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Klaus Boehnke und J. Christopher Cohrs: Psychologische Friedensforschung – Ein Appetithäppchen

Am 16. November 1945 erklärte die Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur der Vereinten Nationen (UNESCO) in der Präambel ihrer Charta:

„Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden. Im Lauf der Geschichte der Menschheit hat wechselseitige Unkenntnis immer wieder Argwohn und Misstrauen zwischen den Völkern der Welt hervorgerufen, so dass Meinungsverschiedenheiten nur allzu oft zum Krieg geführt haben. Der große furchtbare Krieg, der jetzt zu Ende ist, wurde nur möglich, weil die demokratischen Grundsätze der Würde, Gleichheit und gegenseitigen Achtung aller Menschen verleugnet wurden und an deren Stelle unter Ausnutzung von Unwissenheit und Vorurteilen die Lehre eines unterschiedlichen Wertes von Menschen und Rassen propagiert wurde. Die weite Verbreitung von Kultur und die Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sind für die Würde des Menschen unerlässlich und für alle Völker eine höchste Verpflichtung, die im Geiste gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Anteilnahme erfüllt werden muss. Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden. Friede muss – wenn er nicht scheitern soll – in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden…“

Der umfängliche Gebrauch einer psychologischen Begrifflichkeit in der UNESCO-Charta liest sich wie ein Aufruf zu psychologischer Forschung und Praxis im Dienste des Friedens. Ganz explizit wird zum Ausdruck gebracht, dass ein umfassender Frieden nicht von Politikern erreicht werden kann; implizit heißt dies auch, dass Forschung zu diesem Thema nicht (allein) der Politikwissenschaft überlassen bleiben sollte.

Auch wenn die Charta vor dem Hintergrund des gerade beendeten Zweiten Weltkriegs entstand, hat sie doch eine anscheinend zeitlose Aktualität. Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (2009) zeigt in einer Studie, dass die Anzahl gewalttätiger Konflikte seit 1945 weltweit beträchtlich zugenommen hat. “Frieden im Geiste der Menschen zu verankern” bleibt also eine aktuelle Aufgabe. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat dieser Aufgabe 1998 und 1999 durch die Etablierung eines Programms für eine Kultur des Friedens Rechnung getragen.

Die psychologische Forschung hat sich mit Fragen des Friedens in vielfältigster Weise beschäftigt. Meist geschah dies aus einer sozialpsychologischen Perspektive, aber auch persönlichkeits- und entwicklungspsychologische Arbeiten wurden vorgelegt. Arbeiten, die sich ausdrücklich als friedenspsychologisch definieren, sind eher selten. Ein Überblick findet sich bei Vollhardt und Bilali (2008). Im Bereich der psychologischen Friedensforschung engagierte WissenschaftlerInnen sind in Deutschland im Forum Friedenspsychologie e.V. organisiert. In den USA existiert die Society for the Study of Peace, Confict, and Violence, die sich als Division 48 der American Psychological Association konstituiert hat. Auf internationaler Ebene ist seit etwa 20 Jahren das Committee for the Psychological Study of Peace koordinierend tätig. Dieses organisiert alle zwei Jahre ein internationales Symposium. Vor kurzem wurde zudem von einer Reihe von psychologischen Vereinen und Verbänden das Internationale Netzwerk „Psychologie in sozialer Verantwortung“ gegründet. Alle diese Aktivitäten können allerdings kaum verdecken, dass die Friedenspsychologie bisher eine Nischendisziplin weit ab vom psychologischen Mainstream geblieben ist, der bei weitem nicht die gleiche Bedeutung zukommt wie der Friedens- und Konfliktforschung in der Politikwissenschaft.

Nicht zuletzt ist diese Rolle auch dem Fehlen einer schlüssigen Definition von Frieden und der daraus ableitbaren Rolle der Friedenspsychologie geschuldet. Uns erscheint es sinnvoll, mit Galtung (1969) negativen und positiven Frieden zu unterscheiden. Negativer Frieden steht für eine Situation der Abwesenheit von Krieg und offener Gewalt, positiver Frieden hingegen charakterisiert eine Situation, die in umfassender Weise auch frei von struktureller Gewalt ist, so dass Menschen in sozialer Gerechtigkeit ihre physischen und psychischen Potentiale voll entwickeln können.

Sowohl im Bereich des negativen als auch des positiven Friedens kann sich Forschung nun hinderlichen und förderlichen Bedingungen für die jeweilige Form des Friedens zuwenden. Wir geben nachfolgend einige Beispiele aus verschiedenen Feldern der Psychologie; Literaturhinweise zu diesem Überblick finden sich bei Cohrs und Boehnke (2008). Im Bereich der Hindernisse für einen negativen Frieden hat sich die Friedenspsychologie unter anderem Fragen bezüglich Rechtsextremismus und Ethnozentrismus, Feindbildern und militaristischen Einstellungen zugewandt. Im Kontext der Kriege in Afghanistan und im Irak wurde sehr intensiv die Frage erforscht, wie es in den USA und bei einigen Verbündeten zu der zunächst großen öffentlichen Unterstützung dieser Interventionen kam. Diese Unterstützung scheint vor allem durch eine Akzentuierung von Angriffen auf die eigene kollektive Identität erreicht worden zu sein.

Die Forschung zu förderlichen Bedingungen für einen negativen Frieden beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Wirksamkeit von Aggressionsreduktionsprogrammen und mit der Bedeutung des Interpersonalen und Intergruppenkontakts für die Verhinderung von gewalttätigen Konflikten. Ein weiteres Feld intensiver psychologischer Forschung lag im Bereich von Studien zur Motivation für Antikriegsaktivismus, in welchen herausgearbeitet werden konnte, dass der kognitiven und emotionalen Mobilisierung eine große Bedeutung zukommt.

Im Bereich der Forschung zu Hindernissen für einen positiven Frieden geht es unter anderem um die Rolle von Ideologien der Legitimation sozialer Hierarchien, Sexismus oder Antisemitismus als Hindernisse für eine gerechte Gesellschaftsordnung. Dominanzideologien wie die so genannte Social Dominance Orientation (SDO) und das Hierarchische Selbstinteresse (HSI) konnten als psychologische Quellen sozialer Ungleichheit herausgearbeitet werden.

Die Forschung zu förderlichen Bedingungen eines positiven Friedens beschäftigt sich unter anderem mit den mentalen Bedingungen von Gewaltlosigkeit und mit der psychologischen Bedeutung von Menschenrechten. Im Bereich der Menschenrechte unterscheiden Befragte zwischen bürgerlichen und politischen Rechten auf der einen und sozialen und ökonomischen Rechten auf der anderen Seite. Größeres Wissen über Menschenrechte führt regelhaft zu mehr Engagement für diese.

Dieser kurze Einblick in Felder der psychologischen Friedensforschung kann sicher nicht mehr leisten als Appetit auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Politikwissenschaft mit der Psychologie machen. Vielleicht ist aber wenigstens dies gelungen.

Literatur
Cohrs, J. C. & Boehnke, K. (2008), „Social psychology and peace: An introductory overview“, in Social Psychology, Vol. 39, pp. 4-11.
Galtung, J. (1969), „Violence, peace, and peace research“, in Journal of Peace Research, Vol. 3, pp. 176-191.
Heidelberger Institut für Internationale Konfiktforschung (2009), Confict barometer 2008, Heidelberg, [URL: http://hiik.de/de/konfliktbarometer/pdf/ConflictBarometer_2008.pdf, 30.12.09].
United Nations General Assembly (1998), Resolution adopted by the General Assembly: 52/13. Culture of peace, [URL: http://daccess-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N98/760/15/PDF/N9876015.pdf?OpenElement, 30.12.09].
United Nations General Assembly (1999), Resolution adopted by the General Assembly: 53/243. Declaration and program of action on a culture of peace, [URL: http://daccess-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N99/774/43/PDF/N9977443.pdf?OpenElement, 30. Dezember 2009].
Vollhardt, J.K. & Bilali, R. (2008), „Social psychology’s contribution to the psychological study of peace: A review“, in Social Psychology, Vol. 39, pp. 12-25.