Zum Profil einer unpolitischen Studentengeneration
Befunde und Interpretationen
Die Zeitreihe des Studierendensurveys mit zehn Erhebungen von 1983 bis 2007, bei der bundesweit bislang insgesamt 88.000 Stu-dierende an Universitäten und Fachhoch-schulen befragt wurden, belegt einen nach-haltigen Wandel der politischen Orientie-rungen und gesellschaftlichen Werte der Studierenden. Nachfolgend werden zuerst empirische Befunde vorgelegt und danach einige Interpretationsversuche zur Diskus-sion gestellt.
1 Wandel der politischen Orientierungen und Haltungen
Die Befunde über die politischen Orien-tierungen der Studierenden zeigen einen grundlegenden Wandel auf, dessen Muster sich im neuen Jahrtausend stabilisiert hat. Dazu seien zentrale Aspekte festgehalten, die für die Veränderungen kennzeichnend sind.
1.1 Weniger politisches Interesse und geringere Beteiligung
Das Interesse der Studierenden am poli-tischen Geschehen ist im langfristigen Trend stark zurückgegangen: von 54% mit star-kem Interesse (1983) über 46% (1993) auf nunmehr nur noch 37% (2007). Der Lebens-bereich von “Politik und öffentlichem Leben” hat deutlich an Stellenwert verloren; dafür sind “Familie und Geschwister” als privater Bereich sehr viel wichtiger geworden.
Die Studierenden beteiligen sich seltener in Parteien und an Bürgerinitiativen; vor allem das Desinteresse an Bürgerinitiativen ist stärker angestiegen: von 60% (1995) auf 72% (zuletzt 2004). Auch die Beteiligung in an-deren politischen Gruppierungen hat weiter nachgelassen (etwa bei Umweltschutzgrup-pen, Menschenrechtsgruppen, Frauengrup-pen).
Studierende zeigen, fast traditionell, nur ein geringes Interesse an Hochschulpolitik. Einen bemerkenswerten Rückgang verzeich-net die Beteiligung an den Fachschaften. Sie sind offenbar für nur noch wenige Studie-rende ein sozialer Kristallisationspunkt an der Hochschule. Weitaus stärker ist der Rückzug der Studierenden aus der studen-tischen Selbstverwaltung und den offiziel-len Hochschulgremien.
1.2 Politische Positionen und Zielpräferenzen: weitreichende Änderungen
Die Selbsteinstufung der Studierenden im Links-Rechts-Spektrum bringt im langfristi-gen Trend eine leichte Stärkung der “Mitte” (von 19% auf 23%), bei einem Rückgang der Position “klar links”. In auffälliger Weise ist im neuen Jahrtausend der Anteil Studie-render gestiegen, die keine Einstufung ihrer politischen Richtung vornehmen wollen oder können.
Bei der Zustimmung oder Ablehnung politischer Ziele sind gravierende Ände-rungen eingetreten. Zum einen hat sich ein allgemeiner Wandel von sozial-ökologischen zu konservativ-liberalen Zielen vollzogen, wobei die Präferenz konservativer Ziele (eher angst- und abwehrbesetzt) stärker ge-worden ist als die liberaler Ziele (eher fortschritts- und erfolgsbesetzt). Zum an-deren ist eine Zunahme extremer Ziele fest-zustellen, sei es der Abwehr kultureller Überfremdung oder die Abschaffung des Privateigentums an Industrie und Banken (jeweils geringere Ablehnung).
1.3 Labilität der demokratischen Einstellungen
Die demokratischen Haltungen der Studierenden waren Ende der 90er Jahre noch weit gefestigter als sie sich im neuen Jahrtausend entwickelt haben: mit mehr Uneindeutigkeiten und Distanz gegenüber einigen demokratischen Prinzipien. Insge-samt müssen die Studierenden häufiger als “labile Demokraten” bezeichnet werden und weniger als “sattelfeste Demokraten” wie noch gegen Ende der 90er Jahre. Die gefes-tigten Demokraten (vehement oder eindeu-tig) bilden in der Studentenschaft nicht mehr die Mehrheit: Rückgang von 71% auf 48%.
Zwei Kernstücke demokratischer Prinzi-pien werden aber von den Studierenden weiterhin überwiegend vertreten: die Mein-ungs- und Demonstrationsfreiheit und der Verzicht auf Gewalt bei politischen Kon-flikten. Aber das Votum für Interessen-gruppen oder die kritische Oppositions-funktion ist stark zurückgegangen; die Elemente einer pluralistischen und kontro-versen Demokratie werden viel seltener befürwortet.
1.4 Gesellschaftsbild und gesellschaftliche Werte
Die Überzeugung, jeder habe eine faire Auf-stiegschance, hat ebenso nachgelassen wie der Glaube an die Geltung des Leistungs-prinzips. Damit wird die Legitimität des sozialen Aufstiegs immer mehr in Frage gestellt und die soziale Integration erscheint gefährdet. Es entsteht ein problematisches Gesellschaftsbild: Schließung statt Offenheit und Ungerechtigkeit statt Fairness.
Die Urteile der Studierenden zur Anti-nomie zwischen Wettbewerb und Solida-rität, als grundlegende gesellschaftliche Mechanismen, zeigen eine gewichtige Än-derung: die kritische Sicht des Wettbewerbs hat deutlich nachgelassen. Die positive Funktion (mehr Anstrengung) wird stärker hervorgehoben, die negative Funktion (ge-fährdete Solidarität) wird abgeschwächt. Noch stärker ist der Wandel bei der möglichen Gegensätzlichkeit zwischen Na-tur und Umwelt versus Technik und Tech-nologie: Die Priorität des Umweltschutzes erfährt einen drastischen Einbruch von 76% auf 51% Unterstützung, die Förderung der technologischen Entwicklung einen großen Gewinn an Zustimmung bei den Studie-renden von 31% auf 52%.
2 Zur Interpretation über die gegenwärtige Studentengeneration
Die Befunde über den Wandel der poli-tischen Orientierungen der Studierenden verlangen eine Auseinandersetzung mit ihnen. Wie sind sie einzuordnen und zu begründen? Solche Diskussionen anzuregen, ist mit den weiteren Überlegungen beab-sichtigt.
2.1 Neue Züge: gleichgültig, ratlos und ängstlich
Es zeichnet sich ab, dass es sich seit der Jahrtausendwende verstärkt und verfestigt um eine Generation der Teilnahmslosigkeit und Uneindeutigkeit, der Konventionalität und der labilen Demokraten handelt; sie äußert wenig Ansprüche an sich und die Welt – außer durchzukommen und sich zu behaupten, freilich mit mehr Ängstlichkeit als Zuversicht.
Untergründig haben sich einige bezeich-nende Bewegungen vollzogen. Sie sind nicht unmittelbar ersichtlich, sondern liegen den einzelnen studentischen Einstellungen und Stellungnahmen zu Grunde:
- von der aktiven Beteiligung zur pas-siven Kundschaft,
- von Stellungnahmen zu Beliebigkei-ten oder Gleichgültigkeiten,
- von dem Bemühen um Konzepte zur Entscheidungslosigkeit,
- von der autonomen Selbstverwirk-lichung zum egoistischen Konsu-mieren,
- von der Suche nach Alternativen zu mehr Konventionalität,
- vom starken Selbstbewusstsein zu Unsicherheiten,
- vom Mut zu Erprobungen zur Hin-nahme der Gegebenheiten,
- von der Hoffnung auf Erfolg hin zur Angst vor Misserfolg,
- von idealistischen Grundhaltungen zu utilitaristischen Strategien.
In weiten Teilen sind durch solche Trends in den politischen Haltungen und gesel-lschaftlichen Vorstellungen nicht nur die Studierenden zu charakterisieren, sie sind zugleich kennzeichnend für allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen. Es er-weist sich erneut, wie sehr Studierende Teil der Gesellschaft sind und von diesem Kon-text bestimmt werden.
2.2 Neue Haltungen: Rückzug, Labilität, Konventionalität
In vielen Bereichen der politischen Haltungen haben sich die Mehrheiten unter den Studierenden verändert und schaffen damit neue Verhältnisse der Dominanz oder Geltung:
- vom Engagement am öffentlichen Leben zum privaten Rückzug in die Familie,
- der Wechsel bei den gefestigten (sattelfesten) zu den labilen und distanzierten Demokaten,
- die veränderte Einschätzung von Wettbewerb und Solidarität als gesellschaftliche Werte,
- die geringere Priorität von Umweltschutz und die stärkere Förderung der Technologie.
Entscheidende Entwicklungen beziehen sich auf die Zunahme konservativer und konventioneller Haltungen unter den Studie-renden, mit der stärkeren Vertretung und Hinnahme entsprechender Ziele (auch ver-stärkt national-konservativer Art). Dagegen haben die linken Studierenden einen “Rechtsruck” vollzogen, zur Mitte hin: Ein-stige wichtige Ziele sozialer oder sozia-listischer Art werden längst nicht mehr so vehement vertreten.
Solche Entwicklungen können den Ein-druck eines stärkeren Pragmatismus er-wecken, der allerdings nicht eine Über-zeugung darstellt, sondern letztlich eher Punktualität und Beliebigkeiten beschreibt. Insofern ist die Kennzeichnung eines ver-mehrten Konservatismus und eines stär-keren Pragmatismus zwar zutreffend, trifft aber nicht den problematischen Kern der Entwicklungen: Sie sind in dem Schwund an demokratischen Überzeugungen, an der Verbreitung von Teilnahmslosigkeit, und da-mit Verantwortungslosigkeit, sowie in der breiten Labilität zu sehen – auch in der Hin-nahme und Anpassung an äußere Setzungen.
2.3 Anomische Verhältnisse in Politik und Leben
Die politischen und gesellschaftlichen Orientierungen der gegenwärtigen Studen-tengeneration sind durch ein Mehr an Anomie gekennzeichnet: eine Lähmung bei Entscheidungen und Konzepten, die Zu-nahme an Beliebig- und Gleichgültigkeiten, die Vermeidung von Verantwortlichkeiten. Anomie ist ein Kennzeichen für gesell-schaftliche Verhältnisse, in denen die Werte und Ziele mit den vorhandenen Mitteln und Ressourcen immer weniger erreicht oder erfüllt werden können. Diese Erfahrung, für Jugendliche ohne berufliche Qualifikation als “Prekariat” schon öfters diagnostiziert, trifft nun für mehr und mehr Studierende ebenfalls zu – nicht nur für ihre beruflich-materielle Situation, sondern auch für ihre ideell-politische Orientierung.
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