis, Stephen (1999): The Mask of Anarchy. The Destruction of Liberia and the Religious Dimension of an African Civil War. London
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