Michael Huber
Universitätsreform und Entdemokratisierung
Über die wissenschaftliche Wahrheit kann nicht abgestimmt, sondern nur rational argumentiert werden. Aus guten Argumenten entstehen zwar nicht zwangsläufig demokratische Strukturen, aber die daraus entstehenden Sozialbeziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden werden seit der Entstehung der modernen, humboldtschen Universität als Keimzelle einer emanzipierten Gesellschaft angesehen. Mit der für die moderne Universität konstitutiven Einheit von Lehre und Forschung wird die vormoderne Asymmetrie von Lehrer und Student überwunden und an ihre Stelle tritt eine Beziehung gegenseitiger Irritation und Anregung: Der Lehrer ‚irritiert’ die Studenten, indem er sie an seinem kreativen Denkprozess teilhaben lässt, nicht nur an dessen Ergebnissen. Er selbst wird durch Fragen der Studierenden in seinem Denken angeregt, wovon schlussendlich auch seine Forschung profitiert.
Demokratische Gehversuche und New Public Management
Trotz dieser Gleichheit Aller vor der Wissenschaft wird demokratische Mitbestimmung durch eine Organisationsform erschwert, die sich auf Normen und Werte verlässt, die für alle Universitätsmitglieder gleichermaßen und vorab gültig sind. Karl Jaspers behauptete, dass die Normen der ‚Institution’ Universität zu einem Geist gebündelt würden, der die Entscheidungen über richtiges wissenschaftliches Handeln vorwegnehme. In einer solchen normorientierten Organisation werden Entscheidungen entweder ausgelagert oder durch Rekurs auf Normen ganz unnötig.
Als 1976 diese universitäre Institution – mit der Einführung der Gruppenuniversität – erste demokratische Gehversuche unternimmt, verkommt die Mitbestimmung schnell zu einer Karikatur. Da universitätsrelevante Entscheidungen anderswo (oder gar nicht) getroffen werden, beschäftigen sich die Universitätsgremien mit Intrigen, ‚scharfen Praktiken’ (Luhmann 1992) oder mit Weltpolitik, nicht mit universitären Belangen. Reflektiert wird dieses Versagen unterschiedlich. Niklas Luhmann verbindet damit schmerzhafte Erinnerungen, Dietrich Schwanitz (1995) verspottet die Universität für die daraus entstehenden Entscheidungsblockaden.
Seit Mitte der 1990er Jahre wird dieses Versagen als tragender Teil einer umfassenden Universitätskrise beschrieben, die durch das New Public Management behoben werden soll. Mit dieser Reform geht aber nicht nur eine Neuorientierung an Effizienz, Transparenz und Rechenschaftspflicht einher, sondern auch die Organisationswerdung der Universität. Niels Brunsson & Kerstin Sahlin-Andersson (2000) verbinden mit der Organisationswerdung die Entwicklung hin zu einer vollwertigen Universität, die sich nicht mehr auf geteilte Werte und externe Entscheidungsübernahme verlassen muss, sondern autonom und kompetent über ihre Belange entscheiden kann. Die Organisationswerdung richtet, gemeinsam mit den Sparzielen der aktuellen Reform, die Universität statt an Werten, an Knappheit aus.
Unter Knappheit will ich den asymmetrischen Zugriff auf Güter verstehen, bei dem der Konsum eines Akteurs den Konsum durch andere Akteure ausschließt. Reformstrategien orientieren sich dann an Allokationsstrategien, nicht an Werten. Das wirft neue Probleme für die Universität auf. Einige Akteure werden versuchen, Knappheit dauerhaft zu überwinden, denn es „mag erträglich sein, wenn morgen ein neuer Tag beginnt und damit ein anderer zum Zug kommt. Je mehr aber jeder versucht, sich auf lange Zeit von Knappheit zu befreien, umso größer wird bei gegebener Mengenkonstanz die Knappheit für andere“ (Luhmann 1991, 70). Andere Akteure wiederum werden versuchen, die Ungleichheiten aufrechtzuerhalten, weil sie damit Vorteile verbinden. Das Universitätsmanagement hat sich dann schwerpunktmäßig mit den unintendierten Folgen dieser Strategien auseinanderzusetzen.
Hierarchiesierung und weniger exzellente Ausbildung
Welche Konflikte werden mit Knappheit verbunden? Eine erste Konfliktlinie entfaltet sich entlang der unterschiedlichen Managementstrategien, wie mit Knappheit umzugehen sei. Einige Strategien zielen auf die Binnendifferenzierung des Hochschulsystems und konzentrieren sich besonders auf die Ausbildung einiger weniger, exzellenter oder gar elitärer Forschungsuniversitäten. Universitäten müssen sich in der Folge dieser Entwicklung mit der faktischen Umverteilung, mit den Grenzen der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Organisation ebenso auseinandersetzen, wie mit den nicht intendierten, langfristigen Strukturentwicklungen für das gesamte Hochschulsystem.
Die zweite Konfliktlinie gründet ebenso auf dem Forschungsprimat der aktuellen Hochschulpolitik, entfaltet sich aber entlang der, beim konsekutiven Studienmodell aufeinander aufbauenden, Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge. Der Forschungsprimat an den Universitäten verdrängt die Professoren aus der Lehre. Heinz Steinert (2008) hat diese Entwicklung als Hierarchisierung des Lehrkörpers beschrieben: Die niedrige Lehre für die einführenden BA Studiengänge wird mit ‚Lehrprofessuren’ besetzt, die in der Forschung keine Rolle spielen. Die ‚Normallehrenden’ sind an den MA Bereich gebunden, ihre Forschung wird weiterhin nebenbei ausgeführt, während die besonders erfolgreichen, exzellenten Forscher weitgehend aus der Lehre herausgezogen werden bzw. sich auf die Doktorandenausbildung beschränken.
Diese, an der Drittmittelakquise orientierte, Hierarchisierung bedeutet für die Studierenden, dass sie gerade an forschungsmäßig exzellenten Einheiten eine weniger exzellente Ausbildung erhalten. Zwar wird die Lehr- und Forschungsreputation in Rankings als additive Größe behandelt, allerdings muss die Zunahme von Forschungsqualität strukturell mit abnehmender, weil nicht forschungsorientierter Lehrqualität bezahlt werden. Dazu werden die Studiengebühren von den BA Studiengängen zur MA- und insbesondere zur PhD-Ausbildung umverteilt.
Hierdurch sind die neuen Herausforderungen an das Universitätsmanagement bezeichnet: Wie soll die Organisation Ungleichverteilungen bei Studierenden, Forschungsgeldern und Belastungen intern ausgleichen? Wie kann gesichert werden, dass Studierende nicht nur an allen Universitäten den gleichen Studienbeitrag bezahlen müssen, sondern auch überall eine vergleichbar gute Ausbildung erhalten? Wie kann deutschlandweit gesichert werden, dass es nicht Studierende erster und zweiter Klasse gibt?
Entdemokratisierung als Problemlösungsmechanismus
Überraschend wird die demokratische Teilnahme an diesen Entscheidungen, die als integrative Problemlösungsstrategie sonst breite Anwendung findet, abgeblockt. Die Politik nimmt, meist mit Verweis auf die Fehlentwicklungen der Gruppenuniversität, Mitbestimmung in den neuen ‚Hochschulfreiheitsgesetzen’ zurück. Die Entscheidungslast wird den Rektoren und Dekanen überschrieben, während die normalen Organisationsmitglieder, welche mit den Folgen in Lehre und Forschung leben müssen, entweder nur noch eine beratende oder gar keine Stimme bezüglich ihrer Belange haben.
Jetzt, wo es im Zuge der Organisationswerdung etwas zu bestimmen gibt, wird Demokratie an der Universität abgebaut und Ungleichheit wird zum Programm erhoben. Mit der Begeisterung für die Elite wird die Umverteilung von unten nach oben mit unmittelbarem Erfolg gleichgesetzt. So wie die Universität der letzte Gesellschaftsbereich ist, in dem der Neoliberalismus in reiner Form vertreten wird, setzt die Politik trotz (oder vielleicht: wegen) besseren Wissens und eines wachsenden Problemdrucks auf Entdemokratisierung als Problemlösungsmechanismus. Wäre es nicht an der Zeit, mehr Demokratie zu wagen?
Literatur
Brunsson, N. und K. Sahlin-Andersen (2000): ‘Constructing Organizations: The Example of Public Sector Reform’, in: Organization Studies, 21(4), pp. 721-746.
Luhmann, N. (1991): Soziologie des Risikos. Berlin: De Gruyter.
Luhmann, N. (1992): „Wabuwabu in der Universität“, in: Kieserling, A. (Hrsg.): Universität als Milieu, Bielefeld: Haux, S. 74-79.
Steinert, H. (2008): „Die nächste Universitätsreform kommt bestimmt“, in: Soziologie, 38(2), S. 155-168.
Schwanitz, D. (1995): „Sieg der Topfpflanzen“, in: Der Spiegel, 45 /1995.
Eine schöne kritische Analyse der aktuellen Hochschulpolitik und ihrer problematischen Folgen.
Einen Aspekt könnte man noch ergänzen: den der destruktiven psychologischen Wirkung auf die Betroffenen. Intrinsisch motivierte Hochqualifizierte mit kreativen Fähigkeiten fühlen sich von ehemals quasi Selbständigen zu weisungsgebundenen Sachbearbeitern degradiert, die von Management-Dilettanten mit überholten Methoden aus der Industrieproduktion geführt werden. Sie verlieren ihre Leistungsfähigkeit in dem Maße, in dem man versucht, ihnen die Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit ihrer Arbeit zu nehmen. Im kommerziellen Bereich wird deshalb bereits seit langen Jahren in die umgekehrte Richtung gearbeitet (siehe z.B. Scrum als moderne Managementmethode in der IT-Entwicklung anstelle von konventionellem Projektmanagement).