Peter Zervakis: Lust auf studentisches Engagement im „Bologna-Prozess“ wecken

Vor zehn Jahren, am 18. Juni 1999, wurde mit der Unterzeichnung der „Bologna-Erklärung“ durch die europäischen Bildungsminister ein bisher beispielloser Reformprozess in Gang gesetzt. Darin hat sich Deutschland als einer von 29 Signatarstaaten freiwillig zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraums verpflichtet, um die Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse und die Mobilität der Studierenden zu fördern. Der Bologna-Prozess unterstützt diesen strukturellen Konvergenzprozess zu einem gemeinsamen Bildungsraum. Er hat von Anfang an die Studierenden in den Mit-telpunkt gestellt. In der Erklärung von 1999 werden die Transparenz-Instrumente ECTS und Diploma Supplement eingeführt, die die Bedingungen für eine kompetenz- und studierendenzentrierte Studienstruktur zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Hochschulabsolventen („employability“) sind. Das Kommunique von Prag (2001) fordert die Einbeziehung der Studierenden als kompetente, aktive und konstruktive Partner bei der Errichtung und Ausgestaltung des europäischen Hochschulraums. Die Hochschulabsolventen sollen zu einer Teilnahme an der Arbeits- und Wissensgesellschaft befähigt werden, die sie ihr ganzes Leben lang zur flexiblen Wahrnehmung von Bildungsoptionen motiviert. Die Erklärung von Leuven (2009) will eine Beteiligung der Studierenden an der Zivilgesellschaft („citizenship“) sicherstellen. Die Europäische Studierendenvereinigung (ESU) hat in der Bologna Follow-Up Group einen Beobachterstatus. In Deutschland ist der „freie Zusammenschluss der StudentInnenschaften“ gleichberechtigtes Mitglied in der Nationalen Bologna Arbeitsgruppe. Im Akkreditierungsrat sitzen Studierende, die das System der Qualitätssicherung in Studium und Lehre mitverantworten. Zur Akkreditierung tragen auch die externen Begut-achtungen der Studiengänge bei, in denen der Akkreditierungspool Studierende als Gutachter ausbildet und einsetzt.

Da die Bologna-Mitgliedstaaten für die konkrete Umsetzung des Reformprogramms verantwortlich sind, entwickelten Bund und Länder in Zusammenarbeit mit den Hochschulen, Studierenden und Sozialpartnern eine Studienreform, die eine Modernisierung aller Studienangebote und international verständliche Studienabschlüsse zum Ziel hat. Bei der deutschen Lesart von „Bologna“ geht es neben einer erleichterten Anerkennung von Studienleistungen und der Senkung der Abbrecherquoten um einen echten Perspektivwechsel hin zum Lernenden. Die Studierenden sollen im Studium ihre individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln, um sich in einem wandelnden Arbeitsmarkt auf Grundlage von wissenschaftlicher Fach- und Persönlichkeitsbildung integrieren zu können. Die Hochschulen haben die Studienreform als strategische Leitlinie ihrer Neuausrichtung angenommen. Sie haben sich die Ziele des Prozesses zu eigen gemacht und begreifen sie als Chance zur Internationalisierung des Studiums und zur Umsetzung von notwendigen Reformzielen, die schon lange diskutiert wurden. Aus einer ursprünglichen europäischen Initiative zur Erhöhung der internationalen Mobilität der Studierenden hat sich die Einsicht in eine umfassende Reform von Studium und Lehre durchgesetzt, die die Qualität der Studienangebote tief grei-fend verbessert. Die Hochschulen haben eine große Verantwortung übernommen und leisten im inzwischen weit fortgeschrittenen Umstellungsprozess Enormes – und das im laufenden, strukturell völlig unterfinanzierten Lehrbetrieb und ohne zusätzliche Finanzmittel. Die inhaltliche Studienreform stellt vielfältige Anforderungen an die Lehre, die in neuen Strukturen verankert werden müssen. Hierbei ist es in der Übergangszeit zu einem Wildwuchs standortspezifischer Regulierungen und zu inhalt-licher Überfrachtung in Bachelor-Studiengängen gekommen. Die reformierten Studiengänge richten sich zunehmend nach den Lernergebnissen der Studierenden aus, die zur Gesamtqualifikation der Absolventen – ausgedrückt in anwendbaren Kompetenzen, Fähigkeiten und Kenntnissen – beitragen.

Trotz besserer Strukturierung des Studiums brauchen außeruniversitäre Aktivitäten, wie zum Beispiel Nebenerwerbstätigkeiten oder gesellschaftliches und soziales Engagement der Studierenden, nicht zu kurz kom-men. Denn diese erlauben Einblicke in gesellschaftliche Bereiche jenseits des Studiums und runden erst die persönliche Entwicklung im Studium ab. Befragungen zeigen, dass in der Tendenz die neuen Studiengänge ziemlich gut auf den Berufseinstieg vorbereiten und grundsätzlich keine wesentliche zeitliche Überforderung der Studierenden festzustellen ist. Jedoch geben nicht wenige Studierende an, zu wenig Zeit für außercurriculares Engagement und Persönlichkeitsbildung zu haben und machen dafür die Studienbedingungen verantwortlich.

Tatsächlich stellt der Konstanzer Studierendensurvey einen Wandel in den politischen Orientierungen und gesellschaft-lichen Werten der Studierenden fest. Das Interesse an der Hochschulpolitik liegt seit 1983 auf einem gleich bleibend niedrigen Niveau. Auch bei den extracurricularen sozialen und kulturellen Angeboten ist – mit Ausnahme des Breitensports – ein Rückgang der studentischen Teilnahme festzustellen. Die Studierenden reagieren auf den Wandel im Arbeitsleben verunsichert. Sie neigen dazu, sich mehr um die eigene berufliche Karriere zu kümmern. Dieses Ergebnis wird auch im CampusBarometer 2009 der Deutschen Bildung bestätigt. Die befragten Studierenden meinten zu wissen, was zukünftige Arbeitgeber von ihnen erwarten: Sie absolvieren berufliche Praktika und schätzen internationale Erfahrungen hoch ein. Die außeruniversitär engagierten Studierenden setzen sich mehrheitlich in Studenteninitiativen ein. Hochschulpolitisches Engagement sowie die Mitwirkung in Fachschaften und studentischen Vertretungen sind dagegen weit abgeschlagen. Vielen Studierenden sind offenbar planbare Studienzeiten und akzeptierte Abschlüsse, die Ihnen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt versprechen, wichtiger.

Die Absolventen sollten sich bewusst sein, dass von ihnen nicht nur Fachkompetenzen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung erwartet werden. In einigen Studiengängen mögen die Planer bei der Umstel-lung auf das neue Studiensystem Modularisierung und Kompetenzorientierung lediglich „aufgesetzt“ haben, mit der Folge einer zu hohen zeitlichen Einbindung Studierender und der Überforderung durch eine Vielzahl von Prüfungen. Gerade die neuen Studiengänge vermitteln durch Schlüsselkompetenzen und Praxisbezug Fähigkeiten wie gemeinsame Projektarbeit und ethische Reflektion des gelernten Fachwissens. Sie können bei Studierenden gesellschaftliches Interesse und Engagement weit über das Studium hinaus wecken. Beson-ders gelungene Projekte aus Studierendensicht bietet z. B. das „Service Learning“ an. Das Hochschulnetzwerk „Bildung durch Ver-antwortung” will das „Lernen durch Engagement“ an Hochschulen etablieren. In der Gründungsurkunde bekunden die sechs beteiligten Hochschulen ihren Willen, „persönliche und gesellschaftliche Verantwortung als wesentliche Erziehungsaufgabe“ an ihren jeweiligen Standorten zu entwickeln. Vom „Service Learning“ profitieren alle beteiligten Studierenden, denn es verbindet kognitives Lernen mit dem Aspekt der Persönlichkeitsbildung. Den Studierenden werden methodische und soziale Kompetenzen vermittelt und sie sind angehalten, „Verant-wortung zu übernehmen und sich als sozial engagierte, verantwortungsbewusste Menschen zu erweisen.” Immer mehr Hochschu-len haben ähnliche Angebote in ihre Vorle-sungskatalogen aufgenommen. Teilweise haben sie diese sogar als kreditierbares Pflicht-modul in ihren Bachelor- und Masterstudiengängen integriert. Eine Reihe anderer Hochschulen unterstützt den ehrenamt-lichen Einsatz in studentischen Initiativen, wie den in der „Kölner Runde“ zusammengeschlossenen sechs Verbänden als Ergänzung der Hochschulausbildung mit z. T. weit reichenden Anrechnungs- und Anerkennungsmodalitäten. Studentisches Engagement, ob curricular oder extracurricular, hat in Zeiten von Bologna zwar einen neuen Rahmen erhalten, aber aus Sicht der Hoch-schulen eher an Bedeutung weiter zugenommen.

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