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Georg Vobruba: Autonomieverluste?

Autonomieverluste?

Georg Vobruba

Geht arbeiten!“

Autonomie, Selbstgestaltung – das bedeutet: tun, was man will; und wissen, was man tun will. Zwei elementare Voraussetzungen dafür sind soziale Sicherheit und Bildung. Im Zuge der Entwicklung der Moderne sind aus dem Zusammenwirken von materiell abgesicherten Lebenslagen und Bildungsüberschüssen immer wieder Intellektuellenbewegungen entstanden. Dabei handelt es sich um Leute, die Kritik an den gegebenen Verhältnissen üben, die ihre relativ privilegierten Positionen nicht einfach verteidigen, sondern zu verallgemeinern trachten und die mit dem Anspruch auf Gesellschaftsgestaltung auftreten.

Soziale Sicherheit und Bildung für alle (oder doch: für viele) hatten darum immer schon den Verdacht gegen sich, zu Unruhe, Aufmüpfigkeit, Widerstand zu führen. Das ist der systematische Grund, warum die Vorwürfe gegen Sozialleistungsempfänger, Studierende und Intellektuelle so merkwürdig ähnlich klingen. „Geht arbeiten!” – das bedeutet: Ihr habt zu viel frei verfügbare Zeit und potentiell zu viel Zeit zum Nachdenken. Wenn man in Studierenden transitorische Intellektuelle sieht, kann man die spezifische Umsetzung des Bologna-Prozesses als Versuch begreifen, mit den Studierenden in miniaturisiert Lenin’scher Manier umzugehen: sie mit „eiserner Faust” anzupacken, sie also zu mehr Disziplin anzuhalten und auf fremdgesetzte Ziele einzustellen. Ob das tatsächlich gelingt, ist allerdings sehr fraglich.

Unsicherheit und Dummheit machen Menschen steuerbar nach Maßgabe von Zielen, die nicht die ihren sind. Das traditionelle Ordnungsmittel gegen Aufmüpfigkeit war deshalb stets die Leute in Unsicherheit und Dummheit zu halten. Daraus folgt generell, dass politische Veränderungen nicht aus existentiellen Zwangslagen und dumpf empfundenem Unglück entstehen, sondern aus real nutzbaren Handlungsspielräumen und Aufklärung. Zumindest für die demokratische Linke war es immer schon fatal, politisch auf Verelendung zu setzen. Wer in Not und ohne Orientierung ist, klammert sich an den Status Quo.

Sicherheit und Wissen als ambivalente Produktionsfaktoren

Aber die traditionellen Mittel zur Herstellung von politischer Steuerbarkeit, Unsicherheit und Unwissen lassen sich nicht mehr so einsetzen wie früher. Im Kern liegt das an den radikal veränderten Anforderungen an die Arbeitskraft. In der modernen Gesellschaft hat man es mit einer komplexen Ökonomie zu tun. Diese moderne, kapitalistische Ökonomie ist in vielfältiger Weise voraussetzungs- und anspruchsvoll. Insbesondere bedarf sie kreativer, selbstverantwortlich handlungsfähiger, fachlich kompetenter Arbeitskräfte in relativ großer Zahl. Die Voraussetzung dafür ist Existenzsicherheit und Bildung. Denn Existenzangst und Unwissen vertragen sich nicht mit selbstverantwortlichem, innovativem Arbeiten. Dass dies tatsächlich zu einem Dauerproblem geworden ist, bestätigen die breiten und intensiven wissenschaftlichen und politischen Diskurse: Über den ökonomischen Nutzen sozialer Sicherheit und Flexicurity einerseits, über die Wissensgesellschaft und die Bedeutung von Kreativität andererseits. Die neuen Anforderungen an die Arbeitskraft haben aber Folgen, die über die Ökonomie hinaus reichen. Indem Sicherheit und Wissen zu Produktionsfaktoren werden, entsteht eine nicht aufhebbare Ambivalenz. Sicherheit und Wissen werden einerseits ökonomisch erforderlich, bergen aber andererseits Risiken, da sie individuellem Handeln immer auch nicht kontrollierbare Spielräume eröffnen – kurz: Autonomiegewinne abwerfen.

Die sozial- und hochschulpolitischen Reformen der letzten Jahre kann man als eine Vielzahl von Versuchen begreifen, diese Ambivalenz zu überwinden: individuelle Freiräume unter verstärkte Kontrolle zu bringen, sie nicht zu zerstören, aber zu funktionalisieren. Man kann auch sagen: Es geht darum, Autonomieverluste für die Leute ohne Funktionsprobleme, für die Ökonomie zu organisieren. In diesem Sinn wird in der Sozialpolitik versucht, die Lebensführung Arbeitsloser durch die enge Anbindung von Sozialleistungen an Arbeit und Disziplin („fördern und fordern”) zu kontrollieren oder eine gesunde Lebensführung zur Bürgerpflicht zu machen. Und in ähnlicher Absicht wird für die Studierenden Dauerprüfungsdruck und für die Lehrenden Dauerrechtfertigungsdruck an den Universitäten installiert. Ebenso wird versucht, akademische Bildung auf Ausbildung zu reduzieren, also auf das, wovon man meint, dass es auf dem Arbeitsmarkt verwertbar ist. Insgesamt führen die Reformen der sozialen Sicherungssysteme ebenso wie der Bildungssysteme aktuell zu Autonomieverlusten: Sie führen zu rigideren Regulierungen, zu verringerten individuellen Handlungsspielräumen und zu erhöhter Unsicherheit.


Strukturelle Sperrigkeit akademischer Wissensproduktion und -vermittlung

Es wäre naiv, hinter solchen Entwicklungen keine einschlägigen Interessen zu sehen. Es wäre aber noch naiver, dahinter einen Masterplan zu vermuten, der auf Autonomieverluste angelegt ist. Und erst recht ist es Unsinn anzunehmen, dass sich das Projekt Autonomieverluste ungebrochen realisieren lässt. Man muss genau hinsehen.

Zwar trifft zu, dass versucht wird, soziale Sicherheit und Bildung so zuzuschneiden, dass die durch sie eröffneten Handlungsmöglichkeiten im Sinne fremdgesetzter Ziele genützt werden. Sozialpolitik als Vorstufe zur Wiederbeschäftigung um jeden (niedrigen) Preis, Uni-Lehrpläne strikt auf Verwertbarkeit des Wissens getrimmt. Aber klappt das tatsächlich? Es ist keineswegs ausgemacht, dass es gelingt, soziale Sicherheit und Bildung so zu regulieren, dass sie einerseits präzise auf ökonomische Funktionserfordernisse eingestellt sind, dass andererseits aber ihre autonomieförderlichen Effekte nachhaltig unterdrückt bleiben. Gegen die dauerhafte Festschreibung von Autonomieverlusten spricht schon das permanente Lamento über zweckentfremdende Nutzungen von Sozialleistungen ebenso wie der aktuelle Vorwurf hochschulpolitischer Funktionäre an die Universitäten, es würden in die neuen Studiengänge die alten Inhalte gepackt. Letzteres bedeutet im Klartext: Die Universitäten lassen sich ökonomischen Funktionserfordernissen nicht so ohne weiteres anpassen. Und ebenso scheint zumindest eine relevante Minderheit der Studierenden die Reduktion von Bildung auf Ausbildung für den Arbeitsmarkt nicht hinzunehmen.

Aber es geht nicht um aktionistischen Widerstand gegen jede Art von Reformen, die auf mehr Arbeitsmarkttauglichkeit des Studiums angelegt sind. Darum ist der politische Vorwurf, die Universitäten würden sich Reformen widersetzen, ebenso unklug wie hilflos. Es ist vielmehr eine Art strukturelle Sperrigkeit akademischer Wissensproduktion und -vermittlung, welche die Universitäten daran hindert, in der gegenwärtigen arbeitsfixierten ökonomischen Modernisierung der Gesellschaft unterzugehen. Mit anderen Worten: Es gibt systematische Gründe für die Annahme, dass es nicht gelingen wird, die Autonomieverluste auf Dauer zu stellen. Warum?

Zwischen dem Dilemma von Regulierung und Innovation

Prinzipiell ergeben sich aus sozialer Sicherheit und Bildung Freiräume, in deren Rahmen individuelles Handeln schwer prognostizierbar ist. Aus theoretischer Perspektive wird dies als eine gesellschaftliche Unbestimmtheitslücke, aus einer auf Ordnung bedachten praktischen Sicht als politisches Risiko beobachtet. Gleichwohl muss dieses Risiko eingegangen werden. Denn gerade aus ökonomischen Gründen ist Bildung in einer Qualität erforderlich, die sich doch nie strikt auf ökonomische Verwertung festlegen lässt. Und je anspruchsvoller die Ökonomie, je komplexer ihre Aufgaben, umso mehr gilt dies. Das Dilemma zwischen Regulierung und Innovation ist unauflösbar. Gelingt die Regulierung, so geht dies auf Kosten der Innovationspotentiale der Bildung, derer eine moderne, wettbewerbsfähige Ökonomie bedarf. Will man aber diese Potentiale ausschöpfen, so müssen Regulierungen zurückgenommen und Freiräume eröffnet werden. Sicherheit und Bildung sind also ebenso unabdingbar wie riskant.

Ich konstruiere hier keinen Automatismus, der sozusagen hinter dem Rücken der Akteure deren Autonomie absichert. Man muss schon selbst etwas tun. Mein Argument lautet vielmehr: Die Verhältnisse sind so, dass man etwas tun kann. Die soziologische Analyse kann aus der Untrennbarkeit zwischen „technischen” und „emanzipatorischen” Aspekten von sozialer Sicherheit und Bildung auf strukturelle Bedingungen für selbstbestimmtes Handeln schließen. Die Realisierung von Autonomiegewinnen, diesseits und jenseits der Arbeit, ist eine Sache der Praxis.

Fußnoten:

Vgl. dazu ausführlich Georg Vobruba, Die Gesellschaft der Leute. Kritik und Gestaltung der sozialen Verhältnisse. Wiesbaden 2009: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Georg Vobruba, Studierende als transitorische Intellektuelle. In: Soziologie. Jg. 37, Nr. 1. S. 27-40.

Ebd.: S. 91ff.